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Blaue Blumen

Der Hartmann | 06.01.17 | / | Kommentieren
Es gibt Ideen, die sind sehr gut. Beispielsweise das "Black & Tan". Das ist Guiness mit Kilkenny vermischt. Also Bier mit anderem Bier. Dann gibt es noch Ideen, die sind nicht so clever. Zum Beispiel im Zug bei voller Geschwindigkeit die Notentriegelung der Tür betätigen. Es gibt allerdings auch Ideen, die vom Prinzip her sehr gut sind, in der Ausführung allerdings nicht ganz so durchdacht waren. Mit so einer Idee hatte ich es zu tun, als mein guter Freund Jay eines Septembers auf mich zu kam und mir einen Plan offerierte, den er zusammen mit einer gemeinsamen Freundin ausgearbeitet hat.


Der Plan war recht simpel:

Zwei Autos, acht Leute und eine Fahrt nach Belgien.

Genauer gesagt ging es nach Halle in Belgien. Noch genauer gesagt ging es in den dortigen Wald, den Hallerbos.

Natürlich gibt es auch hier genug Wälder, die man anfahren kann. Aber der Hallerbos hat eine Besonderheit: In einem Teil des Waldes wachsen haufenweise blaue Blumen. Fragt mich jetzt bloß nicht, was das für welche waren. Mein grüner Daumen beschränkt sich auf ein Erlebnis vor ein paar Jahren, bei dem ich mir versehentlich grüne Lackfarbe über die Finger gekippt habe.


Zurück zum Thema:

Bei mir machte sich Skepsis breit, weil ich es anfangs für ziemlichen Kokolores hielt, wegen Blumen nach Belgien zu fahren.

Dann zeigte mir Jay ein Foto des beblumten Waldes. Der Fotograf in mir stieß ein lautes "Holladibolla" aus und es war klar: Wir ziehen das durch, es musste nur noch ein Termin gefunden werden, am besten möglichst zeitnah.


Ein paar Wochen später war es dann so weit.

Nachdem ich meinen kleinen Koreaner (also mein Auto) fit gemacht habe für die lange Fahrt, ging es dann los. Pünktlich mit 10 Minuten Verspätung wurde dann abgedüst und die Motivation kam uns schon fast aus dem Ohren. Wir hatten richtig Bock!


Als wir die holländische Grenze überquert hatten, wusste ich wieder, warum ich dieses Land so liebe. Nicht nur wegen der wirklich freundlichen Menschen, der schönen Landschaft und des lustigen Dialektes, den die Niederländer haben, wenn sie Deutsch reden. Nein, vor allem, weil deren Autobahn wie geleckt ist! Kein Schlagloch, keine Huckel, nur flacher, perfekter Asphalt. Ein Traum aus Teer!


Blöd nur, dass man irgendwann nach Belgien kommt.

Ungelogen, ab dem Schild, das die Landesgrenze markiert kommt man auf eine Fahrbahn, die vielleicht für schwere Kettenfahrzeuge, sicherlich jedoch nicht für einen kleinen Hyundai geeignet ist. Diese Autobahn ist im Prinzip eine Aneinanderreihung von Schlaglöchern und Unebenheiten, wo sich zwischendurch immer mal wieder so circa 10 Meter Straße eingemogelt haben.


Weil es auch noch kräftig geregnet hat, hat sich diese Huckelscheiße auch binnen Femptosekunden mit Wasser gefüllt und ich will nicht lügen, doch ich meine mit Tempo 130 an einem Typen vorbeigehämmert zu sein, der in einem solchen Krater gebadet hat. Vielleicht sind in Holland auch nur irgendwelche Dämpfe in das Innere meines Wagens gedrungen.

Zurück nach Belgien:

Jetzt ist die Federung meines Wagens relativ hart. Mein Hintern hat nach der kilometerlangen Autobahnfahrt weh getan, als hätte ich mich im Knast nach der Seife gebückt. Etwas später sind wir in Halle angekommen. Weil ich leider manchmal nicht ganz so intelligent bin und statt "Hallerbos" nur "Halle" ins Navi eingehackt habe, durften wir noch eine Ehrenrunde durch den Stadtkern drehen.

Dieses Nachdenken liegt mir manchmal nicht so ganz.

Irgendwie haben wir es dann doch geschafft den Wald zu erreichen und was soll ich sagen: Leck mich de Söck, das Ding ist ein Träumchen. Also Karre abstellen, Rucksack schultern und ab dafür!

Nach circa 10 Minuten kamen wir an ein Schild, auf dem blaue Blumen abgebildet waren. Und ein Text in belgischer Nationalsprache. Man kann davon ausgehen, dass dieses Schild uns sagen wollte, dass hier diese blauen Blumen hätten sein sollen. Da waren aber keine.


Dann fing es deutlich hörbar in meinem Kopf zu rattern an.

"Ah, Moment: Blumen wachsen im Frühling. Wir haben September. Der September ist nicht im Frühling. Das heißt, dass der Frühling vorbei ist." Und dann zog ich daraus die Schlussfolgerung, für die Columbo mich beneidet hätte: "Wenn jetzt September ist und der Frühling schon längst um ist...

Scheiße, wir sind quasi für Nöppes hier hingedüst."


Nachdem ich festgestellt hatte, dass dieses Unterfangen ziemlicher Mumpitz war und wir alle grottendämlich sind, sind wir weitergelaufen. Weil wenn man schon mal da ist, dann will man ja auch was davon haben. Wie sich erfreulicherweise herausstellte, war es ganz und gar kein Tinnef zum Hallerbos zu fahren. Der Spaziergang war richtig gut und ich bin mit reichlich Bildern auf dem Fotoknips nach Hause gekehrt. Außerdem war die reiselustige Truppe, mit der ich unterwegs war echt der Wahnsinn.


Bevor es dann aber zurück in die Heimat ging, wollten wir uns Halle noch angucken. Einige von uns kannten zwar schon ein bisschen von der Stadt (man erinnere sich an die Hinfahrt) aber das war ja nicht viel. Außerdem hatten die Mitreisenden Hunger. Also sind wir nach Halle zurückgefahren und stellten fest, dass sich dort ein Jahrmarkt niedergelassen hatte. Wir gingen ihn ab, was nicht lange dauerte, so groß war der nicht. Das erste, das mir auffiel war, dass dort sehr merkwürdige Gestalten umhermeanderten. Ich war beruhigt, dass es auch außerhalb von Deutschland sehr sonderbare Zweibeiner herumeiern.


