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How to Slam - Bühnenpersönlichkeit

Jay Nightwind | 09.04.18 | / / | Kommentieren
Wrestling ist eine hochintelligente Performancekunstform. "Ist es nicht, Wrestling ist faker Unsinn und verstumpfende Gewaltverherrlichung!", sagst du jetzt und das ist vielleicht wahr, aber ganz sicher ein Vorurteil. Vorurteile sind aber gar nicht mal so schlimm, wir müssen nur einen Schritt weiter in die Tiefe gehen. Hinter einem Vor-Urteil liegt ein Urteil und das nutzt uns mehr. Dafür braucht es aber einen Prozess.

Warum bringe ich überhaupt Wrestling mit ins Spiel, es geht doch darum, wie Poetry Slam funktioniert? Die These, dass beide Kunstformen sich näher sind, als uns lieb ist, verfolge ich schon etwas länger. Was uns aber heute besonders interessiert ist die Arbeit mit dem, was im Wrestling als "Gimmick" bezeichnet wird, im Slam aber keinen eigenen Begriff hat. Ich nenne es für diesen Beitrag die "Bühnenpersönlichkeit". 

Wenn wir auf die Bühne gehen, haben wir eine Mission. Die bringen wir uns selbst mit. Manche wollen unterhalten, andere einen Denkanstoß geben, wieder andere wollen beeindrucken. Um diese Mission zu erfüllen, haben wir uns bei einem Slam angemeldet, einen Text geschrieben und uns auch überlegt, wie wir das alles zusammen vortragen wollen. Wir versuchen begünstigende Faktoren für unsere Mission zu schaffen.

Wenn wir beim Slam auf die Bühne gehen, haben wir schon, ohne auch nur ein Wort gesagt zu haben, einen Eindruck gemacht. Unser Aussehen, unsere Kleidung, der Name mit dem wir anmoderiert werden, unsere Körperhaltung, unsere Bewegung und noch andere Faktoren wecken bei den Zuschauer*Innen einen Bekannten aus dem Intro: Vorurteile. Vorurteile sind aber grundsätzlich nicht schlecht, sie sind nur dann schlecht, wenn sie uns schaden. Wenn wir uns aber damit auseinander setzen, was wir auf der Bühne zeigen und sind, können wir damit unsere Mission unterstützen.

Die meiste Zeit sind wir einfach wir selbst. Wir tragen, was wir auch heute in der Uni oder Schule anhatten, viel mehr dürfen wir ja auch gar nicht mitbringen, denn Requisiten sind ja in der Regel verboten. Wir sind ja aber zum Glück nicht nur unsere Oberfläche, sondern auch unser Inneres. Deshalb sind wir oft nach einem stressigen Tag auch am Mirkofon ein bißchen matt, ja manchmal sagen wir sogar, dass heute "einer dieser Tage" ist. Damit lenken wir den Eindruck, den das Publikum von uns hat.

Im Wrestling ist diese Lenkung überdeutlich. Eines der berühmtesten Gimmicks ist der Undertaker. Er trug lange Mäntel, redete wenig, bewegte sich langsam, hatte hauptsächlich schwarze Kleidung an, war immer recht blaß und stellte eine mythische Figur da, die stark mit dem Tod verbunden sein sollte. Durch sein Auftreten als großer Dude, wirkte er zwangsweise sehr mächtig. Dadurch entstanden sofort Erwartungen, wenn die Zuschauer*Innen ihn erblickten, ja sogar, wenn nur seine Musik gespielt wurde. Die Person hinter dem Undertaker war aber mitnichten eine mythische Figur, sondern ein ganz okayer Dude, der gerne Motorrad fährt und zurückgezogen lebt.

Auch im Poetry Slam gibt es prominente Beispiele für Personen, welche ein fiktionale Bühnenperson bemühen. So ist Nico Semsrott über Jahre hinweg mit schwarzem Kapuzenpullover und langsamer Sprechweise zu einer überspitzen Version eines Vorurteils geworden. Er wirkt lethargisch und depressiv, was ihm beim Vortrag seiner Texte dann einen zusätzlichen Multiplikator auf seine Pointen gibt, welche sich ebenfalls mit diesem Thema beschäftigen.



Michael Goehre hat den Ruf des Metalbeauftragten der Poetry Slam-Szene. Da er selbst auch der Metal-Szene angehört, trägt er auch die subkulturellen Erkennungszeichen. Lange Haarpeitsche, Bandshirts und so weiter. Das hat ihm nicht alleine seinen Titel verschafft. Er nimmt Metal als Thema in Texten auf, bemüht Begriffe der Subkultur in seinen Texten. Dadurch ergibt sich ein stimmiges Bild, ein vollständiges Gimmick, wenn mensch so will.

Bedeutet dass, die Beiden sind fake, so wie Wrestler-Gimmicks?
Nein.
Es bedeutet, dass sie Entscheidungen getroffen haben. Sie haben sich entschieden, was sie auf der Bühne darstellen wollen und wieviel bzw. welche Geschichte sie schon erzählen wollen, bevor sie mit ihrem Text beginnen. Niemand ist besser, weil er oder sie ein Gimmick verwendet. Es wird dann zu einer nützlichen Fläche, wenn Bewusstsein entsteht. So kann es auch sinnvoll sein, Handlungen auf der Bühne zu vollziehen, die entgegen dem stehen, was die eigenen Vorurteile hergeben. Sprich: Es ist eine große Überraschung, wenn der Metal-Beauftragte der Slamszene aufeinmal einen Rap-Text macht. Das Vorurteil zerschlagen wird zum Teil des Erlebnisses.

