Training für Schreiber - Teil 2

Jay Nightwind | 28.04.10 | / | 4 Kommentare
Nachdem ich letztes mal den Vokabelkasten vorgestellt habe, möchte ich jetzt eine darauf aufbauende Übung vorstellen, meine Wochenaufgabe. Ich nenne sie die

rhetorische Figur der Woche
Am Ende des Wochentests und nach dem Mischen, ziehe ich eine der Karten aus dem Tagessatz. Die wird zur Übungsaufgabe für die Woche. Ich notiere sie mir in meinem Notizblock und beschäftige mich wann immer ich Zeit habe damit. Fünf Minuten in der Bahn oder mal kurz auf der Toilette. Ich versuche laufend Beispiele für die "rhetorische Figur der Woche" zu finden.
Ich wollte auch versuchen ganze Texte zum Thema der gezogenen rhetorischen Figur zu schreiben, aber das hat sich bisher nicht angeboten. Aber ich muss sagen, die rhetorische Figur der Woche, die beherrsche ich nach einigen Tagen dann auch immer sehr gut und kann sie mir auch gut merken. Wie sich das im weiteren Verlauf dieser Lernmethode entwickelt, wird sich noch zeigen.

Anbei noch eine Idee, die mir und auch dir beim Lernen helfen könnte. Ich überlege, jede Woche in meinem Blog die "rhetorische Figur der (Vor-)Woche" zu präsentieren und euch auch damit ein zu laden, auch Beispiele dafür zu geben, oder Fragen zu den rhetorischen Figuren zu stellen. Wenn gewünscht, bin ich auch gerne bereit daraus ein Spiel in diesem Blog zu machen, ähnlich "Know the series?" beim Imperator.

Also, was haltet ihr von der Idee und was haltet ihr von der Methode "Rhetorische Figur der Woche"?

Training für Schreiber - Teil 1

Jay Nightwind | 26.04.10 | / | 7 Kommentare
Schreiben kann man lernen und auch trainieren. Natürlich hilft es auch ein gewisses Talent zu haben, aber auch ein "technischer Hintergrund" kann durchaus helfen besser zu werden.
Ich möchte in mehreren Teilen eine Methode vorstellen, mit deren Hilfe ich zur Zeit versuche besser zu werden.

Der Vokabelkasten
Beim Schreiben von Texten, egal welcher Form, ist ein ganz entscheidender Faktor die Rhetorik und damit auch das Wissen über rhetorische Figuren. Natürlich begegnen einem im Sprachunterricht in der Schullaufbahn so einige rhetorische Figuren, aber viele erkennen oder benennen können ist oft schon schwierig. Um Stile analysieren zu können wäre es also hilfreich, möglichst viele von ihnen zu kennen.
Die Methode die ich verwendet habe, dürfte ebenfalls aus dem (Fremd-)Sprachenunterricht bekannt sein: Ich habe mir also einen Vokabelkasten für rhetorische Figuren erstellt.
Um einen Basissatz an rhetorischen Figuren zu haben, mit dem ich lernen kann, habe ich mir diese Liste bei Wikipedia.de zu Hilfe genommen. Auf die eine Seite der Karte kommt der Name der rhetorischen Figur, auf die andere Seite Erklärung und Beispiel. Alternativ zum Beispiel auch gerne noch einmal eine Erklärung in eigenen Worten.
Wie lerne ich jetzt aber mit einem Vokabelkasten und stelle für mich eine Messbarkeit des Lernerfolges her? Ich für meinen Teil habe zur Hilfe die Vokabeln in drei Sektionen eingeteilt: "Täglich", "Wöchentlich", "Monatlich".
Die "Tagesvokabeln" prüfe und/oder lese ich im besten Fall jeden Tag. Wann immer ich eine rhetorische Figur richtig identifiziert habe, wandert sie in das nächste Fach "Wöchentlich". Wenn ich eine Figur hier nicht erkenne, dann bleibt sie wo sie ist. Nach jeder vollständigen Überprüfung mische ich die Karten der Sektion einmal, um zu verhindern, dass ich nur die Reihenfolge der Figuren auswendig lerne.
Die "Wochenvokabeln" prüfe und/oder lese ich an einem festen Termin in der Woche. In meinem Fall: Sonntag. Wenn ich eine Figur nicht erkenne, dann steigt sie wieder ab und wie du dir sicher denken kannst, steigen die richtigen auf. Der Wochentest ist dem Tagestest zeitlich vorgeordnet und gerade frisch abgestiegene Karten werden nicht erneut geprüft. Auch hier mische ich unmittelbar nach dem Test innerhalb der Sektionen.
Das Schema für die "Monatsvokabeln" dürfte nun ziemlich eindeutig sein.

Bisher lerne ich nach diesem System etwa einen Monat lang und bemerke schon langsam Erfolge. Ich erkenne immer mehr rhetorische Figuren im Alltag und auch in meinen eigenen Texten. Auch wenn ich noch nicht richtig "gut" bin, merke ich doch, das ich Fortschritte mache und das ist wichtig und hilft beim Schreiben.

