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Nur 1 Euro

Miriam | 16.11.17 | / | 4 Kommentare
"Haben Sie vielleicht ein bisschen Kleingeld für mich?", fragt mich ein Mensch am
Hauptbahnhof. Ich krame mein Portemonnaie heraus und drücke ihm ein paar Centmünzen in die Hand. Er bedankt sich. Ich lächel. Er zieht weiter. "Haben Sie vielleicht ein bisschen Kleingeld für mich?" Viele sagen nein. Einige schütteln nur den Kopf. Andere nehmen nicht mal die Kopfhörer aus den Ohren.

Szenenwechsel. Ich werfe Nudeln in meinen Einkaufskorb. Es folgen Milch, Joghurt, Frischkäse. Meine Freudin fragt "Wie viel Geld steht dir im Monat für Essen zur Verfügung?" Ohne darüber nachzudenken antworte ich "Da setze ich mir keine Grenzen." 

Ich lebe im Wohlstand. Ich habe eine eigene Wohnung, in der sich ein völlig funktionstüchtiges Bad befindet. Und eine Heizung. Ich habe ein eigenes Zimmer mit einem eigenem Bett und einem Schrank voller Klamotten. Ich gehe einkaufen und achte kaum auf die Endsumme. Ich sortiere Centstücke aus meinem Portemonnaie aus, weil sie mir lästig sind. Ich esse täglich durchschnittlich drei Mahlzeiten, eine davon in der Regel warm. Ich lebe im Wohlstand. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt zu hungern oder keinen festen Schlafplatz zu haben. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt nicht zu wissen wie man sich das nächste Brötchen finanzieren soll. Oder wann. Ich lebe im Wohlstand. Und jeder, der mich fragt "Haben sie ein bisschen Kleingeld?", der tut das nicht. Deshalb kann ich ihm etwas von meinem Wohlstand abgeben. Ein Euro ist nicht viel Geld. Nicht für mich. Einen Euro abzugeben macht mich nicht deutlich ärmer. Er macht mein Gegenüber auch nicht deutlich reicher. Ein Euro ist nicht viel Geld. Aber mit einem Euro kann sich mein Gegenüber vielleicht schon ein Brötchen kaufen. Oder einen Kaffee.

Nach dem Armutsbericht gilt in Deutschland als arm, wer unter der Einkommensarmutsgrenze lebt. Das bedeutet, dass das Einkommen unter 60 Prozent des mittleren Einkommens liegt. Das mittlere Einkommen wiederrum ist ein Durchschnittswert aller Haushaltseinkommen unseres Landes: Alle Haushalte werden nach ihrem Einkommen der Reihe nach geordnet. Das in der Mitte liegende Einkommen bildet dann das mittlere Einkommen. 2015 gab es in Deutschland rund 12,9 Millionen Menschen, die unter der Einkommensarmutsgrenze lebten. Es ist klar, jedem kann ich nicht helfen. Oder?

Eine Redakteurin von jetzt.de, Charlotte Haunhorst, hat genau das einmal in einem "Experiment" ausprobiert. Ein Jahr lang gab sie jedem scheinbar Bedürftigen, dem sie begegnet ist, Geld. Dabei hat sie sich an einige selbst auferlegte Kriterien gehalten: Jede Person, die sie direkt passierte oder die sie ansprach, bekam mindestens 50 Cent. Obdachlos oder "nur bedürftig" war der Journalistin dabei unwichtig. Ob das Geld am Ende für einen Kaffee oder ein Bier ausgegeben wurde, spielte beim Spenden ebenfalls keine Rolle. 

Meine Entscheidung, wer Geld bekommt, hängt vor allen vom Inhalt meines Portemonnaies ab. Und vom Bauchgefühl. Klar ein bisschen Verstand ist auch dabei. Wenn mensch sagt "Ich brauche das Geld für die Notschlafstelle", dann ist das eine Lüge. Denn Notschlafstellen sind in der Regel kostenlos. Nur Zusatzdienstleistungen, wie zum Beispiel Zahnbürste, Spind oder Dusche kosten etwas. In Essen gibt es zum Beispiel eine Übernachtungsmöglichkeit in der Lichtstraße. Jugendliche bis 21 Jahren können außerdem in der Notschlafstelle Raum58 unterkommen. In Dortmund gibt es die Männernotschlafstelle in der Adlerstraße und die Frauennotschlafstelle der Diakonie in der Prinz-Friedrich-Karl-Straße. Auch in dieser Stadt gibt es für Jugendliche eine eigene Schlafstelle, das Sleep-In in Dortmund Körne. 

Ich stehe mit einer Freundin am Dortmunder Hauptbahnhof. Ein Mensch spricht uns an "Entschuldigung, habt ihr vielleicht etwas Geld für einen Kaffee?" Ich verneine: "Ich habe leider kein Kleingeld im Portemonnaie." Es fühlt sich nicht gut an, diesen Menschen wegzuschicken. Denn während ich nur 50 Meter weiter zum Bankautomaten gehen müsste, um eine  beliebige Summe abzuheben, von der ich entweder einen Kaffee oder ein Drei-Gänge-Menü kaufen könnte, muss dieser Mensch x-Mal völlig Fremde um Hilfe bitten, um am Ende einen Euro für einen Kaffee zusammen zu haben. Und wird dabei wahrscheinlich mehr Neins als Centmünzen kassieren. "Ist doch nur ein Euro", wird er sicher nicht denken, wenn er das Geld dann irgendwann zusammen hat. 

Bundeswehr aus Youtube abziehen!

Jay Nightwind | 01.11.17 | / | 4 Kommentare
Als Spotify mir die exklusiv produzierte Werbung hinrotzt, bekomme ich direkt erhöhten Puls. "Hör dir jetzt die Playlist zur neuen Bundeswehr-Webserie "Mali" an." Nicht nur, dass es mich überrascht, dass eine vor zwei Jahren begonnende Werbekampagne weiterläuft, trotz massiver inhaltlicher Verkürzungen, nein. Erst wurde Youtube mit "die Rekruten" belagert. Nach der Umwandlung in "Bundeswehr Exclusive" ging es mit "Mali" weiter.