Sich seines Gimmicks bewusst zu werden ist auch deshalb sinnvoll, weil es Selbstbewusstsein erzeugt. Denn auch ohne eigene Konstruktion eines Bühnencharakters, entsteht dieser bei den Zuschauer*innen automatisch. Das lässt sich auch nur schwer verhindern. Wenn wir eine Person sehen, vergleichen wir sie mit allem, was wir wissen. Daraus leiten wir ein Urteil ab. Wenn wir uns unserer Wirkung bewusst machen, gewinnen wir an Kontrolle auf der Bühne. (Wie immer gilt: Neutrale Beobachtungen sind der Schlüssel, nicht Selbstbewertungen.)

Natürlich sind Requisiten beim Slam nicht erlaubt, da der Text im Fokus stehen soll. Trotzdem wird die Entscheidung im Fussballtrikot, in einer Trainingsjacke, in Metalkutte oder ohne Kleidung (Hallo Jan Schmidt!) beeinflussen, was die Zuschauer*innen über uns denken. Ob wir Texte machen, die unsere Darstellung unterstreichen, ihr widersprechen oder damit spielen, vervollständigt dieses Bild. Wichtig ist es zu wissen, welche Person, welches Gimmick, welche Bühnenpersönlichkeit wir darstellen wollen.



How to Slam: Schreibübung "Welt ohne"

Jay Nightwind | 26.03.18 | / / | Kommentieren
Im kreativen Prozess geht es darum, für ein Problem eine neue Lösung zu finden. Diese Lösung muss für einen selbst neu sein. Wer Glück hat, findet so sogar eine Idee oder einen Ansatz, der für die ganze Welt neu ist. In einer Welt wie der heute, die so gut dokumentiert ist, in der es so vieles schon gibt, ist es manchmal schwer eine gute Idee zu haben. Die Welt ist progressiv und entwickelt sich jeden Tag weiter, aber was wäre eigentlich, wenn der moderne Mensch sich rückwärts entwickeln müsste? Und was passiert, wenn wir das als Grundlage der für eine Schreibübung nehmen?

Schreibübung: Was wäre wenn?

Als Schreibübung ist diese Fragestellung immer gut, auch zur Themenfindung. Das Verschieben der Realität ist eine gute Grundlage um kreativ zu werden. Einfach, weil unsere Denkstrukturen genau so funktionieren. Wenn wir Wissen erwerben, gleichen wir immer das uns Bekannte mit den Sachen ab, die dieses Bekannte herausfordern. Wenn wir jetzt also eine bekannte Welt herausfordern, sind wir gezwungen unser Wissen zu nutzen und daraus eine neue Ordnung zu erschaffen. Ordnung ist für uns wichtig, weil wir sonst dezent verrückt werden, wenn die Welt für uns keinen Sinn ergibt.

Was wäre also, wenn unsere Häuser aus Lebensmitteln bestehen würden? Was wäre, wenn Politiker nicht gewählt, sondern ausgelost würden? Was wäre, wenn morgen der allerbeste Tag meines Lebens wäre?

Die Fragen in sich erzählen noch keine Geschichte, aber so bald wir versuchen uns in eine dieser alternativen Welten einzudenken, kommen neue Fragen und Gedanken auf, die es uns erlauben anzufangen. Wir können anfangen diese neue Welt den Menschen zu beschreiben, die in der "alten Welt" leben. Ganze Romane und Genres basieren auf diesem Gedanken und erfreuen sich größtem Erfolg.

Schreibübung: Welt ohne
Ich für meinen Teil habe angefangen die "Was wäre wenn"-Übung anzupassen. Bei "Welt ohne" verwende ich einen Pool an Dingen und Errungenschaften, die ich mir auf Zettel geschrieben habe. Bevorzugt habe ich Sachen, die in unserem Leben inzwischen vollkommen selbstverständlich sind; Strom zum Beispiel.
Wenn ich anfange zu schreiben, ziehe ich nun einen dieser Zettel und fange an mich damit zu beschäftigen, wie unsere Welt aussehen würde, wenn diese Sache nicht mehr existieren würde. Manchmal sind es Dinge, bei denen ich mir einfach vorstelle, dass es sie ab morgen nicht mehr gibt. Das hat den Vorteil, dass ich nicht eine vollständiges neues Universum konstruieren muss, sondern die existierende Welt, in der ich mich ja ganz gut auskenne, für mich nutzen kann. Gelegentlich tilge ich aber eine Sache ganz aus unserer Geschichtschreibung. 

Um einen Einstieg ins Schreiben zu finden, arbeite ich von "klein" nach "groß" und mache mir Notizen. Zum Beispiel mit folgenden Fragen:

- Was beudetet diese Veränderung für meinen Alltag?
- Was verändert sich in meinem Leben dadurch?
- Was für Unterschiede macht das in meinem Freundeskreis?
- Wie schlägt sich das auf meine Stadt nieder?
- (Was passiert mit einem Staat, nach der Änderung?)

Von da steige ich in eine Erzählung ein, basierend auf der für mich spannensten Unterscheidung zu unserer reallen Welt. Oft bleibe ich dabei in meiner Perspektive, manchmal wähle ich aber Textformen, die es erlauben anders zu erzählen. Die letzte Frage steht in Klammern, weil sie manchmal für die Erzählung einfach zu groß ist.

"Welt ohne" gestaltet sich dabei für mich nicht nur als interessante Schreibübung, sondern zeigt sich auch als gute Reflektionsübung. Natürlich mache ich mir bestimmten Luxus meines Lebens beim Umreißen und Schreiben sehr bewusst. Da natürlich kreatives Arbeiten immer auch Kopfarbeit ist, kann es nicht schaden, wenn dort alle Muskeln geflext werden.

