Weshalb ich Videospiele mag: Erschließung neuer Themen


Lernprogramme gibt es gefühlt seit den ersten PCs

Videospiele sind nicht immer nur ein schnöder Zeitvertreib, bei dem Freundschaften kaputt gehen oder man tagelang vor dem Bildschirm versackt. Manchmal schaffen sie es auch, Interessengebiete zu wecken, die man vorher so gar nicht auf dem Schirm hatte. Im Folgenden möchte ich euch das generelle Phänomen, wie Videospiele mich einiges lernen ließen, sowie ein paar passende Beispiele dazu aufzählen.

Was will mir ein Spiel denn beibringen?


Viele kennen mit Sicherheit noch diverse Lernprogramme, die die Eltern einem damals so geschenkt haben. „Hier hast du ein Videospiel, mit dem du sogar Mathe lernen kannst!“. Danach verbrachte man ein paar Stunden in Addys Raumschiff oder ließ Peter Lustig erklären, wieso Bienen eigentlich wie ein BVB-Trikot aussehen. Ich habe die meiste Zeit mit Cookie, dem Kookaburra, verbracht. Ein australischer Vogel, der mir die englische Sprache vermitteln wollte. Das Ding an solchen Lernprogrammen ist allerdings, dass der Spielfaktor relativ gering ist. Klickt auf die Bilder, die in einer fremden Sprache beschrieben werden. Löst ein paar Matheaufgaben, um einen neuen Dialog freizuschalten oder schafft ein Minispiel, um einen Lernfilm zu bekommen. Bei allen Aufgaben ist aber sofort klar, dass es sich hier um eine Lernaufgabe handelt. Die anfänglich hohe Motivation sinkt bei solchen Lernprogrammen dann mit der Zeit sehr stark und es wird weniger als Spiel und mehr als zusätzliche Hausaufgabe aufgefasst.

Alternativ wird daher oft das Prinzip der Gamification genutzt. Alltägliche Prozesse werden mit Elementen aus Videospielen versetzt, um die Motivation hoch zu halten. Durch erfüllte Aufgaben erhält man Punkte und Belohnungen, verwandelt den Alltag also in ein Spiel. Solche Prozesse finden sich mittlerweile auch in einigen Videospielen, das wäre allerdings ein Thema für einen eigenen Blogbeitrag.

Addy wollte euch Mathe, Erdkunde und andere Späße beibringen.

Mehr als nur ein Spiel?


Worum es mir hier aber gehen soll, sind Spiele, die ihren Lernprozess so verstecken, dass er den Spielenden nicht deutlich bewusst wird. Videospiele sind dann gute Lernobjekte, wenn das Lernen beiläufig passiert. Nach ein paar Stunden beendet man eine Runde und weiß plötzlich mehr als vorher, hat neue Kompetenzen oder Fähigkeiten entwickelt. Es gibt mittlerweile einige Videospiele, die einen historischen Kontext aufgreifen oder ein Setting nutzen, welches sich um ein konkretes Thema dreht. Die Spieler*innen setzen sich so beiläufig mit einem Thema auseinander, während sie die augenscheinlich davon völlig losgelösten Aufgaben im Spiel angehen. So finden sich im übrigen auch diverse Lernkonzepte, wie man klassische Videospiele im Schulunterricht einsetzen kann. Wirtschaftssysteme können nach einer Runde Civilisation nachvollziehbarer erklärt werden, bei Minecraft baut eine Klasse ein eigenständiges Gesellschaftssystem auf oder Adventures werden zur Förderung literarischer Kompetenzen genutzt, um diese zu fördern, ohne Schüler*innen mit schwachen Lesekompetenzen auszugrenzen.