Die Methode kann natürlich auch für jedes andere Wissens- oder Lerngebiet umgestaltet werden.
Kleiner Hinweis: Lernerfolge, egal wie klein, schütten in unserem Hirn Dopamin aus, den körpereigenen "Glücklichmacher".

Was für Methoden nutzt ihr? Was für Erfahrungen habt ihr mit dem Lernen mit Hilfe von Vokabelkarten gemacht? Ich bin auf eure Reaktionen und Anmerkungen gespannt.

Der nächste Schritt im Training wird die "Wochenaufgabe" sein, aber da zu komme ich im Teil 2.

Ritter

Jay Nightwind | 22.04.10 | / / / | Kommentieren
Ich habe nie einen Titel erhalten
Bin kein Graf geworden
Und auch kein Fürst
Das sollte wohl keine Erstrebung finden

Ich habe auch nie zu Pferde gesessen
Und auch keine Lanze getragen
Aber das macht ihn auch nicht aus

Ich habe keinem König die Treue geschworen
Und wider diesen Worten bin ich ein
Ritter

Ritter bin ich wider diesen Worten
Und habe den Schwächeren die Treue geschworen

Das macht ihn aus
Für Menschen die Lanze zu brechen
Wenn in ihnen ein treues Herz gesessen

Das sollte wohl seine Erstrebung finden
Weder ein Frust
Noch ein Hass zu werden
Um etwas Tugend zu erhalten

Jay träumt - "Fombieapokalypse"

