24.11.08

wie Schnee

Ich stehe an der Tür in der S-Bahn und schaue aus dem Fenster in ihr. Der Herbst wird so langsam vom Winter abgelöst. Die kleinen Herbstlaubwirbel geraten in Vergessenheit, denn es fällt inzwischen Schnee. Sie ist nicht da, deshalb lohnt kein weiterer Blick in die Bahn.
Wie es so schneit, verliere ich mich in Gedanken:
"Du bist wie Schnee.
Sanft legst du dich über alle anderen Gedanken. Leise, still. Du überdeckst sie aber nicht, du gibst ihnen einen neuen Ton. Du verbindest dich mit den alten Konzepten und erschaffst daraus neue, reine.
Du tanzt elegant und zauberhaft. Dein Tanz lässt mich träumen. Ich vergesse die Welt, lass das Kind wieder aus meinem Herzen. Ich will mit dir spielen, du bist neu für mich. So anders als die Welt die ich kenne. Meine Augen glänzen und du faszinierst mich mehr und mehr.
Ich habe Angst dir zu nahe zu kommen, Angst dich zu verbrennen. Du bist so kalt und edel, ich könnte dich vernichten. Und das will ich nicht. Will dich nicht verwirbeln, sehe dir lieber zu wie du dich vom Wind tragen lässt. Meine Bewegung könnte dich verdrängen, meine Hand dich vergehen lassen.
So bleibe ich lieber auf meiner Seite der Scheibe. Beobachte dich, ganz heimlich. Ich bestaune dich und freue mich immer wieder auf dich. Ich bleibe hinter der Scheibe, du bist wie Schnee und ich weiß, so schade ich dir nicht."

An meinem Ohr geht ein ganz leises Husten vorbei. Ich komme wieder in der Realität an und merke, dass ich gar nicht gedacht, sondern gesprochen habe. Einen kurzen Moment ist es mir peinlich, dann drehe ich mich dem Husten zu.

"Du bist wie Schnee.", sagt mein Herz für mich, denn mein Kopf ist abgeschaltet, als ich in ihre Augen sehe.



21.11.08

Drachenbrüder

Ich hoffe, irgendwann wird irgendwer irgendeinen meiner Texte lesen und irgendwie verstehen, dass ich irgendwas ausdrücken wollte.

Und vielleicht wird er mein Nachfahre. Der nächste Schreiber. Der lebt um Schreiber zu werden.
Auch sein Herz wird ein Drache werden.
Ein Drache, der ihn aufzieht.
Ein Drache, der ihn am Leben hält.
Er wird hochfliegen und Feuer speien, fürchtend, er wäre der Letzte seiner Art.
Und wenn er lebt, um nur eine einzige Seele zu retten, dann sind wir Brüder.

Sucht eure Drachen und findet euch selbst.



Anmerkungen:
Der Text ist neun Jahre alt und wurde von mir deutlich überarbeitet. Einige Ideen von früher habe ich neu verbunden und meinen jetzigen Vorstellungen angepasst.

19.11.08

Chronograph

Ich, will alles sein.

Der Held, der die Menschen rettet
Der Casanova, der alle Frauen liebt
Der Dämon, der Tod und Feuer übers Land wirft
Der Schöpfer, der Schutz und Liebe gibt
Der Vater, der seine Kinder wachsen sieht
Der Staatsmann, der ganze Nationen bekehrt
Der Sänger, der schöne Leider singt
Der Narr, der allen lachen schenkt
Der Akrobat, der jede Bewegung beherrscht
Der Kaufmann, der mit List gute Geschäfte macht
Der Dieb, der geschickter als alle anderen ist

Doch ich, ich bin nur der Schreiber, der die Geschichten über die Taten von anderen erzählt



Anmerkung:
Als ich meine alten Texte durch gesehen habe, entdeckte ich welche die eine Überarbeitung und einen neuen Ton gebrauchen konnten. "Chronograph" gehört dazu. Bedenke bitte, er ist neun Jahre alt.

18.11.08

Ein Zauberer verrät nie seine Tricks

Schreiber, das sind Kartenspieler und Trickbetrüger. Ähnlich wie Zauberer, sind auch wir Illusionisten.
Wir schaffen falsche Welten, verdrehen die Realität und wir haben Tricks. Entgegen einem Illusionisten, werde ich aber andeuten wie sie funktionieren. Ich werde sie aufschlüsseln.