Ich liebe Videospiele eben genau dafür. Der spielerische Kontext bietet so viel Raum, so viele Möglichkeiten und stößt mich immer wieder auf neue Themen. Selbst wenn diese im Spiel nur bedingt behandelt werden, wecken sie ein Interesse, sich weitergehend mit einem Thema zu beschäftigen. Der Lerneffekt entsteht bei mir dann nicht nur durch das Spiel im eigentlichen Sinne, sondern vor allem dadurch, dass ich auf ein Thema gestoßen werde, über das ich mir im Nachgang noch diverse Dokumentation anschaue, Reportagen lese und anderweitig recherchiere. Videospiele haben großes Potential, eine intrinsische Motivation zu non-formalem oder informellem Lernen zu schaffen, was ohne akademischen Sprachgebrauch bedeutet, dass man aus sich heraus der Bedürfnis verspürt, selbstständig ohne Aussicht auf Zertifikate oder Urkunden, neues Wissen zu erlangen.
Neben allen Punkten, die man mehr oder weniger gerechtfertigt an Videospielen kritisieren oder debattieren kann wie die Darstellung von Stereotypen, Repräsentation von Minderheiten oder Umgang mit Gewalt, ist es wichtig, immer auch hervorzuheben, was Videospiele einem Menschen geben können. Neben einem entspannten Ausstieg aus dem Alltag, einer guten Zeit mit Freunden oder einem Test von Reaktion und Geschicklichkeit werden wir mit Szenarien konfrontiert, zu denen wir anders vielleicht nie Zugang erhalten würden. Das alles aus einer Perspektive, die uns als Spieler*in in eine aktive Rolle bringt. Die Auseinandersetzung mit einem Thema startet so also direkt auf einer interaktiven Ebene. Uns bleibt nichts anderes übrig, als uns ein paar rudimentäre Gedanken dazu zu machen, wenn wir im Spiel einen Fortschritt erzielen wollen.

Minecraft wird tatsächlich an Schulen eingesetzt.

Let's call some names!


Im Folgenden habe ich natürlich noch einige Beispiele für euch, die genau so etwas bei mir ausgelöst haben und dementsprechend vielleicht auch für euch einen Blick wert wären, wenn ihr sie noch nicht kennen solltet:


Assassins Creed
Let's join the Boston Tea Party

Mit der Assassins Creed-Reihe von Ubisoft ist mir dieses Potential in Videospielen das erste Mal aufgefallen. Genauer gesagt war es der dritte Teil. Falls hier Leser*innen unterwegs sind, die mit der Reihe nichts anfangen können, eine kurze Einführung: Über eine Maschine namens Animus ist es möglich, über die DNA genetische Erinnerungen der Vorfahren abzurufen und damit in der jeweiligen Epoche das Leben dieser Vorfahren nacherleben. So entsteht in Assassins Creed 3 die Möglichkeit, in die Haut von Connor zu schlüpfen. Er ist Sohn einer amerikanischen Ureinwohnerin und eines Briten. Aus seinen Augen erlebt ihr den Konflikt der titelgebenden Assassinen gegen die Templer. Beide versuchen nämlich, uralte Relikte zu ergattern, mit denen ihr Weltbild auf die Menschheit übertragen werden kann. Das ganze findet hier während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges statt und wirft euch in alte Städte dieser Zeit wie Boston oder New York, zeigt Querverweise zu historischen Ereignissen auf und lässt euch wichtige Gebäude der damaligen Zeit sehen. Die spielerische Interaktion mit diesen Elementen sowie die Möglichkeit, in einer Infobox diverse Details dazu nachzulesen, hat mich dazu gebracht, mich wirklich intensiv mit dieser Zeit auseinanderzusetzen. Ich würde sagen, dass ich ohne Assassins Creed nicht diesen Wissensstand über die amerikanische Revolution hätte, wie es nun der Fall ist. Und das alles, obwohl dieser Ableger sicherlich kein Highlight der Reihe war und ist.


