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Kommentar: Ich bin ein scheiß Sexist!

Möchtegern-Held | 09.07.18 | / | Kommentieren
So oder so ähnlich klang es jedenfalls vor einer Weile in meinem Kopf nachdem ich auf zwei Dates als solcher beschimpft wurde. Dann war es an mir abzuwägen, wieviel da wirklich dran ist und es beschäftigt mich zuweilen immer noch.

Kurz zum allgemeinen Verständnis: Ich bin halber Brite und pflege gewisse Höflichkeiten, die ich erlernt habe. Ich halte Menschen die Tür auf – auch Frauen. Wenn ich eine Frau zu einem Date einlade, dann gehe ich davon aus, dass ich zahle, weil ich sie eingeladen habe. Nicht bei einem Kennlern-Kaffee oder so, sondern ein klassisches erstes gemeinsames Abendessen im Restaurant. Nicht, weil ich nicht glaube, dass eine Frau nicht genug Geld hätte ihr Essen zu bezahlen (so der harsche Vorwurf inkl. Standpauke, den ich mir eingefangen hatte), sondern weil ich es als nette Geste sah. Ebenso das Tür aufhalten. Für mich hat das nichts damit zu tun, dass eine Frau nicht stark genug dafür wäre oder Hilfe benötige. Ich finde das ist nett. Wenn eine Frau mir die Tür aufmacht bedanke ich mich freundlich bei ihr und denke kein Stück darüber nach, ob ich gerade an Männlichkeit verloren hätte.

Aber bin ich denn jetzt dadurch sexistisch? Ich hörte diesbezüglich den schönen Spruch „meine Freiheit hört da auf, wo die eines anderen anfängt“. Wenn dem wirklich so wäre, dann dürfte niemand mehr eine eigene Meinung haben. Oder gar irgendwas tun – weder Fleisch essen noch Strom verbrauchen, denn irgendwem tritt man immer auf den Schlips. Und war dieser Spruch jetzt eigentlich schon wieder sexistisch, weil Schlipse vorwiegend von Männern getragen werden? Immerhin wurde ich auch angegriffen, weil ich das Wort „herrlich“ benutzt habe im Kontext zu meinem Essen.

Wo wir gerade bei schlechtem Humor sind: ich lache auch über frauenfeindliche Witze (bis zu einem gewissen Grad). Ich lache auch über Witze über Behinderte (frei nach Chris Tall: für die Gleichberechtigung). Und übelst derb lache ich über Witze, die uns Männer diskriminieren und Unfähigkeit bescheinigen. Bin ich jetzt noch sexistisch oder schon rassistisch oder gar masochistisch?
Dieses Thema beschäftigt mich so sehr, dass ich mich sogar über die Nachbarskinder aufgeregt habe. Da hat ein Junge einen Ball mit gefühlt 80km/h ins Gesicht getreten bekommen und fängt an zu weinen. Der Bengel war vielleicht 7 oder 8…ja und? Das tut weh! Ich habe als Kind oft geweint. Und dann sagt ein anderer Junge: „Was ist denn mit dir? Du heulst ja wie ein Mädchen!“. Freundchen…ich habe Männer heulen gesehen wie Schlosshunde, wenn ihnen was Schlimmes im Leben passiert ist und wahrscheinlich liegt dir das auch noch bevor. Das ist doch vollkommen in Ordnung!
Aber was mache ich Sexist denn nun bei meinen Dates richtig und was falsch? Ich versuche stets charmant zu sein. Aber ich bin eben auch jemand der verbal auf Tuchfühlung geht. Mit wem ich es da zu tun habe möchte ich schon wissen. Also müssen Grenzen abgesteckt werden. Und wie das nun mal beim Flirten so ist, kann es auch mal anzüglich werden. Nennen wir es knisternd oder prickelnd – ohne dabei gleich frontal die Sex-Tür einzutreten. Man(n) möchte wissen wie pikiert, prüde, offen, freizügig oder gar polyamor das Date ist. Doch wo sind die Grenzen? Was sind die NO-GOs? Rein von mir aus würde ich nie jemanden wegen seiner religiösen Haltung oder sexuellen Vorlieben verurteilen. Und wenn das mal so geklungen hat, dann tut mir das Leid. Aber was geht nun mal gar nicht? Reduzieren auf körperliche Merkmale? Der Spruch „rotes Dach, feuchter Keller“ wurde mir von diversen Redheads lachend entgegen genommen und ich wurde dafür nicht verurteilt.
Wie wird das mal im Bett sein? Wenn ich der Dame einen festen Klaps auf den Po gebe – bin ich dann sexistisch? Auch wenn sie total darauf abfährt? Denunzieren wir damit dann andere Personen, die dies als frauenverachtend empfinden? Muss meine Partnerin jetzt ein schlechtes Gewissen haben, weil sie sich nicht als gleichwertige Frau darstellt, die mir jenes Handeln untersagt oder zumindest mir auch einen Klaps gibt?