Militärischer Ausdruck sehr beabsichtigt. Denn auch vor Videos, die ich mir anschaue, wird mir die Kampagne angepriesen. Auf Spotify zeigt sich, dass sie tatsächlich und wirklich einen eigenen originalen Soundtrack haben produzieren lassen. Eine Nähe zum modernen Hiphop und Charterfolgen ist mehr als gewollt, daran herrscht kein Zweifel. "Ähnliche Künstler: Kollegah, Kontra K, Ali As" die Zielgruppe definiert sich von alleine.

Spotify, Youtube, Facebook. Die Streitkräfte finden also Einzug in die sozialen Medien, sind aber plötzlich nicht mehr unbeholfende Regierungsorgane, sondern spielen groß auf. Die Youtube-Webserien sind entsprechend moderner Standards produziert, sollen in erzählerischen Abschnitten mit modernen schnellen Schnitten schmackhaft machen, die Bundeswehr als Arbeitgeber in Betracht zu ziehen.

Der Trailer für die neue Serie erinnert schon eher an Kinoproduktionen, als an eine Dokumentation des Auslandseinsatzes.



Was ist denn jetzt eigentlich der Aufreger? Warum bekomme ich denn Puls, wenn ich das sehe? Ich war doch selbst vor vielen Jahren bei den Streitkräften und bin kein Pazifist. Ich hatte sogar mal Reservistenstatus, hätte also einberufen werden können im Falle eines Falles. Weshalb stört mich jetzt also die Kampagne einer Einrichtung, die ich selbst gar nicht vollständig ablehne? Weil es eine Werbekampagne ist.

Werbekampagnen, die machen Unternehmen. Und Unternehmen, die verkaufen ein Produkt. Und Produkte, die verkauft mensch am besten durch Erfolge und gutes Marketing. Gutes Marketing, das heißt heute, Menschen und Lifestyle zu präsentieren. Daher werden - entgegen allen Maßgaben der Geheimhaltung - zum Beispiel die sympathischen acht Berufssoldat*Innen in den Fokus gestellt und in Einzelprofilen vorgestellt. Weil wir sie als Identifikationsflächen brauchen. Denn so bringen wir einen Teil des Produktes an den Menschen: Die Bundeswehr als Arbeitgeber attraktiv machen.

Zeitsprung:
Politischer Bildungsunterricht in meiner Grundausbildungseinheit, irgendwann 2004. Ein Hauptfeldwebel fragt uns, was denn wohl der Grund ist, weshalb wir eine Wehrpflicht haben? Eine verdammt gute Frage, wie ich finde, denn zum einen wirkt Krieg mit unseren Nachbarn auf mich abwegig und Krieg anderswo unterstützen/verteidigen als moralisch falsch.

"Weil alle eine Armee haben?"
"Weil wir sonst Opfer einer Invasion werden?"
"Weil wir von der NATO gezwungen werden das Staatenbündnis mit zu verteidigen?"
"Weil es Arbeitsplätze schafft?"
"Weil wir im Kalten Krieg eine Verteidigungslinie für den Westen sein mussten?"

Mit den Antworten unserer Ausbildungsgruppe war der Ausbilder wirklich nicht zufrieden. Seine Erklärung verblüffte mich zuerst. Sinngemäß sah sie so aus:
Die Bundeswehr wird mit Pflichtdienstleistenden aufgefüllt, da sie eine Armee einer Demokratie ist. Wir brauchen den Bürger an der Waffe, den Zivilisten in Uniform. Damit die Streitkräfte einer dauerhaften lebhaften Überprüfung durch Menschen aus der Gesellschaft ausgesetzt sind. Diese Überprüfung sichert, dass die Streitkräfte transparent bleiben. Dass nicht verborgen werden kann, was innerhalb der Streitkräfte passiert.

Passend. Ein paar Monate bevor wir in die Grundausbildung kamen, hatten sich die Ereignisse in Coesfeld zugetragen. Rekrut*Innen wurden von Ausbilder*Innen misshandelt und diese Nachricht hatte den schnellen Weg in die Öffentlichkeit gefunden. Gemessen an der Aussage unseres Hauptfeldwebels wirkte mir die Transparenz im Fall Coesfeld gegeben. Es gab eine intensive Untersuchung, Befragungen und eine strenge Beschäftigung mit den Vorfällen. Als ich nach zwei Jahren die Bundeswehr wieder verlassen hatte, wurden die Ereignisse von Coesfeld noch bis 2010 vor einem zivilien Gericht verhandelt und zum Messgrad dessen, wie innerhalb der Bundeswehr gearbeitet wurde.

Der Verlust, den die Bundeswehr dadurch erfahren hat, dass keine Pflichtdienstleistenden mehr dort dienen, zeigt sich darin, was die Bundeswehr nun ist: Ein Unternehmen. Wurden Ausbildende und Vorgesetzte vorher auch durch die Untergebenen kontrolliert, da diese keiner "beruflichen" Bindung zur Truppe folgten, gibt es jetzt nur noch Angestellte. Die Position von Angestellten wird in Deutschland natürlich auch sehr stark geschützt, aber eine vermindertes Bewusstsein und eine höhere Kontrolle der Bundeswehr darüber, was über sie bekannt wird, bringt sie moralisch in eine neue Situation. Dazu hat die Bundeswehr jetzt möglicherweise neue Interessen, einfach, da eine Berufsarmee anders arbeiten muss. Was die Interessen sind, welche natürlich auch politisch geprägt sind, bleibt dabei unklar. Auch, weil kein Bürger in Uniform mehr auf die Finger der Berufssoldaten schaut.