Schreibaufgabe:
Ich möchte hier natürlich nicht nur Methoden vorstellen, sondern auch praktisch umsetzen. Das läuft ganz einfach: Wenn eine Übung vorgestellt wird und ihr sie ausprobiert, dann schickt uns euer Ergebnis zu. Gerne dürft ihr auch als Kommentar anfügen, was euch leicht gefallen ist, was schwer und wie ihr mögliche Hindernisse der Methode für euch gelöst habt. Wir veröffentlichen einige der eingesandten Ergebnisse und geben dazu ebenfalls Kommentar und Feedback ab.

Wenn ihr uns also etwas schicken wollt, dann packt eure Ergebnisse, ein Foto von euch (das wir dann verwenden dürfen), einer Ein-Satz-Biografie und den Links zu eurem Online-Zuhause in den Anhang einer Mail, die ihr dann an Nachtwindteam bei googlemail.com schickt.

Wir versprechen keine Veröffentlichung und auch keine kommentierte Antwort, versprechen aber uns zu bemühen. Einsendeschluss ist zwei Wochen nach Veröffentlichung dieses Beitrages.

How to Slam: Schreibübung "Automatisiertes Schreiben"

Jay Nightwind | 12.03.18 | / / / | Kommentieren
Wenn man eine Sache oft genug macht, dann wird sie zur Gewohnheit. Das haben wir bei "How to Slam" schon mal etabliert gehabt, kennen wir aber auch aus dem Alltag. Was wir erst als Pflicht empfinden, zum Beispiel jeden Morgen sein Bett zu machen, wird irgendwann eine Ritual und Automatismus. Es wird von mal zu mal leichter.

Beim Schreiben und anderen künstlerischen bzw. schöpferischen Tätigkeiten ist das ganz ähnlich. Durch die Wiederholung fällt es uns leichter. Allerdings steigen gleichzeitig auch unsere Ansprüche. Durch unser Wissen über ein Handwerk erlangen wir die Fertigkeit, Arbeiten diesen Feldes kritisch zu betrachten. Auch unsere eigene. Wenn dann der Anspruch einmischt, eine "originelle" oder "gute" Idee zu haben, kann es passieren, dass wir den Prozess verdrehen. Die Kritik kommt zum Tragen, noch bevor wir experimentieren oder produzieren. Das Ende vom Lied. Im Wahrsten Sinne. Denn wir spielen keine einzige Note, bringen keine Worte in den Text.

Mit Hilfe des "Automatisierten Schreibens", wollen wir dieses "kritische Ich" ausschalten und den Arbeitsprozess so aufstellen, dass die Kritik ganz ganz am Ende kommt. Ursprünglich wurde diese Methode in der psychiatrischen Behandlung verwandt. Menschen wurden in einen Zustand der Trance oder Halbschlaf versetzt und bekamen die Aufgabe, alle ihre Gedanken aufzuschreiben. In diesem Zustand waren die kritischen Regeln der echten Welt ausgeschaltet. Durch die ungefilterten Notizen versuchten behandelnde Psycholog*Innen zu erfahren, was ihre Patienten umtreibt.

How to "Automatisiertes Schreiben":
- Zu ersteinmal wird empfohlen, ein analoges Schreibmittel zu verwenden. Stift und Papier erfüllen diesen Zweck vollständig.
- Kritik entsteht oft auch da, wo wir Regeln erkannt wurden. Fürs automatisierte Schreiben trennen wir uns von Rechtschreibung, Grammatik, Stilvorgaben und versuchen uns auf die spontanen Einfälle unseres Kopfes zu verlassen.
- Egal was unser Kopf uns hinwirft, wir schreiben uns das G anze sofort auf. Im besten Fall bemühen wir uns, niemals den Stift abzusetzen und immer weiter zu schreiben. Da es keine Regeln für uns gibt, gibt es kein richtig/falsch /gut/schlecht. Die Einfälle sind erstmal das, was sie sind: Einfälle.
- Stift in die Hand, starten!


Als Basis für Textarbeit ist diese Methode nicht nur sehr zu empfehlen, sondern auch von sehr prominenten Künstler*Innen eingesetzt worden. Wer seine Einfälle zu einem geschlossenen Text hocharbeitet, bekommt einen "Stream of Conciousness"-Text. Einen Strom der bewußtgemachten Gedanken.

Es entsteht - in meiner Wahrnehmung - eine Art intellektuelles Maschinengewehr, welches mit hohem Erzähltempo und großer Dichte an Gedanken Zuhörer*Innen nah am Text hält, da ein kurzes Aussteigen zur Folge hat, das etwas verpasst werden könnte. Bekannte Slam-Poet*Innen die mit diesem Stil auf der Bühne arbeiten sind Miedya Mahmod, Sven Hensel und Benjamin Poliak.

Quellen:
- https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%89criture_automatique


Schreibaufgabe:
Ich möchte hier natürlich nicht nur Methoden vorstellen, sondern auch praktisch umsetzen. Das läuft ganz einfach: Wenn eine Übung vorgestellt wird und ihr sie ausprobiert, dann schickt uns euer Ergebnis zu. Gerne dürft ihr auch als Kommentar anfügen, was euch leichtgefallen ist, was schwer und wie ihr mögliche Hindernisse der Methode für euch gelöst habt. Wir veröffentlichen einige der eingesandten Ergebnisse und geben dazu ebenfalls Kommentar und Feedback ab.

Wenn ihr uns also etwas schicken wollt, dann packt eure Ergebnisse, ein Foto von euch (das wir dann verwenden dürfen), einer Ein-Satz-Biografie und den Links zu eurem Online-Zuhause in den Anhang einer Mail, die ihr dann an Nachtwindteam bei googlemail.com schickt.

Wir versprechen keine Veröffentlichung und auch keine kommentierte Antwort, versprechen aber uns zu bemühen. Einsendeschluss ist zwei Wochen nach Veröffentlichung dieses Beitrages.