Auf der Leinwand lieben alle James Bond - in Realität ist der Kerl auch nur ein dummes, sexistisches Macho-Schwein.

Wie sieht das mit fleischessenden, She-Males im Pony-Pet-Play mit Kommunistenstern-Brandzeichen auf der Arschbacke aus? Wessen Rechte oder Gefühle oder Ansichten verletzen die bitte alles? Gehört sowas nicht verboten?

Ihr merkt…es sind einige kritische und einige stark überspitzte Fragen dabei. Einige gehen vielleicht zu weit, andere nicht. Kurz zur Beantwortung der Frage der Dates: Beide Dates waren entsprechend das erste und das letzte Date mit den Damen und mir. Ich wünsche den Beiden dennoch alles Gute bei der Partnersuche.

Und was mache ich jetzt mit den ganzen Fragen in meinem Kopf? Ich lasse sie hier und da rotieren und hinterfrage mich selbst. Nichtsdestotrotz möchte ich „ich selbst“ sein und mich nicht krampfhaft verbiegen, um es anderen Recht zu machen. Wenn ich mit Kleinigkeiten dies tun kann – warum nicht? Ansonsten behalte ich meinen leicht zweideutigen, wortgewandten, rauen Charme. Sollte eine Frau sich dadurch diskriminiert fühlen, dann können wir vernünftig darüber reden. Sie kann auch an ihrer Selbstliebe arbeiten oder lernen zu differenzieren. Gern darf sie mir auch in die Jacke helfen und mir dann verbal versichern, dass sie sich nicht herabgesetzt fühlt, weil sie mir gerade bei einer niederen Aufgabe / Kleinigkeit zur Hand gegangen ist.

Man(n) und Frau(!) verzeih mir meine spitzzüngige Ausdrucksweise in diesem Artikel. Ich hoffe ich kann gut zwischen Flirt, Sexismus und sexueller Belästigung unterscheiden und lande besser in einem guten Resonanzfeld mit meinen Gesprächspartnern/innen als sich hier vielleicht herauslesen mag.

Sticker kleben ist politische Aktion!

Jay Nightwind | 13.06.18 | / | Kommentieren
Willkommen in politisch brisanten Zeiten. Während die hohen Herren und Damen sich mit Hilfe der sozialen Medien stündlich in immer größere Wannen voll Fett setzen können, scheint die Aufspaltung zwischen Fraktionen immer mehr zum Alltag zu werden. Die Menschen in meinem Umfeld sagen oft, dass sie unpolitisch sind. Sie hängen keiner Partei an, verfolgen das Tagesgeschehen nicht und Berlin ist für sie halt auch nur ne Stadt.

Was ihnen erstmal keiner verraten hat, ist die Tatsache, dass es kein unpolitisches Handeln gibt. Der Fremdwörter-Duden auf meinem Regal sagt, das Politik das "Handeln mit Wirkung auf das Leben der Öffentlichkeit" meint. Wer also einen grünen Stromanbieter wählt, wer mit dem Auto statt der Bahn fährt, wer sein Geld in Aktien investiert, wer eine Mitgliedschaft in der Bücherei hat und und und und und und, handelt politisch. Haha, Pech gehabt, ob ihr wollt oder nicht!

Neben dem politischen Handeln, da gibt es aber auch die politische Aktion. Sie verfolgt Ziele zu Gunsten einer bestimmten inhaltlichen Strömung. Da spielen sicher schon nicht mehr alle mit, denn politische Aktion erfordert Organisation, Struktur und Vorbereitung. Politische Aktion ist kompliziert und sperrig. Wenn sie groß gedacht wird. Dabei kann es auch einfach und im Kleinen funktionieren.

Menschen egal welcher inhaltlichen Geschmacksrichtung machen Werbung für ihre Sache. In meinem Gefühl machen die Sozialen Medien mit ihrem Bedarf nach Gewinnen im Internet eine Kapital- und Provokationsschlacht aus Werbung. Im Analogen sind die Spielregeln etwas einfacher, wenn auch vergleichbar. Allerdings gibt es keine Benachrichtigungen, wenn etwas kommentiert oder gelöscht wird. Das merken wir uns mal kurz.

Ich kann nur für den Ruhrpott sprechen, aber wenn es eine massive und spannende Form der Werbung gibt, dann sind das Sticker. Kleine Aufkleber, die ein Logo und eine Sache markant machen und an allen Orten auftauchen können. Das Bekleben von Laternen etc. ist natürlich verboten, dass hält aber niemanden so richtig auf. Fans von Sportvereinen zum Beispiel färben ihre Stadt weiträumig in den Vereinsfarben, Bands freuen sich dumm und dusselig, wenn sie Aufkleber mit ihrem Namen drauf haben. Aber weshalb eigentlich? Ich meine, ist es nachgewiesen, dass ein Aufkleber schon mal eine CD verkauft hat? Hat jemand wegen eines Stickers seine Begeisterung für den FC Schalke 04 noch mal überdacht? Eventuell vielleicht wahrscheinlich nicht. Trotzdem machen die Aufkleber etwas mit uns.