Weil meine Reisegruppe den Wunsch nach Nahrung hegte, gingen wir die Restaurants und Bars der Innenstadt ab und studierten die Speisekarten. Ich habe zwei Thesen entwickelt: Entweder man bekommt im belgischen Halle Portionen, die man nur mit einer Mistgabel vernünftig essen kann oder die Dudes und Dudettes in Belgien haben zu viel Kohle. Beispiel: Für den Preis, den ein Lokal für ein Stück Fleisch mit etwas Kartoffelbeilage verlangte, hätte man sich in Deutschland als Landwirt selbstständig machen können. Lange Rede, gar kein Sinn, im Endeffekt lief es darauf hinaus, dass wir uns auf dem Jahrmarkt jeder eine Tüte Pommes kauften und uns in eine Kneipe setzten, die uns dort essen ließ.

Und wieder einmal stellte ich mir die Frage:

Welcher hirnlose Vollspacken ist eigentlich auf die Idee gekommen, Fritten in eine Papiertüte zu füllen und die Soßen darüberzukippen? War bestimmt ein Belgier, die haben ja drei Kompetenzen, die sie beherrschen: Bier, die Zubereitung von Pommes und Pralinen. Pommes sinnvoll zu verpacken haben die nicht so drauf.
Warum eine Papiertüte für diesen Zweck scheiße ist? Ganz einfach.


Wer mich kennt weiß, dass ich unter einer mittelgroßen Portion mit dem Essen gar nicht erst anfange. Jetzt sind diese Papiertüten vom Schnitt her unten ja eher spitz zulaufend und recht groß. Das hat den Nachteil, dass sich die Pommes dann in der Spitze der Verpackung sammeln und ich mit meinen Wurstfingern nicht drankomme. Ich höre euch schon sagen: "Aber Tobi, man kann die Tüte doch aufreißen." Das ist richtig aber weil ich mir ja immer noch literweise Soße draufkippen lasse, damits beim Schlucken nicht quietscht, sieht man nach dem Aufreißen der mit Ketchup getränkten Tüte aus, als hätte man grade mit bloßen Händen eine Blinddarmoperation durchgeführt. Genug "Mimimi", weiter im Text.


Wir saßen nun also in Belgien in einer Kneipe und knusperten genüsslich die Fritten. Ein Blick auf die Karte ließ meine Augen sehr groß werden, denn natürlich gab es dort Leffe Blond. Leffe Blond ist ein belgisches Klosterbier, das mit feinen Vanille- und Nelkennoten zu überzeugen weiß. Oder ums kurz zu machen: Für dieses Gebräu würde ich meine Oma verkaufen! Jetzt gabs nur einen Haken: Ich war ja der Fahrer. Also kein Bier für den dicken Onkel. Allerdings saß mir Jay gegenüber. Und Carmen daneben. Und beide bestellten sich ein Leffe Blond. Ich bin ja eigentlich jemand, der nicht schnell piesepampig wird aber in diesem Moment habe ich puren Hass empfunden. Und Neid. Aber vor allem... Bierdurst. Ich musste mich mit Kohlensäure versetztem Eistee zufriedengeben, was genauso widerwärtig war, wie es klingt.


Kurz bevor wir losdüsen wollten, ging jeder noch mal die sanitäre Rumpelkammer aufsuchen. Nicht zuletzt, weil meine Ansage war, dass wenn wir anhalten müssen, weil jemand Lulu machen muss, wir den- oder diejenige an der Raststätte zurücklassen.Auf dem Weg zur sanitären Abteilung musste man durch eine Tür, hinter der ein schmaler Gang war. Direkt rechts führte eine Treppe hoch zur Damentoilette, wohingegen am Ende des Ganges hinter einem Türrahmen die Herrenabteilung zu sehen war. Ich schritt den Gang entlang und fühlte mich ob der urigen Einrichtung ein bisschen in die Mitte des 20. Jahrhunderts versetzt. Nach erreichen des Türrahmens, der die Grenze zwischen Kundentoilette und Gang abzeichnete, schaute ich mich erst mal um. Es gab ein Waschbecken, einen Lokus in einem Séparée und zwei Stehkeramiken, die rechts an der Wand montiert waren. Es gab allerdings eine Sache, die ich schmerzlichst vermissten: Eine Tür, die den Gang vom Ort des Geschehens blickdicht abriegelt.

Das Fehlen eben dieser Tür hieß nämlich, dass jede Person, die diesen Gang betritt, sei es ein Kerl, der dann geradewegs auf einen zukommt, oder eine Dame, die nur die Stiegen hinaufkraxeln will, sofort nach Betreten des Ganges einem volles Brett auf den Bolzen glotzen kann. Und es gibt Dinge, die nicht unbedingt jeder sehen muss. Zumindest meiner Meinung nach. Nachdem getan wurde, was getan werden musste, ging es dann auch wieder in die Heimat zurück.


Auf der Autobahn fiel mir auf, dass ich so langsam mal ans Tanken denken sollte. "Ah komm, machste in Holland", sagte ich zu mir. Bis Holland war es nicht mehr weit und ich hatte mich grade wieder an die Krater in der Straße gewöhnt. In den Niederlanden angekommen wurde mir klar, dass diese Idee so unfassbar scheiße war, weil ich nicht wusste, dass die Holländer ihren Sprit scheinbar vergolden. Anders kann ich mir die Preise nicht erklären. An der ersten Tankstelle bin ich noch vorbeigefahren, weil ich wissen wollte, was die ungefähr für einen Liter haben wollten.

Beim Passieren dachte ich noch: "Die Tankstelle hat bestimmt einen Fehler im System".

Bei der Zweiten wurde ich dann misstrauisch und bei der dritten Station war klar: Die Holländer müssen dringend mit dem Kiffen aufhören. Durchschnittlicher Preis für den Liter Super an dem Tag: 1,56!


