Dieser eine Satz

Ich wollte immer einen Text über meine Heimat schreiben. Doch das Einzige was mir dann einfällt, ist dieser eine Satz meines Großvaters.

Mein Großvater. Ich erinnere mich nicht an Vieles mit ihm. Den größeren Teil meines Lebens war er schon nicht mehr bei uns. So manches schwebt nebelhaft in meinem Gedächtnis, aber kaum etwas ist greifbar. Es besteht eher ein dunstiges Gefühl. Aber in mitten dieser Gefühlswolke ist ein Raum, ebenfalls nebelhaft.

Allerdings von der Pfeife meines Opas, die auf der anderen Sessellehne lag. Ich konnte sie von meiner Sessellehne aus gut sehen. Mein Opa hatte abwechselnd den bauschigen Tabak und mein bauschiges Haar in den Händen, während ich beauftragt war seine Fernbedienung zu verwalten.

Wir sahen dann immer Fußball. Er im Fernsehen und ich aus dem Mund meines Großvaters. Ich blickte nie zum Bildschirm, meine Augen hatten sich tief in seine Worte vergraben, so wie er sich sein Leben lang in die Kohlenstollen grub. Von Tradition und Arbeit erzählte er mir. Zwei Dinge von denen ich weiter nicht weg sein konnte als Kind, die ich aber tief in mir aufnahm. Er war mein Held, mein Vorarbeiter und seine Worte zeigten mir die Richtung.


Es ging niemals darum, ob Schalke gewonnen hatte, niemals darum wer der beste Spieler war. Wenn alle bis zum Ende kämpften und sich für ihre Sache auch schmutzig machten, dann brauchte sich auch niemand zu schämen. Er applaudierte auch bei den herbsten Niederlagen stolz vor dem Fernseher, wenn die Jungs sich nur ordentlich eingesaut hatten. Wer sich auf niedrigster Sohle reinhing, der hatte keinen Grund den Kopf hängen zu lassen. Sowieso, wer in der Tiefe arbeitete, hatte immer guten Grund seinen Blick nach oben zu richten.

Aber alle diese Weisheiten höre ich in meinem Gedächtnis in meiner Stimme, nicht in seiner Stimme, egal wie hart ich versuche mich zu erinnern. Das Einzige was mir dann einfällt, ist dieser eine Satz meines Großvaters:
"Die Herzen hier sind aus Kohle: Schmutzig, aber leicht zu entfachen."

Meiner Großmutter war ein längeres Leben beschert. Aber auch wenn ich viel mehr Gelegenheit hatte mir sie einzuprägen, waren es doch nur wieder die Worte und Geschichten, die geblieben sind. Doch sie hat mir keinen Ort in mein Gedächtnis gebaut, sondern viel eher eine Zeit. So erinnere ich mich kaum, wie ich in ihrem Wohnzimmer saß und dafür um so lebhafter wie sie die letzten Tage des zweiten Weltkrieges verlebte. Mit mir an ihrer Seite.

Die Bürde so vieler Geheimnisse tragend, brach sie nie zusammen, um das Leben zu schützen, was sie in die Welt getragen hatte. Mit harter Arbeit und Aufgaben, wie sie einer Frau ihrer Zeit nicht zu standen, ernährte sie das Kind, das zu Zeiten des Krieges ihr einziges lebendes Andenken an ihren Mann war. Ihren Mann, der nie da war. Vor dem Krieg als Kutscher unterwegs, dann als Soldat und später in der Zeche. Und so musste ihr Junge ihr all die Liebe geben die sie brauchte um zu Überleben und all die Zuneigung nehmen die sie unter der Schreckensherrschaft ihrer Zeit zu geben fähig war, damit diese auch nicht nur einen Moment den falschen Verlockungen des Führers zu kam.

Ihr Junge - und beim Erzählen presste sie meine Hand zunehmend fester zusammen - der ihr half alle diese Geheimnisse zu tragen, die vielleicht im Stande waren Leben zu retten. Ihr Junge - und dann hielt sie oft sein Foto neben mein Gesicht - der ihr half an die Rückkehr ihres Mannes zu glauben, obwohl dieser in der Wehrmacht kämpfte und verbergen musste, dass er polnischer Sohn jüdischer Vorfahren war. Ihr Junge - und dann weinte sie immer ganz bitterlich - der ihr erster war und auch der erste, den sie beerdigen musste.

Ihr Junge, der in meinen Gedächtnis noch weiter lebt, mit ihrer Stimme, auch wenn ich ihn niemals traf. Aber das Feuer, das im Herzen meiner Großmutter für ihn brannte, war schon immer groß genug für Zwei. Es war aber nie groß genug, die Schuld für die schrecklichen Verbrechen ihrer Zeit  und für das Schweigen im falschen Moment aus der Erinnerung zu brennen. Das Einzige was mir dann einfällt, ist dieser Satz meines Großvaters:
"Die Herzen hier sind aus Kohle: Schmutzig, aber leicht zu entfachen."

Als ich dann meine Mutter fragte, was denn Heimat bedeutete, da erzählte sie gerne, denn sie sprach gerne von sich. Und ich hörte zu, wie sie erzählte und erzählte. Und sie sprach nur von Arbeit und ich hörte zu. Ich hörte zu und sie erzählte und als ich nicht mehr zuhörte, erzählte sie immer noch. Ich aber erarbeitete, dass ihre Heimat niemals ein Ort war, sondern ihre Heimat ihre Arbeit war. Und diese Heimat musste sie sich hart erarbeiten.

