Kurzgeschichte: Eine Lid(e)lsgeschichte

Sie ist ja schon süß. Ihre Haare glänzen im Licht der Neonröhren. Sie lächelt. Das blonde Mädchen, das etwa 10 Meter vor mir in der Schlange steht, gefällt mir auf den ersten Blick. Mir ist warm. Und meine Hände werden feucht, als mir der Schweiß aus den Poren tritt. Ich bin nervös, denn wenn ich sie gleich nicht anspreche, werde ich sie wohl nie wieder sehen. Und wenn es hier an Kasse 2 im Lidl am Essener Hauptbahnhof noch lange dauert, dann wird hier bald das Chaos ausbrechen und dann ist eh alles gelaufen. Der Laden ist voll. Die Schlange ist sehr lang und sie schlängelt sich um die Regale und aufsteller durch den halben Laden. Es ist hier immer so voll und noch nie habe ich mich auch nur annähernd darüber gefreut wie heute, der Tag an dem ich sie gesehen habe.

Sie schaut sich um. Schaut sich die Welt um sich herum gut an und sie wirkt sehr interessiert, an dem was um sie herum passiert. Mich hat sie noch nicht gesehen und ich versuche, auch nicht aufzufallen. Die Menschen um uns herum werden unruhig, verlangen nach der Öffnung einer weiteren Kasse. Es wäre die 10. sie Menschen drängeln und geben Unmutsäußerungen von sich.

Von dem Chaos um mich herum nehme ich gar nicht so viel war. Ich sehe nur sie. Wie sie wohl heißt? Wo sie wohl wohnt? Kommt sie hier aus der Nähe und macht sie gerade ihren Einkauf für diesen lauen Sommerabend oder ist sie nur auf der Durchreise und besorgt sich schnell einen Snack für zwischendurch? Neugierig versuche ich zu erkennen, was sie kauft und sehe die Flasche Pfeffi, die sie im Arm hält. Ah, sie hat auch Chips und Erdnüsse dabei. Vielleicht ist sie auf dem Weg zu einer Feier.

Ich wünsche mir gerade, ich wäre der Kassierer. Dann könnte ich sie einfach so nach ihrem Ausweis fragen und vielleicht einen Blick auf ihren Namen, ihr Alter und ihre Adresse werfen. "Hab einen schönen Abend, Julia!", denke ich. Vielleicht heißt sie ja Julia. Julia, der Platzhaltername einer ganzen Generation, denn irgendwie heißen fast alle Mädchen in meiner Generation Julia. Ich mag den Namen trotzdem. Er hat diesem romantischen Beigeschmack einer dramatischen Liebesgeschichte, die Hunderte von Jahren von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Nur noch fünf Meter, dann ist Julia an der Reihe, langsam schiebt sich die Schlange Stück für Stück nach vorne zur Kasse. Ich stelle mir vor, wie Julia und ihre beste Freundin Tabea sich heute im Stadtpark treffen, eine Runde spazieren gehen und sich dann genüsslich die Decke auf der Wiese ausbreiten und es sich bequem machen. Sie strecken die Beine aus, legen sich hin, schauen zum Himmel und unterhalten sich. Tabea erzählt begeistert von ihrem neuen Freund, den sie letzte Woche auf einer Party kennengelernt hat. Die beiden stoßen mit dem Pfeffi aufs Leben an.

Als ich ich wieder aus meiner Gedankenwelt erwache, verschwindet Julia gerade durch die Eingangstür nach draußen und ich schaue ihr verträumt nach.

Manuel ist seit einem Jahr als Slampoet auf den Bühnen NRWs unterwegs und lässt sonst auch keine Gelegenheit aus, seine Wortspiele/Wortwitze irgendwo unter zu bringen. 




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