Rezension: Ms. Marvel




Normalerweise wird ja so eine Rezension direkt mit Hintergrundinformationen zugeschmissen. Wer ist die Autorin, wie alt ist sie, wo wurde sie geboren, wie trinkt sie ihren Kaffee und was hat das alles am Ende mit der Geschichte zu tun. Spoilerwarnung: Oft nicht genug. Zugegeben, manchmal schon, aber vielleicht sollte einfach mal die Geschichte für sich stehen ohne dieser ganzen Umfeldbewertung.

Die Geschichte von Kamala Khan ist leicht erzählt, auch wenn sie nicht leicht für sie zu tragen ist. Sie ist Tochter strenger muslimischer Eltern in Jersey City in Amerika. Amerika, das eben nicht so wirklich auch muslimischen Werten aufgebaut ist und deshalb schon genug Reibungspunkte mit ihrer Kultur hat. Vor allem, weil Kamala gar nicht mal so konservativ und streng dem Glauben folgt, wie ihre Familie es sich vielleicht wünschen würde.

Einem Glauben folgt sie aber sehr stark und das ist der Glaube an Superhelden. Vor allem die Avengers haben es ihr angetan und so sitzt sie lieber an ihren Fanfictions, als über religiösen Schriften oder auch ihren Schulbüchern. Muslima und Nerd, beides nicht perfekte Voraussetzungen um an der High School Punkte im sozialen Ansehen zu machen und tatsächlich kommt sie maximal zur anerkannten Aussenseiterin. Ein Zustand, der ihr nicht so ganz gefällt. Denn irgendwie will sie normal sein. Oder besonders. Auf jeden Fall dazu gehören. Irgendwo zu. Hauptsache nicht mehr zwischen allen Stühlen stehen.

Und deshalb schleicht sie sich auch im Frust irgendwann auf eine Party ihrer Mitschüler, riskiert das gute Verhältnis zu ihrer Familie, nur um dort von den Mitschülern - die sie alkoholisieren wollen - enttäuscht zu sein. Als sie vollkommen desillusioniert abzieht, holt der scheinbare Alkoholkonsum und ihre einzige Sicherheit sie wieder ein. In einem Ohnmachtstraum erscheinen Kamala Iron Man und Captain Amerika, die muslimische Glaubensverse zitieren, in Begleitung von "Captain Marvel" Carol Danvers. Als diese Kamala fragt, was sie sich denn wünschen würde, will Kamala auch wie ihre Heldin sein.
"Aber in dem sexistischen Kostüm mit den hohen Stiefeln."
Kamala zu Carol Danvers
Der wenig überraschende Twist: Tatsächlich bekommt Kamala Kräfte und wird sofort in die Situation gebracht, Gutes tun zu müssen. Ausgerechnet eine ungeliebte Mitschülerin rettet sie vor dem Ertrinken. Kamala, die selbst noch gar nicht so recht weiß, was da jetzt mit ihr und den Kräften so abgeht, wird aber nicht erkannt. Alle glauben, dass Captain Marvel zurück ist. Ist sie aber nicht. Ms Marvel ist ab jetzt da.

Die neue Comicreihe und Neuerfindung einer der dienstältesten Marvelheldinnen gefällt sehr gut. Zum Einen wegen den herrlichen gesellschaftlichen Reibungspunkten, die sich alle ganz stark auf Kamalas Rücken abspielen, die aber erfreulich menschlich damit umgeht. Zum anderen, weil Kamala halt auch einfach sehr menschlich damit umgeht. Sie ist angenehm unsicher, naiv, aber auch unverbraucht in ihren Ansichten, gerade weil sie zwischen Moderne und Religion so stark geprägt wurde. Schon in dieser Vorzeichnung zeigt sich eine moderne junge Frau. Nicht, dass es die unter den Marvelhelden nicht schon recht häufig gibt, aber eine Heldin mit muslimischen Hintergrund erweitert hier deutlich und erfreulich den Horizont.

Auch, weil es die perfekte Gelegenheit ist, zusammen mit den Figuren im Comic, diverse Vorurteile in alle Richtungen zu überprüfen. Bestimmt nicht Kernziel des Heftes, welches auch einfach eine gute Superheldengeschichte erzählen möchte, aber garantiert ein positiver Nebeneffekt. Gerade wenn ich unsere aktuelle Medienlandschaft anschaue, ist Ms. Marvel ein erfrischender Kontrast zum täglichen Bashing/Missverständnis des Islam.

Nicht so toll: 
Das größte Manko der deutschsprachigen Veröffentlichung: Die Geschichte lässt einen nicht mit einem heißen Cliffhanger, sondern eher einem offenen Ende in der Luft hängen. Die Neugierde ist zwar geweckt, wird aber nicht so hart angefüttert, wie ich es bei einer neuen Heldin erwartet hätte.

Möglicher Streitpunkt: 
Der zeichnerische Stil ist eigentlich sehr toll und ansprechend, sofern ich das als Laie beurteilen kann, allerdings wird in manchen Szenen für einen komischen Effekt auf eine sehr simple Darstellung der Gesichter gewechselt, die schon fast an Emojis erinnert. Ich empfand das im jugendlichen Figurenumfeld passend, aber ich könnte auch gut verstehen, wenn dieser Stil als Bequemlichkeit abgetan wird.

Wer sollte Ms. Marvel lesen?
Natürlich hilft es, wenn Mensch schon Interesse an Superhelden-Geschichten hat. Denn wer eine feinsinnige Kulturstudie haben möchte, wird hier nicht fündig. Wer aber ein neues frisches Gesicht im Marvel-Universum kennenlernen möchte und Lust auf einen intelligenten Twist zur gewohnten Heldengeschichte hat, kann bei Ms. Marvel vielleicht sogar eine neue Favoritin finden.


Wie ihr sicher gemerkt habt, ist das eine duale Rezension. Es gibt sie einmal als Text und einmal als Audiodatei. Beide Versionen sind nicht zu 100% identisch, tragen aber den selben Inhalt. So könnt ihr aber selbst entscheiden, wie ihr die Rezension am liebsten zu euch nehmen wollt.
Diese erste Aufnahme ist alles andere als perfekt, aber seht es als Experiment. Sollten euch die Audio-Podcast-Rezensionen gefallen, wird es diese in Zukunft häufiger geben. Dann auch mit weniger "Ähms" und "Öhms" und "Unds".

Kommentare

  1. Muss gestehen, dass das die erste Comic-Rezension von dir ist, die ich lese. Gefällt mir. Mache unter http://comicstation.de auch sowas. Da könnten wir auch mal was gemeinsam machen. :-) Ms. Marvel ist als Teil des MCU bestätigt, bin gespannt was das gibt.

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    1. Ich lese auch sehr unregelmäßig Comics, bin mehr so der Impulskäufer. Aber wir können gerne mal was zusammen machen!
      Deine Comicstation war mir sogar auch schon bekannt. ;)

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