Augenaufschlag.
Ich sitze an meinem Schreibtisch und arbeite an einem Text. Die Musik ist aus und auch draußen ist es unwahrscheinlich ruhig. Wenn ich mich darauf konzentrieren würde, wäre es vermutlich sogar unheimlich ruhig.
Die Schreie aus den Nebenstraßen drängen gar nicht bis an mein Ohr, denn ich bin so tief im Text, dass man mich schon am Arm vom Stuhl ziehen müsste, damit ich wieder in die Realität komme. So höre ich auch nicht, wie es an meiner Wohnungstür klopft und auch nicht, wie diese dann aufgebrochen wird. Plötzlich zieht mich jemand am Arm vom Stuhl.
Jay: „Hass? Was machst du denn hier?“
Hass: „Junge, gut dass sie dich noch nicht erwischt haben.“
Jay: „Wer? Was? Wie?“
Hass: „Hast du mal aus dem Fenster geguckt, Junge? Wir haben Zombieapokalypse.“
Hunderte Seelenlose Körper schlurfen durch meine friedliche Straße auf der Suche nach lebendem Fleisch und wenn die Filme, Comics und Bücher recht haben sollten, dann auch nach Gehirnen.
Jay: „Aber wie bist du hier denn hin gekommen? Du wohnst doch gar nicht in Essen?“
Hass: „Als ich gesehen habe was los ist, habe ich mir eine Waffe geschnappt und bin los gezogen zu retten, was ich retten kann.“
Da der Hass ohne andere Überlebende auftaucht stelle ich mir seinen Erfolg äußerst schmal vor. Als ich auf seine „Waffe“ schaue, da stelle ich auch direkt eine These auf, woran es liegt.
Jay: „Ein Buch? Du hast dein Leben mit einem Buch verteidigt?“
Hass: „Na sicher. Womit denn sonst, Junge? Meinst du ich habe ne Kettensäge oder eine Schrotflinte?“
Ich wünsche kürz es wäre so, aber trotzdem scheint mir ein Buch nicht die beste Waffe zu sein.
Hass: „Außerdem scheint ein fester Schlag mit einem Buch auf den Kopf das einzige zu sein, das wirklich hilft sie...“
Jay: „...endgültig um zu bringen?“
Der Hass schüttelt nur den Kopf.
Hass: „Junge, du hast wirklich gar nichts mitbekommen, was? Die sind nicht wirklich hinüber. Hör doch mal, was die alle ächzen.“
Ich geh noch mal an das Fenster, schau runter auf die Straße und höre genau hin. Dann weiche ich schockiert zurück.
Jay: „Das...das kann nicht....Das ist ja schlimmer als ich befürchtet hatte.“
Hass: „Ja mein Freund, die wollen keine Gehirne, die wollen Fernsehen.“
Jay: „Ürgs. Und das auch noch freiwillig bei dem Programm?“
Hass: „Sieht ganz so aus.“
Jay: „Na, dann könnten die mit Gehirnen aber auch vermutlich gar nicht so viel anfangen.“
Der Hass sah mich genervt an. War scheinbar nicht die Zeit für Galgenhumor.
Jay: „Und was machen wir jetzt?“
Der Hass warf einen erwartungsfrohen Blick in mein Bücherregal und dann zum Fenster hinaus.
Hass: „Zombiejagd, Junge. Zombiejagd.“
Bei der Auswahl meiner Waffe fange ich an mich über mich selbst zu ärgern. Ich bin zwar nicht unbelesen, aber irgendwie habe ich es immer wieder geschafft mich vor dem Kauf von Büchern zu drücken. So ist also meine erste Wahl für eine Hauptwaffe der gute alte „Dierke Weltatlas“, der berühmte Schulatlas. Alles was ich sonst da habe, eignet höchstens zum „Wurfbuch“. Also packe ich mir noch ein paar „Kindom Hearts“ Comics und Reclamhefte in die Taschen meiner Cargohose.
Jay: „Wo wollen wir denn als nächstes hin?“
Hass: „Ich habe eine Route erstellt, bei der wir versuchen können unsere Freunde zu retten und uns im besten Fall bis Berlin in die Zentralbibliothek durch kämpfen. Das beste Arsenal für die Fernsehzombieapokalypse.“
Jay: „Warum schickt denn die Regierung nicht Truppen aus um uns zu retten?“
Hass: „Hehehe. Meinst du nicht ernst, oder Junge?“
Stille.
Hass: „Wen sollen die denn schicken? Die deutschen Bücherwurm Brigaden? Nee Junge, wir sind auf uns gestellt.“
Als wir zur Haustür hinaus stürmen, da erkenne ich erst das eigentlich Ausmaß der Katastrophe. Die Fernsehzombies (im Folgenden Fombies genannt) sind alle neben ihrer äußerst blassen Haut mit Mutationen entstellt. Kleine Antennen auf dem Kopf und Monitore in den Bäuchen, auf denen das allerfeinste Intelligenzallergikerprogramm läuft. Wie Teletubbies sehen sie aus und ächzen und entwegt: „Feeeeeernnnnnseeeehennn.“ Ganz selten hört man auch den Namen einer Sendung, ich kenne diese Sendungen aber nicht mehr gut genug, um mich zu erinnern.
Hass: „Also, immer feste mit dem Buch auf die Birne und auf gar keinen Fall lange in die Monitore schauen. Sonst wirst du ruckzuck einer von denen. Auf geht es.“
Nach den ersten Paar Fombies bekomme ich sogar ein wenig Freude daran die Leute mit „Bildung“ zu verprügeln, suche aber immer Schutz in der Schneise, die der Hass durch die Fombies pflügt.
Einige Zeit kämpfen wir uns durch die Mengen und nehmen immer wieder traurig zur Kenntnis wie viele betroffen sind und freuen uns aber über jeden, den wir nicht finden können. „Bestimmt sind sie entkommen.“, sagen wir dann, tragen aber immer das mulmige Gefühl mit uns herum, uns selbst zu belügen.
Nach einer unruhigen Nacht in der Essener Stadtbibliothek beschließen wir uns an Städten mit Universitäten entlang zu hangeln auf unserem Weg nach Berlin. Unser erstes Ziel soll Münster sein.
Jay: „Auf nach Münster!“
Ich zeige in die Himmelsrichtung in der ich Münster vermute, doch der Hass geht genau in die entgegengesetzte Richtung los.
Hass: „Hier geht es lang, Junge.“
Irgendwie bekomme ich spontan Lust mir selbst mit dem Atlas vor den Kopf zu hauen. Vielleicht färbt ja ein bisschen Geografie ab. Aber in dem Moment wo ich es in Erwägung ziehe, da hören wir ein regelmäßiges lautes Brummen oder Rotieren. Ich orientiere mich zum Hass, der deutet aber nur an den Horizont über dem Hauptbahnhof. Ein Helikopter, der genau auf uns zu steuert.
Ich werde ein wenig nervös, denn eine so spannende Szene, die habe ich in der Realität noch nie gesehen. In Büchern oder im Ferns....Wir hatten beschlossen dieses Wort nicht mehr zu sagen oder gar zu denken.
Mit den Büchern schützen wir unsere Augen vor dem Wind, denn der landende Helikopter machte, doch aus dem Augenwinkel sehe ich einen alten Bekannten.
Jay: „Imperator? Du?“
In einer Uniform steht er an der Kante des Truppentransporters und winkt uns lachend und Zigarre rauchend zu.
Imperator: „Na los. Steigt ein. Das Baby hier hat kein Automatisches Büchergeschütz. Wir sind schutzlos.“
Als wir einsteigen lacht der Imperator schallend und wirft wie eine Dampflok kleine Wolken aus. Überall an seiner Uniform sind Taschenbücher angebracht und in seiner Hüfte hängt im Halfter ein dickes Naturwissenschaftslexikon.
Imperator: „Gut, dass ihr es geschafft habt. Die neue Regierung schickt uns, um die letzten Verbliebenden zu finden.“
Jay: „Die Regierung? Seit ihr etwa die deutschen Bücherwurm Brigaden?“
Der Hass und der Imperator sehen mich gleichermaßen verwirrt wie auch wütend an. Ist wohl immer noch keine gute Zeit für Humor.
Imperator: „Nein, Jay. Seit Jahren gab es Menschen in leitenden Funktionen, die befürchtet haben, dass so etwas passieren würde. Damals dachte man noch, es gäbe einen Virus, der sich über die Luft ausbreiten würde, wie eine Grippe, aber jetzt wissen wir, dass der Kampfstoff sich übers Fernsehen ausbreitet. Die Radiowellen sorgen für eine Umstrukturierung der Hirnwellen und....“
Hass: „Weshalb sind wir verschont geblieben?“
Imperator: „Vermutlich habt ihr einfach zu wenig fern gesehen. Ihr habt echt Glück, es haben wirklich nicht viele überstanden.“
Jay: „Das.....das ergibt doch alles keinen Sinn. Radiowellen? Hirnwellen? Der Imperator arbeitet für eine Regierung? Und warum kennt er sich mit so was aus? Ich dachte, du hättest was ganz anderes studiert. Und.....Ich verstehe nicht.“
Imperator und Hass: „Natürlich nicht, Junge. Weil du den ganzen Quatsch hier nur träumst.“
Augenaufschlag.