Wenn ich die Aussetzung der Wehrpflicht wie sie durchgeführt wurde bewerten müsste, würde ich von einem Fehler sprechen. Die Bundeswehr wird zu einer Firma, einem Betrieb und in Zeiten von Globalisierung und Lobbyismus, sehe ich das als große Gefahr an. Krieg darf kein Geschäft werden, die Bundeswehr keine wirtschaftlichen Interessen verfolgen. Beobachtungsgemäß wirkt sich das oft schlecht auf die "Menschlichkeit" aus, was im militärischen Umfeld meist eh schon knifflig ist.

Jetzt bewirbt die Bundeswehr fantastische Held*Innen, die vor Mali auch "deine" Freiheit verteidigen. Sie vermarkten Musik auf Spotify, drehen Filme und steigen darin ein, wie andere Werbestrategen einen Lifestyle zu vermarkten. Ich möchte das nicht. Bundeswehr ist kein Lebensstil und auch nicht erstrebenswert. Die Bundeswehr verliert an Menschlichkeit, weil die Diversität in den Reihen der Dienenden abnimmt. Die Bundeswehr sollte den Bürgern dienen und durch die Bürger kontrolliert werden. Bundeswehr ist ein Übel der aktuellen politischen Situation, das wir leider noch nicht überwunden haben. 

Gespenster besiegen

Jay Nightwind | 27.09.17 | / | 2 Kommentare
Liebes Rudel,
in den sozialen Medien wird die Wahl nachbereitet. Es wird vom "armen Deutschland" gesprochen, es wird auf die AfD gezeigt. Das Wiederkehren historisch überholter Verhältnisse. Jede/r Achte hat die AfD gewählt. Die unverzeihbare Schuld der sich die Nicht-Wähler und jede/r Achte schuldig gemacht haben. Auch meine Heimatstadt hat mich enttäuscht, die Zahlen entsprachen nicht der Realität, die ich hier jeden Tag auf der Straße sehe.

Ich habe keine Angst vor Gespenstern. Ich habe keine Angst vor Gespenstern. Und ich habe schon gar keine Angst vor der AfD.

Ein Wahlprogramm, der Wahlkampf, die Nachrichten, das sind eine Menge Worte. Viele viele Hülsen, die erst dann ihr Wirkung zeigen, wenn sie unterfüttert werden. Bisher haben sie nur gesagt was sie fordern, aber was hat die AfD getan? Die Worte sind riesig und furchteinflößend. Wir verwenden drastische dramatische Worte um diese Partei zu beschreiben.

Von Oliver Kahn habe ich gelernt, sich keine Gespenster zu schaffen. Denn Gespenster sind unwirkliche Wesen. Er hat diese These auf einfachere Situationen bezogen, hat aber beschrieben, wie wir manchmal dazu neigen, Ereignissen Superlative und Überspitzungen zu geben, die in ihrer Wortbedeutung von Menschen nicht mehr zu besiegen sind. Wir sprechen von Monstern, von Fluten und weiteren Extremen und fühlen uns ohnmächtig.

Die AfD ist keine unmögliche Wiederauferstehung verstorbener Nazis und ihres Staates. Und bei alle ihren mächtigen Worten, beim Ausnutzen des Status als Monstrum und einer Gespenster-Rhetorik, so hat die Partei selbst bisher sehr wenig real gehandelt. Das werden sie jetzt tun müssen. Sie werden im Bundestag keine mythischen Dinge tun können. Sie werden Anträge stellen, Abstimmen, in Arbeitskreisen sitzen. Und das ist fern von jeder überirdischen Sache.

Ich habe keine Angst vor der AfD, weil sie jetzt handeln müssen. Und das kann ich auch. Daher kann ich jedem Schritt den diese Partei tut etwas entgegen setzen. Ich bin nicht machtlos. Ich habe keine Wahl verloren, als die Ergebnisse bekannt gegeben wurden. Ich kann mich in Parteien engagieren, in Jugendverbänden, Volksentscheide bemühen, Unterschriften sammeln, demonstrieren, Menschen helfen, Häuser bauen, bei Umzügen helfen, Wohnungen suchen, mich vor Menschen stellen, denen Gewalt angetan werden soll. Außerdem kann ich Gebäude besetzen, Sitzblockaden machen und mit aktiven Handlungen etwas leisten, dass unsere Gesellschaft etwas besser wird.

Ich brauche keine toll zusammengestellte Regierung, um in einem guten Land zu leben. Ich brauche gute Menschen. Und gute Menschen sind welche, die gut handeln. Was sie dabei reden ist mir nicht egal, aber wird immer gemessen sein an dem, was sie tun. Und ich bin mir sicher, dass die Energie einer Mehrheit die sich um gutes Handeln bemüht größer ist, als das Feuer in den Worten einer Minderheit.

Die AfD ist kein Gespenst, sie ist ein Kontrahent. Anstatt uns ohnmächtig gegenüber Gedanken, Optionen, Szenarien und einer Mythologie zu sehen, möchte ich gegen jede Handlung eine andere Handlung setzen. Das können wir. Wir sind fähig. Wir können moralisch gut und politisch handeln und unseren Alltag gestalten, auch wenn eine Partei zu viele Sitze im Parlament hat.

Mein Wunsch ist, dass ihr eure Energie nehmt und euch etwas vornehmt, wie ihr der AfD entgegen steht. Handlungen besiegen jede fragwürdige Aussage an jedem Tag.

Jetzt ist eh zu spät

Der Hartmann | 25.09.17 | / | Kommentieren
Es ist der 24. September 2017.
Der Tag der Bundestagswahl und es flimmern die ersten Hochrechnungen und Prognosen über die Bildschirme.
Platz 1 und 2 sind geschenkt, das war schon vor der Wahl klar. Angela Merkel kriegt noch einmal vier Jahre als Bundesmutti und Martin Schulz geht mit Pauken und Trompeten unter.
Doch dann kam das, was Viele befürchtet haben: Die AfD als drittstärkste Kraft.