Die Psychologie hat den "Mere-Exposure-Effekt" nachgewiesen. Vereinfacht gesagt beinhaltet dieser, dass wir eine Sache die wir immer wieder als Reizwahrnehmung bekommen, im Laufe der Zeit immer besser finden. Was nicht bedeutet, dass wir automatisch Fan davon werden, aber wir quasi "abstumpfen". Je öfter uns die Störung begegnet, desto weniger schockiert sie uns. Ich bin nicht Psychologe genug, um genau und detailiert zu beschreiben, wie sich das im Alltag auf uns auswirkt, aber wenn wir uns die Konzepte und Frequenzen von Werbung anschauen, dann muss an diesem Effekt was dran sein.

Wenn wir davon ausgehen, dass der Mere-Exposure-Effekt uns im Alltag beeinflusst, dann könnte das bedeuten, dass eine dauerhafte Konfrontation mit Emblemen und Aussagen des rechtspolitischen Spektrums uns im schlimmsten Fall die Furcht und Abstoßung gegen solche verlieren lässt. Sie normalisieren sich für uns. Das ist mindestens ein Problem. Wenn gesellschaftsspaltende Inhalte uns nicht mehr stören, dann verlieren wir eine ganze Rutsche Menschlichkeit.

Zurück zu den Stickern. In meinem Stadtteil sind ein ganzes Weilchen Aufkleber der "identitären Bewegung" aufgetaucht. Früher habe ich mich kaum für die Aufkleber an Laternen interessiert, aber als ich in meiner Nachbarschaft zum ersten Mal auf den Spartanerschild gestoßen bin - ein Emblem, welches schon popkulturell mit 300 eine positive Betonung bekommen hat - bin ich auf einmal kribbelig geworden. Mein Stadtteil darf und soll nicht seine Lebensqualität einbüßen. Die bloße Anwesenheit der Sticker hat mich genervt. Das ist nicht mein Bild von hier.

Gut, im Gegensatz zu meinen Freund*innen, würde ich sofort sagen, dass ich politisch bin. Aber auch mir fehlt oft die Zeit und die Energie, mich in Organisationen einzubringen. Trotzdem wollte ich etwas tun.
Das Gute an einem Sticker, im Gegensatz zu einem Post auf Facebook, ist, dass mensch ihn einfach überkleben kann. Das Ursprungsmotiv verschwindet, zu Gunsten eines neuen Inhalts.
Wenn ihr also selbst etwas tun wollt, dann ist das ein guter Einsteiger-Level für politische Aktivität.
Und hier kommt das Schöne: Um einen Sticker von "rechts" zu überkleben, gibt es kaum falsche Möglichkeiten. Jeder Aufkleber hilft. Es ist egal, ob ein Band-Aufkleber, die Werbung für eine Fastfoodkette, ein lustiger Spruch oder ein Werbemotiv für eine Internetseite darüber gelegt werden: Was weg ist, ist weg. Und Inhalte denen ich nicht mehr ausgesetzt werde, schockieren mich wieder dann, wenn es darauf ankommt.

Ich habe es satt mich für meine Ernährungsweise zu rechtfertigen

Miriam Jagdmann | 06.06.18 | / | 1 Kommentar
Ich bin Vegetarier. Ich habe schon viele Unterhaltungen über meine Art mich zu ernähren geführt. Viele meiner Gesprächspartner waren einfach nur interessiert, viele haben sich anerkennend oder solidarisch geäußert. Einigen reichte auch die reine Information, ohne ein tiefergehendes Gespräch zu suchen. Leider habe ich mich aber mindestens genauso oft auch für meine Ernährungsweise rechtfertigen müssen.