Schweißgebadet spring ich mit dem Kopf von der Tastatur auf. Ich schnapp meine Jacke und meine Geldbörse, schau skeptisch aus dem Fenster nach Fombies und fahre dann auf direktem Weg in die Stadt: Bücher kaufen.

Nachtgewisper: Niederlagen

Jay Nightwind | 13.04.10 | / | Kommentieren
In diesem Nachtgewisper möchte ich über eine Lesung schreiben, die ich am 10ten April hatte. Vielleicht ist es ja spannend für dich zu lesen, wie es gelaufen ist.

Die Lesung fand im Falkenheim West statt, auch bekannt als "Ground Zero" . Ich selbst bin ab und an in diesem Jugendhaus aktiv und hatte deshalb vorgeschlagen eine Lesung zu geben. Hauptsächlich, da ich weitere Termine für Lesungen haben wollte, aber auch, damit das Haus eine Veranstaltung mehr zu bieten hat.
Normalerweise findet sich dann für Konzerte, Lesungen oder andere Veranstaltungen schnell ein Team, das abseits der Bühne den Abend betreut, sprich sich um Theke und Kasse kümmert. Da aber im "Mitarbeiterkreis", einem Treffen aller Ehrenamtlichen "Mitarbeiter" des Hauses vor den Ferien kaum jemand da war, konnte noch kein Team benannt werden. Nicht dramatisch, im Zeitalter von Emails.

Ich habe mich dann bemüht je näher die Lesung kam, diese vor zu bereiten. Leider nicht ausreichend oder passend, wie sich später heraus stellen sollte. Mit der leisen Befürchtung, das keiner vom Haus an dem Termin Zeit hat, habe ich zart bei Freunden denen das Haus und die auch dem sonstigen Hausteam nicht unbekannt sind angefragt, ob sie mich an dem Abend nicht an Theke und Kasse unterstützen können. Nach und nach bekam ich aber Zusagen vom Haus, das ein Team da sein wird. Super, konnten die anderen dann also doch als Gäste kommen.

Relativ kurz vor der Lesung passierte dann etwas erstaunliches, meine Lesung wurde in der NRZ auf lokaler Ebene angekündigt, ohne mein aktives Zutun. Ich war natürlich begeistert und froh und dem entsprechend auch ein wenig nervös. Ich habe die Textauswahl für das Programm so angepasst, dass hauptsächlich die Texte vorkommen, die ich für beliebt halte. "Enten im Herzen", "Gewalt hat keine Farbe" und auch "Antietymologie: Entwurf" waren dabei.

Am Tag der Lesung war ich total motiviert und war gespannt, wieviele Leute denn jetzt wirklich kommen, denn ich hatte im Vorlauf sehr viele Nachrichten bekommen, in denen mir Leute gesagt hatten, dass sie kommen. Dann noch der Artikel in der NRZ mit eingerechnet, hatte ich mich schon ein wenig darauf gefreut vor einem größeren Publikum zu lesen als sonst. Nicht, dass ich bisher vor wenigen gelesen hätte.

Vor Ort gestaltete sich die Lage dann als etwas schwieriger, denn es war zwar ein Mitarbeiter vom Haus dort, aber er konnte an dem Abend, aus sehr gut nachvollziehbaren Gründen, nicht unterstützen. Ich möchte mich hier noch einmal bei ihm für mein mangelndes Fingerspitzengefühl entschuldigen. Dass er nicht bleiben konnte, sollte aber nicht so problematisch sein, es kommen ja noch andere Leute vom Haus, dachte ich.
Das dachte ich also ganz naiv, musste aber je näher erst der Einlass rückte und dann auch der Beginn der Lesung, merken und mir eingestehen, dass da wohl niemand vom Team kommt. Also musste ich mein Thekenteam und die Kasse aus den bis dahin anwesenden Gästen rekrutieren. An dieser Stelle großen Dank an Höfer, Bernd, Melle und den Hass. Ihr seid ohne zögern eingesprungen. Danke!

Ich war leider ziemlich geladen, da ich mich im Stich gelassen gefühlt hatte, nicht nur vom regulären Hausteam, sondern auch von den Gästen, die mir vorher Zusagen geschickt hatten, dann aber nicht da waren. Das durch die Werbung in der NRZ keine einziger zusätzlicher Gast angelockt wurde ärgerte mich auch und das obwohl ich es schon so befürchtet hatte. Ich bin halt noch ein Niemand mit meinen Lesungen.