Vorne weg: Ich finde das alles andere als gut und hätte mir sogar lieber Fußpilz auf den dritten Platz gewünscht, da die AfD eine Partei ist, die genau entgegen meiner Prinzipien arbeitet:
Als Kritik getarnter Fremdenhass, ein fehlender Gemeinschaftssinn, fehlende Toleranz, widerlicher Populismus und auf billigen Klischees und Vorurteilen basierendes rechtes Gedankengut.
Mir wird schon beim Gedanken an die AfD schlecht, von ihren ekelhaften Wahlslogans, die nun zu lange das Straßenbild prägten, mal abgesehen.

Auf Facebook schreiben nun viele AfD- Gegner, dass jetzt die beste Zeit zum Auswandern wäre, was selbstredend nicht allzu ernst gemeint ist.
Aber dennoch wäre das der genau falsche Weg.

Zunächst, das Ergebnis war alles andere als überraschend. In einer Welt, die immer brauner wird, in der Donald Trump die Führungsorange der USA geworden ist, in der Viktor Orbán mit seinem Antiflüchtlingsdenken der EU auf der Nase rumtanzt oder eine Front National in Frankreich so grade eben scheitert (wohlgemerkt im 2. Durchgang), ist es nicht verwunderlich, dass auch die braunen Hetzer in Deutschland derart absahnen bei der Wahl.

So unpopulär ich mich jetzt vielleicht mache, aber ich glaube, dass wir uns das teilweise selbst zuzuschreiben haben. Als die AfD damals gegründet wurde, ist sie belächelt worden, hat aber immer mehr Zuspruch gefunden. Der kleine Mann hat sich verstanden gefühlt, die Finanzhilfen für Griechenland waren einigen Mitbürgern schon länger ein Dorn im Auge.
Man hat allerdings, so war mein Empfinden jedenfalls, nie wirklich versucht, einen lösungsorientierten Dialog zu führen, sondern es immer nur wegzureden versucht und die Leute als Spinner abgetan. Man hat sie schlichtweg nicht ernst genommen.
Dass daraus Frust und noch mehr Wut entsteht, war eine logische Konsequenz. Und das hat die AfD sich zu nutzen gemacht und ist mit großem Gefolge nach rechts abgedriftet.
Die immer größer werdende Unzufriedenheit hat die AfD instrumentalisiert und die Menschen in ihrem Glauben bestärkt, dass sie ungerecht behandelt werden, die Flüchtlingskrise hat ihr Übriges getan. Auch daraus hat die Partei Kapital geschlagen und ihre blaubraune Soße in die Köpfe der Menschen gekippt, sodass plötzlich viele glaubten, ihnen würde was fehlen und die Schuldigen wären die Geflüchteten.
Wir wissen alle, dass das Mumpitz ist und es den Leuten unter anderem wegen einer schlechten Politik an Dingen wie einer vernünftigen Rente oder anderer staatlicher Unterstützung fehlt.
Daran sind allerdings nicht die Flüchtlinge schuld, sondern so manche Partei, denen wir Dinge wie die schwarze Null, Hartz IV oder das Kaputtmachen der umlagefinanzierten Rente zu verdanken haben. Auch die immer größer werdende Kluft zwischen arm und reich und die immer größer werdende Armut in diesem Land, sind nicht den Flüchtlingen in die Schuhe zu schieben. Das läuft an ganz anderen Stellen schief.

Doch all das liegt in der Vergangenheit. Die Wahl ist gelaufen und es ist zu spät. Der rechte Keim, der bei Vielen im Kopf verbuddelt war, keimt jetzt auf.
Allerdings sind wir jetzt gefragt, dass wir den Schaden so gering wie möglich halten.
Wir müssen die Fahne der Toleranz so hoch halten, wie wir können und dem rechten Pöbel zeigen, dass sie nur ein kleiner Teil des Volkes sind und dass wir für uns selber sprechen. Dass unsere Stimme lauter ist! Dass wir rechtes Gedanken"gut" weder hinnehmen, noch akzeptieren.
Wir müssen zusammenhalten und uns nicht auf widerwärtige AfD-Rhetorik einlassen, die Gauland, von Storch und wie die nicht alle heißen von sich geben (und sich hinterher wieder von distanzieren). Wir müssen zeigen, dass Fremdenhass hier in Deutschland keinen Platz hat. Auch nicht im Osten, wo es No-Go-Areas für Menschen mit Migrationshintergrund gibt. Wo Menschen wegen ihrer Herkunft beleidigt oder auf die Intensivstation geprügelt werden
Wir dürfen weder wegschauen, noch weghören, wenn Nazis und "besorgte Bürger" gegen Asylsuchende oder Menschen mit Migrationshintergrund pöbeln oder sie sogar angreifen.
Denn wir in Deutschland leben von Multikulturalismus. Hass hat in diesem Land schon zu viel Schaden angerichtet und das darf sich nicht mal ansatzweise wiederholen.

Also tut mir einen Gefallen: Steht auf und zeigt dem Hass, dass wir uns von ihm nicht unterkriegen lassen und immer für unsere Prinzipien der Freiheit, der Demokratie und der Weltoffenheit einstehen!
Hass gehört nicht zu Deutschland!


Die Kleinigkeiten im Alltag

Jay Nightwind | 13.02.17 | / | 4 Kommentare

Es gibt immer eine kleine Verzögerung, bis der Ring grün leuchtet. Im Rahmen kleinerer Ticks habe ich mal die Sekunden gezählt, aber nachdem keine Regelmäßigkeit aufkam, bewahrheitete sich die ruhrgebietische Merkregel: "Is fettich, wenn fettich is." Wenn der kleine grüne Ring nicht leuchtet, dann ist die Tür der S-Bahn noch nicht so weit. Da hilft auch kein früheres Drücken, keine Ungeduld, kein Zählen von Sekunden. Es ist eine manchmal ein kleineres Ärgernis, häufig wie ein Spiel, bei dem es darum geht so früh wie möglich nach dem zufälligen Zeitpunkt den Knopf zu drücken, der die Tür dann freigibt.

