Eigentlich sollte das hier nur eine Buchrezension werden


"Die Gemeinschaft von heute umfasst den ganzen Planeten, nicht einzelne Völker, und deshalb würde das Schema nach außen projizierter Aggression, das einst die Gruppe nach innen intergrierte, heute nur noch Selbstzerfleischung bedeuten. Die Idee der Nation, mit Flagge als Totem, bläht heute das infantile Ich eher auf, als dass sie es zergehen ließe. Ihre Pseudorituale auf den Paradeplätzen dienen den Interessen des Haltefest, des tyranischem Drachens, nicht dem Gott, in dem der Egoismus sich auflöst (...)"
Ratespiel: Wann wurde das wohl geschrieben?

Und bis zur Aufklärung möchte ich euch erklären, was Joseph Campbell da eigentlich gesagt hat, da dieses Zitat außerhalb des gesamten Zusammenhangs vielleicht doch etwas schwierig ein zu ordnen ist. Campbell war ein Mythologe und beschäftigte sich stark mit dem Vergleich von Religionen, Glaubenssysteme und mythologischen Erzählungen.
Seiner These geht vor weg, dass der Mensch die Entwicklung zum starken Individuum durchgeht und sich von den tradierten Werten entfernt, welche die Gemeinschaft dem Individuum vorgeordnet haben. Was, gemessen an vielen aktuellen Entwicklungen und Diskussionen ja zweifelsfrei der Fall ist und ja auch sinnvoll ist. Denn äußere Bedrohungen (Wilde Tiere, Abhängigkeit vom Wetter etc.) ehemaliger Kleingruppen wie Stämme, verlieren immer mehr an Bedeutung, während sich die Probleme und Aufgaben der Menschheit zunehmend globalisieren. Wenn jetzt aber die alten Bedrohungen geistig aufrecht gehalten werden, während die wahren Bedrohungen sich globalisieren, riskieren wir - Festgehalten an Gedanken der Rasse und Nation - uns selbst, als Menschheit, zu zerfleischen.


Viel deutlicher und auch bitterer als in den letzten Tagen kann sich der Beweis seiner These kaum zeigen. Das Aufpreschen von Gruppen die gegen die schleichende gefühlte Islamisierung des Abendlandes stehen, deren Gegner, Gegner der Rede- und Presse-Freiheit, Gruppen die für eine radikalere Durchsetzung von Glaubensbekenntnissen sind und von all diesen Gruppen gibt es nochmal ebenfalls Gegengruppierungen.
Und dann zeigt sich die Ekelhaftigkeit all dieser Konflikte in der tragischsten Zuspitzung: Es müssen Menschen sterben.

1949 hat Joseph Campbell sein Buch "Der Heros in tausend Gestalten" veröffentlicht. Eine Untersuchung darüber, wie wir Menschen Geschichten erzählen und die ungeheuerliche These, dass alle Geschichten und Mythen - Und somit auch die Weltreligionen - in ihrem Kern gleich sind, da sie sich alle der Reise des Helden bedienen.

Wegen der Reise des Helden war ich - Als Geschichtenerzähler - überhaupt an das Buch geraten. Ein sehr lehrreiches Video von Glove and Boots hatte mich dazu gebracht. Aber auf dem Weg über die Reise des Helden musste ich erkennen, dass Campbell hier eine sehr spannende Ansicht vertritt und damit etwas schafft, was gemessen an modernen medialen Darstellungen und zum Teil auch kulturellen Lehren unmöglich scheint: Das vereinende Element zwischen allen Weltreligionen. Es geht sogar noch darüber hinaus, denn dieses vereinende Element beinhalten auch Geschichten, die nicht religiös sind, ja sogar Traumdeutungen hat er analysiert und darauf zurückführen können. Im Endeffekt also alle Geschichten unserer Welt.