HowToSlam: Verbessern II - Körper

Jay Nightwind | 04.10.17 | / / | Kommentieren
Willkommen zurück bei "HowToSlam" und der guten Frage, was kann ich denn eigentlich verbessern? Hier ein paar Vorschläge.

Körper I - Realitäten:
Direkt als erstes: Es geht nie darum, einem Schönheitsideal zu entsprechen, sondern immer darum, sich mit sich selbst wohlzufühlen. Das kommt in bestem Fall nicht dadurch, dass mensch sich einem Schema, Ideal der Gesellschaft oder Lookism beugt, sondern sich mächtig fühlt. Mächtig steht hier im Gegensatz zu "Ohnmacht" und nicht als die Anzeige repressiver körperlicher Optionen.
Der Körper ist deshalb eine Sache, mit der wir uns aktiv auseinander setzen können, weil wir ihn auf der Bühne und im Text immer dabei haben. Der Fleischklumpen ist nunmal Hülle unserer Seele, ohne geht es nicht. Unser Körper beinhaltet Wahrheiten, wenn wir ihn betrachten. Fakten, die wir nicht verstecken können, die jeder Mensch, der uns betrachtet, sofort sieht. Auf der Bühne spielen diese Fakten (leider) auch in die Wahrnehmung dessen, was die Zuschauer*Innen von uns mitbekommen. Wenn wir diese Fakten über uns bewusst haben, gewinnen wir Macht und Kontrolle über uns, können Fakten unseres Körpers zur Verstärkung unserer Argumente im Text nutzen.
Im Bild: Fatima Talalini, Quelle: Weststadtstory
Ein Beispiel:
Fatima Talalini sagt in ihrem Text "Aufs Maul, Terrorist", dass sie mit 1,62m Körpergröße sich nicht traut Putin zu schlagen. Alle Menschen im Raum können das sehen und bewerten, dass sie im Verhältnis zum russischen Staatschef klein ist. Dadurch stehen Aussage und Sichtbares im Verhältnis zueinander. Die zusätzliche Ebene verleiht zusätzliches Gewicht in der Aussage.

Sich mit den Realitäten seines Körpers zu beschäftigen setzt dringend neutrale Beobachtung vorraus. Es geht nicht darum, sich zu bewerten, sein Aussehen in einen Vergleich zu stellen, sondern Merkmale aufzutun, die beweisbar sind. "Ich bin blond, habe Locken, bin 1,74m groß und wiege 72 Kilo." ist beweisbar. "Ich habe schöne Haare und bin zu dick.", liegt in der Bewertung des Betrachters und ist nicht definitiv beweisbar. Versucht euch euch bewusst zu machen und schaut, ob es euch in der Erzählung eurer Texte nutzt.

Körper II - Optionen:
Wegen der erwähnten gesellschaftlichen Bewertungskackscheiße ist es oft wirklich knifflig, sich in seinem Körper wohlzufühlen. Häufig werden wir auf Formen und Merkmale trainiert, die eine Attraktivität erfüllen, die eine Gruppe mal irgendwann so definiert hat. Wichtige Sache: Auch trotz statistischem Mittelwert was attraktiv ist, gibt es keine objektive Attraktivität. Ich zum Beispiel mag Narben und Tattoos an Menschen, würde aber vermuten, dass es durchaus Leute gibt, die hier schon widersprechen würden.

Was aber messbar und erfassbar ist, sind die Dinge, die wir mit unserem Körper können. Ein Bereich, der auch für Slam interessant sein kann. Es geht dabei nicht mal um spektakuläre Stunts für die Bühne, sondern ein Bewusstsein dessen, was alles möglich ist. Und wenn wir feststellen, dass etwas, das wir können wollen, nicht möglich ist, können wir Impulse und Ideen suchen, wie wir es lernen können.

Um zu erfassen, welche Optionen zur Verfügung stehen, kann es sich in einem ersten Schritt lohnen "Verben" zu sammeln. Das gute an Verben ist, dass sie ebenfalls frei von Wertungen sind. Die Frage zur Orientierung lautet: "Was kann ich mit meinem Körper auf der Bühne machen?" Diese Verben können gerne als Liste gesammelt werden. Das könnte dann so aussehen: "Ich kann rennen, springen, hüpfen, sitzen, stehen, liegen, hocken, knien, trotten, tanzen, schreien, brüllen, flüstern, dabben, stampfen und noch so vieles mehr." Diese Liste kann gerne offen angelegt werden, denn immer mal wieder lernt mensch etwas dazu und verbreitert sein Können. Und es geht dabei um den gesamten Körper. Dazu gehören natürlich auch die stimmgebenden Bauteile unseres Körpers, die mensch sich gerne bewusst machen kann.

In einem zweiten Schritt können wir jetzt auf unsere Texte schauen und uns fragen "Welches der Verben kann ich wie mit dem Text verbinden?" Ganz pragmatisch kann mensch Liste und Text nebeneinander legen und sich anschauen, ob es eine Stelle gibt, die sich inhaltlich unterstreichen lässt, wenn eine bestimmte Handlung hinzugenommen wird. Unterstreichen kann dabei auch dadurch entstehen, dass ein Bruch bemüht wird. Da ist es wichtig zu überlegen, was bei Zuschauer*Innen passieren soll. Es ist auch nicht für jeden Text sinnvoll, unbedingt viele eigene Handlungen und Bewegungen zu verbauen. Hier kann und darf experimentiert werden.

