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Blaue Blumen

Der Hartmann | 06.01.17 | / | Kommentieren
Es gibt Ideen, die sind sehr gut. Beispielsweise das "Black & Tan". Das ist Guiness mit Kilkenny vermischt. Also Bier mit anderem Bier. Dann gibt es noch Ideen, die sind nicht so clever. Zum Beispiel im Zug bei voller Geschwindigkeit die Notentriegelung der Tür betätigen. Es gibt allerdings auch Ideen, die vom Prinzip her sehr gut sind, in der Ausführung allerdings nicht ganz so durchdacht waren. Mit so einer Idee hatte ich es zu tun, als mein guter Freund Jay eines Septembers auf mich zu kam und mir einen Plan offerierte, den er zusammen mit einer gemeinsamen Freundin ausgearbeitet hat.


Der Plan war recht simpel:

Zwei Autos, acht Leute und eine Fahrt nach Belgien.

Genauer gesagt ging es nach Halle in Belgien. Noch genauer gesagt ging es in den dortigen Wald, den Hallerbos.

Natürlich gibt es auch hier genug Wälder, die man anfahren kann. Aber der Hallerbos hat eine Besonderheit: In einem Teil des Waldes wachsen haufenweise blaue Blumen. Fragt mich jetzt bloß nicht, was das für welche waren. Mein grüner Daumen beschränkt sich auf ein Erlebnis vor ein paar Jahren, bei dem ich mir versehentlich grüne Lackfarbe über die Finger gekippt habe.


Zurück zum Thema:

Bei mir machte sich Skepsis breit, weil ich es anfangs für ziemlichen Kokolores hielt, wegen Blumen nach Belgien zu fahren.

Dann zeigte mir Jay ein Foto des beblumten Waldes. Der Fotograf in mir stieß ein lautes "Holladibolla" aus und es war klar: Wir ziehen das durch, es musste nur noch ein Termin gefunden werden, am besten möglichst zeitnah.


Ein paar Wochen später war es dann so weit.

Nachdem ich meinen kleinen Koreaner (also mein Auto) fit gemacht habe für die lange Fahrt, ging es dann los. Pünktlich mit 10 Minuten Verspätung wurde dann abgedüst und die Motivation kam uns schon fast aus dem Ohren. Wir hatten richtig Bock!


Als wir die holländische Grenze überquert hatten, wusste ich wieder, warum ich dieses Land so liebe. Nicht nur wegen der wirklich freundlichen Menschen, der schönen Landschaft und des lustigen Dialektes, den die Niederländer haben, wenn sie Deutsch reden. Nein, vor allem, weil deren Autobahn wie geleckt ist! Kein Schlagloch, keine Huckel, nur flacher, perfekter Asphalt. Ein Traum aus Teer!


Blöd nur, dass man irgendwann nach Belgien kommt.

Ungelogen, ab dem Schild, das die Landesgrenze markiert kommt man auf eine Fahrbahn, die vielleicht für schwere Kettenfahrzeuge, sicherlich jedoch nicht für einen kleinen Hyundai geeignet ist. Diese Autobahn ist im Prinzip eine Aneinanderreihung von Schlaglöchern und Unebenheiten, wo sich zwischendurch immer mal wieder so circa 10 Meter Straße eingemogelt haben.


Weil es auch noch kräftig geregnet hat, hat sich diese Huckelscheiße auch binnen Femptosekunden mit Wasser gefüllt und ich will nicht lügen, doch ich meine mit Tempo 130 an einem Typen vorbeigehämmert zu sein, der in einem solchen Krater gebadet hat. Vielleicht sind in Holland auch nur irgendwelche Dämpfe in das Innere meines Wagens gedrungen.

Zurück nach Belgien:

Jetzt ist die Federung meines Wagens relativ hart. Mein Hintern hat nach der kilometerlangen Autobahnfahrt weh getan, als hätte ich mich im Knast nach der Seife gebückt. Etwas später sind wir in Halle angekommen. Weil ich leider manchmal nicht ganz so intelligent bin und statt "Hallerbos" nur "Halle" ins Navi eingehackt habe, durften wir noch eine Ehrenrunde durch den Stadtkern drehen.

Dieses Nachdenken liegt mir manchmal nicht so ganz.

Irgendwie haben wir es dann doch geschafft den Wald zu erreichen und was soll ich sagen: Leck mich de Söck, das Ding ist ein Träumchen. Also Karre abstellen, Rucksack schultern und ab dafür!

Nach circa 10 Minuten kamen wir an ein Schild, auf dem blaue Blumen abgebildet waren. Und ein Text in belgischer Nationalsprache. Man kann davon ausgehen, dass dieses Schild uns sagen wollte, dass hier diese blauen Blumen hätten sein sollen. Da waren aber keine.


Dann fing es deutlich hörbar in meinem Kopf zu rattern an.

"Ah, Moment: Blumen wachsen im Frühling. Wir haben September. Der September ist nicht im Frühling. Das heißt, dass der Frühling vorbei ist." Und dann zog ich daraus die Schlussfolgerung, für die Columbo mich beneidet hätte: "Wenn jetzt September ist und der Frühling schon längst um ist...

Scheiße, wir sind quasi für Nöppes hier hingedüst."


Nachdem ich festgestellt hatte, dass dieses Unterfangen ziemlicher Mumpitz war und wir alle grottendämlich sind, sind wir weitergelaufen. Weil wenn man schon mal da ist, dann will man ja auch was davon haben. Wie sich erfreulicherweise herausstellte, war es ganz und gar kein Tinnef zum Hallerbos zu fahren. Der Spaziergang war richtig gut und ich bin mit reichlich Bildern auf dem Fotoknips nach Hause gekehrt. Außerdem war die reiselustige Truppe, mit der ich unterwegs war echt der Wahnsinn.


Bevor es dann aber zurück in die Heimat ging, wollten wir uns Halle noch angucken. Einige von uns kannten zwar schon ein bisschen von der Stadt (man erinnere sich an die Hinfahrt) aber das war ja nicht viel. Außerdem hatten die Mitreisenden Hunger. Also sind wir nach Halle zurückgefahren und stellten fest, dass sich dort ein Jahrmarkt niedergelassen hatte. Wir gingen ihn ab, was nicht lange dauerte, so groß war der nicht. Das erste, das mir auffiel war, dass dort sehr merkwürdige Gestalten umhermeanderten. Ich war beruhigt, dass es auch außerhalb von Deutschland sehr sonderbare Zweibeiner herumeiern.


Weil meine Reisegruppe den Wunsch nach Nahrung hegte, gingen wir die Restaurants und Bars der Innenstadt ab und studierten die Speisekarten. Ich habe zwei Thesen entwickelt: Entweder man bekommt im belgischen Halle Portionen, die man nur mit einer Mistgabel vernünftig essen kann oder die Dudes und Dudettes in Belgien haben zu viel Kohle. Beispiel: Für den Preis, den ein Lokal für ein Stück Fleisch mit etwas Kartoffelbeilage verlangte, hätte man sich in Deutschland als Landwirt selbstständig machen können. Lange Rede, gar kein Sinn, im Endeffekt lief es darauf hinaus, dass wir uns auf dem Jahrmarkt jeder eine Tüte Pommes kauften und uns in eine Kneipe setzten, die uns dort essen ließ.

