Die Kleinigkeiten im Alltag

Jay Nightwind | 13.02.17 | / |

Es gibt immer eine kleine Verzögerung, bis der Ring grün leuchtet. Im Rahmen kleinerer Ticks habe ich mal die Sekunden gezählt, aber nachdem keine Regelmäßigkeit aufkam, bewahrheitete sich die ruhrgebietische Merkregel: "Is fettich, wenn fettich is." Wenn der kleine grüne Ring nicht leuchtet, dann ist die Tür der S-Bahn noch nicht so weit. Da hilft auch kein früheres Drücken, keine Ungeduld, kein Zählen von Sekunden. Es ist eine manchmal ein kleineres Ärgernis, häufig wie ein Spiel, bei dem es darum geht so früh wie möglich nach dem zufälligen Zeitpunkt den Knopf zu drücken, der die Tür dann freigibt.

Ein Spiel, dass daran krankt, dass mensch häufig eh nicht schnell aus der Bahn kommt, weil sich hinter den Türen des Buses, der Straßenbahn oder des Zuges nochmals Türen befinden, die aus anderen Personen bestehen. Merkregeln wie "Erst Austeigen lassen, dann einsteigen.", haben sich überholt. Der Weg des geringstens Widerstandes verliert seinen Stellenwert. Das ist ein kleineres Ärgernis, aber da komm ich mit klar. Als Mensch der gerne beobachtet - eine beliebte Berufskrankheit bei Kreativen - habe ich mich gefragt, warum die Menschen schon vor der Tür stehen. Eine vollständig unwissenschaftliche Studie:

Ich befinde mich in der S-Bahn, stehe vor der Tür. Da ich am nächsten daran bin und wir jeden Moment zum Stehen kommen, habe ich schon meinen Finger auf dem Knopf. Auf dem Bahnsteig stehen viele Menschen, als die S-Bahn ihr Fahrt verlangsamt, orientieren sie sich zu den Türen. Die S-Bahn steht, das grüne Licht leuchtet nicht. Durch die Scheibe in der Tür sehe ich die Leute, einer der Passagiere auf der anderen Seite registriert mich. Er steht außerhalb, schaut mich an und drückt den Knopf. Der grüne Ring leuchtet nicht.

Dann erwische ich mich immer dabei, dass ich diese unangenehme Arroganz zeige. Diese, bei der mensch vorraussetzt, die anderen wären dumm. Aber ich schaffe es nicht, den Gedanken in diesen Momenten zu überbrücken. Nicht nur, dass die Personen außerhalb einen nicht aktiven Knopf drücken und sich dann wundern, dass nichts passiert, es ist ja auch so, dass es oft so wirkt, als trauten die Leute einem nicht zu, den Knopf selbst zu drücken. Was dann besonders ironisch ist, macht mensch sich bewußt, dass ich mich ja bereits in der Bahn befinde. Ich bin nicht an den Türen gescheitert, das Konzept eines Knopfes hat nicht meine Fantasie überstiegen. Sehr wohl aber die Fantasie derer, die vor der Bahn stehen. Die können sich nämlich nicht vorstellen, dass ich es auch schaffen kann die Bahn wieder zu verlassen. Besonders schön daran: Wollen sie in die Bahn rein, müssen ich und die anderen sie auch erstmal verlassen.

Es ist genau dieser lächerliche Kleinkram, der uns dann wütend macht, weil wir dem selben Szenario mit hoher Frequenz ausgesetzt werden, aber keinen Fortschritt, keine Veränderung sehen. So ist es zumindest bei mir. Besonders schlimm ist auch, dass mensch ja genau weiß, dass in den wenigen Sekunden Kontakt am Bahnhof auch keinen Lehrauftrag erfüllt bekommt. Manchmal überlege ich, wenn die Menschen vor der Tür stehen und mir den Ausgang blockieren, drinnen auch stehen zu bleiben, bis sie Draussen merken dass sie zur Seite müssen.

Es ist diese Arroganz, zu glauben zu wissen, dass wir es besser können und die anderen belehren müssten. Dies Arroganz, wissen zu können, was die anderen gerade motiviert. Warum setze ich denn eigentlich vorraus, dass nicht darußen auch das Spiel gespielt wird, den Knopf so schnell wie möglich zu drücken, wenn er aktiv wird? Es sind solche Kleinigkeiten im Alltag, die uns aufzeigen, dass wir uns eigentlich gerade über uns selbst ärgern. Über die Unveränderlichkeit von Dingen, dass wir eigentlich gerne Kontrolle über andere hätten, weil wir nicht offen genug sind, sie einfach zu akzeptieren. Weil wir glauben, dass sie unseren Zielen im Weg stehen. So ist es zwar für einen Moment, für unser Gefühl, aber am Ende schaffe ich es doch jedes Mal auszusteigen. Noch nie hat mir jemand erzählt, dass er/sie stundenlang weiterfahren musste, weil ja die Leute am Bahnsteig ihn/sie blockierten. Es wirkt wie der Wunsch nach dem Weg des geringsten Widerstandes, bei dem wir aber vergessen, das andere diesen Widerstand anders wahrnehmen.

Kommentare:

  1. Ja,das ist ein sehr nachdenklicher Text, den ich mehrmals gelesen habe, ich möchte eigentlich auch nichts hinzufügen,würde mir auch nicht zustehn,sind zuviele gefühlvolle Gedanken,mit einer ganzen Menge Zweifel,Vertrauen-Misstrauen, Enttäuschung,Sehnsucht,Hoffnung enthalten,ihre gefühlvollen Gedanken haben mich sie als Mensch zu 100 Prozent überzeugt,ich würde ihnen dss grüne Licht drücken, wenn es in meiner Macht läge, Frdl.Grüße und eine sorgenfreie Woche wünsche ich Ihnen

    AntwortenLöschen
  2. ich mag das Ende sehr gerne. Entsteht ein schöner Bogen :)

    AntwortenLöschen
  3. Letzt noch einen wunderschönen Spruch in ein Poesiealbum geschrieben, der Verfasser ist nicht bekannt. Jemand, der dich zum Lachen bringt und die Sterne vom Himmel dir singt, jemand, der dir den Regenbogen träumt, dieser Jemand ist ein wirklicher Freund.

    AntwortenLöschen
  4. Auch wenn das jetzt klugscheißern ist und nichts mit der Intention des Textes zu tun hat:

    Nicht das Drücken des Knopfes "gibt die Tür frei". Der Triebfahrzeugführer gibt die Tür frei, der Fahrgast öffnet diese dann ;-)
    Und das Zählen, bis der Ring grün leuchtet bringt schon alleine deswegen nichts, weil es auch immer vom Lokführer abhängt. Wie gesagt, er sorgt dafür, dass der grüne Ring erscheint

    AntwortenLöschen