Die Sache mit meinem Hausarzt und den Linien

Mein Arzt hat schon viele gute Dinge zu mir gesagt. "Das müssen wir uns nochmal angucken, vielleicht habe ich Ihnen den Arm gebrochen." zum Beispiel, als er mir eine Muskelgruppe wieder richtig einsortiert hat. "Ich würde es Ihnen gerne verschreiben. Ich denke nur, dass 'Mit Freunden einen trinken gehen' nicht von der Krankenkasse übernommen wird.", als ich mich überarbeitet hatte und davon krank wurde.

Diesmal sagt er wieder, was ich nicht hören will. "Ich denke nicht, dass Sie depressiv sind. Sie sind nur leider genau so klug, dass sie alles zergrübeln können." Ich wäre gerne depressiv. Oder was anderes. Ich nehme alles aus dem ICD 10. Hauptsache die Antwort ist nicht, dass ich einfach ich bin und das oft sehr anstrengend ist. Ich wäre lieber krank, als klug genug. Das ist bitter zynisch für jeden Erkrankten zu hören, ich frage mich nur was schwerer ist:
Erfahren, was mensch hat oder nicht wissen, ob mensch was hat?

Mein Arzt sagt nein, ich sage Mist, er empfiehlt mir eine zweite Meinung. Ich frage ihn, ob er davon ausgeht, dass er falsch liegt und mich deshalb zu einem anderen Arzt schickt? Er sagt, dass er sich so sicher ist, dass er weiß, was ein anderer sagen wird. Er denkt, ich sollte bei einem zweiten Arzt nochmal das selbe hören. Und das tue ich. Bei mehreren Psycholog*Innen. "Es tut uns leid, Sie sind gesund."

Zurück bei meinem Hausarzt, sagt er mir, dass die Symptome zu nichts verpflichten. Als ich nach den Symptomen frage, wird mir klar, dass er nicht als Mediziner gesprochen hat. "Wenig Rückhalt aus der Familie, kein angepasstes Leben. Sie sind ein Original, mit eigenen Gedanken. Viele Menschen sind bei ähnlichen Vorzeichen krank, sie sind gesund. Sie stehen auf einer Linie."

Ich stehe auf einer Linie. So war es schon immer. Ich ging zum Gymnasium, obwohl meine Eltern nicht studiert waren. Meine Clique außerhalb der Schule akzeptierte mich, weil ihnen noch ein kluger fehlte. Die Leute mit denen ich im Jugendverband zu tun haben wollte, waren deutlich älter als ich. Die, die mit mir zu tun haben wollten, waren alle jünger als ich. Da wo es heute in meinem Leben um feinsinnige Kunstfertigkeit geht, werde ich als Vorschlaghammer gesehen. Wenn es um stumpfes Handwerkern geht, traut es mir keiner zu, weil ich so weich bin.

Ich bin besonders. Wobei ich diesen Begriff immer irreführend empfinde. Das Wort meinte mal, dass mensch sich verdient gemacht hat und eine Auszeichnung tragen sollte. Das bin ich nicht. Ich bin in nichts der Beste. Ich bin aber der Exot. Und das mit großer Zuverlässigkeit. In jeder Gruppe, jedem Team, bin ich der, der zu einem anderen Ergebnis kommt, auf die selbe Frage. Oft höre ich, dass die Menschen so jemanden "wie mich" noch nie erlebt haben. Ich rede anders, ich höre anders zu, ich habe seltsame Fertigkeiten - meine Mutantenkräfte - die mir Beobachtungen erlauben, Schlussfolgerungen. Menschen sagen mir, dass sie Angst haben, von mir analysiert zu werden. Ich merke, dass da immer diese Linie ist.

Linien sind gut. Sie verbinden. Sie trennen. Sie bringen Struktur. Mein Arzt sagt, dass ich unter den Kranken der Gesunde bin. Weil ich gesund bin. Und er ist unter den Hausärzten ein Hausarzt. Und einer, den ich sehr schätze. "Wenn wir unseren Platz in der Welt verändern wollen, müssen wir immer Energie aufwenden. Wer sich immer bewegt, wird müde und kommt nicht zur Ruhe." Das sagt auch mein Arzt. Manchmal möchte ich nicht besonders, nicht exotisch sein. Ich möchte akzeptiert sein. Wie ich bin. Keine Linie. Die Linie sieht auch nur wie eine Linie aus, wenn mensch drauf steht. Von Innen ist sie ein Kreis der einschließt und festhält. Eine Linie, die vereint. Manchmal, wäre ich gerne im Kreis. Weil ich weiß, wer auf der Linie steht, der nächste sein könnte, der rausfällt.

Kommentare

  1. Puh, was soll ich sagen? Danke für's teilen? Mutig dich hier so zu öffnen? Kann mensch dir helfen?

    Wohl alles zusammen - ich denke du weißt, dass ich sowas mit dir sonst persönlich bespreche bzw. immer auch zum zuhören da bin, wenn du was loswerden musst bzw. Sorgen teilen möchtest.

    Da du es aber auch im Blog geschrieben hast, wollte ich auch hier sagen, dass ich (wir) immer da sind und besonders dann wenn du dich schlecht, verloren, unsicher oder wie auch immer fühlst bzw. Angst hast von deiner Linie zu fallen.

    Rückhalte (von denen auch dein Arzt gesprochen hat) im Leben sind wichtig, ob es Familie, Freunde, Kollegen, Partner oder wer auch immer ist. Aber wenn man sich so fühlt als gehe mensch nur alleine durch's Leben und Bestätigung/Unterstützung fehlt, können wohl aus Selbstzweifeln, Ängsten auch depressive Krankheiten entstehen. Ich bin da absolut kein Experte und tue mich auch mit psychologischen Problemen/Krankheiten schwer - im Sinne auch deren Beurteilung. Weil mensch guckt den Leuten halt nur vor den Kopf und kommt selten rein bzw. was soll/kann mensch tun, wenn es jemanden in dieser Hinsicht schlecht bzw. krank ist.

    Sag also wenn du Menschen um dich brauchst, wenn du Hilfe bei etwas benötigst oder auch einfach nur was loswerden musst. Unsere Tür ist bekanntlich immer offen, auch wenn du nur mal zu nem Abendessen rum kommen willst oder auf ein Getränk.

    Der Text klingt sehr danach, dass du mit den Diagnosen unzufrieden bist. Wärst du zufriedener, wenn dir jemand sagt "Ja Sie sind depressiv" oder wie auch immer eine Diagnose lautet?

    Ich bin froh, dass du so "besonders" bist, wie du beschrieben hast. Die ganzen anderen "Normalen" sind furchtbar in Ihrer Masse - also bleib bloß so und geh nicht in deren Kreis.

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