Solltet ihr euch bei einigen der Handlungen nicht sicher fühlen, hilft es manchmal einfach zu üben. Gleichgewicht, Ausdauer, Kraft, Lungenvolumen, Stimme, Tempo und so weiter, sind Eigenschaften, die durch Übung und Training verbessert werden können. Dabei ist es gerade nicht meine Empfehlung unbedingt Sport zu machen, trotzdem aber der Verbesserung dieser Eigenschaften etwas Zeit im Alltag zu zu schreiben.

Übrigens: Wenn ihr später mal viel auf Tour seid, in Zügen & Fernbussen sitzt, häufig Slams moderiert und auch sonst bei der "Arbeit" hauptsächlich steht und sitzt, seid ihr für ein paar Übungen zur Ent- und Belastung des Rückens ganz dankbar. Es kann nicht schaden, sie früh ins Repertoire zu nehmen. Auch Übungen die den Körper aktivieren und erlauben Zug- und/oder Backstage-Trägheit vor dem Auftritt abzulegen können sehr sehr nützlich sein, um vor einem intensiven Auftritt in Wallung zu geraten.

How to Slam - Verbessern

Jay Nightwind | 06.09.17 | / / | Kommentieren
Im Bild: Micha-El Goehre Foto: Weststadtstory
Ich bin ein Fanatiker fürs Verbessern und Lernen. In meiner Welt ist es das geilste, wenn mensch am Ende des Tages eine Sache neu oder besser kann als vorher. Mit Selbstoptimierung liegt mensch ja auch voll im Trend.

Als Poetry Slammer*Innen machen wir Kunst. Und da meine ich nicht diesen gesellschaftlich aufgblasenen Begriff, sondern gehe vom ursprünglichen Begriff aus. Im lateinischen und alt-griechischem hatten ars und technea überhaupt nichts damit zu tun, wie die Erzeugnisse von einem Publikum aufgenommen werden.

Es geht um das Erlernen und Anwenden von Methoden, Techniken und dem meistern von Formen. Und die Formen im Slam sind vielschichtig. Denn einen sehr guten Text zu schreiben reicht unter Umständen nicht. An welchen Schrauben kann ich also drehen? Was kann ich verbessern? Ein Anfang einer Sammlung:

Schreibstil
ist die falsche Überschrift. Der Schreibstil ist eine sehr individuelle Entwicklungsaufgabe, kein Teilabschnitt. Es ist vom Stamm bis zur Krone das Ergebnis unserer Erfahrungen, Ideen, Entscheidungen und Fertigkeiten. Die Fertigkeiten, die können wir aktiv verbessern, in dem wir sie erweitern. Hier geht es um Techniken, die wir uns aneignen. Dafür können Schreibübungen ein guter Startpunkt sein. 

Ich mag dabei Übungen, die mich vor überraschende Aufgaben stellen. Zum Beispiel Methoden, bei denen sich über den Zufall generiert, worüber oder wie geschrieben wird. Diese Schreibübungen helfen auch dabei, eine Einstellung im Kopf zu schärfen, dass "kreativ sein" von einem zufälligen Moment eher zu einer gezielten Aktivität geführt werden kann.

Auch das Erlernen bestimmter Formen und Techniken hilft bei der Weiterentwicklung. Schnell ist gesagt "Ich kann keine Lyrik schreiben", was oft daraus resultiert, dass die Form die mensch wählt, nicht zu den Ergebnissen führt, die mensch erreichen will. Ein üben und arbeiten mit der Form ist aber sinnvoll. Auch ein Handwerker braucht nicht immer alle Werkzeuge gleichzeitig, es ist aber für ihn sinnvoll, wenn er alle Werkzeuge und ihre Funktion kennt. Daher: Lieber eine Technik immer mal wieder anwenden, auch wenn sie nicht perfekt gemeistert ist, als sie gar nicht erst zur Verfügung zu haben.

Ebenfalls um seinen Schreibstil zu verbessern kann es sinnvoll sein, sich die Erzeugnisse anderer Künstler*Innen anzuschauen. Damit dabei aber nicht der Respekt vor der anderen Leistung einen selbst bremst und einschüchtert, kann es sinnvoll sein, eines intensiv zu üben:

Beobachten
Im Alltag beobachten wir ständig. Das liegt daran, dass wir immer passiv wahrnehmen. Die Sinneseindrücke und Reize kommen, ob wir wollen oder nicht. Eine nächste Stufe ist das aktive Wahrnehmen. Klare Sache: Wir nutzen um unsere Sinne, um gezielt etwas zu erfassen.

Egal ob passiv oder aktiv, reflexmäßig greifen unsere persönlichen Filter, welche die Beobachtungen in der Aufnahme verändern. Wenn wir jetzt zum Beispiel andere Slammer*Innen bei ihren Vorträgen beobachten, bewerten wir nach unseren eigenen Kriterien die Leistungen. Dass diese Kriterien sehr subjektiv sind merkt mensch spätestens dann, wenn wir mit der Wertung auf einer Jury-Tafel für das gerade gehörte nicht übereinstimmen. Der Filter triggert.

Eine subjektive Wahrnehmung ist schon nicht schlecht, aber wir wollen uns ja verbessern bzw. etwas lernen. Dabei können unsere Filter hinderlich sein. Wir könnten uns mit dem Gesehenden vergleichen und dabei so schlecht wegkommen, dass wir frustriert sind. Oder aber zum Ergebnis kommen, dass wir das auf jeden Fall besser können. Mit dem Ergebnis lernen wir aber nichts dazu. Wir sollten uns also eventuell vom Filter trennen. Wie kann das funktionieren?

Ein leichter Einstieg ist es, eine beliebige Situation zu beobachten. Alles was wir sehen, notieren wir in chronologischer Reihenfolge. Es wird leichter, wenn wir eine konkrete Situation herauspicken, statt einer ganzen Straße in der Innenstadt lieber eine einzelne Person, ein Gespräch, einen Kaufvorgang etc. Wenn wir fertig sind, nehmen wir unsere Notizen und untersuchen sie darauf, was bewerten ist und streichen es. Dadurch sollten nur konrete Handlungen übrig bleiben.