"Wie du isst kein Fleisch?! Man braucht Fleisch zum Leben!" Ich sitze hier vor dir, ich habe keine Mangelerscheinungen oder ähnliches. Mir geht es gut, mir ging es seit meiner Geburt gut und ja, ich habe nie in meinem Leben Fleisch gegessen. "Du bist so aufgewachsen? Dann hast du das ja gar nicht selbst entschieden." Doch hab ich. Es gab in meinem Leben genug Gelegenheiten, bei denen ich Fleisch hätte essen können. Zum Beispiel als ich mit der Familie meiner Freundin Einkaufen war und die Verkäuferin an der Fleischtheke auch mir eine Scheibe Wurst anbieten wollte. Oder bei diversen Grillabenden mit Freunden, wo mensch mir ungefragt ein Würstchen auf den Teller gelegt hat. Ich bin eine mündige Person und könnte jederzeit meinen Verzicht auf Fleisch beenden. Will ich aber nicht. "Du kannst nicht etwas ablehnen ohne es zu kennen." Doch, kann ich. Ich weiß auch nicht wie es ist Achterbahn zu fahren und habe trotzdem kein Interesse daran es auszuprobieren. „Aber Fleisch ist so lecker!“ Das glaube ich dir. Wenn ich mensch in meiner Nähe Fleisch zubereitet riecht es häufig nach etwas, das lecker sein könnte. Aber probieren möchte ich es trotzdem nicht. "Du musst einfach mal gutes Bio-Fleisch essen." Nein, muss ich nicht. Bio-Fleisch ist nämlich auch Fleisch. "Aber Milch und Eier und so isst du doch oder?" Ja. Und Fisch auch. "Häh dann bist du ja gar kein richtiger Vegetarier." Ich bin Peso- Vegetarier. Die Bezeichnung ist aber eigentlich auch Schnurz, ich esse kein Fleisch aber Fisch. Fertig. „Aber Fische sind doch auch Tiere" Ja. Und ich esse sie trotzdem. Lecker finde ich sie übrigens auch noch.

Solange ich mich erinnern kann muss ich mich dafür rechtfertigen warum ich Vegetarier bin. Dabei sollte das überhaupt kein Thema sein. Ob ich Fleisch einfach nicht mag, die Tiere mir leidtun oder die Farbe von Fleisch nicht zu meinem Outfit passt. Es ist meine Sache wie ich mich ernähre.

Ich habe es satt mich für meine Ernährungsweise zu rechtfertigen. Deshalb nenne ich in diesem Beitrag auch keine Gründe für meinen Verzicht. Was ich esse oder eben nicht esse sollte keine Erklärung brauchen. Ich greife damit nicht in das Leben anderer ein und ich versuche niemanden von dieser Ernährungsweise zu überzeugen. Solange es nicht krankhaft ist und ich mich damit wohlfühle, sollte es anderen auch egal was ich esse.

PS: Natürlich darf mensch mich trotzdem nach Gründen fragen. Solange die Art und Weise wie ich mich ernähre auch grundlos akzeptiert wird.

PPS: Ja, das Wortspiel im Titel ist Absicht. ;)

Vlog - Filmen

Der Nachtwind | 01.06.18 | / / | Kommentieren

Kommentar: Medienkritik – Warum ich Christian Linders Bäcker-Anekdote nicht rassistisch finde

Andasch | 14.05.18 | / | 1 Kommentar
Dieser Post spiegelt einzig und allein die Aussage des Autors wieder und ist als journalistischer Kommentar zu verstehen.

Ich bin weiß Gott, kein großer Fan von Christian Lindner oder der FDP. Die allgegenwärtige wirtschaftswissenschaftliche Sicht auf die Welt, abseits aller humboldschen Humanismusprinzipien, die Leben, Schicksale und Träume auf kalte, nüchterne Zahlen reduziert, läuft mir zutiefst zuwider.
Aber wer Christian Linder nach seiner Anekdote Rassismus vorwirft, ist vielleicht nicht hysterisch, aber hat seine Aussage nicht richtig verstanden.

Was er gesagt hat: "Man kann beim Bäcker in der Schlange nicht unterscheiden, wenn einer mit gebrochenem Deutsch ein Brötchen bestellt, ob das der hoch qualifizierte Entwickler künstlicher Intelligenz aus Indien ist, oder eigentlich ein sich bei uns illegal aufhaltender, höchstens geduldeter Ausländer. Damit die Gesellschaft befriedet ist, müssen die anderen, die in der Reihe stehen, damit sie nicht diesen einen schief anschauen und Angst vor ihm haben, müssen sich alle sicher sein, dass jeder, der sich bei uns aufhält, sich legal bei uns aufhält. Die Menschen müssen sich sicher sein, auch wenn jemand anders aussieht und noch nur gebrochen deutsch spricht, dass es keine Zweifel an seiner Rechtschaffenheit gibt. Das ist die Aufgabe einer fordernden, liberalen, rechtsstaatlichen Einwanderungspolitik."

Im Anschluss und nach dem öffentlich wirksamen Partei-Rücktritt des FDP-Politikers Chris Payk hat Christian Lindner in einem Twitter- Video erklärt, wie das Statement gemeint war.  Dabei appelliert er bei Diskussionen um Integration und Rassismus zu Nüchternheit und Sachlichkeit. Und wenn die FDP und Christian Linder was können, dann das: kühle, distanzierte Sachlichkeit.