Auf meiner persönlichen Reise in diesem Buch, habe ich aber plötzlich nicht etwas übers Erzählen von Geschichten gelernt, sondern auch über die Natur der Menschen. Nie zuvor wurde mir in solcher Klarheit unsere Weltbevölkerung in ihren Sorgen und Hoffnungen aufgeschlüsselt. Natürlich bin ich jetzt nicht allwissend, aber ich tue mich schwer einen Abschnitt in Campbells Buch zu finden, der mir zum einen nicht perfekt schlüssig erscheint und zum anderen nicht die Hinführung zu einem gemeinschaftlichen Frieden aufzeigt.

Und nach etwa 400 Seiten Analyse, stellt Campbell eine Prognose für seine Zukunft - Unsere Gegenwart - auf, aus der auch das obere Zitat stammt und trifft damit so unangenehm präzise, was gerade auf unseren Schlachtplätzen abgehalten wird, im Gegensatz zur Entwicklung zur gemeinsamen Großgemeinschaft. Er warnt vor der Rückentwicklung zu den alten Werten und zeigt klar an, was wir gemeinsam haben:
"Eines aber können wir wissen, dass nämlich die neuen Symbole, wenn sie auftauchen, in den verschiedenen Teilen des Globus nicht gleich sein werden, weil sie, wenn sie wirksam sein sollen, die lokalen Bedingungen der Rasse, Tradition und Lebensform in sich aufnehmen müssen. Deshalb ist es vonnöten, dass die Menschen einsehen, dass durch verschiedene Symbole die gleiche Erlösung sich offenbart."
Die gleiche Erlösung. Auch das bleibt nicht die einzige Antwort, die Campbell auf viele Fragen gibt, aber es ist eine Antwort auf eine Frage, wie wir es schaffen können, mit den fremden Kulturen zu verbleiben, an denen wir uns stoßen. Egal ob es nun Muslime, Hipster, Rapper, Christen, Politiker oder Wasauchimmers sind, sollten wir uns doch darauf berufen, dass unsere grundlegensten Ansprüche als Menschen die gleichen sind. Sicherheit, Nahrung, Liebe, Erfüllung und Erlösung. Egal welche Namen wir den verschiedenen Figuren unserer daran geknüpften Geschichten und Träume geben. Die Worte wechseln, aber die Inhalte sind gleich.

Es gibt natürlich für keine Situation eine monokausale Lösung, schon gar nicht für die schwierigen aufgebrachten Zeiten, in denen wir aktuell leben, aber vielleicht würde es schon ein wenig helfen, wenn mehr Menschen wüssten, was Campbell hier geschaffen und bewiesen hat. Es wirkt natürlich immer polemisch so etwas zu sagen, aber vielleicht hat der gute Mann, hier eines der wichtigsten Bücher überhaupt geschrieben.

Ich bin selbst seit inzwischen Siebzehn Jahren ehrenamtlich in einem politischen Jugendverband unterwegs, der mich mit so vielen Büchern, Schriften und guten wichtigen Gedanken zusammengebracht hat, aber keiner davon hatte einen so vereinenden Charakter, wie Campbells Worte.

1949. Joseph Campbell musste sich schon mit anschauen, was in einer modernen Welt passiert, wenn Wertesysteme aufeinander gestoßen werden. Er war Zeitzeuge, was passiert, wenn eine Nation als äußere Bedrohung eine andere Menschengruppe definiert. Seine Arbeit ist in der Zeit entstanden, als 6 Millionen Menschen systematisch getötet wurden, weil verhindert wurde, die Menschen - in verschiedenen Geschichten und Traditionen - zueinander finden zu lassen.

Jeder von uns ist jetzt selber verantwortlich, diese vereinende Elemente wieder zu finden und zu beleben. Mit Campbells Worten:
"Der moderne Held, der Mensch von heute, der es auf sich nimmt, dem Ruf zu folgen und die Stätte jener [göttlichen] Kraft zu suchen, mit der allein unser ganzes Geschick gestillt werden kann, kann und darf nicht warten darauf, dass die Gesellschaft ihren Pfuhl von Hochmut, Furcht, heuchlerischem Geiz und verstellter Feindseligkeit bereinigt. (...) Nicht die Gesellschaft hat den schöpferischen Heros zu lenken und zu erretten, sondern er sie."

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