Was nutzt uns das für den Slam? Wenn wir uns Auftritte von Slammer*Innen angucken, können wir aus den konkreten Handlungen ableiten, was wir vielleicht lernen wollen. Aus "hat sehr geil den Text gelesen", was wir nicht einfach nachstellen können, wird dann "hat das Sprechtempo laufend erhöht". Wir können viel genauer erfassen, was die eigentlich Technik ist. Je mehr wir das Beobachten einüben, desto mehr Informationen können wir gewinnen. Nicht nur aus der Beobachtung von Slam-Performances, sondern auch aus anderen Kunstformen.


Das sind zwei Bereiche in denen mensch sich beim Poetry Slam verbessern kann. Es gibt noch unzählige weitere, in die wir im Rahmen von "How to Slam" immer wieder reinschauen werden. Was sind die Bereiche, in denen ihr euch verbessern wollt? Habt ihr schon Strategien? Wie sehen diese aus?

How to Slam: Schreibübung "Vermenschlichen"

Jay Nightwind | 23.08.17 | / / | Kommentieren
Also, wir wollen auf Slams natürlich gute Texte präsentieren. Gute Qualität erreichen wir, wenn wir uns mit Text auseinander setzen und auch mit dem, was Elemente in unseren Texten bedeuten (können).

Eine gute Kreativ- und Schreibübung ist das "Vermenschlichen", welches mir Marian Heuser a.k.a. Peter Panisch bei einem gemeinsamen Workshop gezeigt hat.

Schreibübungen sind gute Grundlagen um in den kreativen Denkprozess zu finden und auch einfach, um im sportlichen Sinne sich warm zu machen. Und manchmal findet mensch dabei auch etwas Gold (in Form von guten Ideen).

Vermenschlichen als Schreibübung:

Schritt 1 Themensammlung:
Im ersten Schritt der Übung schreiben wir auf einen Zettel Themen als Stichwörter auf. Am besten als ein einzelnes Wort. Zum Beispiel "Geld", "Natur", "Enten", "Kapitalismus". Nützlich sind Themen, die uns in letzter Zeit beschäftigt haben. Das lässt sich teilweise aber auch nicht verhindern, da wir diese Wörter aus unserem Gedächtnis und Erfahrungen generieren. Was wir nicht müssten, wir könnten uns auch die Wörter aus einem Buch beziehen oder von Freund*Innen aufschreiben lassen. Diesen Zettel legen wir dann zu Seite. Es reicht übrigens auch vollkommen, wenn ihr genau ein Thema habt.

Schritt 2 Mensch-Mind-Map:

Nützlicherweise sind wir selbst Menschen. Daher können wir im zweiten Schritt eine sehr nützliche Mind-Map erstellen. Eine Mind-Map, über Menschen. "Mensch" steht daher auch in der Mitte. Und jetzt fragen wir uns, was es ausmacht, ein Mensch zu sein. Vielleicht kommen wir zu dem Schluss "Menschen haben Hobbies", dann tragen wir "Hobbies" als Unterpunkt in die Mindmap ein. "Ängste", "Wünsche" und was uns Menschen noch so beschäftigt und definiert.

Schritt 3 Vermenschlichen:
Jetzt kommt der interessante Teil: Wir schauen wir auf unsere Sammlung aus dem ersten Schritt. Das Thema, das uns am meisten interessiert, nehmen wir heraus aus der Sammlung und setzen es an der Stelle ein, an der in unserer Mind-Map der "Mensch" steht. Das Thema hat jetzt also um sicher herum geclustert viele Merkmale eines Menschen. Als Grundlage für einen (Übungs-)Text nehmen wir die Unterpunkte als Fragen, die wir beantworten wollen:
- Welche Hobbies hätte Geld?
- Wovor hat die Natur Angst?
- Welche Wünsche haben Enten?

Schritt 4 Erzählen
Dieser Schritt ist optional. Natürlich könnt ihr jetzt die Geschichte erzählen, vom Geld und was es einen Tag lang so erlebt. Manchmal liegen in diesen Fragestellungen aber schon eigene Textideen, die sich von der eigentlichen Übung entfernen. Wenn ihr merkt, dass ihr losschreiben könnt, dann tut das unbedingt. Das einhalten von Regeln einer Übung ist da absolut zweitrangig.

Übertragung als Analyse-Methode:
Das Vermenschlichen ist eine Übertragung. Eine Sache wird in ein Umfeld eingesetzt, in das sie nicht gehört. Dingliche und Abstrakte Begriffe werden zu Menschen gemacht. Diese Methode erlaubt uns nicht nur Texte zu schreiben, sondern auch Bereiche zu analysieren.

Wenn es um Slam geht, kann es nun vorkommen, dass wir uns gar nicht mit unserem Text beschäftigen wollen, sondern uns andere Bereiche des Gesamtkonstruktes beschäftigen. Ein häufiges Thema ist da zum Beispiel der Wettbewerb. Es gibt viele Ansichten und Thesen zum Wettbewerb im Slam, eine gemeinsame Wahrheit hat die Szene an keiner Stelle formuliert. Es gibt keinen Zentralverband, keinen festen Katalog, die Überzeugungen der Szene sind beweglich. Deshalb kann es sinnvoll sein, seine eigenen Überzeugungen zu überprüfen. Dafür kann Slam als Szene zum Beispiel mit einer anderen Szene den Platz tauschen. Wenn wir Poetry Slam wie Fussball betreiben würden, was wäre anders? Was würde es für Poetry Slam verändern?