Also war klar: Wir tanken erst in good old Germany. Ich war mir allerdings nicht sicher, ob das gut gehen würde. Nach passieren der niederländisch- deutschen Grenze war es schon kritisch mit der Tankfüllung. Aber zum Glück zeigte ein Schild im Fahrbahnrand an: Noch 7 Kilometer bis zur nächsten Tankstelle. "Gott sei Dank" dachte ich, gefolgt von "FUCK!", als mein Navi mir sagte, dass ich in fünf Kilometern die Autobahn wechseln sollte. Ich hatte zwei Möglichkeiten: Auf Risiko spielen und dem Navi folgen oder auf Nummer sicher gehen und bis zur nächsten Tanke düsen.

Ich entschied mich für die Risikovariante und folgte dem Navi. Nach 10 Kilometern kam zum Glück die nächste Raststätte. Liter Super: 1,36. Alles unter 1,56 hat sich meiner Ansicht nach gelohnt.


Der Rest der Rückfahrt war dann wieder sehr unspektakulär und ich war schon ein wenig froh, als ich nach Hause kam und mich einfach in mein Bett fallen lassen konnte.


(Die Fotos aus Belgien findet ihr übrigens hier)

Tagebuch: Journalistisches Schreiben

Jay Nightwind | 04.01.17 | / | 1 Kommentar

"Du hast diese Tagebuch-Sachen nicht nötig, du kannst doch journalistisch arbeiten!", sagte meine Freundin zu mir. Ihr Schwerpunkt lag sicher auf dem Kompliment in der Aussage. Was mal ein Tagebuch/Blog war, hat jetzt Recherche und Interviews und ein Team und überhaupt: Von einem journalistischen Produkt ist es kaum zu unterscheiden.

Leider habe ich diese Eigenschaft, angemeldete Ansprüche und Erwartungen von anderen Menschen ernstzunehmen. Je näher sie an mir dran stehen, desto ernster wird es. Spoiler: Meine Freundin steht mir sehr nah. Wenn sie die Qualität in mir sieht, journalistisch zu schreiben, dann möchte ich das auch erfüllen. Alles darunter wäre natürlich eine Enttäuschung.

Nachdem ich im Blog über meine Probleme beim Schreiben erzählt habe, bekam ich sehr viele nützliche Hinweise und auch tolle Tipps. Einiges beschäftigte sich mit der Definition des Prozesses des Schreibens, anderes mit Tipps, wie man mit dem Schreiben anfängt. Doch je mehr ich "Meinungen" zu lesen bekam, desto heftiger stieß ich mich daran. Diese Ansprüche machten es mir eng. Irgendwann konnte ich mich nicht mehr bewegen.

Ja, ich kann journalistisch arbeiten, aber ich möchte es auch mal lassen können. Ich möchte einen kurzen kleinen Beitrag schreiben können, mit einer persönlichen Anekdote, die absolut keinen Mehrwert hat. Das befreit. Keine Pflichtkategorien, keine Aufmacher, keine Artikel, keine Quellenangaben (Weil es nichts zu bequellen gibt). Einfach mal ein Geschichtchen runternudeln und damit zufrieden sein.

Als ich in mich gegangen bin, habe ich eine alte Version von mir getroffen. Als ich das Problem vorgetragen hatte, sagte meine Erinnerung mir: "Auch ein Grund, warum wir nie Germanistik und Anglophone Studies mit Herzblut beendet haben. Der Traum Journalist zu werden war abgelöst, wir fühlten uns mit den Formaten nicht wohl." Ich verstehe, warum ein Feature, ein Sachtext, ein Kommentar aufgebaut und geschrieben werden, wie sie geschrieben werden. Ich liebe die Arbeit von Journalist*Innen, wenn sie gut gemacht ist, aber das ist nicht -mehr- meine Tanzfläche.

Im Blog kann ich tanzen wie ich will, auch wenn es nicht zur Musik passt. Da kann ich dann auch journalistisch tanzen, aber ich muss nicht. Und nicht zu müssen, dass gibt mir die Sicherheit, die ich brauche, um schreiben zu können. Gibt mir die Freiheit, zu tun was ich will.

Mit mir läuft ein Ruf um die Wette, dass ich manchmal nur des Prinzips wegen einer anderen Meinung bin. Das es meine Art ist, mir zu beweisen, dass ich klug bin. Eine Einschätzung von Außerhalb, die ich so nicht teile, aber da sind wir wieder bei den Ansprüchen von außen, die ich noch nicht so gut ablegen kann. Aber den Blog nicht zum journalistischen Produkt zu machen, ist nicht meine Art, meiner Freundin zu widersprechen, sondern ein Art, mir zu entsprechen.

Tagebuch: Ich kann nicht schreiben

Jay Nightwind | 15.12.16 | / | 8 Kommentare
Wenn ich jetzt gerade einen Schadensbericht abgeben müsste, würde ich sagen, dass es nicht an den fehlenden Inhalten liegt und auch nicht daran, dass ich es mir technisch nicht zutraue. Grammatik, Ausdruck und Zusammenhänge bekomme ich so hin, dass ich damit zufrieden sein kann. Zugegeben, kurze Sätze fallen mir manchmal schwer. Und meine Sätze nicht zu relativieren, also durch ein "vielleicht", "möglicherweise", "manchmal". Aber das ist Kleinkram, der sich stilistisch in abschließenden Arbeitsschritten wegschleifen lässt. Achja, bei meiner ursprünglichen Aussage bleibe ich auch nicht immer direkt. Könnte so ein Bloggerding sein. Weshalb wir keine Journalisten sind. Also, in meinem Fehlerprotokoll stünde drin, dass mein Schreibprozess nicht gut ist.

So wenig gut, dass ich kaum mehr etwas produziert bekomme. Klar, hier und da kommt mal was zustande, aber mich aktiv und mit Freude hinsetzen und schreiben, das klappt nicht. Egal ob zwanglos (Blog, Slam) oder auf Zwang (Schule) ich bekomme es nicht besonders gut hin. Eine Praktikumsmappe, die ich gerade zurück bekommen habe, war gekürt mit einer berechtigen "Mangelhaft (Plus)" - was sich für mich immer liest, als wäre es eine qualitativ besonders hochwertige Fünf. Die Premium Fünf. Mit Goldkante. Aber halt auch vollkommen berechtigt. Die fachliche Ausarbeitung war nicht gegeben.

Kurzer Hinweis: Eine Praktikumsmappe in der Erzieherausbildung ist leider keine dieser romantischen kleinen Tagebuchsammlungen wie damals in der Schule, wo jeder Tag und die Aufgaben beschrieben werden, sondern eine anspruchsvolle Facharbeit mit mehreren Aufgaben, die auf einem wissenschaftlichen Niveau zu bearbeiten sind. Da geht es um Entwicklungspsychologie, pädagogische Begründungen, den Nachweis methodischer Kenntnisse und hoher Reflexionsfertigkeit.

