Demaskiert

Ein Gastbeitrag von Jamie Herzog:

Auf diesen Bildern wirkt sie perfekt. Dabei ist sie eigentlich ganz anders als auf diesem Profil, denn in echt wäre Schwarz-Weiß Filter eher ihr Stil. Sie hat 500 Freunde und es werden Tag für Tag mehr, schwer zu glauben, dass sie eigentlich ganz alleine ist. Inzwischen spielt sie die Rolle nämlich so gut, dass sie sich diese Perfektion selbst schon fast glaubt. Da steht sie also. Sie hat müde Augen und ihr Kopf ist schwer von den ganzen Sorgen, aber alle Probleme sind sorgfältig hinter der perfekten Maske verborgen, hinter der sie sein kann, wer sie will. Doch anstatt sie selbst zu sein, versucht sie mit aller Kraft sich anzupassen, das gleiche, perfekte Lächeln zu tragen, normal zu sein und vor allem, keine Fehler zuzulassen. Ich frage mich, was das überhaupt heißen soll „normal sein“. Laut Definition bedeutet „normal zu sein“, keine ins Auge fallenden Abweichungen aufzuweisen. Aber machen uns diese Abweichungen nicht erst zu dem, was wir sind? Unterschiede müssen doch nicht gleich „besser“ oder „schlechter“ bedeuten, also warum will sie unbedingt wie die anderen sein? Wie oft hat sie schon „Mir geht’s gut“ geschrieben, während Tränen über ihr Gesicht liefen? –Und der Handybildschirm spiegelte jedes Mal ihren traurigen Blick. Welche Mühe hat sie sich gegeben, jeden Markel zu verdecken, sich weiter hinter dieser perfekten Fassade zu verstecken. Sie ist immer erreichbar und doch ziemlich isoliert, weil diese 500 Freunde oder sogar 1000 davon nichts bringen, wenn keiner mal hinter die Fassade schaut und weil sie keinem von ihnen genug vertraut um diese Maske mal abzunehmen, sie selbst zu sein, deshalb ist sie mit all ihren Freunden ganz allein.

Er- Er braucht das Internet nicht, um Freunde zu haben. Denn er sucht nur nach einem Weg, seine eigene Wut an anderen auszulassen. Hass ist sein Hobbie und hinter dem Nutzernamen versteckt, geht er auf jeden los, der aneckt. Sein Blick reicht nicht über den Tellerrand, er liebt nichts so wie sein eigenes Land und daher hasst er insgeheim die Welt. Flüchtlinge? Von mir aus, aber bitte nicht hier, tippt er grinsend auf sein Smartphone, in der Hand ein deutsches Bier. Seine radikalen Ansichten sind schwer zu übersehen und da wird ihn auch kein Instagramfilter in einem guten Licht dastehen lassen, hat keine Meinung, Hauptsache hassen. Er schreibt seine Gedanken ins Internet, damit sie jeder lesen kann, ohne die Konsequenzen zu sehen. Dabei ist er eigentlich nur ein Echo, ohne ein Wort zu verstehen. Die Schuld an allem gibt er immer den Menschen aus dem anderen Land, aber hat er seine Zukunft nicht selbst in der Hand? Traurig denkt er an die alten Zeiten, als alles noch besser war, aber an Besserung ist bei ihm nicht zu denken. Anstatt zu handeln wirft er mit Worten um sich, so scharf wie Messerklingen, nur um so für eine Sekunde das Gefühl von Sieg zu erzwingen. Mitten in der Menschenmasse ist es für ihn so einfach, mutig zu sein, auch, wenn er eigentlich ein Feigling ist. Denn wenn er der Person gegenüberstände, wäre er wahrscheinlich ganz still, weil er plötzlich gar nicht mehr weiß, was er sagen will.

Es ist so viel einfacher zu reden, wenn man nichts davon selbst sagen muss. Mit einem Klick kann man Menschen aus Gruppen entfernen oder sie einfach gleich löschen, aus dem Handy, aus dem Sinn. Nur vergisst man dabei leicht, dass es sich um echte Menschen handelt, die mit echten Augen Nachrichten lesen. Diese Menschen sind real mit ihren Gedanken, Gefühlen und Träumen, auch wenn man das in diesen asozialen Netzwerken leicht vergisst.

Denn sie haben etwas, das sich Charakter nennt, nur, dass man den leider nicht auf Bildern erkennt. Da ist doch viel mehr, als man auf diesen Profilen sehen kann. –Und eigentlich sind wir doch alle einzigartig, wenn wir uns nur trauen, das auch zu zeigen. Es müsste nur mehr Menschen geben, die unter diese Oberflächlichkeit sehen, die Menschen nicht sofort hassen, sondern erstmal verstehen. Vielleicht braucht es einfach ein echtes Gespräch, mit echten Worten, um zu merken, dass da noch Menschlichkeit existiert, ohne Bildschirm dazwischen, sozusagen demaskiert.


Über die Autorin:
Ich heiße Jamie Herzog (16), schreibe schon länger eigene Texte und habe vor ein paar Monaten mit Poetry Slam angefangen.

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