Die Reaktionen 

Und schnell gab es auch die ersten Reaktionen in den Medien. Ein handwerklich guter Kommentar, der argumentiert warum Christian Lindner Aussage rassistisch interpretiert werden könnte gibt's zum Beispiel bei Spiegel Online. Der Autor erkennt zwar an, das Lindner eigentlich dafür sorgen möchte, dass "nützliche Menschen unlindnerscher Hautfarbe nicht unter Diskriminierung zu leiden haben", wirft ihm aber vor in den Sumpf von Alltagsrassismus gestolpert zu sein. Seiner Meinung nach hätte Lindner klarstellen sollen, dass man keine Angst vor jemandem haben muss der Brötchen in einer anderen Sprache bestellt und das Hautfarbe, Sprachkenntnisse und Aufenthaltsstatus nichts über die "Rechtschaffenheit" eines Menschen aussagen. Ein wenig trotzig echauffiert sich der Autor außerdem und erklärt, dass sich Bäckereibesucher*Innen auch nicht um den Aufenthaltsstatus anderer Anwesender zu scheren haben.

Ängste ernst nehmen

Und Stefan Kuzmany hat Recht. In allen drei Punkten. Es sollte egal sein, welche Hautfarbe der Mensch vor mir in der Schlange hat. Weder Hautfarbe, Sprache oder Aufenthaltsstatus sagen etwas über die "Rechtschaffenheit" eines Menschen aus. Und eigentlich sollte jedem auch der Aufenthaltsstatus von einem Menschen egal sein. Ich persönlich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Kein Mensch ist illegal. Niemand der flieht, sollte Angst um eine Abschiebung haben.
Aber es entspricht leider nicht der Realität. Mein Mutter ist polnische Einwanderin und ist seit 1989 hier. Bis heute spricht sie nicht akzentfrei deutsch und auch sie berichtet davon, dass sie nie als deutsch wahrgenommen wird. Sie ist immer "die Polin" und wird manchmal auch schräg angeguckt. Das ist scheiße, aber so ist leider immer noch viel zu oft so.


Christian Lindner greift diese Situation auf und sagt man kann nicht erkennen, ob jemand ein "hoch qualifizierte Entwickler künstlicher Intelligenz aus Indien ist, oder eigentlich ein sich bei uns illegal aufhaltender, höchstens geduldeter Ausländer" ist. Und auch wenn mir die Unterscheidung zwischen wertvoller, weil gut ausgebildete*r Ausländer*In und wertlose*r Ausländer*In zutiefst zuwider läuft, sagt Linder doch: Wer jemand ist, kann nicht an seiner Sprache oder seinem Aussehen erkannt werden. Lindner nimmt die Ängste der Menschen ernst und versucht eine Lösung zu finden. Und wir sprechen hier nicht von den "Ängsten" im braunen Sumpf, sondern von den Ängsten von Oppa Dirk von nebenan oder einem durchschnittlichen Konservativen.


 Du brauchst doch keine Angst zu haben

Und im Gegensatz zu Thomas de Maizière ist Lindners Lösung nicht Leitkultur, sondern der Rechtsstaat. Im Gegensatz zu de Maizière versucht Lindner nicht die Ängste durch das Ausschließen "der anderen" zu beseitigen, sondern mit der demokratischsten aller Gewissheiten: Dem Rechtsstaat. Ich kann mir in Deutschland sicher sein, dass Gesetze gelten und hier auch eingehalten werden. Egal, welche Hautfarbe ich habe oder welche Sprache ich spreche: In Deutschland hat jeder dieselben Rechte.
So sehr ich Lindners neoliberale Logik von wertvollen und nicht wertvollen Menschen verachte, so macht er hier meiner Meinung nach etwas richtig. Er nimmt die Ängste der Menschen ernst und versucht Lösungen und Sicherheiten zu bieten, statt einfach zu sagen: "Du brauchst doch keine Angst zu haben". Zu einer ehrlichen Diskussion gehört es eben auch dazu, diese Ängste ernst zu nehmen, seien sie noch so irrational. Denn wenn wir es nicht tun, instrumentalisieren eben die AfD, die Identitären oder andere Rechte die Angst. Nicht jeder, der Angst hat oder sich unwohl fühlt ist ein Rassist oder Nazi, aber er*sie kann zu einem werden, wenn er oder sie sich nur noch bei der AfD ernst genommen fühlt.

Ursprünge verstehen und Tipps geben

Eine befreundete Erzieherin und ich haben am Strand mal einen kleinen Jungen und seinen Papa beobachtet. Der Kleine hat wie am Spieß geschrien, weil er Angst vor Sand hatte. Der Vater wiederholte immer wieder: "Du brauchst doch keine Angst zu haben". Die befreundete Erzieherin hatte mir damals gesagt, dass das das schlimmste ist, was man in dieser Situation tun kann. Jede Angst, auch die Angst vor dem bösen Monster unter dem Bett muss respektiert werden und man sollte dem Kind Wege zeigen, mit der Angst umzugehen. Wenn ein Kind Angst vor Blitz und Donner hat, erklärt man dem Kind am besten den Grund für den Krach oben am Himmel und wenn es Sand ist, dann sucht man einen Weg damit umzugehen.