Und wieder einmal stellte ich mir die Frage:

Welcher hirnlose Vollspacken ist eigentlich auf die Idee gekommen, Fritten in eine Papiertüte zu füllen und die Soßen darüberzukippen? War bestimmt ein Belgier, die haben ja drei Kompetenzen, die sie beherrschen: Bier, die Zubereitung von Pommes und Pralinen. Pommes sinnvoll zu verpacken haben die nicht so drauf.
Warum eine Papiertüte für diesen Zweck scheiße ist? Ganz einfach.


Wer mich kennt weiß, dass ich unter einer mittelgroßen Portion mit dem Essen gar nicht erst anfange. Jetzt sind diese Papiertüten vom Schnitt her unten ja eher spitz zulaufend und recht groß. Das hat den Nachteil, dass sich die Pommes dann in der Spitze der Verpackung sammeln und ich mit meinen Wurstfingern nicht drankomme. Ich höre euch schon sagen: "Aber Tobi, man kann die Tüte doch aufreißen." Das ist richtig aber weil ich mir ja immer noch literweise Soße draufkippen lasse, damits beim Schlucken nicht quietscht, sieht man nach dem Aufreißen der mit Ketchup getränkten Tüte aus, als hätte man grade mit bloßen Händen eine Blinddarmoperation durchgeführt. Genug "Mimimi", weiter im Text.


Wir saßen nun also in Belgien in einer Kneipe und knusperten genüsslich die Fritten. Ein Blick auf die Karte ließ meine Augen sehr groß werden, denn natürlich gab es dort Leffe Blond. Leffe Blond ist ein belgisches Klosterbier, das mit feinen Vanille- und Nelkennoten zu überzeugen weiß. Oder ums kurz zu machen: Für dieses Gebräu würde ich meine Oma verkaufen! Jetzt gabs nur einen Haken: Ich war ja der Fahrer. Also kein Bier für den dicken Onkel. Allerdings saß mir Jay gegenüber. Und Carmen daneben. Und beide bestellten sich ein Leffe Blond. Ich bin ja eigentlich jemand, der nicht schnell piesepampig wird aber in diesem Moment habe ich puren Hass empfunden. Und Neid. Aber vor allem... Bierdurst. Ich musste mich mit Kohlensäure versetztem Eistee zufriedengeben, was genauso widerwärtig war, wie es klingt.


Kurz bevor wir losdüsen wollten, ging jeder noch mal die sanitäre Rumpelkammer aufsuchen. Nicht zuletzt, weil meine Ansage war, dass wenn wir anhalten müssen, weil jemand Lulu machen muss, wir den- oder diejenige an der Raststätte zurücklassen.Auf dem Weg zur sanitären Abteilung musste man durch eine Tür, hinter der ein schmaler Gang war. Direkt rechts führte eine Treppe hoch zur Damentoilette, wohingegen am Ende des Ganges hinter einem Türrahmen die Herrenabteilung zu sehen war. Ich schritt den Gang entlang und fühlte mich ob der urigen Einrichtung ein bisschen in die Mitte des 20. Jahrhunderts versetzt. Nach erreichen des Türrahmens, der die Grenze zwischen Kundentoilette und Gang abzeichnete, schaute ich mich erst mal um. Es gab ein Waschbecken, einen Lokus in einem Séparée und zwei Stehkeramiken, die rechts an der Wand montiert waren. Es gab allerdings eine Sache, die ich schmerzlichst vermissten: Eine Tür, die den Gang vom Ort des Geschehens blickdicht abriegelt.

Das Fehlen eben dieser Tür hieß nämlich, dass jede Person, die diesen Gang betritt, sei es ein Kerl, der dann geradewegs auf einen zukommt, oder eine Dame, die nur die Stiegen hinaufkraxeln will, sofort nach Betreten des Ganges einem volles Brett auf den Bolzen glotzen kann. Und es gibt Dinge, die nicht unbedingt jeder sehen muss. Zumindest meiner Meinung nach. Nachdem getan wurde, was getan werden musste, ging es dann auch wieder in die Heimat zurück.


Auf der Autobahn fiel mir auf, dass ich so langsam mal ans Tanken denken sollte. "Ah komm, machste in Holland", sagte ich zu mir. Bis Holland war es nicht mehr weit und ich hatte mich grade wieder an die Krater in der Straße gewöhnt. In den Niederlanden angekommen wurde mir klar, dass diese Idee so unfassbar scheiße war, weil ich nicht wusste, dass die Holländer ihren Sprit scheinbar vergolden. Anders kann ich mir die Preise nicht erklären. An der ersten Tankstelle bin ich noch vorbeigefahren, weil ich wissen wollte, was die ungefähr für einen Liter haben wollten.

Beim Passieren dachte ich noch: "Die Tankstelle hat bestimmt einen Fehler im System".

Bei der Zweiten wurde ich dann misstrauisch und bei der dritten Station war klar: Die Holländer müssen dringend mit dem Kiffen aufhören. Durchschnittlicher Preis für den Liter Super an dem Tag: 1,56!


Also war klar: Wir tanken erst in good old Germany. Ich war mir allerdings nicht sicher, ob das gut gehen würde. Nach passieren der niederländisch- deutschen Grenze war es schon kritisch mit der Tankfüllung. Aber zum Glück zeigte ein Schild im Fahrbahnrand an: Noch 7 Kilometer bis zur nächsten Tankstelle. "Gott sei Dank" dachte ich, gefolgt von "FUCK!", als mein Navi mir sagte, dass ich in fünf Kilometern die Autobahn wechseln sollte. Ich hatte zwei Möglichkeiten: Auf Risiko spielen und dem Navi folgen oder auf Nummer sicher gehen und bis zur nächsten Tanke düsen.

Ich entschied mich für die Risikovariante und folgte dem Navi. Nach 10 Kilometern kam zum Glück die nächste Raststätte. Liter Super: 1,36. Alles unter 1,56 hat sich meiner Ansicht nach gelohnt.


Der Rest der Rückfahrt war dann wieder sehr unspektakulär und ich war schon ein wenig froh, als ich nach Hause kam und mich einfach in mein Bett fallen lassen konnte.