Ein Spiel, dass daran krankt, dass mensch häufig eh nicht schnell aus der Bahn kommt, weil sich hinter den Türen des Buses, der Straßenbahn oder des Zuges nochmals Türen befinden, die aus anderen Personen bestehen. Merkregeln wie "Erst Austeigen lassen, dann einsteigen.", haben sich überholt. Der Weg des geringstens Widerstandes verliert seinen Stellenwert. Das ist ein kleineres Ärgernis, aber da komm ich mit klar. Als Mensch der gerne beobachtet - eine beliebte Berufskrankheit bei Kreativen - habe ich mich gefragt, warum die Menschen schon vor der Tür stehen. Eine vollständig unwissenschaftliche Studie:

Ich befinde mich in der S-Bahn, stehe vor der Tür. Da ich am nächsten daran bin und wir jeden Moment zum Stehen kommen, habe ich schon meinen Finger auf dem Knopf. Auf dem Bahnsteig stehen viele Menschen, als die S-Bahn ihr Fahrt verlangsamt, orientieren sie sich zu den Türen. Die S-Bahn steht, das grüne Licht leuchtet nicht. Durch die Scheibe in der Tür sehe ich die Leute, einer der Passagiere auf der anderen Seite registriert mich. Er steht außerhalb, schaut mich an und drückt den Knopf. Der grüne Ring leuchtet nicht.

Dann erwische ich mich immer dabei, dass ich diese unangenehme Arroganz zeige. Diese, bei der mensch vorraussetzt, die anderen wären dumm. Aber ich schaffe es nicht, den Gedanken in diesen Momenten zu überbrücken. Nicht nur, dass die Personen außerhalb einen nicht aktiven Knopf drücken und sich dann wundern, dass nichts passiert, es ist ja auch so, dass es oft so wirkt, als trauten die Leute einem nicht zu, den Knopf selbst zu drücken. Was dann besonders ironisch ist, macht mensch sich bewußt, dass ich mich ja bereits in der Bahn befinde. Ich bin nicht an den Türen gescheitert, das Konzept eines Knopfes hat nicht meine Fantasie überstiegen. Sehr wohl aber die Fantasie derer, die vor der Bahn stehen. Die können sich nämlich nicht vorstellen, dass ich es auch schaffen kann die Bahn wieder zu verlassen. Besonders schön daran: Wollen sie in die Bahn rein, müssen ich und die anderen sie auch erstmal verlassen.

Es ist genau dieser lächerliche Kleinkram, der uns dann wütend macht, weil wir dem selben Szenario mit hoher Frequenz ausgesetzt werden, aber keinen Fortschritt, keine Veränderung sehen. So ist es zumindest bei mir. Besonders schlimm ist auch, dass mensch ja genau weiß, dass in den wenigen Sekunden Kontakt am Bahnhof auch keinen Lehrauftrag erfüllt bekommt. Manchmal überlege ich, wenn die Menschen vor der Tür stehen und mir den Ausgang blockieren, drinnen auch stehen zu bleiben, bis sie Draussen merken dass sie zur Seite müssen.

Es ist diese Arroganz, zu glauben zu wissen, dass wir es besser können und die anderen belehren müssten. Dies Arroganz, wissen zu können, was die anderen gerade motiviert. Warum setze ich denn eigentlich vorraus, dass nicht darußen auch das Spiel gespielt wird, den Knopf so schnell wie möglich zu drücken, wenn er aktiv wird? Es sind solche Kleinigkeiten im Alltag, die uns aufzeigen, dass wir uns eigentlich gerade über uns selbst ärgern. Über die Unveränderlichkeit von Dingen, dass wir eigentlich gerne Kontrolle über andere hätten, weil wir nicht offen genug sind, sie einfach zu akzeptieren. Weil wir glauben, dass sie unseren Zielen im Weg stehen. So ist es zwar für einen Moment, für unser Gefühl, aber am Ende schaffe ich es doch jedes Mal auszusteigen. Noch nie hat mir jemand erzählt, dass er/sie stundenlang weiterfahren musste, weil ja die Leute am Bahnsteig ihn/sie blockierten. Es wirkt wie der Wunsch nach dem Weg des geringsten Widerstandes, bei dem wir aber vergessen, das andere diesen Widerstand anders wahrnehmen.

Mich zieht es zurück aufs Dorf

Jay Nightwind | 08.01.17 | / | Kommentieren
Facebook ist für mich eine Stadt. Lebensraum und Geschäftsfläche sind zusammengeschoben, keiner weiß mehr was zu erst da war. Vielleicht ging es erst darum den Leuten einen interessanten Wohnort im Internet zu schaffen, eine Kommune die es uns erlaubt nicht nur in unseren Kreisen zu bleiben, sondern auch neue Menschen zu entdecken. Ein Schmelztiegel. Wann immer aber viele Menschen aufeinander treffen, triggert das den Kapitalismus, der natürlich auch von Menschen gemacht wird. Die kommen in so einen Schmelztiegel und denken sich: Wenn jetzt alle über meine Produkte reden würden, dann wäre das schon toll. Zum Glück hat Facebook die Strukturen so angelegt, dass sich Produkt gut und heimlich einbinden lassen und zwar durch die Menschen selbst. Wenn mensch diesen Prozess gedanklich überträgt, betreibt Facebook harte Urbanisierung und liefert die Gentrifikation gleich mit.

Nur das hier nicht Bewohner aus ihren Objekten gedrängt werden, weil ihre Mieten durch das attraktivere Umfeld erhöht werden, sondern Kommunikationswillige aus ihren Kommunikation gedrängt werden. Denn die Filterblase bevorzugt die, welche viele Likes haben (sprich viel Laufkundschaft) und noch mehr die, welche Geld investieren, um die vielen Werbeflächen zu kaufen. Die Lösung wenn unsere Kommunikation wirkungslos scheint, kommunizieren wir mehr, lauter und aggressiver bis wir endlich wahrgenommen werden. Wer in seine Facebook-Erfahrungen guckt, findet hier sicher Beispieler für solches Kommunikationsverhalten.