Sitze ich in der Schule, sind all diese inhaltlichen Dinge da. Unterricht, Klausur, bekomme ich immer mit gutem Feedback und zufriedenstellende(re)n Noten zurück. Was mir verdeutlicht hat, dass es wohl an meinem Schreibprozess liegen muss. Prozess ist hier auch schon eine ziemliche Übertreibung, befürchte ich. Aber bevor ich jetzt in das Gebashe gegen mich selbst stürze, versuche ich es lieber mit neutraler Beobachtung (auch so ein Erzieherding), auch wenn diese ohne Blickwinkel von Außen nur schwer möglich ist. Spoilerwarnung: Die dürft ihr dann nachher geben.

Wenn ich schreibe sitze ich an meinem Schreibtisch. Das Fenster geht zur Straße heraus und ist leider in der Höhe, dass alle Passanten durch mein Arbeitszimmer laufen. Wenn mich das zu sehr stört, lasse ich die Rolläden runter. Am Schreibtisch habe ich immer Papier für spontane Notizen parat und den gesamten Bereich vor der Tastatur freigeräumt, falls ich mal Bücher etc. vor mir auslegen muss. Oberhalb des Arbeitsplatzes ist eine Schreibtischlampe, die den gesamten Bereich sehr gut ausleuchtet.
Wenn ich beginne zu schreiben, fange ich an mit mir selbst zu sprechen (ich wohne alleine, niemand stört sich daran), stehe immer mal wieder vom Arbeitsplatz auf und gehe durch meine Wohnung. Wenn ich am Rechner sitze und schreibe, schaffe ich häufig nur kleine Abschnitte, die ich dann laut lese, um sie zu reviewen. Recherchequellen habe ich in Tabs meines Browsers geöffnet oder offen vor mir liegen.
Lange Sequenzen schaffe ich kaum. Um den Faktor der Zeitverschwendung oder Ablenkung mit anderem auszuschalten, erledige ich meist meinen Haushalt zuvor. Die wirklichen dringenden Haushaltssachen sind hier sowieso immer in der Spur. Ja, ich bin auch immer überrascht.

Woran ich mich probiere seit einiger Zeit, ist "Co-Worken". Eine Methode bei der mensch sich mit anderen Menschen trifft, um Kram erledigt zu bekommen. In der vollmethodischen Version, trifft mensch sich dabei jede volle Stunde und gleicht die Ergebnisse ab, die bisher erreicht wurden und setzt Ziele für die nächste Stunde. In der reduzierten Variante sitzen andere Leute mit in der Hütte (egal ob eigene oder öffentlicher Ort) und kümmern sich um ihren Kram. Das klappt für mich ganz okay, ist aber nicht immer möglich. Vor allem, da viele in meinem Umfeld besser alleine arbeiten können, als Co-Worken.

Es muss ja aber auch alleine gehen, oder? Es muss doch möglich sein, sich an seinen Schreibtisch zu setzen, strukturiert und/oder begeistert an die Sache zu gehen. Ich sehe den ganzen Tag wie die krassen Leute in meinem Umfeld ihre großartigen Inhalte produzieren und veröffentlichen, schaffe es aber selbst nicht, etwas zu produzieren. Liegt es daran, dass ich eine Wolke von Inhalten sehe, die gar nicht von Einzelpersonen kommt? Vielleicht.
Liegt es an mangelndem Selbstbewusstsein? Garantiert.

Aber es muss doch auch strukturelle Möglichkeiten geben, den Schreibprozess zu lenken und zu optimieren, oder? Was kann ich machen?

Meine aktuelle Idee beinhaltet, mir einen Wecker von einer Stunde zu stellen und in dieser wirklich nur an einer Sache zu arbeiten. Andere Dinge, die mir einfallen, schreibe ich auf einen Notizzettel für später. Klingelt der Wecker, mache ich eine Pause, in der ich irgendetwas anderes tue, den Computer verlasse. Einen kleinen Spaziergang um den Block, ein Sandwich, genau eine Partie Fifa. Dann geht es zurück an den Rechner.

Trotzdem meine Frage: Wie machen andere das? Wie und wo schaffen andere es, ihre Texte und Inhalte zu produzieren?

Tagebuch: Versinken

Jay Nightwind | 27.06.16 | / | 4 Kommentare
Ein Millimeter. Ein Zentimeter. Es ist auf jeden Fall nicht viel. Ein kleines Stück. Nach links oder nach rechts, auf jeden Fall zur Seite. Aber nicht viel. Minimal. Unspürbar. Vielleicht ist es erahnbar, weil der Blickwinkel einen Millimeter weiter zur Seite gerückt ist, aber die Veränderung ist so gering, dass lieber den Sinnen misstraut wird.

Es ist nicht spürbar, bis es durch die Schablone geht. Einem Abbild der eigenen Ränder. Die Bewegung geht darauf zu, aber im letzten Moment passt es nicht. Dann kommen kurz Schwingungen auf, als wäre eine tonloser Gong geschlagen. Das Gefühl, etwas wäre schief oder verzogen übernimmt alle Poren der Wahrnehmung. Und dann blenden sie aus.

Wie beschreibt man am besten, dass alle Sinne abgeschaltet sind? Oder eher nicht verbunden. Denn alle Positionen beziehen sehr wohl Informationen, aber weder Sicht, Geschmack, Gehör, Gleichgewicht, Körpergefühl, Gespür, Geruch spielen noch eine Rolle. Über- und Untersteuern in Einem. Kurz: Ich habe kein Fühl mehr. Als wäre ich unter Wasser, ich ersticke noch nicht, ich weiß, dass ich nur knapp unter der Oberfläche bin, aber ich werde es nicht mehr rechtzeitig nach oben schaffen. Die Zeit ist eingefroren, während sie weiterläuft. Das Herz pumpt Blut, bewegt sich aber kein Stück. Die Schablone klemmt an den Rändern der Seele, weil sie zu weit und zu eng ist.