Als ich die Lesung angefangen habe, da war ich wütend und aufgebracht und leider habe ich mir davon die gesamte erste Hälfte verhageln lassen. Ich habe es einfach nicht geschafft wieder runter zu kommen. Dafür möchte ich mich auch bei allen entschuldigen, die da waren. Erfreulicherweise wurde meine Wut wohl für Nervosität gehalten.
In der zweiten Hälfte haben mich dann zum Glück einige meiner Texte wieder zurück zum Wesentlichen gebracht: Dem Publikum einen tollen Abend machen und selbst Spaß am Vorlesen haben.

Auch wenn mir bescheinigt wurde, dass das ein guter Abend war, bin ich selbst äußerst unzufrieden mit dem Abend und vor allem mit mir. Jetzt habe ich ein paar Tage darüber nachgedacht und bin zu folgendem Schluss gekommen:
Ich brauche noch härtere Niederlagen.
Bisher (und auch bei dieser Lesung) war ich mit mehr als Fünfzehn Zuhörern verwöhnt, wurde oft von den Häusern umsorgt und bin immer in einem relativ ruhigen Zustand auf die Bühne gekommen. Ich habe wohl ein wenig vergessen, dass es so nicht immer sein kann.
Von dieser Niederlage jetzt habe ich meine Moral leider etwas runter ziehen lassen. Sowas will ich aber nicht mehr. Ich möchte auch wenn ich vor zwei Leuten auf einer ungeputzen Bahnhofstoilette lesen müsste (warum auch immer) genauso viel geben wie vor 30 Leuten im Spunk. Jetzt arbeite ich an verschiedensten Stellen daran, dass die nächste Lesung am 8ten Mai im Links in Borbeck viel besser wird, verlasse mich aber mich Sicherheit nicht mehr so leicht auf alles. Hoffentlich enttäusche ich mich (und vor allem das Publikum) da dann nicht so sehr.
Noch viele andere Fragen bewegen mich und sich in meinem Kopf die meine Lesungen betreffen, aber ich bin zuversichtlich, dass ich auch da zu Antworten komme.

Entschuldige, ist ziemlich viel geworden, aber mir hat es jetzt auch gut getan es runter zu schreiben. Danke für deine Aufmerksamkeit.

Jay träumt - "Poetmon"

Ich will der Allerbeste sein
Wie keiner vor mir war
In Absätzen und Reimen suche ich
und kenne die Gefahr

Ich streife durch die ganze Literatur
Ich suche weit und breit
Das Poetmon - um zu verstehen
Was dem Wort die Macht verleiht

Poetmon
Komm, les mit mir!
Nur ich und Du
In allem was ich auch tu
Poetmon
Uuuh, mein bester Text
Komm retten wir die Welt
Poetmon
Komm, les mit mir!
Der Reim ist gut
Meine Schreiblust, die ist akut
Ich les’ bei dir und du bei mir
Poetmon
Komm, les mit mir!
Komm, les mit mir!
POETMON!

Rhetorika in der Literaria-Region. Der junge Jay Readum rennt den Hügel hinauf zur Bibliothek von Rhetorika, denn heute ist ein besonderer Tag: Jay bekommt heute sein erstes eigenes Poetmon.
Er hat natürlich vor lauter Aufregung die ganze Nacht nicht geschlafen und kommt jetzt deshalb zu spät. Als er in die Bibliothek stürzt, erwartet ihn Professor Reimhard Schema schon.