Ein Problem: Wann ist die Kommunikation erfolgreich? Wann ist ein Like auf ein Posting zufriedenstellend? Mehr geht ja immer, mehr Likes, mehr Teilen. Und dann bekommt Facebook die negativen Symptome einer Stadt: Es ist zu voll, zu laut, die viele Werbung und aus unserer Sicht reden alle über irrelevanten Schwachsinn, weil unser Kopf sich gerade um etwas anderes dreht. Wir bekommen Wahrnehmungsfehler, die uns zu Superlativen führen:
"Alle sind Rassisten. Alle reden nur über Trump. Niemand redet über Obdachlose. Deutschland ist verloren. Das Internet ist voller Hass."  - die verkürzte Wahrnehmung
Wir beginnen die Stadt mit der Welt zu verwechseln, wir beginnen einen Ort des Internets mit dem ganzen Netz zu verwechseln. Leider macht aber die Filterblase auch, dass wir in Konkurrenz zu einander stehen. Da unsere Pinnwand nämlich zwischen privatem Fenster und Schaubude schwankt, stehen wir in Konkurenz. Die Erfolge der anderen werden uns als Beispiele angeführt, die uns interessieren sollen. Daraus leiten wir regeln ab. Die anderen Mädels bekommen viele Klicks für ein Duckface vorm Spiegel? Um zu überbieten, provoziere ich mit weniger Kleidung. Die anderen Jungs bekommen viele Likes für krasse Ansagen und Streiche? Ich provoziere, in dem ich gesellschaftliche Regeln überschreite. Und die nächsten die gelten wollen, müssen dann diese Anläufe wieder überbieten. Eine ganz klassische Eskalations-Spirale. Nicht unüblich in einem städtischen Umfeld.

Je ohnmächtiger du dich in deinem Wirken fühlst, desto radikaler musst du in deinem Wirken werden, um Aufmerksamkeit zu generieren. Auch ohne Internet schon lange beobachtbar. Bahn-Surfen als prominentes Beispiel angeführt. Witzigerweise schaffen es einige Formen des radikalen Prozesses sich dann wieder einzugliedern und werden in der Mitte der Gesellschaft dann sogar zu Kultur. Siehe: Graffiti als Beispiel für urbane Kultur.

In Sachen Internet, komme ich vom Dorf. Ich habe mich im Netz herum getrieben, als die Infrastrukturen noch anders aussahen, als noch nicht so viele unterwegs waren und bin selber ein Bewohner geworden, als das Bloggen aufkam. Bloggen ist Dorfleben. Durch die Expansion der Städte wurde das nocht deutlicher. Während in der Stadt alle Inhalte zu dir kommen, ist es im Blog anders. Du bearbeitest dein Stück Boden und die Leute müssen den Weg zu dir finden.

Einige von uns leben dabei so, dass sie eigentlich ganz gut von ihrem eigenen Kram leben können. Content-Autark könnte mensch sagen. Früher kam mensch einfach mit anderen der gleichen Branche zusammen (Koch-Blog, Reise-Blog, DIY-Blog etc.) und irgendwie fand ein Austausch statt, der sich dann auch auf den eigenen Bereich ausgewirkt hat. Aber die Eskalation ist entschleunigt. Gehe ich nämlich nicht raus, sehe ich all die anderen nicht, die das Gleiche tun wie ich. Die Filterblase lebt in der Stadt.

Ein Problem: Da alle in der Stadt sind, ist es auf dem Land schwer geworden, sich wirksam zu fühlen. Auch auf dem Land gibt es Klicks und Kommentare, aber wie soll ich diese bekommen, wenn keiner mehr da ist. Von den Blogger*Innen, mit denen ich begonnen habe, ist niemand mehr aktiv dabei. Einige haben ganz aufgehört, andere sind in eine der vielen Städte gezogen.

Weder die Stadt, noch das Dorf machen dabei etwas besser. Sie machen es nur anders. Es ist eine Frage der Haltung und nicht einer Richtigkeit. Wer sich aber über die Stadt beschwert, dabei aber ihrem Trott folgt und ihre Internet-Gentrifikation füttert, sollte sich die Alternativen anschauen.

Mich zieht es zurück aufs Dorf. Denn ich merke, wie ich Inhalte, die ich sonst nachhaltig anlegen würde, in kurzen Postings auf Facebook verbrenne, dabei aber das Gefühl habe, am Ende nichts getan zu haben. Das Dorf lässt sich ja benutzen wie die Stadt. Es müssen nicht alle Beiträge lang, ausführlich, mit Bildern und Videos und all diesem Pipapo sein. Warum platziere ich etwas als Status auf Facebook, aber nicht als Beitrag im Blog? Mir fällt da auch kein guter Grund ein. Liebe Dörfler, es sind moderne Zeiten, wir müssen hier auf nichts verzichten. Liebe Städter, wenn es rund gehen muss, dann sind Facebook und Snapchat und so weiter die richtigen Orte für uns. Am wichtigsten ist aber, sich zu fragen, was mensch sich gerade vom Internet wünscht, anstatt es zu verteufeln.

Warum das Wort eine Waffe ist!

Der Nachtwind | 05.01.17 | / | Kommentieren
Ein Gastbeitrag von von Fatih Serbest

Immer dasselbe Spiel. In den Medien passiert etwas und alle reden darüber. Viele Schreiben auch darüber. Ich habe den folgenden Text in meinem Kopf schon zigmal geschrieben. In Wirklichkeit hatte ich gar keine Lust es in die Tastaturen zu tippen. Jetzt schreibe ich es doch. Nicht weil mich das folgende Thema sonderlich interessiert. Das tut es auch so. Weil ich Sprachwissenschaften studiert habe. In Wirklichkeit aber, konnte ich einfach nur nicht schlafen. Weil ich etwas krank geworden bin. Leichte Grippe. Egal. Kommen wir zur Sache.

