Kurzgeschichte: Und trotzdem

Jay Nightwind | 23.01.17 | / |
Als wir den LIDL am Berthold-Beitz-Boulevard verlassen, knattert die S-Bahn auf der Bahntrasse vorbei. Ansonsten ist es recht ruhig, so weit das an zwei kreuzenden Hauptstraßen möglich ist. Nur die anliegende Baustelle tut es uns Beiden gleich und schweigt.

Wir laufen die Straße entlang und ignorieren die Bahnunterführung. Wir haben vor Kurzem bemerkt, dass es kürzer ist, durch den West Bahnhof zu laufen, um zu uns zu kommen. Etwas versteckt führt ein Weg unterhalb der Bahntrasse entlang, ein Stück hinter dem Fussballplatz.

Bis wir dort einbiegen, sind es fünf oder sechs Züge, die auf der breiten Bahntrasse den Einlauf zum Hauptbahnhof starten oder Richtung Mülheim verschwinden. Die Schnellen zischen dabei, die Regionalzüge pfeiffen, die S-Bahnen knattern und sogar ein Werkstattwagen rumpelt vorbei.

Die Häuser hier sind grau. Die Stadt steht häufig im Ruf grau zu sein, aber so schlimm ist es nicht. Sie ist vielleicht nicht sauber und auch nicht ordentlich, aber sie hat ihre Farben. Mehr, als die multiplizierten Klischess über Instagram, Tumblr und das Fernsehen zu lassen. Ausgerechnet in dieser Ecke ist sie aber Signalgrau. Ein grelles grau, das ekelig in den Augen brennt. Die Häuser sind aus Schwarz-Weiß-Fotos aufgeschichtet und werden von ihrer eigenen Trostlosigkeit zusammen gehalten.

"Hier würde ich wirklich nicht wohnen wollen.", sage ich. "Die Bahnen fahren dir quasi durch die Wohnung, das Haus sieht schrecklich aus. Wie alt diese Hütten wohl sind?" Meine Freundin betrachtet mich skeptisch und schaut dann zu den Häusern. "Und trotzdem hängen die Leute Blumenkästen raus" 

Kommentare:

  1. Ein interessantes neues Format. Für "schnell mal lesen" unterwegs perfekt ;)

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    1. Danke. Ist ein Zufallstreffer, die Geschichte war an der Stelle einfach fertig erzählt.

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  2. Ja, wenn ja schon einige Kommentare hier vorliegen, da kann ich mich ja auch wieder melden, sind die Geranien oben am Fenster symbolisch animiert oder sind die wirklich unterm Fenster so tief angebracht, unnatuerlich,pder?Beruht dieser Bericht auf wahre Begebenheit oder wurde sie zum Nachdenken so huebsch verfasst?

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    1. Die Blumen hängen tatsächlich genau so, wenn auch auf dem Foto ein anderes Haus zu sehen ist. Daher auch die Bildmanipulation auf die grauen Farben.

      Es gab vor ein paar Jahren einen Impuls in der Realität für diese Geschichte.

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  3. Ja,verstehe, die Farbe grau steht fuer Trostlosigkeit,Melancholie, fuer Trauer, Traurigkeit, die roten Geranien für Lebendigkeit, fuer Schoenheit, das Rot vielleicht fuer die Liebe, alles im Auge des jeweiligen Betrachters,des Betrachters,der an diesem Haus vorbeigeht,die Geranie selbst, wenn sie sprechen könnte, würde das graue Gebâude um seine Stabilität, seine Verantwortung fuer die dort wohnenden Menschen, die er nun mal trägt bewundern und weiss, dass ihr Blühen nur eine ganz kurze Zeit bei ihr verweilt, waehrend das graue Haus noch lange Jahre mit schoenen Blumen verziert ist,wenn das jetzt nicht wieder eine Fehlinterpretation in der Schule gewesen waere, aber wirklich, so kurz, wie ihre Geschichte auch im Moment erscheint,so grossartig kann sie sein,kommt immer auf die Zeit an, die man zum Nachdenken besitzt und auf die Gedanken, die wir uns beim Ansehen einer Geschichte in unserem Kopf, sagen wir mal spinnen, schoene nachdenkliche Geschichte,ist jetzt meine Meinung viel Spass noch beim Schreiben

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