Prof Schema: „Ah, Jay. Da bist du ja endlich. Die anderen waren schon hier.“
Jay (prustend): „Bin ich viel zu spät?“
P.S.: „Was soll ich sagen? Ich habe alle Poetmon schon verteilt. Franz hat Kafkor gewählt, Heinz hat Hardtehr mit genommen und..“
Jay (prustend): „Och nö. Ist echt keins mehr da? Nicht mal mehr ein Sebsick oder Lessingno? Bitte, Professor Schema!“
P.S. (einsichtig, in einer Mappe kramend):
„Nun gut, Junge. In diesem Poetblatt ist noch ein Goethek. Es ist nicht mehr das jüngste Poetmon, aber für einen jungen Poettrainer vielleicht genau das Richtige.“
Jay (erstaunt): „Boah, geil! Danke, Professor!”
Voller Freude nimmt Jay sich das Poetblatt und schaut es sich verwundert an.
Dann hat er eine Idee. Er wirft es auf den Boden und ruft:
„Los, Goethek! Ich wähle dich!“
P.S. (lachend):
„Hahaha Jungchen, die wirft man doch nicht auf den Boden. Wie dämlich wäre das denn bitte? Du musst den Text einmal für dich leise lesen und dann kommt Goethek von ganz alleine raus.“
Hoch erfreut beginnt Jay also das Poetblatt zu lesen und bemerkt so nicht, wie der Professor aus einem Regal noch einen Gegenstand zieht. Als er mit lesen fertig ist, da runzelt Jay kurz die Stirn, ruft aber dann ganz aufgeregt:
„Los, Goethek! Ich wähle dich!“
Goethek: „Goethek! Goethek!“
Ein kleines weißhaariges Poetmon sitzt plötzlich vor Jay auf dem Boden der Bibliothek und start ihn genau so ratlos an, wie er selbst jetzt plötzlich schaut. Auf einmal durchschneidet eine roboterartige Stimme den Raum:
„Goethek, das Sturm und Drang - Poetmon. Goethek zählt zur Klasse der Dichter Poetmon und beherrscht die Textattacken „Doppelreim“ und „Tragische Wendung“. Reifere Goetheks können auch die Attacken „Faust I“ und „Faust II“ erlernen.“
Jay (total erstaunt):
“Boah, geil! Was war das denn für eine Stimme?”
Prof Schema:
„Das ist das Poetlex!“
Der Professor drückt Jay einen dicken unhandlichen Wälzer in die Hand.
P.S.:„Ich möchte, dass du ihn für mich vervollständigst. Viele bekannte Poetmon stehen schon drin, aber jüngst werden immer wieder neue und unbekannte Poetmon gesichtet.“
Jay: „Ja schon, aber wo kam denn die Roboterstimme her? Das hier ist ja nur ein blödes Lexikon. Ich dachte, ich bekomme einen praktischen Taschencomputer.“
P.S.(lachend): „Hahaha! Jay, natürlich ist das ein Lexikon. Die Roboterstimme habe ich selber gemacht, ich bin doch Hobbybauchredner. Hahaha! Ein Poetmoncomputer, oder was? Das wäre ja noch schöner, dann könnte ich ja auch selber raus gehen und versuchen alle Poetmon zu finden!“
Kurz sah Jay beschämt zum Boden. Also, die Informationen über all diese Poetmon auf seiner Reise selber auf zu schreiben, da hatte er ja mal keine Lust zu. Aber als er sein Poetmon sah, da fasste ihn ganz schnell wieder die Euphorie.
Goethek: „Goethek! Goethek!“
Jay: „Na komm schon Goethek, machen wir uns auf den Weg! Die anderen sind ja auch schon unterwegs durch Literaria. Wir müssen sie einholen, stärker werden als sie und dann, dann werde ich der beste Poettrainer der Welt!“
Professor Reimhard konnte nur lachen und wünschte dem ambitionierten Jay Readum eine gute Reise. Er gab ihm noch ein Paar leere Poetblätter, Stifte und ein paar Grapheme (die örtliche Währung) mit, damit er sich auch etwas zu essen kaufen konnte.
Und so zog unser Freund in die Welt von Literaria aus um alle Poetmon zu fangen, zu lernen was sie beherrschen und was sie bedeuten um irgendwann einmal selbst das stärkste Poetmon mit den besten Textattacken hoch zu trainieren.
Er ging hinaus und rief aus ganzer Brust:
Jay: „Boah, geil! Poetmon, ich lese sie alle!“

Keine Geisterstadt

Denn selbst jeder Geist
Ist verreist
Die Straße ist leer. Die Fenster sind dunkel. Die Rollläden sind unten. Die Bürgersteige nicht nur hochgeklappt, sondern abgeschraubt und bis nach den Ferien weggesperrt.
Ich habe ganz große Lust einen urschreiesken Ausruf zu machen. Vielleicht der Name eines Mädchens, in das ich schon lange nicht mehr verliebt bin. Oder den Namen eines Feindes, wenn ich doch so etwas nur irgendwie hätte. Kurz denke ich daran, dass ja immer alle möglichen Leute nach Berlin wollen, aber der Gedanke führt nur in eine lange leere Sackgasse des Unsinns.
Nicht einmal Betrunkene die aus Diskotheken oder Kneipen schlendern sind hier. Und sowohl die Haltestellen als auch die Nachtbusse selbst sind leer, was ich aber nicht sicher weiß, denn ich habe noch keinen einzigen Nachtbus gesehen, was dafür sprechen würde, dass er leer ist, denn wenn er leer ist, dann fährt ihn ja auch keiner. Und das keine Nachtbusse fahren, das weiß ich sicher, denn ich sitze bestimmt schon eine halbe Stunde mitten auf der Kreuzung. Auf kalten Straßenbahnschienen.
Ich würde gerne sagen, das die Stadt schläft, aber dann würde sie schnarchen oder sich wenigstens mal umdrehen. Sie würde kurz aufstehen, zum Klo gehen, sich den Zeh stoßen und ein Glaswasser mit ans Bett nehmen. Sie würde den Wecker mitten in der Nacht noch Zehn Minuten zurück stellen und halbwach aufs Handy schauen, ob ihr Liebling doch noch eine SMS geschrieben hatte.
Nein, diese Stadt schläft nicht.
Das ist keine Geisterstadt,
denn selbst jeder Geist
ist verreist
die Straßen und ihre Ecken sind verwaist
Kein Vogel oder Gedanke,
der nachts um die Laternen kreist
Diese Stadt ist so leer,
das dich niemand hört,
wenn du schreist
Den Namen einer Liebe oder eines Feindes,
der deinem Brustkorb entreißt
Du spürst genau, dass du selber lebst
Doch was du siehst, liegt alles in ewigem Eis
Die Straße ist leer. Die Fenster bleiben dunkel, die Rollläden unten und die Bürgersteige weggesperrt. Ich atme tief ein, überlege noch mal zu schreien, aber beschließe einfach still durch diese Nacht zu ziehen und zu warten. Zu warten, bis die Geister zurück kommen. Zu warten, bis das hier wieder eine Geisterstadt ist.