Warum sind wir Schreiber Kartenspieler?
Jeden Tag bekommt jeder von uns die Karten ausgelegt, in Form von Ideen. Die Ideen können ganz verschieden sein. Das "Bild" auf unserer "Karte" ganz besonders gestaltet und auch der Wert kann variieren.
Mal denken wir ein starkes Blatt zu haben, mit all den ausgeteilten Ideen, manchmal sind wir zögerlich mit unserer "Hand". Wir sind nicht sicher wie stark sie ist. Denn das "Spiel" hat keine festen Regeln. Die Gesellschaft bzw. unser Publikum beeinflusst sie und verändert sie. Mal findet die Gesellschaft ein "Paar Asse" ist das höchste Blatt, am nächsten Tag habe die selben Karten nur noch die Wertigkeit von "Zwei".
Wir entscheiden also welche Karten/Ideen wir mit unseren Texten ausspielen.

Warum sind wir Trickbetrüger?
Wir "bluffen". Oftmals verhalten wir uns, als wären unsere Ideen/Karten die stärksten in diesem Spiel, obwohl sie geringen Wert haben. Wir treten auf als hätten wir Asse, im Kopf sind aber wieder mal nur Damen.
Und wir täuschen ganze Blätter vor. Alliterationen und Reime tun so als wären sie "Pärchen"; Sonette sind ein "Full House" und Kausalketten und Metrik täuschen "kleine" und "große Straßen" vor, wo eigentlich nur willkürlich einzelne Ideen aneinander gereiht werden.
Wir spielen rhetorische Fragen wie einen Buben beim Maumau, denn wir wollen uns damit etwas "wünschen". Manchmal sind wir auch provokant, nutzen Tabuwörter, Zäsuren oder Hyperbeln, um, wie bei einer "Acht", aussetzen zu lassen; zum Pausieren zu zwingen.
Wir täuschen und stellen Fallen. Wir eröffnen mit "hohen Karten" um von den Schwachen auf der Hand abzulenken. Wir suchen die Gefühle und Gedanken die wir in Texten zeigen wollen aus, spielen aber nie unsere ganze "Hand", nie unser gesamtes Spektrum der Gedanken.
Wenn wir unser Spiel beherrschen, dann nutzen wir die "ausgespielten Karten" von Anderen, um uns zu stärken und "legen bei ihnen an": Wir schreiben Kommentare, Gegendarstellungen und zitieren.

Andere Menschen verleiten wir durch vorgetäuschtes schlechtes Spiel zu hohen (emotionalen) Einsätzen. Dann schlagen wir zu, knöpfen sie ihnen ab und freuen uns auch noch darüber ihre Schutzmechanismen gebrochen zu haben.
Aus ihren "Einsätzen" und Reaktionen machen wir dann neue Blätter und eröffnen neue Spielrunden; Wir treiben ein Spiel mit den Erlebnissen und Gefühlen die nicht uns gehören. Wir denken oftmals es ginge ums Siegen, wenn wir unsere Ideen ausspielen, ohne darüber nach zu denken ob wir anderen am "Tisch" schaden.

Alles nur für die kurzen Augenblicke Zauberei von einfachen Kartentricks.

12.11.08

Sturm im Herbstlaub

-Nasses Herbstlaub fliegt mir um den Kopf und spielt mit meinen Augen. Ich kann ihm nur schwer folgen und kaum ist es aus dem Blickfeld, bewegen sich meine Gedanken wieder wo anders. Das Waldstück ist freundlich und warm und das im tiefsten Herbst. Es will mich ablenken, aber ich will nicht.-
Sein Handy hatte er zu hause liegen lassen. Irgendwo auf einer Ablage vibrierte es jetzt vermutlich freudig rum. Entweder weil es endlich aus seiner Hosentasche durfte, oder einfach weil jemand anruft. Wie auch immer, er ist heute nicht zu erreichen. Für niemanden.
Sein Kalender schaute neidisch zum Handy. Ach, könnte er doch auch vibrieren. Dann würde jemand all diese wichtigen Termine wahrnehmen die jemand auf ihn gemalt hat. Jemand würde an die Geburtstage denken und zu seinem Zahnarzttermin gehen. Aber es würde auch jemand schon daran denken den Nachfolger des Kalenders zu kaufen. Er dachte schon das ganze Jahr nicht gerne an diesen neuen Kalender der da kommen würde.

-Alles unwichtig, denke ich mir. Alles wertlos. Alles irgendwie tot. Ist das dieses Gefühl in mir?-

Die Teetasse lachte still und heimlich. Sie roch nach Pfefferminze und tief in ihrem Bauch lag Zucker. Sie klebte zwar etwas an ihrer Untertasse fest, aber das störte sie nicht. Sie wartete mit einem Wohlgefühl auf den nächsten Beutel und das warme Wasser. Ganz selten schwappte sie vor Freude über, was ihr immer unheimlich peinlich war.
Die Tastatur nahm es ihr manchmal übel. Sie war ein Arbeitstier und in ihrem Bauch hatte Zucker schon gar nichts verloren. Sie war eh nicht besonders gut gelaunt. Verständlich, wenn ihre Bestimmung doch war, dass man auf ihr rumdrückte. Sie wusste, dass man ihr wenig Respekt entgegen brachte. Niemand hatte je danke gesagt.