(Die Fotos aus Belgien findet ihr übrigens hier)

Konzertbericht: The Red Hot Chilli Pipers

Der Hartmann | 17.05.16 | / | 2 Kommentare
Als ich 2015 in Schottland war, betrat ich in Edinburgh einen Laden.
Aus den Boxen der Musikanlage schallte Dudelsackmusik.
Doch es war nicht dieses "Typische", was einem sofort im geistigen Gehörgang erscheint, wenn man das Wort "Dudelsack" hört, also nicht dieses "drei dicke Schotten stehen auf saftigen grünen Wiesen und sackpfeifen vor sich hin".
Nein, es war anders.
Es war rockig, es hatte Schmackes und es klang verdammt gut.
Auf einem kleinen Fernseher konnte man sich das Ganze dann auch visuell reinziehen.
Bislang kannte ich so eine ansatzweise ähnliche Musik nur von Bands wie den Dropkick Murphys oder The Real McKenzies.
Aber die Musik in diesem Laden hatte etwas Eigenes, ich hätte noch stundenlang dort bleiben können.
Zurück in Deutschland wurde direkt das Album "Live at the Lake" der "Red Hot Chilli Pipers" gekauft und seit jeher rauf- und runtergehört.
Umso vorfreudiger wurde ich als bekannt war, dass eben diese großartige Band aus Schottland hier in Essen auftreten würde.
Es war klar: Ich muss da hin.
Und so kam es dann auch. Am 14.04. 2016 war es dann soweit. Das selbe Programm wie auf der CD nur halt live.
Nahezu pünktlich ging die Show los. Keine Vorband, keine Ansagen, nichts. Und das war auch gut so.
Die Halle ging schon gut steil, als der Großteil der Band (alle bis auf die Pfeifer) zu Beginn in minimaler Ausleuchtung auf der Bühne stand und das Intro spielte.
Die drei Bagpiper standen auch schon dort, allerdings im Dunklen und mit dem Rücken zum Publikum.
Beim Wechsel vom Intro in den Hauptteil des Anfangsliedes "Insomnia/ Jack Elliott's Favourite/ The Dragon's Lair", setzten dann auch das Licht und die Dudelsäcke unter tosendem Gejubel des Publikums ein.
Das war der Beginn eines der besten Konzerte meines Lebens.
Die acht Kiltträger auf der Bühne spielten teils eigene Lieder, teils hervorragende Coverversionen von bekannten Stücken wie "Everybody Dance now", "Don't Stop Believin"  oder dem ZZ Top- Knaller "Gimme all your Lovin'".
Man merkte, dass die Musiker ihren Spaß hatten, zumindest grinsten sie häufig.
Außerdem machten sie so manche Faxen, die unglaublich gut rüberkamen. Wie etwa den Klassiker bei Rockkonzerten:

Etwa in der Mitte der ersten Hälfte gab es auch ein "Dudelsack- Wettbewerb". 
Die drei Pfeifer spielten nacheinander jeweils ein Solo und das Publikum sollte durch Jubel und Applaus abstimmen, wer denn nun Sieger war. 
Ich gestehe, ich habe mich enthalten, schließlich waren alle drei so unfassbar gut, dass man sich meiner Meinung nach gar nicht entscheiden konnte. 

In der Mitte der zweiten Hälfte wurde mein Schlagzeugerherz besonders glücklich gemacht, denn es gab auch ein Drumbattle. 
Der Percussionist, der ebenfalls die Marching- Snare (also eine Trommel, wie sie auch bei Paraden oft gespielt wird), trat gegen den Schlagzeuger der Band an. Dieser spielte die Tom- Tom- Variante der Marching- Snare.
Es war großartig, da nicht nur exakt und extrem schnell gespielt wurde, sondern zwischendurch noch mit den Drumsticks getrickst wurde. 
Und gegen Ende des Drum- Offs duellierten sich die beiden Kontrahenten noch gegenseitig mit den Sticks. 


Fazit: 
Es war ein unglaublich großartiges Konzert, das durch eine musikalische Intensität geglänzt hat.
Ich muss gestehen, ich war anfangs ein bisschen skeptisch, ob ich knappe zwei Stunden Dudelsackklänge aushalte, ohne dass es sich tot hört.
Doch ebenso wie bei der CD kann ich sagen: Definitiv nicht!

Und wer jetzt noch eine Hörprobe haben möchte: Bittesehr!
(Das ist im Übrigen das Anfangslied, das im Text oben beschrieben ist, nur in größerer und teils anderer Besetzung)





Der deutsche Flüchtling

Fatima Talalini | 26.11.15 | / | Kommentieren
Bild links: Quelle: Mählert, Ulrich: Die kleine Geschichte der DDR., 4. Aufl, München 2004
Bild rechts: Quelle: „Vertreibung“. Lizenziert unter CC BY-SA 1.0 über Wikimedia Commons

Viele Dinge verändern sich still und heimlich. Hinter wachen Augen und geöffneten Herzen beginnt jeder Wandel. 

Ich möchte heute nichts zur aktuellen Situation sagen. Das tun andere. Viele andere. Und viele tun das sehr gut.
Ich studiere Geschichte. Und immer wieder ärgert sich jemand und sagt, "Oh bitte nicht schon wieder Nationalsozialismus. Bitte nicht schon wieder Zweiter Weltkrieg.".
Aber immer wenn ich in der S1 sitze und meine Texte fürs Studium lese, merke ich, ich sehe das anders.

Ich sehe das anders, weil ich glaube jetzt, wo so viel Fremdenfeindlichkeit kursiert, jetzt wo Bürger der Mittelschicht sich in ihren Ansichten radikalisieren, gerade jetzt müsste in den Buchhandlungen in jedem Schaufenster das Tagebuch der Anne Frank stehen. Und daneben eine Jukebox, die erklärt, was Rechtsradikalismus heute bedeutet. Gerade jetzt muss man es besser wissen.

Mehr junge Menschen denn je machen in Deutschland Abitur und fangen an zu studieren. Das ist so wertvoll. Je mehr Menschen, sich mit Theorien, mit Literatur, Geschichte und Gesellschaft beschäftigen, um so mehr sind in der Lage zu begreifen, wenn was falsch läuft in der Welt. So lange es Menschen gibt, die glauben, Gewalt und Terror würde irgendwas bewegen, solange es Menschen gibt, die glauben, Krieg und Vergeltung würden irgendwas ändern, so lange stehen wir in der Pflicht. In der Pflicht, zu lernen und zu ändern.
Ich denke immer, wenn alle mächtigen Menschen so handeln, wie man in der Schule lernt, wie es richtig ist, dann hätten wir keine Probleme mehr.

"Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) geht davon aus, dass im gesamten Jahr 2015 etwa 800.000 Menschen Asyl in Deutschland suchen werden.", schreibt die Bundesregierung auf ihrer Internetseite.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren über 12 Millionen Deutsche auf der Flucht. Weil ehemalige deutsche Gebiete nicht mehr deutsch waren. Auf der Karte unten seht ihr Herkunft und Zahl der deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen im Jahr 1950. Über 12 Millionen Menschen. Das sind unsere Omas, Opas, Uromas, Uropas. Und was passierte mit Deutschland? Ging es unter? Nein. Wer über 12 Millionen schafft, schafft auch 800.000. Schafft auch nächstes Jahr wieder 800.000. Und heute müssen wir noch nicht mal mehr unsere Städte neu aufbauen. Heute ist Deutschland ein wohlhabender und wirtschaftsstarker Staat.