Ungewohnte Schatzsuche

Ich pfeife fröhlich die Melodie einer Zeichentrickserie, die ich früher immer wirklich gerne gesehen habe, während ich vor dem Spiegel stehe und mich schminke. Ich mach nur ein paar kleine Handgriffe und bin fertig, die Melodie pfeife ich aber weiter. Ich will Kasimir heute mal überraschen. Heute bin ich mal pünktlich fertig, vergesse nichts in der Wohnung und mache keine meiner „kleinen Verrücktheiten“, wie er es immer nennt. Wir gehen mit einem Pärchen essen, mit dem er sich angefreundet hat. Wir sind kein Pärchen. Trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb wollte Kasimir mich dabei haben.
Ich weiß, dass ich ihn oft genug mit meiner Art in Verlegenheit bringe. Ob ich in Cocktailbars Geschichten mit den Früchten aus den Getränken als Protagonisten erzähle, mit Lippenstift Autoscheiben beschrifte oder einfach nur zum Tanzen im Regen die Schuhe ausziehe, oftmals glaube ich, ihm ist das alles sehr unangenehm. Deshalb geht er bestimmt auch meist mit mir alleine weg, ohne seine Arbeitskollegen oder andere Freunde.
So ein sympathischer Kerl wie er, der muss einfach total beliebt sein. Kasimir ist freundlich, freundschaftlich und hilfsbereit. Manchmal muss man ihn nur ein wenig in die richtige Richtung schubsen, damit seine Fantasie in Bewegung kommt. Dann kann man mit ihm auf Luftschiffen fliegen und in Pullovern verschwinden, nach Geistern im Keller suchen oder einfach die Geschichten der Sterne erzählen.
Ich habe mir extra für heute ein hübsches Kleid gekauft und warte ganz brav schon unten vor der Tür, als er mit seinem Wagen vorfährt. Ein wenig werde natürlich auch ich rot, als er sagt: „Julika, du siehst wirklich toll aus.“ Denn egal wie oft ich sage, dass mir Aussehen nicht wichtig ist, bekomme ich doch trotzdem gerne Komplimente.
„Hast du auch wirklich alles?“, fragt Kasimir mit begründeter Skepsis und einem verschmitzen Grinsen im Gesicht. „Ja, wir können los.“, gebe ich ihm mit einem Knuff auf die Schulter zurück. Während der Fahrt erzähle ich Kasimir von der Ausstellung in Köln die ich gestalten darf, auf die ich mich total freue, weil es meine erste Ausstellung außerhalb von Essen ist. Und dann erzähle ich ihm von dem Bild, das ich heute gemalt habe, in dem die Sonnenblumen mit den Computern tanzen und von der Auftragsarbeit, die ich heute fertig gestellt und abgegeben habe. Dann erzähle ich ihm noch einmal von der Ausstellung und sage so lange „Ich freue mich voll!“ bis er sich auch für mich freut und nicht merkt, wie aufgeregt ich bin. „Du bist ganz schön aufgeregt.“, bemerkt er, als er mir die Autotür aufhält. Doofi, merkt so was aber auch immer.
Das Essen ist toll und die Stimmung gut. Dafür, dass das Pärchen mit dem wir Essen gehen auch nur im langweiligen Büro arbeiten, sind sie trotzdem total witzig und dann kennen sie sich auch noch ein wenig mit Kunst aus. Sie war sogar schon mal in der Galerie in Köln, von der ich den ganzen Tag rede und träume; Er hat früher selbst mal gezeichnet, aber nur zum Spaß, er will da aber nicht von Kunst reden. „Ist doch egal wie man es nennt, Hauptsache es bereitet Freude.“, sage ich und merke gar nicht, dass Kasimir nur oberflächlich gute Laune hat. Normal sehe ich so was sofort, aber diesmal musste man mich erst mit reichlich Essen den Mund stopfen, damit ich aus dem Augenwinkel heraus sehe, dass Kasimir in seinem Kopf kramt.
Der Stimmung tut das keinen Abbruch und Kasimir erzählt seine Witze eigentlich genau so gut wie immer. Eigentlich. Denn unsere Begleiter kennen es nicht anders; sie wissen nicht wie viel besser der Witz ist, wenn Kasimir den Bauern nachmacht und seine Augen verdreht. Irgendwas stimmt nicht, aber ich versuche keine Aufmerksamkeit auf Kasimir zu lenken. Wenn ich heute ausnahmsweise mal erwachsen sein will, dann muss ich ihn jetzt schützen und später fragen was los ist. Also schiebe ich mich im Gespräch noch etwas weiter vor und bemühe mich Kasimir eine „Auszeit“ zu verschaffen. Als man uns fragt, wie lange wir zusammen sind, komm ich kurz ins Stottern, hoffe aber Souveränität zu finden: „Zusammen sind wir schon lange, nur wir sind kein Paar. Wir sind einfach tolle Freunde.“ – „Schade eigentlich.“, toastet uns das Pärchen mit dem letzten Wein zu, den man bestellen konnte, bevor das Restaurant schließt.