-Ach, was denke ich denn da? Unwichtiges Zeug. Und wieder dieses Herbstlaub. "Tot" ist es nicht. Und es ist auch keine Leere in mir. Eher das Gefühl nach einem Wohlgefühl. Ein Fehlen. -

Die Hanteln liegen unter dem Bett und warteten auf ihren nächsten Einsatz. Sie waren begeistert, denn außer schwer sein brauchten sie wirklich nichts tun. Und das konnten sie wirklich gut. Sie hatten schonmal versucht leichter zu sein, aber es gefiel ihnen nicht.
Das DVD-Regal wäre gerne leichter gewesen. Denn es hatte das Gefühl, dass es sich wegen seines Gewichtes bald von der Wand trennen müsste. Es war zwar nicht besonders schön, aber es hatte Herz. Es war von Hand gebaut. Und so hielt es stolz all diese DVDs die er abends alleine gucken musste.

-Wie kann es auch nur sein, dass ich außer einem Lächeln vor ihr nichts zu bieten habe. Ein Lächeln. Wie bescheuert. Ich habe ihr bestimmt noch kein einziges mal "Hallo." gesagt.-

Die Stereoanlage war auch nicht besonders gut drauf. Die ganzen letzten Tage immer nur diese schnulzigen Pop-Songs. So schön, aber auch so traurig. Nie konnte sie zu ihm singen, ohne dass er an seine Einsamkeit erinnert wurde. Nie konnte sie diese romantische CD für zweisame Abende abspielen. Sehr undankbar.
Dem Sofa ging es ähnlich. Es hatte so viel Platz zu bieten und die besonders weiche Rückenlehne, aber für nur eine Person war es einfach zu groß. Es war zu mehr bestimmt. Es war unterfordert. Eine Person mehr. Eine nette Frau für ihn. Das wäre dochmal was.

-Wenn ich doch nur wüsste was sie denkt. Warum hat sie wohl noch nie "Hallo." gesagt? Ich bin wirklich bescheuert. Vermutlich mag sie mich gar nicht. Dabei hat sie diesen schönen Blick drauf wenn ich sie sehe. Hm, Sturm im Herbstlaub zieht auf. Vielleicht erwartet man mich ja zu hause.-


Anmerkungen:
Ich hatte wieder die Idee einer kleinen zusammenhängenden Geschichte. "Er und Sie" soll sie heißen und besteht aus verschiedenen Elementen und Perspektivenwechseln.

08.11.08

Die gute Vernichtung

Meine Worte waren eingerahmt
doch du hast sie zerschlagen
Mein Leben auf einer festen Bahn
ich wollt mich vorwärts tragen

Kein Gedanke war stark genug
bei dir hab ich kein Bestehen
Zerstörst mich einfach Zug um Zug
ich lass es über mich ergehen

Du wütest wie ein Feuersturm
brennst meine Stärken nieder
Vernichtest einen Gedankenturm
du tust es immer wieder

Du hast mich ganz kaputt geliebt
und willst mich neu aufbauen
Ich weiß nicht was es besseres gibt
als dir dabei zusehen und vertrauen

04.11.08

Heimkehr

Ich komme Heim, mein Körper tot
All meine Risse bluten rot
Meine Augen, Knöchel, Hände brennen
ich könnt noch tausend Wunden nennen

Engelslippen, sanft gebaut
sind meinen Wunden bald vertraut
Die Schnitte, sie verschließen
Warmes Wasser kann sich über mich ergießen

Ich liege schwer, hab kaum noch Kraft
Ich hab auf hartem Weg so viel geschafft
Im Kampf da hab ich laut gelacht
Was hab ich mir dabei gedacht?

Finger, Sonnenlicht fast gleich
machen meine harten Muskeln weich
Spannung, weich von ihnen gebrochen
Zu wenig Kraft, Dank unausgesprochen

Jede Bewegung brennt auf in Leid
Warum treibe ich mich nur so weit?
Ja, im Kampf da lebe ich wirklich
Meine Kraft: Für mich natürlich

Gepflegt, gestreichelt und geschützt
Wozu die kleine Zuneigung alles nützt
die du mir gibst um mich zu heilen
alleine dafür ewig bei dir weilen


Anmerkungen: Danke für eure Hilfe. Ich habe einen Titel gefunden.