Ich plädiere einfach immer wieder dafür. Schau ins Geschichtsbuch. Oder frag Opa.
Historiker arbeiten langsam. Aber sehr gründlich. Jeder Wandel beginnt hinter wachen Augen und offenen Herzen. Still und leise, aber gründlich.

Quelle: www.hdg.de/lemo

Nazi-Kram analysieren mit Christofer #1

christofer mit f | 23.10.15 | / | 7 Kommentare
Herzlich willkommen zur ersten Ausgabe von „Nazikram analysieren mit Christofer“!

Schon seit einiger Zeit beobachte ich eine zunehmende Radikalisierung des politischen Meinungsaustausches im Internet und insbesondere auf Facebook. Ungefähr genauso lange schreibe ich bereits dagegen an.

Trotzdem werden in immer größeren Dimensionen Hass und Angst verbreitet- vor allem gegen Flüchtlinge, Migranten und gegen Randgruppen allgemein. Die Methoden sind perfide, die Aussagen flach. Die Urheber der Inhalte sind sich für keinen Fake und für keine Dummheit zu schade. Menschenfeindliche Memes, gefälschte Meldungen, Videos und Fotos mit verdrehtem Kontext fluten das Netz. Oft genug sind sie offen rassistisch. Man könnte meinen, dass so etwas im 21. Jahrhundert nicht mehr funktioniert. Das Gegenteil ist der Fall. Immer mehr Idioten scheinen wie Krokusse im Frühling aus der Erde zu sprießen, lassen sich von diesem geistigen Müll manipulieren. Leider gehören immer öfter auch alte Freunde dazu.

In den Diskussionen habe ich mir bereits die Finger wund getippt. Häufig bin ich müde davon. Der Gegner scheint übermächtig. Vor allem ist er an Gegenargumenten einfach nicht interessiert. Das frustriert. Und, ganz ehrlich, ich mache mir inzwischen ernsthaft Sorgen darüber, in welche Richtung sich diese Gesellschaft entwickelt, wenn man nichts oder zu wenig dagegen unternimmt.

Ich muss also weiterhin etwas dagegen tun- etwas, das größer ist, das einen Rahmen hat, der über eine Kommentarspalte hinausreicht. Für irgendetwas muss das Geschichtsstudium ja gut gewesen sein. Sei es nur, um meinen Frust zu kompensieren. Darum habe ich mich für diese Rubrik hier entschieden. Ich werde fortan in regelmäßigen Abständen Facebook-Memes mit fragwürdigen Aussagen, Fakemeldungen und andere Inhalte auf ihren politischen Hintergrund hin anaylsieren und dekonstruieren und zwar genauso, wie ich es mit einer historischen Quelle auch machen würde… naja… vielleicht ein bisschen unterhaltsamer. Es gibt bereits einige Formate, die auf ähnliche Weise politische Arbeit leisten. Ich werde darauf achtgeben, dass ich eine eigene Nische fülle. Schließlich ist es auch für den Ottonormalbürger wichtig, Nazi-Kram zu erkennen, wenn er einem vor die Füße fällt. Nazis muss man Nazis nennen und diese Memes sind echt die Pest!

Meine Ausführungen werde ich dann hin und wieder veröffentlichen. Ich weiß nicht, wieviel oder wie viele ich damit erreichen werde. Zweifellos kann ich nicht jeden Müll im Netz auf diese Weise aufräumen, höchstens einen sehr, sehr kleinen Bruchteil. Trotzdem will ich es tun. Vielleicht lernt Irgendjemand was dabei. Zumindest kann es diejenigen, die ohnehin auf meiner Seite stehen, aber nicht wissen, wie sie sich wehren können, mit neuen Argumenten versorgen.

Wer auf Facebook über einschlägige Inhalte stolpert, aber nicht sofort weiß, was er sagen soll, darf meine Texte dann gern an entsprechender Stelle verlinken.

Ich beginne mit dem Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat.

Also los!

Gestern Abend hat mich über die Facebook-Chronik eines Freundes folgendes Meme/Bild erreicht:


Wichtig: Dieses Bild zeigen wir nur im Sinne der kritischen
Analyse und distanzieren uns meilenweit vom Inhalt.

Das Meme scheint zuerst von den Betreibern der Facebook-Seite „Multikulti? Nicht mit uns“, veröffentlicht worden zu sein. Weitere Informationen zu Urheberschaft oder Herkunft lassen sich zumindest nicht kurzfristig ermitteln. Veröffentlicht wurde das Meme am 26. Juni. Ich bin am Abend des 18. Oktober 2015 darauf aufmerksam geworden. Es geistert also schon seit einigen Monaten im Netz herum und ist bereits über 9000mal geteilt worden! Da das Meme auch bei „Multikulti? Nicht mit uns“ unter der Rubrik Handy-Uplouds geführt wird, sind ein noch älterer Ursprung und ein anderer Urheber sehr wahrscheinlich.

An der äußeren Form ist neben dem rot-schwarzen Hintergrund vor allem die Schriftart hervorzuheben. Die weißen Lettern des Textes sind in Fraktur gehalten. Möglicherweise ist dies bereits ein bewusst gewählter formaler Bezug auf die guten, althergebrachten, deutschen(?) Werte. Ferner bemerkenswert ist die Abwesenheit von Rechtschreibfehlern. Der Satzbau ist schlicht. Die Aussage sollte wohl möglichst eingängig sein. Dafür spricht auch die exzessive Verwendung von Satzzeichen…

Wenden wir uns nun dem Inhalt zu. Der Text beginnt mit der vermeintlichen Feststellung, dass „Deutschland das Land der Deutschen“ sei, was ja dem philosophisch interessierten Leser sofort eine Frage abnötigt: Was ist das denn jetzt eigentlich - ein Deutscher?

Da diese Frage weder historisch noch biologisch widerspruchsfrei zu klären ist und auch im Meme selbst kein neuer Definitionsvorschlag unterbreitet wird, müssen wir vorerst annehmen, dass damit alle Staatsbürger der Bundesrepublik Deutschland gemeint sind. Die weitere Textanalyse, soviel schon vorab, wird uns aber auch diese Annahme für unangebracht halten lassen.

Schon im nächsten Satz wird es brenzlig. „Opa ist im Krieg gefallen.“ mag ja für sich allein eine völlig wertfreie Tatsachenbeschreibung darstellen. Schließlich sind im zweiten Weltkrieg (der ist hier sehr wahrscheinlich gemeint) eine Menge Großväter gefallen.

Im Gesamtkontext des Memes, in dem es um die Verteidigung oder um die Weigerung „unser Land kampflos auf[zu]geben“ geht, drängt sich allerdings eine weitere Frage auf. Diese Frage ist für die Beurteilung des Memes insgesamt eminent wichtig.

