Mein Spiel im Bahnuar

Open Transport Tycoon Deluxe (PC)
Freund*innen, es ist Bahnuar. Natürlich gibt es auch hier passende Spiele und es ist mir ein innerer Lottogewinn, einen meiner liebsten Orte in der digitalen Welt vorstellen zu dürfen. Ein absoluter Nerdtraum. Es geht um meinen Gaming-Safe-Space, an den ich gehe, wenn Dark Souls zu gemein zu mir war oder wenn ich bei Tekken online gedemütigt wurde.

Open Transport Tycoon Deluxe ist eine OpenSource-Variante des alten Spiels "Transport Tycoon". Ein Weilchen waren ja diese Spiele sehr beliebt, bei denen es Aufgabe war, Streckennetze zu entwerfen und Waren zu transportieren. Heute sind sie in den Bizarro-Games-Sektor gefallen. Nur die Simulatoren-Nerds dürfen jetzt Züge fahren etc., niemand macht mehr leckeres Micro- und Macro-Manegement für Warenketten. Also, vielleicht geht es an mir nur vorbei. Ich habe nur noch dieses eine Spiel auf dem PC, keine Ahnung, was da sonst noch so geht. Wenn auf dem PC die Master-Race lebt, dann bin ich gerne Konsolen-Bauer im Widerstand.

Nun also. Spielziel ist recht einfach: Ihr wollt innerhalb von 100 Jahren das krasseste Transportunternehmen aufbauen. Dabei wird der Erfolg aber nicht (nur) am wirtschaftlichen Erfolg gemessen, sondern auch daran, welche Waren und welche Mengen ihr im Verhältnis transportiert. Eigentlich ist also das Ziel: Alles überall hinbringen. Weil das ehrlich gesagt gar nicht mal so geil ist, hat die Community für OTTD sich noch weitere Möglichkeiten ausgedacht.

Und die lassen sich alle mit dem internen Modding-Tool des Spiels einfach dazu installieren. Mein bevorzugter Modus ist dabei die "City-Builder-Challenge". Unter bestimmten Faktoren wachsen die Städte im Spiel. Zuerst kann man das Interesse von Ortschaften an Waren wecken, was dadurch aufkommt, dass dort Passagiere aus anderen Städten landen. Auch Post zu transportieren macht, dass die Leute realisieren, dass hinter ihrer Stadtgrenze nicht die Scheibe einfach aufhört. Wenn die Leute erstmal Waren wollen, kann da ordentlich absurd dem Kapitalismus gefröhnt werden. Das wiederum macht, dass die Stadt wächst. Technisch gesehen, ist ein*e Spieler*in also Gentrifikationsexperte. Leider bedeuten größere Stadtkomplexe auch größere Passagierzahlen, was bald ein realistisches Szenario zur Folge hat: Den Kollaps des Personennahverkehrs.
(Falls Sie zum ersten Mal in diesem Blog zu Gast sind, Hallo! Ich wohne im Ruhrgebiet. Diese schnuckelige Region, die so tut, als wäre sie viele unterschiedliche Orte. Stimmt nicht. Wir sind ein urbaner Tumor im Westen Deutschlands. Ziehen Sie bitte nicht hier her, alles ist sehr voll. Danke sehr.) 

Ich mag ja, wenn sich Dinge entwickeln und wachsen. Besonders in Spielen. Da kann es gerne unbegrenzt sein. Und ein kleines Dorf in einer digitalen Welt von 200 Einwohner*innen bis zur Millionenstadt zu prügeln in dem Zeitfenster von 100 Jahren, ist sehr herausfordernd, spannend und ekelhaft. Die Romantik eines Tokios will sich da nicht einstellen, wenn mensch über die Karte scrollt und dann plötzlich die knuffige Retrografik (die weggemoddet werden kann) von Waldgrün auf ein fröhliches Signalgrau wechselt. Alles ist Gebäude. Jeder Kontakt zur Menschlichkeit ist weg. Für einen Artikel über ein unterhaltsames Videospiel wird es hier ganz schön düster.

Wem das halt alles zu ernst wird, kann mensch auch eines der anderen Szenarien wählen, in dem das ganze Spiel zum Beispiel in Willi Wonkas Traumwelt spielt. Da müssen dann Luftblasen in die Limonade-Fabrik geliefert werden und dann die Limonade an die Städte. Die aus Süßwarengebäuden bestehen. Und alle kotzen im Strahl. Vor Freude und Diabetes. Tatsächlich sind in den anderen Szenarien die Warenketten auch anders. Ich empfehle das Wüstenszenario. Wasser und Diamanten bringen ganz neue Aufgaben und großen Spaß. Wer im Simulationsmodus spielt, darf sich auch mit Hitzeproblemen an den Maschinen beschäftigen. Und das ist dann Herausforderung. Und Herausforderung macht Bock. Klingt also eher nach "STimulationsmodus".

Das Nette ist, dass der Schwierigkeitsgrad sich recht individuell anpassen lässt. Auch die fortgeschrittenen Optionen uns Spieleinstellungen erlauben, mit vielen unterschiedlichen Vorzeichen und Faktoren herumzuexperimentieren. Zum Glück erleuchten einen kluge Hilfetexte, was mensch sich da gerade zurecht bastelt.

Wer genau wissen will, wie absurd mein Fanatismus für dieses Spiel ist, dem mag ich dieses "Gedicht" von mir "empfehlen": 1950-2050 in einem Zug. Ja. Das Gedicht ist sieben Jahre alt, ihr seht, das Spiel erfreut sich bei mir hoher Nachhaltigkeit.

Ich liebe OTTD. Das hat damit zu tun, dass es wirklich von ganzem Herzen langweilig und unaufgeregt ist. Nichts ist wirklich schnell, nichts ist wirklich viel. Eigentlich will das Spiel nichts von einem. Wer keine Strecken baut, verliert auch kein Geld. Theoretisch kann mensch sich auch 100 Jahre die Landschaft angucken und beobachten, wie die K.I. ihre Streckennetze baut. Wer will, kann natürlich sich auch knallhart ins Powerplay stürzen und sich komplexe Gleisschaltungen überlegen, bei denen auf zwei Spuren dann um die 50 Züge fahren. Der perfekte Weg, um den Stress eines Eisenbahners in der Echtwelt nachzuspüren. Es hat was für alle. Und doch wird es eine ganz seltene Züchtung Nerd*in bleiben, die so etwas spielt.





Kommentare

  1. Transport Tycoon war mir neu, ich kannte bisher nur den Klassiker Railroad Tycoon, den ich voller Freude gespielt habe. Danke also für diese turbulente Review zu einem mir bis dato unbekannten Spiel.

    Und ich nutze diesen letzten Eintrag des "Bahnuars" um dem gesamten Team zu danken für all die Einträge, die ihr diesen Monat gepostet habt. Ich habe viele mit Begeisterung gelesen (und gehört) und bin schon gespannt, was im Februar auf uns Leser*Innen zukommt.

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