Valiant Hearts
Erster Weltkrieg zum Nacherleben
Valiant Hearts, ebenfalls aus der Schmiede von Ubisoft, fährt spielerisch zwar ein völlig anderes Konzept, geht aber ähnlich an historische Informationen heran. Hier spielt ihr die Geschichte einiger Personen während des ersten Weltkriegs nach. In einer handgezeichneten 2D-Optik werdet ihr auf eine emotionale Reise genommen, die sowohl etwas fürs Herz bietet aber auch die schrecklichen Seiten des Krieges nicht verschleiert. Auch hier findet ihr immer wieder Gegenstände und Informationen, die den ersten Weltkrieg sehr detailliert beleuchten. Wie bei Assassins Creed müsst ihr diese Informationen nicht durchlesen, sie stehen aber jederzeit zur Verfügung und werden motivierend als einzusammelnde Collectibles platziert. In beiden bisher genannten Spielen habt ihr so zwar eine Masse an Text, die ihr durchlesen müsstet, doch durch die spielerische Nähe war mein Interesse riesig, sich auch diese Texte intensiver durchzulesen und nicht nur zu überfliegen. Militärisch relevante Orte, Informationen über eingesetzte Waffen oder Truppen und die Geschichte bestimmter einzelner Personen werden einem so nähergebracht. Ich selber war nach dem Beenden des Spiels erstaunt, wie wenig ich doch über den ersten Weltkrieg wusste und war froh, auf diesem Wege einige Wissenslücken schließen zu können.

Age of Empires
Mehr als nur ikonische Mönche
Der Strategieklassiker hat nicht nur lustig klingende Mönche, packende Multiplayermatches oder eine erfolgreiche Sendung auf Rocketbeans TV zu bieten. Die zu spielenden Solokampagnen befassen sich allesamt mit dem Leben historischer Persönlichkeiten oder monumentalen Schlachten. Das ganze ist dank der bereitgestellten Informationen auch akkurat genug, dass wissenschaftliche Konzepte erarbeitet wurden, wie Age of Empires im Unterricht eingesetzt werden kann, um Jugendlichen Freude an Geschichte zu bereiten. Und auch wenn Assassins Creed die erste Reihe war, bei der mir dieser Mehrwert von Videospielen wirklich bewusst geworden ist, hat Age of Empires diese Wirkung als erstes entfalten können. Zu Zeiten meines ersten Rechners, ohne Internet oder Zugang zu LAN-Partys, blieb mir ja nur die Solokampagne. Also zog ich mit Johanna von Orleans in die Schlacht, lernte nicht in Braveheart, sondern hier William Wallace kennen oder hörte zum ersten Mal etwas von Friedrich Barbarossa. Ich will nicht sagen, dass mir die ganzen Geschichten und Infos, die Age of Empires bereitstellte, dauerhaft im Kopf geblieben sind. Dafür fehlte mir wohl etwas an nötiger Reife. Aber grobe Informationen sind dann doch hängengeblieben. Und wenn ich jetzt etwas von den genannten Persönlichkeiten höre, denke ich tatsächlich zuerst an die isometrische Ansicht des Strategiespiels. Ich weiß gerade nicht, ob das so positiv ist. Es zeigt aber das Potential, das doch in diesen Spielen steckt. Also wieso nicht die bereits gemachtem Gedanken fortsetzen, wie man das gut nutzen kann.

