Der Garten

Ein Blick aus dem Fenster.
Der Garten ist nicht fertig.
Eine alte Bank steht dort.
Auf dieser haben wir früher immer zusammen gesessen, auf dieser weißen Bank.

Ich auf deinem Schoß, du die Nase in einem Buch und ich hing an deinen Lippen, wenn du mir d vorgelesen hast.
Du hast damals den Rasen gemäht, die Hecke geschnitten, das Obst geerntet.
Jetzt ist der Rasen hoch, die Hecke wild und das Obst liegt auf der Erde.
Ein paar Äpfel liegen auf der Bank und sind schon ein wenig faul.
Ich denke, dass du den Garten bestimmt jetzt in Ordnung bringen würdest, wenn du noch da wärst und erinnere mich daran, dass ich dir dabei früher oft geholfen habe.
Ich erinnere mich an UNS.
Zuletzt sind WIR mir irgendwie verloren gegangen.
Obwohl diese Erinnerungen so schön sind, habe ich mich ihnen in letzter Zeit nicht würdigend gewidmet.

Erinnerungen sind das, was uns an uns denken lässt. Das, was wir nicht vergessen sollten. Sie sind- ob gut oder schlecht- ein Teil von uns.
Meine Erinnerungen an dich, sind das Persönlichste, das mir von dir geblieben ist. Und sie sind so gut, wie du es immer warst.
Ich weiß noch, dass du mich auf die Schaukel im Garten gesetzt und mit mir gesungen hast. Du hast mir immer erzählt, dass ich, wenn ich zu hoch schaukeln würde, mit den Füßen in den Wolken hängenbliebe. Aber du hast dabei geschmuzelt, deine Augen haben gefunkelt und da waren diese vielen Lach- Fältchen in deinem Gesicht und da wusste ich, dass du bestimmt Spaß machst, oder mich zumindest aus den Wolken fischen würdest, falls ich doch hängenbleibe.
Wenn ich müde war, habe ich mich auf die Wiese gelegt und dem Bambus zugehört, wie er neben mir rauschte.
Es gab immer Himbeeren im Sommer und davon hatten wir so viele, dass wir sie kaum alle essen konnten!
Wir setzten uns dann immer mit einer großen Schale davon an den Teich und beobachteten die Fische.

Wie sie schwipp-schwapp schwammen
Im Wasser auf und ab
Und wie sie tauchten
Und wir brauchten
Nur einen kurzen Moment den Blick zu schwenken
An was andres denken
Dann waren sie schon wieder woanders
Fische waren schnell
Im hellen Wasser wurden sie immer blasser
Wenn sie auf den Grund des Teiches glitten
Bis sie verschwunden waren
Ich gab allen Namen
Und fand sie so geheimnisvoll
Wie sie flink und flossentoll
Im Teich für mich fast schwebten
Sie lebten für mich auf einem anderen Planeten
Und doch konnte ich sie sehen
Wie sie schwipp-schwapp schwammen
Im Wasser auf und ab

Ich liebte Fische.
Du erzähltest mir, dass das unser Sternzeichen sei. Weil wir beide Märzkinder waren.
Und du sagtest, dass ich mich niemals nicht mögen könnte, weil ich ja Fische liebte und diese immer ein Teil von mir seien.

Jetzt, bin ich rausgegangen, an den Teich. Wenn ich ganz leise bin ist es fast so, als könnte ich noch hören, wie du mir von Fischen erzählst.
Es sind aber keine Fische mehr im Teich.
Aber ich erinnere mich, dass es sehr viele waren. Dass sie bunte Farben und verschiedene Formen hatten. Und ich weiß noch, dass es „Otto“ gab, meinen weißen Lieblingskoi, der kam, wenn man in rief und sich sogar streicheln ließ.
Die Bank, auf die ich mich nun setze, ist morsch und moosig und kaum noch weiß.

Es ist ja auch schon über 10 Jahre her, dass wir hier saßen und du mir über das Leben erzähltest.
Heute weiß ich was das Leben ist, dass es manchmal nicht gut ist und dass ich das manchmal auch nicht bin. Und deswegen an mir zweifle.
Doch jetzt, da ich hier bin, höre ich den Bambus rauschen und denke daran, dass ich mich bei dir immer geborgen fühlte.
Ich erinnere mich an den lila Stoffelefanten, den du mir schenktest und der auf mich aufpassen sollte, wenn du mal nicht da bist.
So viel, hängt an einem kleinen lila Stoffelefanten.
An einem rauschenden Bambus.
An einer weißen Bank.
Und an einem Teich im Garten.
DU hängst so fest daran, wie meine Füße, in den Wolken fest hingen, wenn ich träumte, dass ich sie tatsächlich erreichte und das war ganz schön fest.
Du sagtest, dass das Leben immer in Bewegung sei und ich muss sagen, dass ist wirklich so, wenn ich mir den Garten als Lebensausschnitt einmal anschaue.
Der Bambus weht im Wind und das Wasser im Teich wackelt hin und her und her und hin und hin und her...

Was, wenn ich wieder Fische reinsetzten würde?
Die Bank streichen, das Obst ernten, die Wiese mähen?

Dann wäre ich auch in Bewegung. Denn manchmal komme ich mir vor, als würde ich und alles um mich herum stillstehen, wenn ich nicht mehr weiß, was das Leben von mir will.
Ich kann das heute auch manchmal nicht wissen, denn du erzählst mir nichts mehr von diesem Leben.

Vielleicht ist das aber auch der Grund, warum Erinnerungen wichtig sind:
Sie halten uns in Bewegung. Halten uns aber nicht fest, sondern lassen uns ganz sanft daran denken, was alles war und wie alles war.
Deswegen ist es wichtig, dass wir Erinnerungen festhalten, wenn sie uns an Bewegung denken lassen.

Ich werde morgen Fische in den Teich setzten.
Sie werden das Wasser noch mehr bewegen.
Ich liebe Fische. Und weil sie doch ein Teil von mir sind, kann ich mich niemals nicht mögen, auch wenn ich manchmal an mir zweifle. Das hast du mir gesagt.
Du hast gesagt, das Leben ist immer in Bewegung. Ich habe dir das damals geglaubt und erinnere mich heute daran.
Und wenn ich meine Augen schließe, sehe ich dich am Teich sitzen, mit einer Schale Himbeeren in der Hand, wie du mir zulächelst und nickst.
Obwohl du vielleicht grad mit den Füßen in den Wolken baumelst.

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