Und auch wenn die Bevölkerung keine Kinder sind, so gilt das auch bis ins Erwachsenenalter. Wenn ich völlig irrational Angst vor Spinnen habe, hilft es mir nicht, wenn jemand mir sagt, dass ich doch keine Angst zu haben brauche, sondern jemand der mit mir Wege sucht, mit dieser Angst umzugehen.

In allen Kommentaren, einschließlich dem von Stefan Kuzmany wird aber genau das verlangt: Sagt den Leuten sie brauchen keine Angst zu haben vor Menschen mit anderer Hautfarbe oder gebrochenem Deutsch. Und ihr alle habt ja recht, das brauchen sie auch nicht. Aber ihnen das nur zu sagen, wird ihnen nicht helfen. Um ihnen diese Angst zu nehmen brauchen wir eine ehrliche Diskussion, bei der auch irrationale Ängste benannt werden dürfen, ohne verurteilt zu werden.

Besonders stolz dürfen übrigens die Journalist*Innen sein, die sich von Alice Weidel instrumentalisieren haben lassen und zitieren, wie die FDP sich gern mit der AfD abstimmen kann bei Migrationsfragen. Alice Weidel hat nämlich erkannt, dass AfD-Wähler*Innen die sind, die sich nicht ernst genommen fühlen und sie gewinnt, wenn die anderen sich prügeln. Deswegen versucht sie internettrollmässig nochmal Öl ins Feuer zu kippen und unsere liberale Gesellschaft weiter zu spalten. Ganz "House of Cards"- mässig schaut sie jetzt zu, wie sich unsere liberale Gesellschaft selbst zerfleischt und schlürft dabei Chardonnay.

Müll

Jay Nightwind | 23.04.18 | / / / / | Kommentieren

Ich liebe meine Stadt. Und das ist schon Quatsch. Ich liebe nicht meine Stadt, sondern nur die Idee dessen, was ich als diese Stadt verstehe. Ich bin sehr begeistert von dem, an das ich mich gewöhnt habe. Mein Kopf hat ein Schema, eine Ordnung, ein Bild davon angelegt, was ich als "Meine Stadt" begreife. Störungen für ihren Teil, sind so ziemlich das Gegenteil von Ordnung. Normalerweise begeistern mich Auf- und Ausbrüche in Gewohnheiten, da waren aber auch die Gewohnheiten von Anfang an nicht zufriedenstellend.

Wenn ich gefragt werde, dann sage ich, dass meine Stadt schön ist. Ich lebe gerne hier, ich geh viel raus, sie ist grüner als vermutet wird, sie hat viele gute Geheimverstecke, Schleichwege und tolle Orte, die mir regelmäßige alte und neue Momente ins Gedächtnis setzen. Ich kenne mich hier aus, weiß wo es gutes Futter gibt, wie lange die Trinkhallen offen haben und auch sehr gut, wo ich nicht sagen darf, von welcher Fussballtruppe ich Fan bin.

Ich nenne ganz bewusst ihren Namen nicht. Es ist kein Geheimnis, wo ich lebe. Ich glaube aber, dass auch andere solche Beobachtungen in ihren Städten machen können. Lokalpatriotismus ist kein Verbrechen, er kann überall auftauchen und ich glaube, mensch sucht sich das nicht mal selbst aus. Doch, mensch sucht es sich selbst aus, ich denke aber, dass es neben faktischen Gründen weshalb wir unsere Stadt mögen, auch richtig viel "magisch" pathetischen Unsinn gibt, der unser Herz anteilig auf unseren Ort prägt.

Ich habe einen großen Teil meines Lebens in der besseren Version meiner Stadt gelebt. Vielleicht haben aktuelle Diskussionen und moderne Zugänge zu Nachhaltigkeit meine Filter verstellt. Heute wohne ich nicht mehr in der Version der Stadt oder besser des Stadtteils, in den ich mich verliebt habe. Ich habe das Gefühl, mein Stadtteil vermüllt zunehmend.


Eine Stadt in vollkommen ordentlich zu sehen, ist extrem schwierig. Urbanes Leben, die massive Ballung von Menschen, Bedürfnissen und ihren Folgen, das geht nicht ohne Schmutz. Und Schmutz, der braucht viel Infrastruktur. Zum Beispiel Kanalisationen oder halt Müllcontainer. Ich habe den Eindruck, dass die Strukturen gegeben sind. Wöchentlich wird der Müll in unserer Straße abgeholt, überall in der Stadt sehe ich Containerstationen für Papier und Glas. Ich habe nicht das Gefühl, dass diese Stadt besonders schmutzig sein müsste.



Als Tobi und ich die Runde durch den Stadtteil laufen, werde ich zunehmend frustrierter. Haus- und Sperrmüll an Papiercontainern. Die Stadt hat angefangen dort Aufkleber anzubringen, die erklären sollen, dass Farben, Möbel und Elektrogeräte nicht hier abgelegt werden sollen. Was mir selbstverständlich erscheint, ist es offensichtlich nicht. Als ich einen Freund der nach zugezogen ist von meiner Frustration erzähle, ist er ratlos: "In meiner alten Heimatstadt hat die Abholung von Sperrmüll recht viel Geld gekostet. Pro Kubikmeter." Hier muss mensch vorher nur einen Termin vereinbaren und angeben, was abgeholt werden muss. Die Dienstleistung ist geschenkt.