Ich nenne es "Versinken". Der Prozess, wenn eine innere Trauer alles übernimmt. Es ist keine depressive Lähmung, denn Leben geht sehr wohl noch, was ja oft bei Depressionen nicht mehr geht. Wenn die Beschreibungen stimmen, fehlt bei Depression jedes Gefühl, aber kein Fühl zu haben, bedeutet eher, sich nicht mehr in sich selbst auszukennen.

Die klugen Menschen haben Strategien dagegen gefunden, aber Logik greift nicht richtig. Wie auch, wenn alles nebelig unklar ist? Die Logik sitzt hinter den wahrnehmbaren Sinnen, wie soll sie ohne Informationsversorgung auch greifen? Aber sie arbeitet, im gelben Alarm, im Notstrom, im Autopiloten. Du gehst zur Schule, machst dir Essen, wäscht dich, deine Wäsche, aber es ist dir gleichgültig und wertlos. Du gönnst dir nichts, weil du nichts verdient hast. Du bestrafst dich nicht, weil du nichts verbrochen hast. Du hast keine Strategie, keine Taktik, weil es kein Spiel zu gewinnen gibt.Weder eine noch meine Lösung existieren.

Dieses Mal hat ein anderes Gefühl das Versinken weg gespült, die Wut. Wie "One Punch Mikey" in Snatch war ich unter der Wasseroberfläche, bin nach oben geschossen und habe den härtesten Uppercut ausgepackt. Meine Ohnmacht hat meine Seele an die Wand gedrängt und wenn Leben in die Enge getrieben wird, reagiert es mit Kampf oder Flucht. Ich wurde unfassbar wütend und habe dieser Emotion nachgegeben. Liegestütze, Rennen, Situps, Knechten und Drücken, bis die Muskeln brennen. Das tut dann weh, überschreibt aber jedes andere Gefühl.

Andersherum klappt es nicht unbedingt und auch die Wut hat nur gedrängelt und geschubst. Frustration ist keine Lösung, sondern fester Teil eines Prozess des Scheiterns. Scheitern an einem eigenen Zustand der Kontrolllosigkeit. Andersherum klappt es nicht. Ich kann nicht einfach Sport machen, wenn ich kein Fühl mehr habe. Das hat diesmal geklappt, aber nicht jedesmal. Ich weiß es nicht, was gegen das Versinken hilft. Ich weiß nicht, was ihr gegen so ein Gefühl tut? Aber es lohnt sich, ihm nicht nachzugeben. Es macht eng und klein, schmal und unfrei. Es ist fahren mit angezogener Handbremse. Es ist versinken.

Vlog #002 - Späte Ausbildung

Jay Nightwind | 08.06.16 | / / | Kommentieren
Es gibt wieder Content und heute zum Gucken. Ich mache mal meine Biografie ein Stück für euch auf.

Konzertbericht: The Red Hot Chilli Pipers

Der Hartmann | 17.05.16 | / | 2 Kommentare
Als ich 2015 in Schottland war, betrat ich in Edinburgh einen Laden.
Aus den Boxen der Musikanlage schallte Dudelsackmusik.
Doch es war nicht dieses "Typische", was einem sofort im geistigen Gehörgang erscheint, wenn man das Wort "Dudelsack" hört, also nicht dieses "drei dicke Schotten stehen auf saftigen grünen Wiesen und sackpfeifen vor sich hin".
Nein, es war anders.
Es war rockig, es hatte Schmackes und es klang verdammt gut.
Auf einem kleinen Fernseher konnte man sich das Ganze dann auch visuell reinziehen.
Bislang kannte ich so eine ansatzweise ähnliche Musik nur von Bands wie den Dropkick Murphys oder The Real McKenzies.
Aber die Musik in diesem Laden hatte etwas Eigenes, ich hätte noch stundenlang dort bleiben können.
Zurück in Deutschland wurde direkt das Album "Live at the Lake" der "Red Hot Chilli Pipers" gekauft und seit jeher rauf- und runtergehört.
Umso vorfreudiger wurde ich als bekannt war, dass eben diese großartige Band aus Schottland hier in Essen auftreten würde.
Es war klar: Ich muss da hin.
Und so kam es dann auch. Am 14.04. 2016 war es dann soweit. Das selbe Programm wie auf der CD nur halt live.
Nahezu pünktlich ging die Show los. Keine Vorband, keine Ansagen, nichts. Und das war auch gut so.
Die Halle ging schon gut steil, als der Großteil der Band (alle bis auf die Pfeifer) zu Beginn in minimaler Ausleuchtung auf der Bühne stand und das Intro spielte.
Die drei Bagpiper standen auch schon dort, allerdings im Dunklen und mit dem Rücken zum Publikum.
Beim Wechsel vom Intro in den Hauptteil des Anfangsliedes "Insomnia/ Jack Elliott's Favourite/ The Dragon's Lair", setzten dann auch das Licht und die Dudelsäcke unter tosendem Gejubel des Publikums ein.
Das war der Beginn eines der besten Konzerte meines Lebens.
Die acht Kiltträger auf der Bühne spielten teils eigene Lieder, teils hervorragende Coverversionen von bekannten Stücken wie "Everybody Dance now", "Don't Stop Believin"  oder dem ZZ Top- Knaller "Gimme all your Lovin'".
Man merkte, dass die Musiker ihren Spaß hatten, zumindest grinsten sie häufig.
Außerdem machten sie so manche Faxen, die unglaublich gut rüberkamen. Wie etwa den Klassiker bei Rockkonzerten:

Etwa in der Mitte der ersten Hälfte gab es auch ein "Dudelsack- Wettbewerb". 
Die drei Pfeifer spielten nacheinander jeweils ein Solo und das Publikum sollte durch Jubel und Applaus abstimmen, wer denn nun Sieger war. 
Ich gestehe, ich habe mich enthalten, schließlich waren alle drei so unfassbar gut, dass man sich meiner Meinung nach gar nicht entscheiden konnte. 

In der Mitte der zweiten Hälfte wurde mein Schlagzeugerherz besonders glücklich gemacht, denn es gab auch ein Drumbattle. 
Der Percussionist, der ebenfalls die Marching- Snare (also eine Trommel, wie sie auch bei Paraden oft gespielt wird), trat gegen den Schlagzeuger der Band an. Dieser spielte die Tom- Tom- Variante der Marching- Snare.
Es war großartig, da nicht nur exakt und extrem schnell gespielt wurde, sondern zwischendurch noch mit den Drumsticks getrickst wurde. 
Und gegen Ende des Drum- Offs duellierten sich die beiden Kontrahenten noch gegenseitig mit den Sticks. 


