Rezension: Marshall Rosenberg - Konflikte lösen durch gewaltfreie Kommunikation

Quelle: Selbstgebastelt
beim Memegenerator.net
Wäre dies ein Vortrag, würde ich euch jetzt zu erst fragen, was ihr über Marshall Rosenbergs Buch wissen müsstet, damit ihr euch dafür interessiert. Nur leider ist dies hier bis zu der Stelle, an der ihr kommentieren könnt, erstmal eine sehr einseitige Kommunikation.

Was ist mein Bedürfnis?
Diese Frage ist ein zentraler Kern der Kommunikation nach Rosenberg, der sehr glaubhaft vermittelt, dass wir oft über unsere Gefühle reden, obwohl diese nur ein Ergebnis aus unseren Bedürfnissen sind und wir somit nur an der Oberfläche kratzen.

Klingt sperrig und komplex, aber ich bin hier mal einer prominenten Fernsehwerbung dankbar, für ein perfektes Beispiel. Denn wenn in der Snickers-Werbung Liz Tyler rumzickt, dann ist das ihre Emotion. Aber das Bedürfnis ist halt nicht rumzuzicken, was wir nämlich nicht von Natur aus in die Wiege gelegt bekommen haben, sondern das Bedürfnis ist: der Hunger. Das ist jetzt noch nicht so spektakulär als Erkenntnis, aber eine gute Grundlage um zu verstehen.

Denn Bedürfnisse haben wir immer. Ab dem Moment, an dem wir aktiv am Leben teilnehmen, gibt es Antriebe in uns, die uns zu Gefühlen und Handlungen bringen. Hunger, Anerkennung, Pflege, Durst, Zärtlichkeit, sozialer Kontakt, Ruhe. Ironischerweise sind direkt von Anfang an unsere Möglichkeiten Unmut auszudrücken, wenn diese Bedürfnisse nicht erfüllt sind, ziemlich dünn: Schreien. Sind die Bedürfnisse erfüllt, können schon Babies nicht verstecken, dass sie glücklich sind.

Es kommt im Erwachsenalter des Menschen nicht so richtig viel an Bedürfnissen dazu. Zärtlichkeit bekommt eine zusätzliche sexuelle Ebene, aber so richtig viel spektakulärer wird es nicht. Leider erhöht sich aber die Zahl unserer Ausdrucksmöglichkeiten und Strategien unseren Unmut über unerfüllte Bedürfnisse zu äußern. Ja, ein dickes, fettes Leider.

Als Kind musste ein Mensch nur auf eine unserer Emotionen eingehen, um unser Bedürfnis zu befriedigen, heute sind die Möglichkeiten so vielfältig, so dass wir raten müssen, welche Emotion jetzt gerade mit welchem Bedürfnis verknüpft ist.

Und so stehen Partner regelmäßig im gefühlten Regen, weil ihnen mitgeteilt wird, dass sie nicht romantisch genug sind oder weil sie sich auch mal beteiligen könnten und Mensch weiß nicht, was er tun kann. Dabei sind der Wunsch nach Romantik und Teilnahme nur die Symptome die wir behandeln und nicht die Wurzel.

Eine Teilnehmerin in einem Workshop hat mich auf Rosenberg gebracht. Eins dieser Hippie-Mädchen mit Dreads und Batik-Shirt, mit veganem Brotaufstrich und anderem Weltverbessererkram. Damals war ich nur neugierig auf das Buch, weil ich mich für einen sehr fairen und "gewaltfreien" Gesprächspartner gehalten habe.  
Und ähnlich wie ich diese Hippie-Leute belächele, war ich auch in Rosenbergs Buch schnell an dem Punkt, wo ich es lachend weggelegt habe. "Ja, ja. Träum du dir mal eine schöne Welt, aber so redet ja keiner. So kann das ja nicht funktionieren! "

Ich bin froh, dass dieses Sachbuch als Interview geführt ist. Die Journalistin, welche das Interview führt, hatte die selben Vorurteile wie ich und stellte die richtigen wichtigen Fragen. Und mit jedem Beispiel dämmerte mir, dass es zumindest mal einen Versuch wert wäre.

