In der nächsten Zeit...

...kehre ich zurück und nehme die Arbeit am Gewohnten wieder auf. Rezensionen, Slamberichte, Texte im Anmarsch.

29.12.2011

Die Nerds S0.Luciana

Umzugskarton 40: „Gemischtwaren“.
Wie kann ich denn nur soviel besitzen? Früher hatte ich doch auch nur ein Zimmer. Und jetzt ist die ganze Wohnung voll mit Zeug. Und dabei habe ich jetzt mehr Schränke als vorher. Es sieht aus, als wären Umzugskarton 1 – 39 einfach explodiert. Ein Besitztümermassaker.
Und Nummer 40 ist nicht mal der Letzte. Es ist nur der erste mit CDs und DVDs. Vielleicht sollte ich nur einfach anfangen, meine Sachen auch mal in die Regale zu räumen. Immer wenn ein Karton aufgeht, dann bin ich plötzlich ganz: Oh mein Gott, meine alte Franz Ferdinand-CD zu der bin ich doch immer im Wohnzimmer rum getanzt. Und dann stehe ich plötzlich in meiner neuen kleinen Wohnküche und springe zu Franz Ferdinand rum, während ich die anderen Sachen einfach nur wild verteile. Nur halt nicht in die Schränke.
Ganz aus der Puste lasse ich mich in meinen Sessel fallen, in einen Berg aus Band-T-Shirts. Auch mir Chaotin muss es doch gelingen, hier vorwärts zu kommen. Ja. Ich bin jetzt erwachsen, ich bin groß. Ich bin nicht 366 Kilometer weit weg gezogen, um dann alles genau wie vorher zu machen.
Bin ich nicht deshalb gegangen? Um alles anders zu machen?

Mathe- und Sport auf Lehramt. In Essen. Wo ich niemanden kenne. Andere gehen nach der Schule ins Ausland, reisen um her, glauben da ihr Glück zu finden und dann? Dann kommen sie zurück, sagen so was wie „Ja, das war ja schon eine Erfahrung, hat mich total verändert.“ und machen genau da weiter, wo sie vorher aufgehört haben. Habe ich nicht aufgehört, da weiter zu machen?
Ich habe Hunger. Mein Kühlschrank ist zwar eingeschaltet, aber essbares ist da nicht drin. Chinesisch hatte ich gestern, Amerikanisch vorgestern, Griechisch davor, Türkisch davor. Pizza. Mir fehlt Pizza. Oder? Ich gehe die Prospekte im Kühlschrank durch. Nein, eines vom Italiener ist nicht dabei.
Fehlendem Internet sei dank, schmeiße ich also mein letztes Andenken an Hamburg über, den St. Pauli-Schal und werfe mich in die Jacke. Auf, ein weiteres Mal Essen erobern. Im doppelten Sinne. Hach, wie köstlich doch die Witze über diesen Stadtnamen sind. HA. Essen. Köstlich. Ich übertreffe mich selbst. Wie traurig.
„Ahoi, Matrosin.“ - „Was?“, puste ich nur kurz raus, als ich eine junge Frau im Hausflur beinahe über den Haufen renne. „Der Schal? Bist du nicht aus dem Norden?“ - „Doch, doch.“ und ich will eigentlich weiter gehen. Noch bin ich mit der Kartographie der Stadt beschäftigt. Kontakt mit den Einheimischen wollte ich eigentlich verhindern. Aber dann baut sich vor mir ein riesiges Lächeln auf. „Ich bin Julika. Wohne hier im Haus auf der Zweiten.“ - „Ich bin die Neue in der Dritten. Luciana Erikson.“ Ich weiß nicht so recht, ob ich sie anschauen soll, oder nicht. Ihr Outfit sagt: Ich bin junge erfolgreiche Managerin und sehe auch noch verflucht gut aus, aber diese total verspielte Brosche an ihrer Jacke. Broschen, die sind doch eigentlich Alteleutekram. Damen die für die Diakonie arbeiten oder so haben so was doch an. Aber diese ist so schön bunt und - „Die mache ich selber. Kannst du haben, wenn du willst.“ - „W-w-was?“, stammele ich hervor. Mist. Ich habe die ganze Zeit auf die Brosche geschaut. Julika drückt sie mir mit ihrem Lächeln in die Hand, nickt bloß fröhlich und sagt im Weggehen: „Wenn ich irgendwas für dich tun kann, dann klingel einfach bei mir. Ich wohne links.“ Und dann huscht sie die Treppen hinauf, den Blick auf eine Postkarte gerichtet.
Ich bin mir wirklich nicht sicher, ob das diese ruhrpöttische Offenheit ist, aber in jedem Fall bin ich ziemlich überfordert. Nun gut, besonders offen war sie jetzt vielleicht nicht, hat mir zum Glück nicht ihre Lebensgeschichte aufgetischt, aber so hilfsbereit und dann schenkt sie mir auch noch die Brosche. Egal wie man es nennt, aber die Menschen hier sind schon irgendwie anders.
Das ist aber vielleicht auch das einzige, was hier anders ist. Irgendwo soll es diese schönen Zechensiedlungen geben, aber hier ist erstmal nur Großstadt angesagt. Und wenn man nach den Fussballaufklebern auf den Stoßstangen geht, dann kann man nicht mal wissen in welcher. Schalke, Dortmund, Essen, Bochum, alles dabei. Bei uns gibt es nur zwei Achsen und da bestehen auch keine Zweifel wo man ist.
Aber, was will ich mich über die Großstadt beschweren. Ich musste den Italiener nicht mal suchen, er hat mich eher gefunden. Wobei Italiener hier relativ ist, den der Pizzamann sieht eher indisch aus. Das tut der Qualität keinen Abbruch. So beiße ich schon in meine erste Pizza noch vor dem Laden, zwischen einigen gehörlosen Kids mit der zweiten Pizza „unterm Arm“ und trotte wieder nach hause. Keine Sorge, es sind beides kleine Pizzen, aber ich brauche noch eine Mitternachtspizza, denn spätestens nach Umzugskarton 45 werde ich wieder Hunger haben.
Morgen mache ich mich dann daran mein Bett auf zu bauen, Regal 1 – 5 zusammen zu schrauben und noch heraus zu finden, was für einen Imbiss ich noch nicht hatte.
In Ermangelung eines Fernsehers spiele ich neben dem Essen etwas Meteos und ärgere mich, dass ich ohne Internet nicht mal online gegen „Sew“ spielen kann. Er ist ein absolutes Meteos-Biest und mein Lieblingserzfeind. Das kann aber auch einfach daran liegen, dass sonst kaum mehr einer Meteos online spielt. Oder überhaupt spielt. Puzzlespiele sind ja seit spätestens Layton eh nicht mehr so recht gefragt. Höchstens mal als Flash-Game am PC, aber das macht mir keinen Spaß. Elendige Zeitfresser.
Im Blick auf meine Kartons und Sachen, erkenne ich das Tetris, das Puzzle-Spiel in meiner Wohnung. Manchmal ist es halt so, da machen die Spiele keinen Spaß. Elendige Zeitfresser.

2 Kommentare:

Madse hat gesagt…

Mir gefällts sehr. Jetz muss ich nur dranbleiben, damit ich die ganzen Verzahnungen mitbekomme...

Träger des Lichts hat gesagt…

Jay, die Prospekte der Restaurants im Kühlschrank aufzubewahren, ist mein Favorit. Das mache ich ab heute auch :-)
Sehr schön geschrieben.
Ich wünsche dir schon mal einen guten Rutsch, mein Guter.