Ich muss dann an die "Broken Window Theorie" denken, wo ein Viertel fast schon automatisch weiter herunterkommt, wenn es nur kleine optische Mängel aufzeigt. Es scheint zu reichen, dass alle Anfang Januar ihre Tannebäume vor die Haustür legen. Was im Ikea-Werbespot vorgemacht wird, ist dann auch die Lösung für den Alltag. Bis Mitte Februar lagen die Bäume überall im Stadtteil herum.


Ich bin mir sicher, dass die Reinigungskräfte und Entsorgungsexpert*innen schon alles tun, was sie leisten können. So funktioniert das nur nicht. Die Ressourcen sind begrenzt. Wir können nicht unseren Müll einfach vor die Tür hauen, auf die Entsorgungsbetriebe oder die Regierenden der Stadt zeigen und immer wieder fragen: "Warum unternehmen die denn nichts?" Sie unternehmen jede Menge, aber wie sollen sie das alles leisten, was da "anfällt"?
Warum machen die Bürger*innen diese Dinge falsch? Was geht in einem vor, der Bauschutt und ganze Möbel an einem Park&Ride der Deutschen Bahn in die Grünfläche wirft?

Das hat ja dann nichts mehr mit fehlender Information über die Möglichkeiten der Müllentsorgung zu tun. Es gibt einfach einen Punkt, ab dem Menschen auch Absicht zu unterstellen ist. Denn seine alten Küchenfliesen und ein Kochfeld hat mensch nicht im Handgepäck. Das Ganze, zauberhaft anliegend, gegenüber einer Schrebergartensiedlung, welche sich mit hohen Zäunen vor dem Anblick schützt.


Ich bin ja nicht gut mit Ohnmacht. Wenn ich eine Situation nicht verändern kann, dann werde ich kribbelig. Es gibt schon Sachen die ich tue, allerdings nur Kleinkram. Wenn es nicht zu eklig ist und ein Mülleimer in Sichtweite ist, schmeiß ich schon mal Fundstücke von der Straße weg. Stellt mich für fünf Minuten zufrieden, länger nicht, weil ich dann den nächsten Müll kreuze. Jetzt möchte ich mehr tun.

Und Tobi sagt:
Ich muss gestehen, ich war etwas irritiert, als mich Jay fragte, ob ich Lust hätte, Müll fotografieren zu gehen. Sowas wird man nicht oft gefragt.

Wenn man durch die Stadt geht, ist wild umherliegender Müll nichts Außergewöhnliches. Mal liegt ein Taschentuch auf dem Boden, mal liegt eine Flasche im Gebüsch. Das ist ja leider normal. Aber wenn man sich beim Spazierengehen auf Müll fokussiert, dann ist es eine andere Dimension. Man sieht zwangsläufig wesentlich mehr Müll als vorher und man sieht vor allem anderen Müll.
Jetzt muss man dazu sagen, dass Jay seinen Stadtteil kennt und weiß, wo man immer genug Unrat findet. Aber ich war echt fassungslos, was und wie viel wir gefunden haben.



Poolnudeln, Tische, Bauschutt und eine Herdplatte... und das einfach in Gebüsche geschmissen. Ich war stinksauer, als ich das gesehen habe. Aber ich will auch ehrlich sein: Hätte ich mich nicht auf den Müll konzentriert, sondern wäre durch die Gegend gelaufen wie sonst auch immer, wäre es mir vielleicht gar nicht aufgefallen. Gut, außer die Poolnudeln, weil die durch ihre leuchtenden Farben schwer zu übersehen sind. Und das hat mich fast noch mehr frustriert. weil ich mittlerweile so dermaßen abgestumpft bin, was Müll in der Umgebung angeht, dass ich noch nicht mal sowas bemerkt hätte.

Das ist kein Rant- Artikel gegen die Entsorgungsbetriebe, ganz im Gegenteil. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der städtischen Betriebe machen eine großartige Arbeit und ich bin ihnen dankbar, dass sie es tun. Das ist eher ein Hassartikel gegen diese rücksichtslosen Arschlöcher, die ihren Müll einfach ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, in der Botanik versenken, statt sie zu Recyclinghöfen und Mülldeponien zu bringen.

Also seid so gut und nehmt euren Müll mit, wenn ihr unterwegs welchen produziert, der nächste Mülleimer ist meist nicht weit weg.
Danke!

Content machen ist schwer, oder? Warum eigentlich?