Ich für meinen Teil nutze diese Übertragungen gerne, um in anderen Kunstformen Inspirationen zu finden. So finde ich seit längerem viele nützliche Impulse darin, dass ich Poetry Slam und Wrestling vergleiche. Daraus habe ich eine neue Wahrnehmung des Wettbewerbs im Slam ziehen können und als ich die daraus entstandene Einstellung mit zurück in Slams genommen habe, habe ich ein besseres neues Bühnengefühl gehabt.

Übrigens kann diese Übertragung sich auch lohnen, um zu reflektieren, was ein Text wohl braucht. Also, wenn wir den Text als solchen vermenschlichen, was bedeutet das für ihn?

How to Slam: Spurwechsel gegen Schreibblockaden

Jay Nightwind | 16.08.17 | / / | Kommentieren
Stellen wir uns eine Schreibblockade mal physikalisch vor. Da ist also eine Begrenzung, die uns den Zugang zu unserem schreiberischen Prozess verweigert. Wir stehen auf unserer Seite der Sperre, wollen aber dahinter, denn dahinter liegt möglicherweise das Gold, der Triumph, was auch immer unser Herz begehrt.

Da wir die Barrikade nicht umgehen können, müssen wir uns auf einem begrenzten Pfad befinden. Zum Beispiel einer Straße, welche ja das natürliche Lebensumfeld von Barrikaden sind. Unsere Straße, der Weg für den wir uns entschieden haben, ist das Schreiben.Und irgendwas hat beschlossen uns diesen Weg zu versperren.

Eine Strategie kann sein, die Barrikade abzubauen. Das ist eine der prominentesten Varianten. Dafür machen wir Schreibdehnübungen, machen uns stärker, in dem wir uns an kleinen Erfolgen aufladen. Wir ziehen also einzelne Holzbalken aus der Barrikade, schauen wie sie sich verändert und hoffen, sie bald so klein zu bekommen, dass wir sie überwinden können. Wenn wir in einer Häuserschlucht stehen und bis zum Himmel nur Barrikade sehen, dann an uns heruntersehen und zwei sanfte Hände eines/r Poet*In sehen, kann diese Aufgabe verzweifelnd schwer und langwierig aussehen. Vielleicht sogar unlösbar.

Eine nicht ganz so prominente Strategie hat etwas mit Orientierung zu tun. Wir stehen also auf der Schreibstraße und kommen nicht voran. Wenn wir auf unserem geistigen Stadtplan ein wenig herausszoomen, kann uns aber auffallen, dass es Nebenstraßen gibt. Vielleicht sind wir gerade auf der "Schreiben-Allee", aber über eine kleine Nebenstraßen könnten wir rüber zum "Musik-Machen-Weg". Wenn wir den entlang laufen, gehen wir zwar nicht in die selbe Richtung, kommen aber schon mal vorwärts.

Vorwärts kommen fühlt sich nur dann gut an, wenn wir auch in die Richtung reisen, an der auch unser Ziel liegt. Das liegt ja aber hinter der Barrikade! Da ist eine Entscheidung erforderlich: Darauf warten bis die Straße wieder frei ist oder einen Umweg in Kauf nehmen? Vielleicht können wir unseren Inhalt, der eigentlich geschrieben werden soll, erst auf einer anderen Straße verarbeiten? Dann stimmt die grobe Richtung. Vielleicht ist dieser Weg ein Lied zu schreiben, einen Film zu drehen, es einer/m Freund*In zu erzählen. Und plötzlich sind wir wieder auf der "Schreiben-Allee", allerdings hinter der Barrikade.

Manchmal kann es sinnvoll sein, die Spur zu wechseln und einen Umweg zu gehen, anstatt mit aller Gewalt gegen die Barrikade zu donnern. Klar, mensch kann mit dem Kopf durch die Wand, aber das tut halt auch meist weh.

Schreibblockaden müssen übrigens nichts schlechtes sein und bedeuten nicht, dass mensch nicht mehr schreiben kann. Wie in einer echten Stadt, kann es einfach sein, dass das eigene Gehirn da gerade an einer Sache arbeitet, modernisiert, erneuert und da eine Baustelle im Kopf ist. Für den Moment bedeutet es Umwege, aber die Aussicht kann auch sein, dass der selbe Weg zu einer Schnellstraße wird. Diese Baustellen im Kopf brauchen manchmal einfach ein Weilchen.

Also: Wenn es mal nicht voran geht und die Kraft nicht reicht, die Barrikade einzureißen, kann es eine Option sein, einen Umweg zu gehen!

How to Slam: Du möchtest bei einem Poetry Slam auftreten? Warum?

Anekdotische Einleitung mit Opa-Faktor:

Vor einigen Jahren saß ich im Backstage eines Berliner Poetry Slams. Viele bekannte Gesichter, aber auch frisches Blut. Auf der Couch mir gegenüber: gediegener Herr mit Bart und Mütze und Kapuzenpulli, kenne ich nicht. Zweiter Herr mit Bart und Mütze und Kapuzenpulli betritt den Backstage. Überraschte Begrüßung:
„Heiko, du hier? Machst du jetzt etwa auch Poetry Slam?“
„Ja, sicher. Du etwa auch?“

Ich kann bis heute nicht zielsicher erklären, warum mich das so amüsiert, verwundert und gleichzeitig unangenehm berührt hat. Der Wortlaut ist mir bis heute Wort für Wort eingebrannt. Aber wer bin ich, irgendwen dafür zu verurteilen, ‚jetzt auch‘ Poetry Slam zu machen? Jeder fängt ja mal an. So wie du vielleicht. Aber vielleicht aus anderen Gründen.

