Wenn Andy Strauß das Singen anfängt

Eine Review zu einem einmaligen Event.

Meistens gucke ich mir vorher nicht an, was auf dem Programm steht. Ich wusste, dass ich die Lesebühne LMBN sehen werde, im Konzerthaus Dortmund. LMBN sind Andy Strauß, Sebastian 23, Jan-Philipp Zymny, DJ Nachtfalke, Sulaiman Masomi und der Livepainter Artur Fast. Seit einer von mir nicht recherchierten Zahl Jahren zerflexen die Jungs mit Texten, Musik und dazu entstehenden Bildern diverse Städte und Bühnen, der Ruf der sehr guten Qualität eilt massiv voran. Da mir "LMBN anschauen" in meiner Sammlung fehlte und Neugier meine Lieblingsgier ist, saß ich also am 23.04.2018 im Konzerthaus und hatte nur eine grobe Ahnung, was da so auf mich zurollt.

Die Social-Media-Fast-Food-Plattform Instagram informierte mich per Stories, dass es ein Auftritt mit Orchester wird. Fuck! Ich weiß nichts über klassische Musik, nichts über Musik im allgemeinen und strenge seit Monaten immer wieder den selben Witz an: Ich weiß nicht mal, an welchem Ende mensch in die Gitarre reinpusten muss! Okay, ich musste ja nur zuhören und nicht mitspielen.

Trotzdem hatte ich Angst, dass ich möglicherweise nicht verstehe, wenn etwas sehr sehr toll ist. Ich hoffte auf die magische Kraft der Musik. Diesen Moment, wo einfach das transportierte Gefühl jede notwendige Vorkenntnis ersetzt. Das ist wie bei einem Wein: Manche erkennen feine Geschmackslagen, andere sind froh, wenn er ordentlich reinballert.

Nicht nur für mich sollte der Abend ein Experiment werden. Die Show unternahm den Versuch, Ibsens Geschichte des Peer Gynt zu erzählen. Und hier beginnt eine wundervoll verrückte Kette. "Peer Gynt" war als Gedicht geschrieben. Wurde zu einem Bühnenstück. Wurde von zwei Komponisten mit Musik bestückt. Einige der Stücke daraus wurden zum "Atemlos" ihrer Zeit. Jetzt beschloss mensch, auf diese Stücke die Poetry Slammer die Geschichte mit neuen Gedichten, Kurzgeschichten und Nummern neu zu erzählen. Zusammen mit einem digitalen Pixelschieber aus der absoluten Kunst-Champions-League. Wir sind gerade in einer so hohen Etage der Meta-Ebenen angekommen, dass ich von hier mein Haus sehen kann.

Jetzt kommen wir an dieser Stelle an, an der ich nicht so gut bin. Ein Journalist würde jetzt faktisch ein paar Ereignisse des Abends aufzählen. Klar, es gab Gedichte, einen Raptext und Andy Strauß hat - auch zu seiner eigenen Überraschung - sehr toll gesungen, aber so eine Aufzählung wird nicht der gesamten Breite des Ereignisses gerecht.
Nicht aus meiner Sicht, der von einem, der selbst seit vielen Jahren im Wortsport mitspielt. Für mich war es eine Inspiration, die Bestätigung, dass was wir da machen nicht nur eine sympathische studentische Subkultur ist, sondern es möglich ist, mit den Worten größte Kunst zu machen. "Hochkultur!" , würden sie silberhaarigen Hochkulturprofis mit Theaterabo sagen. "Die Essenz!", würde ich sagen. Gänsehaut beim Spiel des Orchesters, gelacht über das Spiel mit den Worten, gestaunt über die Kunst des Malers, gefeiert. Ich habe einfach alles gefeiert. Denn dafür gehen Menschen auf die Bühne, für dieses Spiel, für diesen Flow, für die volle Kraft der Kreativität.

Wisst ihr, was das Unfaire an dieser "Review" ist? Die Show war einmalig und auch so angelegt. Selbst wenn ich euch hier vorschwärme, werdet ihr euch keine zweite Vorstellung angucken können. Also, vielleicht doch. Angebot und Nachfrage gelten natürlich auch in der Kunst. Wenn also jetzt das Konzerthaus mit Anfragen geflutet wird, dann könntet ihr vielleicht Glück haben. Aber selbst wenn nicht, dann ist das hier nicht nur mein Aufruf, dringend zu LMBN zu gehen, sondern auch mein Wunsch, dass ihr offen und neugierig seid. Neugier ist ein fantastische Gier, folgt ihr. Zum Beispiel ins Konzerthaus, wenn ein Orchester, vier Slampoeten, ein DJ und ein Maler aufeinander treffen.

Kommentare

  1. Klingt fantastisch. Ich würde es mir gern angeguckt haben. Schade. Vielleicht eine andere LMBN.

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