In der Sprachwissenschaft gibt es einen Teilbereich. Der nennt sich „Pragmatik“. Darin geht es ganz grob gesagt darum, inwiefern man mit Sprache Handlungen ausüben kann. Da die meisten von euch gerne Wikipedia nutzen und ich nicht wissenschaftlich werden möchte, hier der kurze allgemeine Auszug, womit sich die Pragmatik beschäftigt. Also. Pragmatik:
„…beschäftigt sich in der Linguistik mit der Beschreibung von kontextabhängigen und nicht-wörtlichen Bedeutungen bei der Verwendung von sprachlichen Ausdrücken in jeweils konkreten Situationen und mit den Bedingungen für ihr Entstehen…“.
Nochmal anders. Als sprechender Mensch führe ich auch eine Handlung aus. Handlungen sind in der Sprache, das Äußern von Wünschen, das Vollziehen einer Aussage oder auch eine Beleidigung. In der Pragmatik versucht man diese Handlungen nicht nur aus den ausgesprochenen Worten zu filtern, sondern auch aus der Umgebung, in der eine Handlung vollzogen wird. Dabei kann alles erdenkliche eine Rolle spielen. Der Ort, die beteiligten Personen, die Zeit, das Hintergrundwissen usw. Die zu berücksichtigenden Faktoren sind tatsächlich unermesslich. Zu beachten ist, dass wir genau wissen, was gemeint ist. Wenn mein Arbeitskollege mich fragt: “Und, wie sieht es aus?“ weiß ich ganz genau, dass er wissen möchte, ob ich bei unserem monatlichen Pokerturnier das nächste Mal dabei bin. Das nur, weil ich genau weiß, was auch er weiß. Für einen Außenstehenden kann es verschiedenes bedeuten. Ein Außenstehender müsste interpretieren. Aber genug jetzt, ich möchte unsere Twittergemeinschaft nicht überstrapazieren.

Als handelnder Mensch, in diesem Fall durch das reine äußern von Worten, kann ich natürlich auch strafrechtlich verfolgt werden. Wenn ich nachweislich jemanden beleidige, kann ich bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe bekommen (Strafgesetzbuch, Besonderer Teil, §§ 80 – 358, 14. Abschnitt – Beleidigung §§ 185 – 200; Quelle: https://dejure.org/gesetze/StGB/185.html).

Natürlich kann ich auch Menschen mit meinen Worten verletzen. Ich kann das sogar so machen, dass ich hinterher mich aus der Sache ganz unschuldig wirkend, rausziehen kann. Ich könnte zu meiner Ex sagen:“ Und. Hört dein Neuer auch wenn du sagst „Spring“?“ Das wäre bewusst verletzend. Hinterher könnte ich mich verteidigen, indem ich behaupte:“ Du hast mir nie den Freiraum gelassen, den ich gebraucht hab.“

Das Beispiel ist schon fast harmlos. Dennoch verletzend. Nun kann ich natürlich viel weiter gehen. Ich könnte bewusst versuchen eine Meinung zu generieren oder auch, anders ausgedrückt, zu produzieren. Eine Meinung in der Bevölkerung z.B.. Dazu bräuchte ich natürlich eine große Bandbreite an sehr vielen Lesern, die ich über ein Medium (z.B. Zeitung oder eine Internetplattform für Nachrichten) verbreite. Das passiert die ganze Zeit. Obwohl ich seit vier Jahren kein Fernsehen mehr schaue, bekomme ich vieles mit. Leider viel zu viel.

Jetzt komme ich zu dem eigentlichen Thema, was mich stört. Was mich bewegt und was mich verletzt. Ich bin nicht der Einzige. Es geht um die bewusste Benennung von menschlichen Rassen und das bewusste Verbinden von Eigenschaften mit diesen Rassen. Zumindest das scheinbar „unverbindliche“ wiedergeben von Nachrichten, in denen etwas mehr steckt, als nur Worte. Als vernunftbegabte Menschen wissen wir, dass eine Rassenunterteilung der größte Schwachsinn ist. Spätestens nach der Sklaverei von Menschen mit schwarzer Hautfarbe oder dem 2. Weltkrieg.

Aktuell läuft die Debatte über die Bezeichnung „Nafri“. Hier geht es nicht um den Einsatz der Polizei. Nur um das Wort. Das Wort ist nicht nur ein Codewort für eine bestimmte Kategorie von Verbrechern. Das hätte man auch mit weniger hinkriegen können ohne das Wort „Nordafrikanisch“ mit einzubauen. VD67 hätte es auch getan. Abgesehen davon, kriegen wir nicht mit, welche Einsätze unsere Polizei tagtäglich durchführen muss. Hier ist es in den Medien ein heißes Eisen geworden. Weil eine Bevölkerungsgruppe sich angegriffen und beleidigt fühlt. Nicht die, die Verbrechen begangen haben. Die Unschuldigen sind es, die sich verletzt fühlen. Im Übrigen, sind Wörter wie „Islamist“ oder „Ausländer“ oder „Asylant“ mittlerweile in der Sprache auch dort angelangt, wo sie niemals hätten hinkommen dürfen. Zu den sprachlichen Äußerungen der Beleidigungen. Glaubt ihr nicht? Fragt mal die Leute auf der Straße, was sie bei den Worten als Erstes denken. Vielleicht seid ihr auch mutig genug um zu sehen, wohin diese sprachlichen Äußerungen noch führen könnten. Ich möchte es hier nicht aussprechen, aber ich habe als Vater von zwei Kindern, große Angst davor. Für andere ist es Alltag. Vor diesem Alltag fliehen sie. Zurecht!

So. Jetzt hoffe ich, dass ich etwas ruhiger schlafen kann und meine kurz vor dem Ausbruch stehende Krankheit etwas auskuriere.