Vertritt der Urheber die Meinung, dass Opa in diesem Krieg lediglich die Heimat verteidigt hat, und - wenn ja- bestreitet der Urheber damit indirekt, dass dieser Krieg die Errichtung einer national-sozialistischen Herrschaft über ganz Europa zum Ziel hatte? Leider drängt sich hier in beiden Fällen die Antwort Ja auf.

Wir wollen es der Vorsicht halber hier auch noch einmal erwähnen. Der zweite Weltkrieg war ein Angriffskrieg, der vom deutschen Reich mit dem Ziel der Landnahme und der Unterwerfung beziehungsweise der Auslöschung anderer Völker geführt wurde. Wer dies zu leugnen versucht, ignoriert die Existenz von Millionen historischer Quellen, die eben dieses eindeutig belegen, und macht sich darüber hinaus nach den Gesetzen der Bundesrepublik Deutschland strafbar.

Völlig unabhängig von der Frage, wie viele Opas unfreiwillig im zweiten Weltkrieg mitkämpften oder wie sie jeweils zu dessen Zielen standen, ist das Meme mit diesem Satz bereits ganz nah dran - an der Geschichtsklitterung und damit auch am Faschismus.

Der nächste Halbsatz „Oma hat es wieder mit aufgebaut“ ist weitaus weniger verfänglich. Gleichwohl handelt es sich auch hier um die Anspielung auf einen Mythos, der als überholt gilt. Näheres dazu kann man in der unten genannten Abhandlung von Leonie Treber nachlesen. Tatsächlich haben die sogenannten Trümmerfrauen nur einen Bruchteil der Aufräumarbeiten geleistet, die man ihnen in der jüngeren populären Geschichtskultur zugeschrieben hat.[1]

Kommen wir nun zu den letzten drei Zeilen, die für die Gesamtbeurteilung des Memes sicherlich die wichtigsten sind! „…und nun sollen wir unser Land kampflos aufgeben?? Niemals!!!“

Fast noch bemerkenswerter als die Ankündigung, dass man „unser Land“ nicht „kampflos aufgeben“ werde, ist die indirekte Unterstellung, die mit dem Satz vorgenommen wird. Es wird gleichsam behauptet, dass sich „unser Land“, also Deutschland, in großer Gefahr befinde beziehungsweise dass es bedroht werde. Jetzt fragt sich der geneigte Leser, welche Bedrohung damit gemeint ist, wo doch die Bundesrepublik Deutschland geographisch ausnahmslos von Verbündeten umgeben ist. Vermutlich, soweit dürfen wir uns wohl aus dem Fenster lehnen, spielt das Meme auf die hohe Zahl von Flüchtlingen aus dem Nahen Osten, Nordafrika und Südosteuropa an, die derzeit nach Deutschland einreisen und um Asyl bitten. Zugegeben sei an dieser Stelle, dass die schiere Menge der Flüchtlinge für die deutschen Behörden zumindest kurzfristig eine ernstzunehmende logistische Herausforderung darstellt. Ja, das stimmt.

In welcher Weise man diesen Umstand als Bedrohung ansehen müsste, bleibt unklar: Die Supermarktregale sind zum Bersten gefüllt, Sozialleistungen werden nach wie vor ausbezahlt. In deutschen Innenstädten kann man sich weiterhin sicher bewegen. Verkehrsunfälle stellen statistisch eine größere Bedrohung dar als gewalttätige Kriminelle. Die Steuereinnahmen sind so hoch wie selten. Die politischen Entscheidungsträger sehen endlich ein, dass sie diese Mittel verstärkt in sozialen Wohnungsbau und in Lehrer investieren müssen…vielleicht...

Ich schweife ab. Nur dies eine: Flüchtlinge sind keine ernstzunehmende Bedrohung und es gibt auch sonst keine ernstzunehmende Bedrohung.

Nachdem wir das geklärt haben, bleibt nur noch die Formulierung übrig: „…kampflos […] Niemals!!!“ Aufgrund der überschaubaren Textmenge ist es hier natürlich nicht so einfach eine eher metaphorische Verwendung des Wortfeldes „Kampf“ auszuschließen. Mit Rückbezug auf den im Krieg gefallenen Opa ist es jedoch naheliegend, dass mit einem solchen Kampf tatsächlich nicht nur die politische Auseinandersetzung nach gesetzlich vorgesehenen Spielregeln gemeint ist, sondern im Endeffekt auch die Ausübung von Gewalt.

Zusammenfassung
Der Urheber des oben aufgeführten Memes offenbart eine zweifelhafte Einstellung zur Geschichte des Nationalsozialismus, verbreitet schmalzige und unwahre Deutungen zur Nachkriegsgeschichte und ruft zumindest indirekt zur Gewalt gegen Menschen auf, die in Deutschland leben, seiner eigenen Ansicht nach aber keine Deutschen sind. Darum bewegt sich der Text seiner Unterschwelligkeit zum Trotz zumindest an der Grenze zum Straftatbestand der Volksverhetzung nach § 130 StGB[2].

Sowohl der Urheber als auch all jene Personen, die dieses Meme kommentarlos weiterverbreiten und damit ihre Zustimmung äußern, setzen sich dem Verdacht einer nationalistischen Gesinnung aus.

Dieses Meme als Nazi-Kram zu bezeichnen ist demnach nicht etwa das unbegründete Schwingen der vielbeschworenen „Nazikeule“, mit der man etwa „unbescholtenen“ Menschen den Mund verbieten wollte, sondern eine schlichte Tatsachenbeschreibung.

Nazis muss man Nazis nennen!

[1] Mythos Trümmerfrauen: Von der Trümmerbeseitigung in der Kriegs- und Nachkriegszeit und der Entstehung eines deutschen Erinnerungsortes, Essen 2014.
[2] http://dejure.org/gesetze/StGB/130.html

Bericht: Redhead Days Breda

Der Hartmann | 15.09.15 | / / | 2 Kommentare

Vor einiger Zeit bin ich bei Facebook zufällig auf eine Veranstaltung gestoßen. Und zwar auf die "Redhead Days 2015" in Breda, Niederlande, vom 4. bis zum 6. September.
Jetzt ist bei mir die Grundvoraussetzung dafür natürlich gegeben, immerhin bin ich ja rothaarig.
Also hieß es Tasche packen und ab nach Breda.

Schon als ich am Hauptbahnhof ankam, sah ich viele Mitrotschöpfe. Also war ich schon mal richtig.
Als ich dann kurze Zeit später an der Rezeption des von mir gebuchten Hotels stand, war auch die erste Frage, ob ich wegen des Rothaarigenspektakels da wäre.
Eine sehr naheliegende Frage.

Zurück am Hauptbahnhof war die große Frage: Wo muss ich hin?
Nach ein wenig herumfragen bei wirklich freundlichem Personal der Nederlandse Spoorwegen, bin ich dann Richtung Innenstadt geschickt worden.
Und tatsächlich: Schon aus einiger Entfernung hörte man schon das dumpfe Dröhnen von Livemusik.