Ich weiß immer nicht, wie ich nach Sorgen fragen soll. Ich mag sie nicht. Sorgen sind doof und ich ignoriere sie oft. Wenn man einfach Spaß hat und es einem gut geht, dann geht es einem halt meist gut und man hat mehr Spaß. Was soll mich dann noch der andere Kram kümmern? Aber weil Kasimir da anders ist, muss ich da jetzt einfach mal anders sein.
Ich gab ihm einen bei weitem zärtlicheren Knuff als am Anfang des Abends und ließ ihn wissen, dass ich da bin. „Julika, kann ich mir Sachen aus deiner Werkstatt nehmen?“ – „Na klar, aber meinst du jetzt?“ Kasimir nickte mir zu: „Dann bring ich dich jetzt nach hause und hohl mir die Sachen.“ – „Ne ne, nachher bringst du mir noch alles durcheinander, ich komm mal schön mit.“, flachste ich, legte aber einen Blick nach, bei dem klar war, dass ich wirklich mitkomme.
Zwei Fackeln, eine Schaufel, ein Feuerzeug. Ich wusste nicht mal, dass ich diese Sachen in meinem Atelier, in meiner Werkstatt habe. Kasimir griff den ganzen Kram überzeugt. „Kasimir, was ist los?“ Ich versuche es einfach mal deutlich und direkt. Kasimir sieht mich intensiv mit einem sehr zerbrechlichen Blick an, der aber schnell aufklart: „Wir gehen auf eine Schatzsuche. Also nur, wenn du mit willst, Julika.“ Supertoll! Eine Schatzsuche! So Ideen war ich von ihm gar nicht gewohnt. „Na klar! Ich schnapp mir meine Gummistiefel und dann kann es los gehen!“
Ich stehe in Abendkleid und Gummistiefeln mit einer Fackel bewaffnet am Rande des Stadtwaldes. Kasimir rückt in Jeans und Hemd nach, mit hochgekrempelten Ärmeln, unentbrannter Fackel am Gürtel und Schaufel auf der Schulter. Sehr piratisch. „Aye! In diesem Wald liegt der Schatz!“, scherzt er, greift meine Hand und nimmt mich mit auf eine wundersame Reise.
Durch die Wurzeln umgekippter Bäume klettern wir und stapfen durch ausgetrocknete Flussbetten, die sich beim Betreten als doch nicht ausgetrocknet herausstellen. Einen Hügel springen wir hinauf und kleine morsche Mauern hinunter. Zauberhaft dreckig macht Kapitän Kasimir sich und ich fliege wie Tinkerbell im leichten Fackelschein hinter ihm her und kichere, wann immer er flucht. Wann immer ich frage: „Käp’ten, mein Käp’ten, wo liegt denn nur ihr Schatz?“, so sagt er mit seiner rumgetränkten Stimme: „Bald sind wir da, beim Klabautermann!“
Ich kehre immer wieder in die Realität zurück, denn so kenne ich Kasimir nun wirklich nicht. Mir ist so wohlig komisch, denn irgendwie habe ich den Eindruck, Kasimir und ich hätten die Körper oder zumindest die Rollen getauscht.
„Käp’ten, mein Käp’ten? Was suchen wir hier denn überhaupt?“, will ich zum ersten Mal wissen, als plötzlich Kapitän Kasimir seine Schaufel ins Erdreich rammt: „Meine Kindheit. Hier muss sie sein.“
Eine Kiste voller Fundsachen, Glücksbringer und Andenken hält er in Händen. Artefakte und Schätze von früheren Streifzügen des Kapitäns. Im Fackelschein sind sie alle aus Bernstein und Gold, wertvoller als alles, was ich jemals gesehen habe. Ich würde lügen, würde ich sagen, dass da nicht auch Gier in mir sprüht. Neu-Gier. Was sind das für Dinge, was haben sie zu bedeuten, was sind sie wohl wert? Doch der wertvollste Schatz, den trägt Kasimir. Er lächelt befreit und sein Blick strahlt.
„Alle reden von ihren Kindern, alle Kinder reden von Abenteuern. Ich hatte mir mal geschworen, immer mein eigenes Kind zu sein und zu bleiben, nie meine Fantasie zu verlieren.“ Er atmete tief durch. „Wenn ich mal Kinder hätte, dann würde ich mit ihnen in ihren Welten leben und spielen können. Ich wollte kein „Erwachsener“ sein, der „das nicht versteht“. Ich habe meine Schätze immer hier im Wald versteckt, früher vor meinem Bruder, jetzt auch irgendwie vor mir selbst. Ich habe mir geschworen, wenn ich aufhöre Kind zu sein, dann komme ich hier hin zurück und schau nach, wie es um meine Kindheit steht.“ Eine Träne kommt mir, da ich es so schön finde, mal tief in Kasimirs Seele schauen zu können. Eine Träne kommt mir aber auch, da ich mich tief und aufrichtig ärgere, diesen Mensch in Kasimir nicht gesehen zu haben.
Er drückt mich ganz feste, so dass mir fast die Fackel aus der Hand fällt. „Danke Julika.“

Anmerkung:
Falls du Julika und Kasimir noch nicht kennst, dann schau doch hier nach.