Fazit: 
Es war ein unglaublich großartiges Konzert, das durch eine musikalische Intensität geglänzt hat.
Ich muss gestehen, ich war anfangs ein bisschen skeptisch, ob ich knappe zwei Stunden Dudelsackklänge aushalte, ohne dass es sich tot hört.
Doch ebenso wie bei der CD kann ich sagen: Definitiv nicht!

Und wer jetzt noch eine Hörprobe haben möchte: Bittesehr!
(Das ist im Übrigen das Anfangslied, das im Text oben beschrieben ist, nur in größerer und teils anderer Besetzung)





Luxussport 2000

Der Nachtwind | 10.05.16 | / | 3 Kommentare
Seit ein paar Wochen habe ich ein Fahrrad und auch wenn der Mensch im Fahrradladen es „retro“ nennt, es ist alt und für mich ist es eine ziemlich große Sache.
Denn Bewegung macht mir Angst und Sport sowieso.
Denn für Bewegung da muss man sich anstrengen und für Sport eben erst recht.
Nun ist es nicht so, dass ich Angst vor der Anstrengung hätte, ich mag sie nur nicht, aber umgehen mit ihr, das kann ich.

Ich kann sechs Stunden, ohne Pause in Blockseminaren bei schönstem Sonnenschein sitzen, die ganze Zeit gute Laune behalten, mich auf jede Frage melden und voll konzentriert bleiben. Das ist nicht immer super, auf jeden Fall anstrengend und trotzdem machbar.
Ich kann ewig lange Debatten mit Sexismusleugner_innen führen und dabei die ganze Zeit geduldig lächeln, zuhören und meine Argumente immer und immer wieder wiederholen. Das ist eigentlich nie super, auf jeden Fall anstrengend und überraschenderweise machbar.

Was ich nicht kann, ist mit einer Freundin eine halbe Stunde am Rhein entlang spazieren. Das ist nicht super, auf jeden Fall zu anstrengend und deswegen dann auch fast nicht machbar.
Theoretisch wäre ich dazu schon in der Lage, aber es ist einfach so zum Kotzen, wenn du irgendwann merkst, wie du immer weniger Luft bekommst, die Arme und Beine anfangen weh zu tun und du schon wieder stehen bleiben musst. Besonders im Sommer, wo die Sonne, ja bekanntlich, auch in unseren Breitengraden gerne mal scheint und die Temperaturen steigen, ist das noch weniger super, noch anstrengender und ich will es dann auch gar nicht erst machen.

Da ist der Kopf dann schnell nicht mehr bei der Unterhaltung mit der Freundin, den grünen Bäumen, dem glitzernden Wasser oder einfach nur bei der frischen Luft. Das alles ist dann nicht mehr da, es bleibt die Luftnot. Und wenn die nicht kommt, dann die Angst davor. Es hat also gar keinen Sinn rauszugehen, denn entweder machen Luftnot oder die Angst davor das Entspannende am Spaziergang zunichte.
Aber ich hab ja gesagt, dass ich keine Angst vor Anstrengung habe und deswegen hab ich die Angst jetzt langsam so halbwegs Griff. Der Prozess war eher interessant als super, mit Sicherheit anstrengend und trotzdem machbar.
Spazierengehen klappt jetzt also manchmal, noch nicht immer mit Begleitung, denn es ist schwer, bewusst bei sich zu bleiben, wenn noch jemand da ist, aber es klappt. Nur eben nicht unendlich weit und bisher auch nur, wenn ich den Weg kenne. Denn nichts ist fieser als plötzlich irgendwo keine Luft mehr zu bekommen und nicht zu wissen, wie lang es braucht, bis man Zuhause ist.

Aber seit ein paar Wochen habe ich ein Fahrrad und es ist blau und für mich ist es eine ziemlich große Sache. Denn Fahrradfahren ist viel einfach als Laufen und wenn ich nicht mehr kann, höre ich einfach kurz auf zu treten und sitze einfach nur einen Moment da und bewege mich trotzdem weiter fort.

Ich kann die Wege erkunden, die ich mich vorher nicht getraut hab zu gehen, denn mit dem Rad geht das alles viel schneller. Auf dem Gepäckträger kann Proviant mitfahren, so dass ich mich stärken kann, wenn ich mal wirklich nicht mehr kann.

Mir ist jetzt schon klar, dass das für euch nicht ganz so der Wahnsinn ist, wie für mich, aber wahrscheinlich haben auch die meisten von euch kein progredient verlaufende, seltene Herz-Lungenkrankheit, die nur wenige tausend Menschen in Deutschland haben und für die es nicht allzu viele Behandlungsmöglichkeiten gibt. Aber vielleicht habt ihr andere Dinge. Dinge, die euch Angst machen. Dinge, die zu anstrengend sind. Berge, von denen ihr nicht wisst, wie ihr je die Gipfel erreichen sollt. An manchen Tagen ist der Weg zur Bahnhaltestelle so ein Berg für mich, auch wenn die Strecke flach und der Weg nur 500m lang ist.

Aber seit ein paar Wochen habe ich ein Fahrrad und auf dem Oberrohr des Rahmes steht groß und deutlich „Luxuxsport 2000“ und das es ist, was ich mache. Während muskelbepackte Menschen auf ihren Rennrädern an mir vorbeisprinten, während mich durchtrainierte Radelnde in ihren engen Trikots entnervt anschnauben, während sie mich überholen, wenn die Joggerin mit der speziellen Sporthalterung für ihr Iphone an mir vorbei zieht, während der Rentner, der seine halbe Küche auf dem Drahtesel zum Picknick transportiert, warnend klingelt, mache ich Luxussport. Luxussport 2000. Klang wahrscheinlich mal cooler, aber für mich ist es genau das richtige. Luxussport 2000 verlangt nichts von mir. Luxussport 2000 trägt mich, wenn ich nicht mehr kann. Luxussport 2000 vergrößert meinen Radius um ca. eine Million Prozent. Luxussport 2000 bringt mich in drei Minuten, bis zur Bahnhaltstelle, auch wenn der Weg an dem Tag wieder mal einer mehrstündigen Expedition gleicht. Luxusport 2000 ist immer super, manchmal anstrengend und immer machbar.