Auf dem Weg zu der Bühne, ging ich durch einen Park. Und egal wo ich hinsah: Überall Rothaarige. Es bestand kein Zweifel mehr: Ich bin hier richtig.
In dem Park war auch ein Teil des Festivalgeländes aufgebaut. Zum Beispiel die Stände für die Kinder. Also hier war für jede Altersgruppe gesorgt.

Dann betrat ich den Platz, auf dem unter anderem die Bühne aufgebaut war. Was mir direkt auffiel: Hier sind viele Nichtrothaarige unterwegs. Und nahezu jeder hatte einen Aufkleber mit seiner oder ihrer Nationalität auf der Kleidung kleben.
Ich machte mich sofort auf die Suche nach dem Stand, an dem diese Aufkleber verteilt wurden und bin auch schnell fündig geworden. Im Informationszelt bekam ich dann auch einen dieser Nationalitätensticker von einer wirklich netten, jungen Frau überreicht.

Auf einmal stürzte hinter der Theke, welche die Grenze zwischen Mitarbeiterbereich und Besucherbereich trennte, eine weitere Mitarbeiterin auf mich zu, bremste vor der Theke ab und sagte mir in Englisch, dass ich voll den schönen Bart hätte und ob sie den wohl mal anfassen dürfte.
Ich gebe zu, das Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen, bejahte aber natürlich.
Und es kam die Antwort, die immer kommt, nachdem Leute meinen Bart angefasst haben: "Der ist aber weich!"

Jedenfalls war spätestens seit dem Zeitpunkt klar, dass ich mich wohl fühlte.
Kaum hatte ich mir den Sticker auf die Buchse geklebt und mich Richtung Bühne begeben hatte, kam ein Mann auf mich zu, ich schätze mal, dass er so Mitte 20 gewesen sein musste.
Er fragte, ob er wohl ein Foto mit mir machen könnte.
Ich bejahte und posierte mit ihm für das Foto.
Generell wurde sehr viel dort fotografiert. Tatsächlich liefen dort, mit mir eingerechnet, mindestens 10 Fotografen rum und zusätzlich fotografierten viele mit ihnen Handys oder Kompaktkameras.

So kam es, dass man fast überall Menschen sah, die für Fotos posierten.
Auch ich bin oft angesprochen worden, meistens fanden die Leute meinen Bart so toll oder mein T- Shirt mit der Aufschrift "There's a name for people without beards - Women" und einem aufgedruckten Vollbart in meiner Haarfarbe.

Überrascht hat mich, von wo aus die Leute alle herkamen. Die meisten kamen aus den Niederlanden, Deutschland und Italien. Aber auch aus Dänemark, Spanien, Großbritannien, Russland, Israel, Kanada, USA und Neuseeland, um nur ein paar zu nennen.
Da war ich echt baff!

Was mir besonders aufgefallen ist, war, dass die Menschen auf dieser Veranstaltung sehr offen und freundlich waren. Wenn man nach einem Foto fragte, war die Antwort immer die Selbe: "Klar, gerne".
Ich habe mich dort auch mit vielen Leuten unterhalten. Auch in den Gesprächen merkte man, dass alle dort Bock auf die Veranstaltung hatten und Spaß hatten.
Die positive Grundstimmung zog sich durch die gesamte Veranstaltung.


Wir hatten aber auch echt Glück mit dem Wetter. Als ich mittags in Breda angekommen bin, hat es noch geregnet wie blöde. Doch es dauerte nicht mehr lange und es war Sonnenschein und eine angenehme Temperatur angesagt.

Nachdem ich mir noch ein paar Musiker auf der Bühne anhörte, bin ich dann auch zu meinem Hotel zurück.

Am nächsten Tag hatte ich noch etwa eine Stunde Zeit, bevor mein Zug Richtung Heimat fuhr, also noch mal ab zum Veranstaltungsgelände.
Und es hat sich als gute Idee erwiesen, denn als ich dort ankam wurde grade eine große Wiese vorbereitet und mit Rothaarigen geflutet. Das große Gruppenfoto war wieder angesagt.
Dieses Jahr standen am Ende 1721 Menschen auf dieser Wiese, die von von einer Hubbühne aus fotografiert wurde.
Ich war nicht mit auf dem eingezäunten Bereich. Schließlich war ich ja selber zum Fotografieren dort und das geht so schlecht, wenn man in dem Pit steht.

Als ich mich dann grade auf den Weg zurück zum Bahnhof machen wollte, kam mir noch ein Mann mit einem kleinen, weißen Golden- Retriever- Mix entgegen.
Ich fragte, ob ich wohl ein Foto von dem Hund machen dürfte.
"Versuchs ruhig" sagte der Mann lachend.
Tatsächlich hatte er Recht, das war gar nicht so einfach. Der kleine Hund, vier Monate alt, wollte die ganze Zeit mit meiner Kamera spielen.
Das hat zwar nicht direkt was mit der Veranstaltung zu tun, war aber dennoch furchtbar süß und sollte deswegen meiner Meinung noch mal erwähnt werden.



Ich wäre am liebsten gar nicht mehr aus Breda abgereist, es hat mir einfach zu sehr gefallen.
Mal gucken, ob ich nächstes Jahr länger bleiben kann.

(Mehr Fotos gibt es auf www.fotowikinger.de)

Bericht und Interview: Menschlichkeit in Dortmund

Fatima Talalini | 07.09.15 | / / / | 2 Kommentare
Als ich am Freitag die Bilder der Flüchtlinge in Ungarn sah, war ich besonders gerührt von einem jungen Mann, der ein Pappschild hoch hielt: "Where is humanity?". Und ich hab ich mich verzweifelt gefragt, ja wo ist die Menschlichkeit?

Liebe Menschen, ihr braucht nicht mehr zu suchen, ich hab sie gefunden. In Dortmund. Ja, in dieser grauen schangelligen Stadt, in der ich wohne.

Samstag Abend verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer: Viele Flüchtlinge, die aus Ungarn nach Deutschland gekommen sind, waren auf dem Weg nach Dortmund. Um 3:00 sollte der erste Zug aus München in Dortmund ankommen. Ich war gerade beim Roxy-Slam in der Dortmunder Nordstadt, als mir der Poetry Slammer Sven Hensel die Ankündigung auf Facebook zeigte. Der Moderator des Abends Björn Rosenbaum verkündete laut, dass Wasser und Decken am Hauptbahnhof gesammelt würden. So und so ähnlich verbreitete sich die Nachricht in der ganzen Stadt und in der Nacht standen hunderte Dortmunder am Hauptbahnhof, sammelten Decken, Essen und Wasser und warteten auf die Flüchtlinge. Gegen 1:20 Uhr tauchten Neonazis am Dortmunder Hauptbahnhof auf, um Ärger zu machen. Die Polizei drängte die 20 teils aggressiven Nazis zurück, während ca. 1000 Menschen dabei waren die vielen Spenden zu sortieren und zum nahe gelegenen Kulturzentrum Dietrich-Keuning-Haus zu transportieren. Die ersten Flüchtlinge trafen dann am Sonntagmorgen ein und wurden mit Applaus und Refugees-Welcome-Rufen begrüßt.