Freunde, Bekannte, Mitschüler um mich herum lächeln, vielleicht aus Verzweiflung, Verlegenheit oder weil Wiederholungen den komischen Effekt stärken, jedes mal wenn ich wieder Rosenberg erwähne und frage "Was ist dein Bedürfnis?"
Und sie nehmen mich nicht ganz ernst. Aber wenn sie mir aus Höflichkeit trotzdem antworten, führen wir schnell ganz andere Gespräche als ich sonst führen würde, die sich auch anders anfühlen. Ob sich was verändert? Das müssten die anderen beantworten.


Aber, doch. Ja. Die Frage "Was ist dein Bedürfnis?" ist nämlich auch eine verdammt gute, um sie sich selbst zu stellen (Auch wenn mensch sich nicht traut sie anderen zu stellen), denn das bringt in Kontakt mit dem Innenleben. Heute erscheinen Magazine wie die "Flow", die Achtsamkeit lehren. Ein moderner Begriff, der so schwer nach Hipster-Subkultur klingt, aber einfach die Pflege der eigenen Seelenwelt meint. Und die Menschen um mich, die sich mit Achtsamkeit auseinandersetzen, federn mir zurück, dass ich gerade sehr viel über Achtsamkeit weiß, ohne auch nur einen Artikel aus diesen Magazinen gelesen zu haben.

Aber inzwischen kann ich das etwas besser. Wenn ich gefragt werde, ob ich genervt bin, kann ich sagen, dass das nur die Emotion ist, aber mein Bedürfnis gerade Ruhe ist. Sauer werde ich nicht mehr, weil ich Mitmenschen mitteile, dass ich gerade ein Bedürfnis nach Akzeptanz habe. Und die Leute, die mir neulich beim Aufbauen von Möbeln Gesellschaft leisten sollten, ohne zu helfen, waren erst verwirrt, aber dann hatten wir tolle Abende, an denen wir kaum miteinander gesprochen, dafür aber unser Bedürfnis nach sozialem Kontakt gestillt hatten. Und spätestens hier hat Rosenberg entweder sein Batik-Shirt ausgezogen oder ich meines angezogen. Der naive Idealist hat ihn verlassen- oder mich betreten.

Mein Bedürfnis ist Anerkennung zu bekommen für meine Leistung das Buch zu lesen, zu erfassen und euch zu präsentieren. Ich würde es als erfüllt empfinden, wenn ihr auch neugierig werdet, Fragen stellt und es mir einfach sagt, wenn ihr diese Leistung anerkennen könnt. Ich bin dankbar, dass ihr eure wertvolle Zeit für meine Rezension verwendet habt.

Kommentare

  1. Ich sehe eine persönliche Rezension inkl. Ausblick auf die tragenden Säulen der Gewaltfreien Kommunikation.
    Ich fühle mich gut damit zu wissen, dass ich nun Leute auf diese aufmerksam machen kann, wenn ich mal wieder wünsche andere besser zu verstehen und mich mitteilen zu können.
    Das gute Gefühl kommt aus der gegebenen Sicherheit durch diesen Artikel.
    Ich wünsche mir, dass du erkennen kannst, dass ich damit deine Leistung anerkenne, weil es mir ein Bedürfnis ist das Leben anderer zu bereichern. Ich bin dankbar dafür, dass du meins mit der Empfehlung Rosenbergs bereits bereichert hast.

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    1. Sehr gerne. Ich wandele mich auch im Moment zum Missionar der Rosenberg'schen Schule, aber auch nur, weil ich seine Methodiken spannend und funktional finde. Überzeugt mich alles sehr stark. Ich empfehle jeden Test!

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