Denn arbeiten durften Frauen in ihrer Heimat, ihrer Familie, nicht. Ihr Vater, der Arbeiter - der mich doch immer auf dem Sessel unterrichtete - versuchte die Emanzipation aus ihr heraus zu prügeln. Und ihre Mutter, die Arbeiterin - die in seiner Abwesenheit nichts anderes getan hatte, als seine Tochter jetzt wollte, tat das Einzige was sie im Angesicht von Gewalt gewohnt war und schwieg. Doch meine Mutter arbeitete.

Sie erarbeitete sich ihre Ausbildung, sie arbeitete gegen alle Widerstände und arbeitete um eine neue Heimat zu finden. Einmal längs durch Deutschland und wieder zurück. Eine Scheiß-Ehe hin und eine gute zurück. Eine alte Welt hin und eine neue zurück. Von den eigenen Eltern weg und zum eigenen Kind zurück. Einmal das ganze Leid hin und das ganze Vergeben zurück.

Und als ich dann meine Mutter fragte, was denn Heimat bedeutete, da erzählte sie mir immer gerne, was alles nicht eine Heimat war, denn sie sprach nicht gerne wirklich über sich. Aber dann lächelte sie immer, weil sie ihren Erinnerungen vergeben hatte, auch wenn sie davon erzählte, wie sie geschlagen und verraten wurde.  Das Einzige was mir dann einfällt, ist dieser Satz meines Großvaters:
"Die Herzen hier sind aus Kohle: Schmutzig, aber leicht zu entfachen."

Als ich mich fragte, was Heimat ist, war das Einzige was mir einfiel, dieser Satz meines Großvaters. Ich habe hier gespielt, gelernt, gestohlen, getanzt, getrunken. Gearbeitet, gekämpft, gelebt, geliebt und bin oft genug zu Boden gegangen, um mich von unterster Sohle wieder hinauf zu kämpfen. Ich hatte Blut an den Händen und Dreck im Gesicht. Ich habe hier Familie beerdigt, habe Freunde verabschiedet und genug Menschen gehen sehen und viel zu wenige zurückkehren.
Was habe ich geschrien und gestritten, wenn es einer wagte, meine Stadt hässlich und grau zu nennen. Was habe ich mich geschlagen und verletzt, für dieses Stück Boden, das ich meine Heimat nenne, bis ich endlich begriffen hatte, dass es nie der Ort war, sondern die Menschen die darauf leben. Die Menschen, die logen, betrogen, stritten, kämpften, litten, klauten und auch wenn sie vielleicht nicht alle ihr Herz am richtigen Fleck hatten, nie etwas ohne Leidenschaft taten.

Ich wollte immer einen Text über meine Heimat schreiben. Doch das Einzige was mir dann einfällt, ist dieser eine Satz:
"Die Herzen hier sind aus Kohle: Schmutzig, aber leicht zu entfachen."


Kommentare

  1. Schöner Text! Einen solchen tatsächlich über die Heimat zu schreiben, ist schon ein kleines Kunststück. Letztlich trägt man sie, wie du ja selbst quasi sagst, im Herzen und in der Erinnerung an jene, die diese Heimat mit einem teilten. Eine Beschreibung dessen, wie es irgendwo mal war, kann dem nicht gerecht werden.

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    1. Danke sehr.
      Der Text liegt mir auch sehr am Herzen, dass habe ich gemerkt, als ich ihn auch letzte Woche auf einer Lesung zur Premiere gebracht habe. Freut mich aber sehr, dass er gefällt.
      Und dann auch jemandem, der eben nicht aus dem Ruhrpott kommt. ;)

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    2. Ich war tatsächlich ein paar mal im Pott zu Besuch und fand die Gegend eigentlich sehr, sehr schrecklich. So ist es, wenn man emotional absolut keine Bindung hat und einfach vom Ersteindruck ausgeht. Daher sag ich ja, so was lässt sich kaum anders rüberbringen als so, wie du's getan hast.

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  2. Christian15.9.14

    Ein wirklich toller Text, der mich sehr berührt hat als ich ihn gestern im Radio gehört habe. Du hast ihn auch toll gelesen. Danke schön!

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    1. Danke! Ich freue mich so unglaublich, dass der Text so gut angekommen ist.

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  3. Ein wunderschöner Text über die Heimat. Uns verbindet die Kohle und das Pfeiferauchen unseres Großvaters. Spannend, an was man sich so erinnert. Auch jetzt tauchen ein paar Eindrücke aus der Vergangenheit auf: die rauhen Hände meiner Großmutter, wenn sie mir tröstend über den Kopf gestrichen hat.

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    1. Danke! Erinnern ist so unglaublich wichtig.

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  4. alle herzen und sterne die ich vergeben kann an dich für diesen text

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  5. -Ich trau mich langsam mehr an Texte anderer ran. Muss keiner verstehen, aber für mich bedeutet das, ich werde mir meinen eigenen Sachen bewusster. Metaebene Ende.-
    Jedenfalls freut mich das, denn ich mag diese Worte hier sehr und bin gerade ein wenig glücklich, dass ich sie nachlesen kann so oft und wie und wo ich will. Videos sind noch ein Step zu weit, aber das ist super. Der Text ist super. Diese Menschen mit den Kohleherzen sind super. Ich brenne gerade einbisschen; das ist mein Eingeständnis an "Dieser eine Satz".

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    1. Ehrlich gesagt finde ich, auf der Bühne funktioniert dieser Text noch besser. Aber da ist es irgendwie halt auch ein anderer Text.

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  6. Mit Texten auf die Bühne gehen bedeutet mMn mit Texten arbeiten. Wären diese dann nicht anders, kann an Zweck und Wirkung der Arbeit gezweifelt werden.
    Mir gefällt er als gesprochenes Wort auch besser.

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