Layers of Fear
Massenhaft Bilder bieten Raum zur Interpretation
Abschließend möchte ich euch noch ein Spiel vorstellen, das sein Fachgebiet etwas eleganter vermittelt als mit Textboxen, die ihr freiwillig lesen könnt. In Layers of Fear spielt ihr einen Künstler, der sein Magnum Opus, das perfekte Bild, schaffen will. Dabei begebt ihr euch in die Tiefen seiner Psyche und seht euch mit seinen privaten und familiären Problemen konfrontiert. Das ganze ist wie eine Geisterbahnfahrt inszeniert, es ist schaurig, oft unangenehm und sehr intensiv. Einen wichtigen Teil der Darstellung machen vor allem Gemälde aus, die an den Wänden hängen oder sich vor euren Augen verändern, verzerren oder bewegen. Diese Gemälde sind allerdings nicht extra für das Spiel erstellt worden, sondern sind vor allem Kunstwerke großer Künstler*innen. Im Internet lassen sich dabei Listen finden, welche Gemälde alle zu sehen sind. Layers of Fear hat mich als absoluten Banausen für diese Art von Kunst dazu gebracht, mich mit möglichen Interpretationsansätzen dieser Bilder auseinanderzusetzen. Ich wollte wissen, warum eventuell gerade dieses Bild an dieser Stelle im Spiel hängt, habe recherchiert und mich in Gebiete eingelesen, die mich vorher einen feuchten Kehricht interessiert haben. Im Gegensatz zu den anderen genannten Spielen bekommt ihr die Informationen hier nicht serviert. Ihr könnt die Bilder einfach als atmosphärische Deko wahrnehmen oder sie völlig ignorieren. Oder aber ihr setzt euch an einen Rechner und recherchiert selber, was euch da vorgesetzt wurde. Mir persönlich hat das ähnlich viel Freude bereitet wie das Spiel selber. Und das hat mich selbst wirklich überrascht.


Fallen euch noch Spiele ein, die völlig neue Interessengebiete bei euch geweckt haben? Schreibt sie gerne in die Kommentare, ich bin gespannt!

Kommentare

  1. Ich kann dir da nur zustimmen. Ich habe da schon alleine aus beruflichen Gründen öfter mal ein Auge drauf und auch wenn ich die historische Aufarbeitung in einigen Spielen nach wie vor etwas dürftig finde, so habe ich es früher bei Age of Empires selber erlebt, dass mein Interesse, jetzt mehr über diesen Sachverhalt zu erfahren, geweckt wurde. Andererseits ist eine etwas ahistorische Verarbeitung in Spielen ja auch wieder gut, um in die Diskussion zu gehen und zu analysieren, warum der historische Stoff hier so behandelt wurde und nicht anders. Ein hochspannendes Feld! Kann da auch sehr den Blog "Gespielt" empfehlen, da lese ich des öfteren sehr gern mit.

    AntwortenLöschen
  2. Zu erst möchte ich dir bei Valiant Hearts sooo sehr zustimmen. Es war ein wilder Ritt und selten hat mich Geschichte so berührt. Es ist ein Meisterwerk, ein Kunststück und hat mir so viel beigebracht.

    Ich möchte ein paar Titel mit reinschicken:

    Eternal Sonata ist ein gutes JRPG, erzählt aber auch das Lebenswerk von Chopin, in deren Fieberträumen das Spiel abläuft. Seine Musik und seine Lebensgeschichte sind Thema und während nebenher erzählt, mit einer herzlichen Präsentation.

    Stardew Valley! Einen Bauernhof zu organisieren ist Arbeit, wird hier vereinfacht dargestellt, aber ich kann sicher sagen, dass mir dieser Titel auch geholfen hat, mein Zeitmanagement besser in den Griff zu bekommen. Als Ü30er, lol. Das zeigt aber wirklich, wie stark der Titel ist. So weil wegen alten Hunden keine neuen Tricks beibringen können.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Zu Stardew Valley habe ich zuletzt noch einen sehr interessanten Blogbeitrag gefunden: https://videogametourism.at/content/computerspiele-kapitalismus-und-psychoanalyse-alfie-bowns-playstation-dreamworld

      Löschen
  3. Ubisoft hat in Assassins Creed Origins den Historienpart zu einem integralen Bestandteil gemacht. Ägypten ohne Kämpfe und andere Ablenkungen, dafür mit Kommentar zu erkunden, sogar den Porzess der Mumifizierzng erläutert zu bekommen, macht viel Spaß!

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Wir moderieren unsere Kommentare, also bitte nicht wundern, wenn nicht alles sofort zu sehen ist.