Ich habe mich am Sonntagabend kurz mit Helferin Özge Cakirbey unterhalten. Während die lokalen Medien viel davon erzählen, wie toll alles in Dortmund ist, spricht sie es endlich an: Helfen ist kein Zuckerschlecken, vor allem wenn alles selbst organisiert ist! Mit müden Augen aber unerschütterlicher Tatkraft wuselte sie durch das Dietrich-Keuninghaus und versuchte ein bisschen Struktur zu schaffen. Sie erzählt von Schwierigkeiten, vor denen die Helfer standen, von Stolz auf die Dortmunder Bürger, von angestachelten Rechten und dass es auch in Ordnung ist, mal Pause zu machen.




Die Gruppe auf Facebook heißt trainofhopedo. Informiert euch dort, ob gerade Hilfe gebraucht wird!

Wenn ihr nachhaltig und längerfristig helfen möchtet, schreibt direkt die Flüchtlingsunterkünfte an. Deutschlehrer, Kinderbetreuer und helfende Hände werden immer gesucht!




Poetry Slam von Innen: Leuchttürme

Jay Nightwind | 13.04.15 | / / | 4 Kommentare

Immer mal wieder schreibe ich hier über Poetry Slam - früher habe ich hier quasi Spielnachberichte geschrieben und auch ganz ganz selten mal Kommentare und Einblicke in die Szene. Worüber ich seltsamerweise nie so wirklich geschrieben habe, ist mein eigener Slam. Irgendwo am Rande habe ich wohl mal erwähnt, dass ich in Essen einen Poetry Slam veranstalte, aber sonst nicht.

Das hätte so nach Eigenwerbung und Selbstdarstellung gerochen und das hat mir bisher nie so wirklich gut gefallen. Aber inzwischen hat sich etwas eingeschlichen, was ich als Stolz bezeichnen würde. Denn jetzt in unserem vierten Jahr wird mir plötzlich bewusst, was wir da eigentlich geschaffen haben. Aber das dient nur als Intro für eine für mich sehr wichtige Geschichte, die ich viel zu selten erzähle. Und für diese Geschichte müssen wir ganz vorne anfangen.

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz von hoher Tradition, ja fast schon ritueller Wichtigkeit, dass ein jeder und eine jede, die irgendwie für sich selbst in Betracht ziehen Poetry Slam auszuprobieren oder gerade zufälligerweise frisch darauf gestoßen sind, mit eben diesen zwei magisch unbekannten Wörtern die Suchmaschine des Vertrauens zu bemühen. Genauer die Video-Suchmaschine des Vertrauens. Denn dass mensch selbst nicht der erste ist, der sowas auf der Bühne macht, ist einem für gewöhnlich bewusst.

Oft passiert es dann, dass mensch in einer Versenkung aus Selbstzweifel im ewigen Peitschenschwund sich selbst zerfleischt, weil die dort entdeckten Texte so unwahrscheinlich vielfach besser wirken als die eigenen Stücke. Das kommt aber auf den Typ Mensch an, denn mit einem Hauch mehr Optimismus findet mensch auch auf dem allseits beliebten Videoportal einen Leuchtturm. Einen Text, von dem mensch nicht geahnt hätte, dass es so überhaupt möglich ist auf die Bühne zu steigen und der alle anderen überstrahlt. Allerdings eben nicht um zu vernichten, sondern um den verirrten auf dem Meer der Bühnenliteratur den Weg zu zeigen, der sie in Sicherheit bringt oder wenigstens beschreibt wo das Ufer liegt.

Das passiert natürlich alles im Kopf des Empfängers. Der Vortragende hat das nie so geplant, dass er durch seinen Text zum Helden erwählt wird. Wenn doch: meinen höchsten Respekt!

Mein Leuchtturmvideo wurde zu einer Zeit gesucht, als meine ganzen geschätzten deutschsprachigen KollegInnen noch nicht das Videoportal für sich eingenommen hatten und so landete ich bei dieser jungen Frau aus den U.S.A. Bitte einmal kurz durchatmen, Kopf frei machen, und dann anhören:



Ich weiß nicht mehr wirklich, wie ich bei ihr rausgekommen bin, aber so ist es ja mit Leuchttürmen. Sie tauchen am Horizont als Lichtschein auf, ohne dass wir genau wissen, wo er eigentlich steht.
Sarah Kay hat mich direkt in ihren Bann gezogen. Das Thema ist simpel, die Ausführungen tief und auch keine Sekunde hat sie nicht die gesamte Bühne inne.

Ihr Video wurde das erste, dass ich zu meinen "Favoriten" bei Youtube gespeichert habe. Und es war sehr sehr lange auch das Einzige. Ich hörte mir weitere Texte von ihr an, wovon es damals gar nicht mal so viele im Netz gab und mein Kopf machte etwas, was ich früher sehr gut mit Poetry Slammern konnte: Ich war so ein dezentes kleines bisschen verliebt. So sehr, dass ich - nicht so wie sonst - eigentlich niemandem das Video zeigte. Das sollte mein kleines Geheimnis bleiben. Schnitt.

Als wir damals am 29.10.2011 in einem Nebenraum der Weststadthalle zum ersten Mal zu unserem eigenen Slam eingeladen haben, da hatten wir nicht viele Ziele. Ich weiß nicht mal, ob meine Jungs, Gabriel und Tobi, überhaupt Ziele hatten. Ich wollte gerne eine Kulturveranstaltung in Essen anbieten, die sich jeder anschauen kann, unabhängig von seinem Stand in der Geldbörse. Ich habe dabei in erster Linie an Schüler und Studenten gedacht, weil ich mich gut erinnern konnte, wie teuer ein Konzert für vier Euro alleine schon manchmal sein konnte, wenn gerade Ende des Monats war. Hätte mir damals jemand gesagt, dass aus den etwa 60 Seelen vor der Bühne mal fast 500 werden, die jetzt jeden Monat in der Halle sitzen und klug erdachten Texten lauschen, hätte ich mich kaputt gelacht. Nie im Leben!

Wir sind gewachsen, meine Ziele haben sich minimal verändert. Ich will immer noch Kultur bei freiwilligem Unkostenbeitrag anbieten, aber ich fühle mich unseren Zuschauern gegenüber stärker verpflichtet als früher. Einfach weil ich weiß, dass sie uns dahin gebracht haben, wo wir jetzt sind.
Es hatte sich inzwischen viel getan, wir wurden bekannter, die Zuschauerzahlen stiegen wie erwähnt an, wir hatten begonnen ein wenig zu netzwerken und haben Freundschaften und Allianzen mit anderen Slams geschmiedet. Und dann standen wir gerade kurz vor unserer vierten - gerade laufenden Saison - als folgendes in meinem Postfach passiert:

Nachricht von Sebastian23:
Hey Jay,
Ich habe eine Anfrage vorliegen von einer amerikanischen Slammerin, die so gut ist, dass es knistert. Sie gibt nächsten Monat einen Workshop in Bonn und sucht für den Abend des 18ten noch eine Show, bei der sie und ihr Kollege featuren könnten. Das ist sie:

Nun ist an dem Tag eben WestStadtStory - die Frage ist nur, ob ihr Lust habt und euch gewappnet fühlt, zwei der bekanntesten amerikanischen Slam Poeten als Feature außerhalb des Wettbewerbs auftreten zu lassen. Was meinst du?