Hallo mein Name ist Rebecca, ich habe Fahrrad und ich darf hier jetzt auch auf dem Blog schreiben und freue mich, euch alle kennen zu lernen.

Tagebuch und Fotos: Auf der Suche nach dem Juister Gold

Jay Nightwind | 21.04.16 | / / | Kommentieren

Am Frühstückstisch glaubt eine Mitreisende, die friesische Insel Juist wäre mal von Piraten und Seeräubern besiedelt worden. Selbst wenn es sich später nicht als falscher Mythos herausgestellt hätte – Meine Gedanken waren schon lange in wilde Freibeuter-Geschichten abgedriftet mit all den friesischen Störtebeckern, raffinierten Finten zur See und heftigen Gelagen. Dann nuckelte ich weiter an meinem Früchtetee herum und spürte merklich meine unfassbare Distanz zu diesem Leben.

Oft mache ich mir ja vor, dass ich gerade dem friesischen Leben nahe stehen würde, nur weil mein Vater ursprünglich in einer Siedlung nahe Wittmund geboren und aufgewachsen ist. Als quasi ein ostfriesisches Halbblut, aber wenn du nie länger als eine Woche im Norden gewohnt hast, dann merkst du schon auch, dass du dir was vormachst. Keine Kenntnis darüber, dass das frisische Platt und niederländisch aus der selben Sprache entsprangen oder dass du den Löffel in die Tasse stellen musst, um keinen Tee mehr zu bekommen, machen dich kulturell zum Friesen. Nicht mal Halb. Du bist am Ende nur ein gut informierter Tourist. Stinkt mir ja total, kannste aber nichts gegen machen, außer hin zu ziehen.

Wenn du kein Gast sein willst und kein Einheimischer sein kannst, dann bleibt dir leider kaum eine andere Möglichkeit, als das Zielgebiet zu erobern. Das klingt martialisch und brutal, da erobern immer mit einem kriegerischen Handeln verbunden wird. Einmarschieren, Übergreifen, Überschreiben. Als Tourist alles nicht zu empfehlen, da mensch meist im Urlaub, zahlenmäßig, körperlich und auch strategisch vollkommen unterlegen ist. Die moderne Eroberung einer Insel wie Juist sollte sich vielleicht daher einfach auf ein paar Konsonanten und Vokale verzichten: Marschieren, Begreifen, Beschreiben.

Aber jede Eroberung, da sind wir auch wieder bei den fiktionalen piratischen Wurzeln Juists, sollte auch Gewinne bringen. Im besten Fall Gold. Spoiler vorne weg: Marterielle Reichtümer gibt es auf Juist nicht. Das hat die Freibeuter wohl auch abgehalten. "Juist" kommt namentlich vom friesischen Wort "Güst" – unfruchtbar. So sagt es das Küstenmuseum, als stiller Chronograph der kleinen keilförmigen Nordseeinsel.

Eine Klassenkameradin von mir hat angekündigt, dass, wenn ich mit der Insel fertig bin, sie in "Wüst" ungetauft werden muss. Keine Ahnung wie sie zu dem Schluss kam, aber als ich dann das erste Mal über die massiven Dünen auf den Strand getreten bin, wusste ich, dass ich nicht der erste sprachbegeisterte Schelm war, dem dieses Wortspiel in den Ohren klingelte.


Bevor ich weiter in der Erzählung rumruder ein Hinweis: Die Erzählung ist nur Rahmen für die vielen Amateurfotos, die ich im Urlaub gemacht habe. Seit einer Einweisung durch einen Fotoexperten unseres Vertrauens, habe ich mehr Freude am Fotografieren bekommen und zwei bis drei Fachbegriffe aufgeschnappt, die nützlich sind, wenn es nicht so aussehen soll, als wäre es mit dem Fuss gemalt. Mit Vier bis Fünf Fachbegriffen und etwas besserem Equipment als meinem Nokia-Smartphone wäre vielleicht noch etwas mehr drin gewesen. Aber so sind sie die Seeräuber: Es wird benutzt was da ist und geträumt von größerem.

Es ist nicht das Juister Gold, aber der Strand ist – in der Metapher gedacht – mindestens die Schatzkarte. Zwischen den bewachsenen Dünen und dem erbarmungslosen Eisklotz von Nordsee erstrecken sich mehrere Meter Sand. So gerne ich da weitere farbenfrohe Adjektive ankleben würde, es geht nicht. Sand ist Sand – Na na na na na. Flach und so sauber, dass an einem Tag mit fast okayem Wetter eine Sonnebrille Pflicht ist, weil der Untergrund so stark reflektiert. Eine wahrhaftige Wüste habe ich in meinem Leben noch nie betreten, aber genau so stelle ich es mir vor. Etwas trockener und weniger Touristen mit Hund, aber sonst: genau so! Besonders am Westende der Insel, der so genannten Bill, gibt es einen Muschelstrand, auf dem die Zeit als feiner Sand an den eigenen Füßen vorbei vom Wind ins Meer getragen wird. Jedes Gefühl für Entfernung verschwimmt mit dem Flackern der Sonne auf dem Sand oder den flachen Wellen des Meeres, die hier nicht mehr zu unterscheiden sind.


Die Insel profitiert von der starken Nachhaltigkeitspolitik, ich glaube die Gemeinde Juist hat da 2015 und/oder 2016 auch einen Preis gewonnen. Irgendwie sowas stand im Juister Strandlooper (friesisch für "Läufer"), einer Art "Was bisher geschah" in Broschürenform, natürlich für Touristen. Keine Autos auf der Insel, nur für die wichtigen Einrichtungen: Arzt, Feuerwehr, Post. Und letztere fährt mit umgebauten Flughafengepäckwagen mit Elektromotor. Die Polizei ist übrigens keine wichtige Einrichtung, diese Ein-Mensch-Eingreiftruppe fährt Fahrrad wie alle gescheiten Leute auf Juist.

Ich bin kein Fahrrad gefahren. Meine Freundin hat mir noch vorher gesagt: "Pack Geld fürs Fahrrad ein.", Ich habe gesagt, dass ich nicht dumm bin und dann habe ich kein Geld fürs Fahrrad eingepackt und vor Ort mit voller stolzer Brust behauptet, sie hätte nie was von Fahrradgeld gesagt. Ich bin vielleicht nicht dumm, aber schlau geht auch ganz ganz anders.