Über den Autor:
Fatih Serbest, 36 Jahre alt; in Koblenz geb.; in Mainz seit 2002; hab Philosophie, Englische Sprachw. und Deutsche Philologie studiert; schreibe viel

Hallo Studium - Warum ich dich hasse.

Andasch | 12.11.16 | / | 4 Kommentare
Hallo Studium,
bitte setz dich. Wir müssen reden.

Das mit uns, das geht jetzt schon vier Jahre und ich bin einfach nicht mehr glücklich, ok?
Es ist ein fürchterliches Klischee, aber ich glaube es liegt an mir und nicht an dir.
Vielleicht liegt es aber auch an uns Beiden. Keine Ahnung..Wir Beide sind so wie wir gerade sind einfach nicht kompatibel. Es ist definitiv nicht nur deine Schuld, schau all die anderen, sie sind ja scheinbar glücklich. Sie meckern immer ein wenig ja, aber das gehört doch ein bisschen dazu, oder?
Alle meckern, immer. Nur deswegen funktioniert doch diese Mario Barth Scheiße, die wir Beiden immer so gehasst haben.

Woran das liegt?

Mhhh.. wie soll ich sagen. Ich hab das Gefühl du schränkst mich ein. Ich kann nichts mehr machen. Du willst immer dabei sein, immer was von meinem Tag haben. Beispielsweise nächstes Semester.
Ich wollte einen Tag in der Woche mit Radio-Praktikum verbringen. Nur einen Tag.
Ich weiß, du magst Radio-Praktikum nicht. Sie ist dir zu verrückt und kreativ und du findest das aufgesetzt. Aber ich mag sie. Und ich will wirklich Zeit mit ihr verbringen. Aber ich darf wegen dir nicht. Genauso wie den Kurztrip mit Tauchen im Dezember den er und ich geplant haben. Es geht nicht, weil du mich jede Woche sehen willst.

Versteh mich nicht falsch bitte. Ich verbringe gern Zeit mit dir. Es vergeht kaum ein Tag an dem ich nicht an dich denke, von dir schwärme und anderen erzähle was ich so gern an dir habe. Aber du bist verdammt nochmal unflexibel. 
Und nicht nur, dass du mich während des Semesters sehen willst, nein. Auch während der vorlesungsfreien Zeit veranstaltest du deine Klausuren. Dann verbringe ich jeden Tag nur mit dir. Das sind Wochen die ausschließlich für dich geblockt sind. Und als ob das nicht reichen würde, hast du auch immer diese Praktika geplant. Manchmal sind die so spontan, dass ich Pläne absagen muss, auf die ich mich seit Wochen gefreut habe.  Das ist scheiße. Ehrlich!

Das ist auch so'n Ding. Du planst immer irgendwelche Sachen und sagst nie Bescheid. Immer muss ich allem hinterher laufen und gucken, wo ich die Informationen herbekomme. Ich verstehe nicht warum du mir nicht am Anfang des Semester irgendwo einen Zettel hinlegen oder einen Post im Internet schreiben kannst mit allen Terminen des Semesters. Es ist ja nicht so als seien da große Überraschungen bei. Mal ehrlich, dieselben Praktika machst du schon seit Jahren mit allen anderen auch.

Und warum gehen die eigentlich auch immer bis 17/ 18 Uhr?  Wenn ich Zahnschmerzen hab, muss ich dann immer warten bis wir deine Praktika fertig haben. Nach 18.00 bekommt man keinen Arzttermin mehr und fehlen darf ich natürlich auch nie. Nichtmal wenn ich krank bin mit ärztlichem Attest. Was für eine Arbeitskultur willst du damit vermitteln? Die totale Unterwerfung vor dem System und das Ignorieren von Krankheitzeichen und persönlichem Wohlbefinden? Die Waage der Work-Life-Balance steht in deinem Kopf gewaltig schief, meine Liebe.
Außerdem stecke ich womöglich alle meine Mitstudenten, Betreuer und Menschen an die ich treffe. Willst du das?
Du sagst immer, es sei ja kein Problem krank zu sein, weil uns niemand zwingt zu kommen, aber dann soll ich das Praktikum im nächsten Jahr nachholen? Du weißt, dass das meistens nicht funktioniert weil du im nächsten Jahr andere Praktika oder Veranstaltungen geplant hast. Oder die Veranstaltung sogar Voraussetzung für die nächsten ist!

Und warum darfst du eigentlich immer entscheiden was wir machen? Bei Philipp und Germanistik läuft das anders. Der darf sich auch mal aussuchen was die Beiden zusammen machen. Ich muss immer das machen, was du für interessant hältst. Und er hat auch mal frei oder kann sogar einen ganzen Tag mit wem anders verbringen, wenn er will.

Bio-Chemie, es ist so schade. Du hast soviel Potential. So viele interessanten Facetten. Aber zurzeit zeigst du mir nur deine hässliche Seite.
Ich verstehe auch nicht, warum du dich immer in deiner Fakultät einschließt. Sei doch mal ein bisschen kommunikativer und schau nach links und rechts. Ich weiß, dass Medizin, Biologie und Psychologie interessante Dinge zu erzählen haben. Ich weiß, dass du sie mögen würdest. Wer weiß, vielleicht könnten wir gemeinsam mal ein paar Flaschen Wein trinken und schauen was passiert...

Und du könntest gelegentlich auch mal mit Philosophie sprechen. Ich weiß ihr habt euch seit Jahren nicht mehr gesehen und geht jetzt getrennte Wege, aber sie ist deine verdammte Mutter! Lach nicht ständig über sie. Das fand ich schon immer ein wenig seltsam.
Weißt du, andere Fächer haben einen Optionalsbereich, wäre das nichts für dich? Dann würden wir mal wieder unter Leute kommen.

Biochemie, das ist auch schwer für mich. Was hälst du von einer Semi-Pause? Nicht so richtig trennen, nur mal schauen was sonst noch so auf uns wartet? Was hälst du von einer offenen Beziehung?