Erst als meine Seele, welche gerade mit einer Heftigkeit einer Artilleriekanone meinen Körper verlassen hatte, langsam wieder den Kontakt herstellt, kann ich versuchen mit meinen zitternden Fingern so etwas wie eine Antwort zu schreiben:
"Sebastian. Ich weine hier gerade fast. Ich liebe Sarah Kay. Wirklich. Ich will. Ja. Ich will. Was war nochmal die Frage?"
Bis heute kann ich in keinsterweise dem guten Sebastian in Dankbarkeit aufschütten, was er da für mich getan hat. Ja, für mich. Natürlich sollte es unseren Slam unglaublich veredeln, zum Auftakt der vierten Saison nicht nur Sarah Kay, sondern sogar auch noch ihren nicht minder begnadeten Bühnenpartner Philip Kaye auf unsere bescheidene Bühne zu holen, aber die bloße Vorstellung ich könnte meine Leuchtturmpoetin auf "meiner" Bühne live sehen, sprengte das Fassungsvermögen meines Kopfes. Den ich, wie sich herausstellen sollte, eh im Laufe dieser Geschichte etwas ausbauen musste, damit er eben fassen kann.

Denn nicht nur, dass die beiden bei uns auftreten sollten; wegen einer Messe in der Stadt gab es keine -bezahlbaren- Hotelzimmer mehr und so haben diese Rockstars des Poetry Slams (Meine Meinung) in den bescheidenen Wänden gelebt, die ich mein Zuhause nenne. So ist es innerhalb unserer deutschsprachigen Slamszene recht üblich, aber ich hatte nicht damit gerechnet, dass es für die beiden auch klargeht. Ging es aber.

Und so hatten wir/ hatte ich nicht nur die Gelegenheit den beiden eine Bühne zu bieten, sondern auch mit ihnen über Slam hier und in den Staaten zu sprechen, zu bewundern, wie stapelbare Aufschnittdosen sie vollkommen begeisterten, übers Schreiben, Inspiration, Motivation für Slam,  über die Seele von Sprachen zu reden und sie mit unserem Pferderennen zu amüsieren. Es brauchte ein wenig, aber die Rockstargefühle bauten sich langsam ab und an ihre Stelle trat das Gefühl, hier einfach Freunde oder geschätzte Kollegen sitzen zu haben.

Das war neben der Bühne. Auf der Bühne verwandelten sie unsere Halle schlagartig in einen neuen Ort. Es war immer noch ein Poetry Slam, aber es hatten sich Dinge verändert. Ich weinte vor Stolz fast bei der Anmoderation unserer Gäste und unsere Poetry Slammer an diesem Abend zeigten sich vor den internationalen Gästen angespornt, wie ich es nur selten zuvor gesehen habe. Unser Publikum an dem Abend war uns dankbar für Sarah und Phil und haben gar nicht gemerkt, dass sie sich dafür selbst hätten danken müssen. Jeder spürte es an diesem Abend ganz deutlich: Bei Poetry Slam kann manchmal auch diese Magie passieren, die viele von uns nur noch aus Disney-Filmen kennen.

Wäre es nach mir gegangen, hätte ich Sarah und Phil für immer behalten. Ich habe zwar meine Star-Wahrnehmung dämpfen können, aber aus nächster Nähe konnte mensch sich nur viel mehr in die beiden verlieben. Da herrschte hier auch bei allen Einigkeit. Und als die beiden dann abreisen mussten - ironischerweise mussten meine Freundin und ich vor den Gästen das Haus verlassen - waren wir am Ende einfach nur stolz, so gute Gastgeber gewesen zu sein und zwei tolle, herzensgute Menschen kennen gelernt zu haben.

Auf die Gefahr, dass ich mich wiederhole: Ich werde Sebastian nie in meinem Leben genug dafür danken und es ihm vergelten können, was er da für mich getan hat. Auch dieser Beitrag ist ein viel zu kleines Denkmal.

Eines, dass ich meinen beiden Poetry Slam Leuchttürmen setzen möchte. Die es vielleicht, schon lange wieder in ihrem Leben zurück, nie erfahren werden. Ich bin euch zutiefst dankbar, dass ihr uns den Stolz auf das gebracht habt, was wir da seit Jahren machen. Ihr habt dieses Gefühl in uns eingepflanzt und wir werden es hegen und pflegen.


Und auch wenn meine Verliebtheit einen kleinen Funken mehr Sarah gilt - sorry Phil -, möchte ich euch auch noch einen Text von Phil mitgeben, den er auch auf unserem Slam vorgetragen und uns damit bewegt hat.

Texte testen mit dem BlaBla-Meter

Stephan Krahwinkel | 18.02.15 | / | 4 Kommentare
Texter auf der ganzen Welt mühen sich jeden Tag ab, qualitativ hochwertige, zugleich ansprechende und unterhaltsame Texte, Reden, Slogans, Artikel, Berichte, Reportagen, Pressemitteilungen und vieles mehr zu verfassen. Dies gelingt mal mehr, mal weniger gut. An schlechten Tagen fehlt zuweilen die Zeit, weil ein Text unbedingt bis zu einer bestimmten Deadline fertig sein muss, und mal fehlt es dem Verfasser schlichtweg an Inspiration.

In den meisten Fällen kommen dann Texte heraus, die weniger mit guten, spannenden Inhalten überzeugen als vielmehr mit blumigen, jedoch nichtssagenden Umschreibungen und Verschleierungen, die den Text in die Länge ziehen.

Wer hier Abhilfe schaffen und sich selbst testen möchte, kann seine Texte mit dem „BlaBla-Meter“ auf dessen „Bullshit“-Höhe überprüfen. Was genau als „Bullshit“ und „heiße Luft“ gewertet wird, ist zwar nicht ganz klar – ein witziger Stimmungsmesser ist der BlaBla-Meter dennoch. Für englische Texte gibt es auch eine entsprechende Version des BlaBla-Meters.

Einfach ein paar Zeilen oder den gesamten Text einfügen, Enter drücken und das Ergebnis wird sofort anhand einer Skala angezeigt. Dieser Text hat übrigens einen Bullshit-Index von 0.14 und weist laut BlaBla-Meter daher nur geringe Hinweise auf „Bullshit“-Deutsch auf. Viel Spaß beim Testen!