Zu Fuß ist es halt sportlicher. Was sollte ich jetzt auch anderes behaupten? Mir blieb ja keiner andere Wahl. Aber die nahm ich gerne an. So machte ich in einer lohnenswerten Tour, die von erfahrenderen Juist-Tousristen als "Gewaltmarsch" den Bogen vom Seeferienheim - relativ mittig gelegen - bis an das Ostende zum Flugplatz und wieder zurück über den Strand. An einem Vormittag. Ich war ja auch kein Tourist. Es war mir ein Bedürfnis die Insel zu erobern und "frei zu spielen".


Keine Ahnung, wie andere Menschen das machen, aber wenn ich an einem neuen Ort bin, dann muss ich mich dringend mit Vorsatz Verlaufen. Nur so kommt ich an diese Plätze, in die noch nicht jeder sein Fähnchen gesteckt hat. Ich danke dem Schicksal für die gute Mischung aus Neugier und fehlender Vorsicht, gepaart mit nötiger Rücksicht. Wer ins Vogelbrutgebiet läuft, trotz eindringlichem Warnschild, ist kein toller Eroberer, sondern ein Arsch. Da können die Selfies mit Nordeney im Hintergrund nachher noch so spektakulär sein, das sind sie nicht wert.

Wenn mensch hier oben so den Kontrast zur ebenfalls liebenswerten Ruhrgebietsstadt zu sehen und spüren bekommt, dann kann ich einen minimalen Funken sowas wie Stolz und (Lokal-)Patriotismus verstehen. Nicht wegen diesem ganzen Quatsch mit irgendwelchen Landesgrenzen, sondern weil es hier Menschen gibt, die Natur erhalten und schützen, es spürbar machen und teilen. Das ist Kultur und Identität, die ich nachvollziehen kann und mir wünsche, dass sie erhalten wird. Liebe Menschen auf Juist: Macht weiter, eure Mühe lohnt und wird anerkannt!


Als ich irgendwann aufgegeben habe, so zu tun, als wäre ich in irgendeinem Prozentanteil heimisch im Norden, wollte ich mich trotzdem vom gemeinen Tourist abgrenzen. Und im Rahmen eines gepflegten "Kenne den Feind", habe ich aus vielen Gesprächen heraushören können, dass der gemeine Juist-Tourist sehr häufig sehr häuig nach Juist fährt. "Wie in den letzten Jahren" und weitere Vergleich mit vergangenen Besuchen gelten als schickliche Eröffnungsphrase im Gäste-Fach-Jargon.

Jetzt würde ich gerne eine kluge Überleitung schreiben, zu der Besonderheit des "ersten Males" oder all diesen schönen Gefühlen, die Urlaub in uns Menschen weckt, aber erstens fällt mir kein toller Bogen ein, der mir dann erlaubt einfach noch meine Juister "Gold"-Momente in Fotoform an zu heften. Zweitens bin ich miserabel in Urlaub machen. Entspannen entspannt mich nicht, rumsitzen macht mich kirre und in überfüllte Teehäuser gehen, weil es da diesen Rosinenstuten gibt, den es nur hier gibt, tut nicht nur nichts für mich, sondern lässt das Ablaufen meiner Lebenszeit für mich spürbar werden. Wer echten Urlaub mit mir machen will, kann seine angesammelte Energie darauf verwenden, sich nicht über mich zu ärgern.

Würde mensch mich fragen, würde ich empfehlen mit lieben Menschen nach Juist zu fahren und dann den ganzen Tag alleine über diese wunderschöne Insel zu stromern. "Jays Reiseführer für Eremiten und Pseudo-Einheimische", würde raten Menschenmassen über einer Person dringend zu meiden. Abends dann dürfen die Erlebnisse, Fotos, gefundene Schätze und damit auch Impulse für neue Abenteuer zusammengelegt und besprochen werden.

Es gibt Schätze auf Juist, sei die Insel noch so "unfruchtbar". Die Insel ist dankbar, für jeden, der nur einen minimalen Energieeinsatz bringt. Ich brauchte mich nur ein einziges Mal morgens um Sechs selbst aus dem Bett schubsen, um die folgenden Fotos machen zu können.


Mein persönliches Juister "Gold". Als ich den Sonnenaufgang sah, stand fest, dass ich diesen Beitrag schreiben werde. Und es musste um Gold gehen, egal wie abgedroschen das für Sonnenauf- und Untergänge sein mag. Es war, als würde für mich alleine die Schatzkammer geöffnet – es war außer mir niemand an der Strandwüste zu erkennen – Denn während vor mir die Sonne aufging, nieselte es hinter mir gerade genug, dass sich ein Regenbogen im vollen Bogen über Dünen und Meer ausschüttete. Sonnenaufgang mit Meer und Regenbogen? Win-Win-Win-Situation, sag ich mal.

Was will der Autor uns mit diesem Beitrag sagen, der in anderen professionalisierten Blogs als gesponsorter Beitrag der Kurverwaltung eingestellt würde? "Fahrt nach Juist!"? Nein. "Hey, schaut mal was für ein krasser Typ ich bin, dass ich mit einem Telefon so Fotos machen kann."? Nicht hauptsächlich.

Liebe Menschen, erobert zart und lasst euch begeistern. Die Welt hat da draußen jede Menge Schätze versteckt, die nur mit bloßem Auge zu finden sind, wenn ihr sie aufmacht. Du kannst eine Niete in Urlaubmachen sein, aber solange du etwas offen für die Architektur des Lebens bist, kann dir echt nicht passieren. Und vergiss das Fahrradgeld nicht.


PS: Wer sich jetzt um die Piraterei betrogen fühlt, dem oder der sei gesagt, dass ich mit Hilfe meiner fragwürdigen moralischen Standards in einer recht unspektakulären Aktion ein Fritz-Cola-Glas aus einem der Touri-Cafes geklaut habe.
Spannungshöhepunkt war vermutlich der stille Panikausbruch meiner moralisch rechtschaffenen Freundin, die so etwas niemals im Leben getan hätte. Bitte schön Juist, ich bin zwar kein Einheimischer, aber ihr habt jetzt eine wenig aufregende Seeräubergeschichte. (Ich bin mit einem Schiff an- und abgereist, das zählt auch!) Und aufregend würde ja auch nicht zu dir passen.