Wrestling für Einsteiger*innen

Ich bin ja selber immer wieder überrascht, aber inzwischen sprechen mich Menschen immer öfter auf Wrestling an. Es sind dann meist Menschen, die gerade frisch in meinem Umfeld aufgetaucht sind oder die mich aus künstlerischen Kontexten kennen und vieles beginnt da mit einem beherzten: "Watt? Warum?" und dem intensiven Unverständnis, weshalb ich mir das überhaupt angucke.

Einige andere sind aber auf ein fortgeschrittenes Niveau aufgestiegen und stellen ein andere Frage, beginnen aber häufig relativ ähnlich: "Jan, ich habe auch versucht mir Wrestling anzugucken." Und noch bevor dieser Satz um ein "aber" ergänzt wird, unterbreche ich immer mit der selben Frage: "Welche Suchbegriffe hast du eingegeben?"

In seiner wundervollen Sinnlosigkeit als Sportart, war Wrestling auch lange Zeit eine Abbildung des Marktes und der Gesellschaft. Dementsprechend weiß ich zum Beispiel, dass es problematisch ist, sich Frauenwrestling beim Marktführer anzuschauen, besonders wenn es aus der Zeit bis zu den 2000ern kommt. Denn der Marktführer - die WWE - ist modernen gesellschaftlichen Diskussionen oft hinterher. Somit war Frauen für das damalige Geschäft dann besonders nützlich, wenn sie übersteigerte Schönheitsideale waren und gerne vor Menschenmengen im Bikini rumhüpften. Mit hochwertigem Wrestling, hatte das nichts zu tun.

Und auch andere Bereiche des Wrestlings sind schwierig, um einen Einstieg zu finden. Denn es erklärt sich in einigen Formen und Formaten nicht alles von selbst. Fangt bitte nicht beim japanischen oder mexikanischen Hardcore-Wrestling an, es ist wirklich brutal. Wirklich. Und es erklärt sich auch nicht so wirklich von selbst.

Wo also anfangen? Wo kann mensch mal reinschauen, um eine Chance zu haben, die Begeisterung für den Sport zu bekommen, aber auch sehen zu können, was da eigentlich geleistet wird, im "Sports Entertainment"?

Normalerweise würde ich am liebsten alle Menschen zum Match von Velveteen Dream und Aleister Black bei "NXT Takeover Wargames" schicken, aber mein absolutes Lieblingsmatch bisher, liegt hinter einer Paywall. Wenn auch einige Anbieter*innen immer mal wieder Matches gratis im Netz anbieten, ist es schwierig, dabei ein gutes zu finden, welches halt auch Leuten etwas anbietet, die nicht den Story-Lines gefolgt sind. Denn nur weil ein Match gut ist, ist noch lange nicht das Storytelling gut. Und wenn es die Geschichte ausserhalb des Ringes braucht, damit die Geschehnisse im Ring Sinn ergeben, dann ist das wieder eine Hürde und nicht als Einstieg geeignet.

Erfreulicherweise hat sich die Promotion "All Elite Wrestling" - welche die Chance hat, den Marktführer-Status der WWE in den vereinigten Staaten anzugreifen - dazu entschlossen, ein Match aus ihrem Event "Fyterfest" zur Verfügung zu stellen. Und ich finde, dieses Match ist perfekt, um einen Einstieg zu finden.

Riho, Nyla Rose und Yuka Sakazaki treten gegeneinander an. Jetzt könnte ich eine kleine Vorschau schreiben, aber dann würde ich ja die Einsteigerfreundlichkeit des Matches untergraben. Also, nehmt euch eure Zwanzig Minuten und schaut euch das mal an.



Ganz unkommentiert geht es natürlich trotzdem nicht. Ich teile dieses Match nämlich nicht nur gerne, weil es gut zum Reinkommen ist. "All Elite Wrestling" ist die erste Promotion, die - mit Nyla Rose - eine transgender Frau mit einem Profivertrag ausgestattet hat und sie antreten lässt. Das ist für die Wrestlingwelt innovativ, für meine Ansprüche an die Welt das eigentliche Minimum in 2019. Die geschlechterorientierte Welt aus der Vergangenheit, besonders im Sport, darf gerne gegen eine genderorientierte ausgetauscht und endlich abgelöst werden. Kleiner Schocker für die Konservativen unter euch: Im Indipendent-Wrestling oder auch in Mexiko ist auch Intergender-Wrestling inzwischen normalisiert. Ich freue mich besonders, dass dieses Match eben einen Umbruch ganz leise mitandeuten kann, der in dieser Industrie lange fällig ist.

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