Als ich damals damit angefangen habe, gab es kein Facebook. Es gab nicht einmal fucking StudiVZ. Poetry Slam vernetzte sich über Telefon und Email und Myslam. Das war so eine Website, wo Veranstalter ihre Termine eintrugen, und Poeten erfuhren, dass es einen ziemlich geilen Slam in Herne gibt. Fahrtkosten wurden vorher abgesprochen, aber rumreisen, das machten nur die ganz großen. Die wirklich krassen. Sulaiman und so. Sebastian, Misha, wie sie alle hießen. Die kamen zum Beispiel aus Bielefeld einfach mal so nach Bochum gefahren und bekamen die Fahrtkosten erstattet. Diese Halbgötter in Kapuzenpullis, die so krass waren, dass man weiche Knie bekam, wenn man mit ihnen gemeinsam irgendwo auftreten sollte. Klingt albern heute, ich weiß. Bielefeld-Bochum. Aber es gibt vielleicht einen Einblick, wie aufgeregt ich war, als ich aus Dortmund nach Bochum anreisen durfte, um da mal im Freibeuter aufzutreten. Mit Fahrtkostenerstattung. Ich hatte es geschafft. Jetzt war ich auch Tourpoet. Irgendwie. Der Auftritt war übrigens nicht so gut. Aber das war egal.

Wenn man mal richtig weit weg wollte, musste man warten, bis man einen Poeten oder Veranstalter aus der weit entfernten Gegend traf, den man dann beeindrucken konnte. Dann sagte man: „Du, ich würde voll gerne mal in Stuttgart auftreten“, und der Tourpoetveranstalter sagte dann: „Ja, war nice, was du da gemacht hast heute, in 1 ½ Jahren habe ich was frei. Gib mal deine Email.“ Und tatsächlich durfte man dann 1 ½ Jahre später vor zwanzig Leuten in Stuttgart verkacken und auf einer sehr umständlichen Luftmatratze schlafen. So war das. Und es war schön.

So. Opa-Anekdoteneinführung vorbei.

Ist heute ja nicht mehr so. Früher war Poetry Slam in seiner Ausführung und gelebten Kultur eine natürliche Barriere. Es waren sehr spezielle Menschen, nicht einmal getriebene Persönlichkeiten, aber zu einem Großteil. Heimatlose und Suchende. Das ist heute anders, und das ist schön so.

Heute ist Poetry Slam Alle. Man kann also heute einfacher denn je damit anfangen. Aber sollte man das dann auch? Für mich, in meiner eigenen, kleinen Definition, ist Poetry Slam im idealen Fall ein Format für Literatur. Da stehen Literaten auf der Bühne. Mal erfahren, mal nicht so sehr, aber immer Literaten. Die Bock auf Sprache haben. Für mich ist Slam ein Ausprobieren, ein gemeinsames Testen und Erleben und Erweitern von Sprache und Ideen. Natürlich ist es auch Unterhaltung, es ist lustig und lyrisch. Aber für mich geht es beim Slam nicht um Humor. Oder um besonders kunstvolle Lyrik. Beides ist für mich Mittel zum Zweck, um etwas zu sagen, verständlich zu machen, zugänglich. Eine Idee. Eine Kritik. Einen Missstand. Und darum geht es. Nicht um diesen omnipräsenten Wettbewerb, oder um die Lacher. Der Wettbewerb, der ist eine Scharade für das Publikum. Ein Rahmen. Wer auf einen Slam geht, um ihn zu gewinnen hat Slam - meiner Meinung nach - falsch verstanden.
Man kann das anders sehen. Aber so sehe ich das.

Wenn du also demnächst auf einem Poetry Slam aufzutreten gedenkst, kann ich dir nur raten, ein paar Fragen für dich zu beantworten:

Was ist Poetry Slam für dich?

Warum möchtest du das?

Möchtest du schreiben, oder lieber nur etwas geschrieben haben?

Möchtest du etwas sagen, oder nur vor Menschen in ein Mikrofon sprechen?

Möchtest du Menschen für etwas begeistern, oder nur ihre Begeisterung spüren?

Möchtest du Literatur machen, oder kannst du dir nur deine Witze so schlecht merken?

Möchtest du ein Gefühl in Worte gießen, oder dich einfach auf einer Bühne ausziehen?

Möchtest du ein Gewinn sein, oder nur gewinnen?

So, Opa ist fertig. Darauf jetzt ein Kräuterlikörchen. Und ein Schlusswort.
Es gibt so viele gute Gründe, auf eine Bühne zu gehen und Texte vorzulesen. Und so viele schlechte Gründe. Und die Gefahr ist da, dass einem das zu Kopfe steigt. Das Publikum, das Bier, der Applaus. Denn bis auf das Bier ist nichts davon für dich. Sondern nur für das, was du da tust. Wenn überhaupt. Und jetzt viel Spaß. Wir sehen uns. Und ich freu mich drauf.




®thorstenwulff
Tobi Katze, geboren 1981, tritt seit fünfzehn Jahren auf Poetry Slams und Lesebühnen auf. 2007 gewann er den LesArt-Preis der jungen Literatur und 2014 den Bielefelder Kabarettpreis. Im Januar 2014 startete er auf stern.de seinen Blog »Das Gegenteil von traurig« über Leben und Arbeit mit Depressionen. 

Im September 2015 veröffentlichte Rowohlt seinen Erzählband »Morgen ist leider auch noch ein Tag«. Das hochgelobte Buch über Depression (Prädikat »Absolut lesenswert« in WDR 2 Bücher) stürmte wochenlang die Top Ten der Spiegel-Bestsellerliste. Aktuell tourt er mit dem gleichnamigen abendfüllenden Bühnenprogramm. 

Im September 2017 veröffentlicht Rowohlt seine neue Erzählung »Immer schön die Ballons halten«