Jay Nightwind | 12.02.18 | / | 6 Kommentare

Als ich in unseren Blog schaue, merke auch ich, dass hier aktuell gar nicht mal so viel los ist. Klar, Daniels coole Kochrreihe läuft, aber daneben ist es still. Wir sind ein großes - ehrenamtliches - Team, einerseits kommt einem da ganz gerne das Leben in die Quere, andererseits sollte es aber doch auch möglich sein, was zu veröffentlichen. Was zu erzählen gibt es doch bestimmt, oder? Immerhin ist Leben live und wenn was live ist, wird schon irgendwas passieren. So sagen es meine Lieblingskanadier von LoadingReadyRun.

Wir leben in den vielleicht am besten dokumentierten Zeiten, nunja, aller Zeiten. Während wir heute unsere Vergangenheit rekonstruieren müssen, in dem wir uns durch die Erde buddeln und Speerspitzen suchen, um einer Vorgeschichte auf die Spur zu kommen, wird in sehr naher Zukunftdiese Arbeit eine Armee von Algorithmen machen, die sich durch das Internet buddeln und Content durchsuchen, um herauszufinden, was relevant ist. Ich finde nur ältere Zahlen dazu, aber sich anzuschauen, wieviel Inhalte in einer Stunde ins Netz geblasen werden, ist nicht nur erstaunlich, sondern wirkt fast schon wie ein Tumor.

So war es zum Beispiel Stand 2013, dass in einer Echtzeitstunde Videomaterial mit einer Gesamtspielzeit von drei Tagen bei Youtube hochgeladen wird. Innerhalb eines Tages in unserer analogen Welt, laden wir also 72 Tage digitale Videowelt ins Netz. Die Absurdität steigt mit jeder weiteren Umrechnungsstufe.
Dabei gleichzeitig nicht ganz uninteressant: Das Internet ist nicht auf der Welt gleich verteilt. Im Juni 2017 sagen die Zahlen, dass erst 51% der Weltbevölkerung das Internet verwenden. Mein Verständnis der Welt sagt mir: Die Dokumentation ändert sich, die Geschichte wird immer noch von den Gewinnern geschrieben. Den wirtschaftlichen Gewinnern. Das sind wir, die weißen Priviligierten in den Industrienationen. Wieviel von der Geschichte der Jetztzeit leider noch gar nicht dokumentiert wird, wissen wir ironischerweise nicht, weil es nicht dokumentiert wird.

Wenn jetzt also die Welt sich fleißig selbst hochlädt den ganzen Tag, weshalb zögern wir dann eigentlich? Eine gute Frage. Vielleicht genau deshalb. Wenn ich mit meinem Eimer Wasser am Fluss stehe, wundere ich mich natürlich auch, warum ich jetzt den Liter auch noch in den schon reißenden Strom schütten sollte? Am Ende ist es ja doch auch nur ein Liter von vielen. Er vermischt sich mit dem Gesamten und verschwindet. So fühlt sich der eigene Content manchmal an. Warum gegen die Tausenden Tweets, Postings, Clips und Texte antreten? Die Chance auf Innovation ist verschwindend gering.

Eigentlich ist das frustrierend. Da verstehe ich dann auch, dass wir uns gar nicht so recht bewegen und nicht unsere Pflichtabgabe pro Stunde ins Netz leisten. Frustration bremst. Wie soll ich mir denn meine Selbstwirksamkeit beweisen, wenn ich gar nicht weiß, ob mein Inhalt jemanden erreicht oder etwas tut. Das ist nämlich die andere Seite dieses Dokumentationsstroms: Wer soll das denn alles konsumieren? Es wird ganz einfach klar: Wenn wir 72 Stunden Material hochladen in einer Stunde, dauert es trotzdem 72 Stunden alles zu gucken.

In meiner Subjektiven Wahrnehmung hat sich die Aufnahme von Medien verändert. Früher waren es mehr Empfänger als Beiträge, heute gibt es mehr Content als Adressaten. Wie also reagieren? Medizinisch betrachtet, haben wir mediale Tumore geschaffen. Gewebe, welches über die vorhandenen Körper hinaus wuchert. Einige Medienprofis reagieren passend. Markus Freise, Medienmacher in Bielefeld, reagiert chirurgisch und schneidet Facebook und Twitter aus seinem Gewebe.

Ein Beitrag geteilt von Markus Freise (@markus.freise) am

Inhalte veröffentlicht er selbst übrigens täglich. In unterschiedlicher Frequenz, in unterschiedlicher Qualität. Er schüttet also selbst fleißig Wasser in den Strom. Ich würde nur sagen, er hat sich eine ganz konkrete Stelle am Fluss gesucht. Die, die zu ihm selbst passt. Ich würde nun aus der Distanz behaupten, dass er auch nur noch soviel Content zu sich nimmt, wie er auch aufnehmen kann und will. Er wird nicht "überflutet". Ganz im Gegenteil, er wirkt meiner Beobachtung nach die meiste Zeit recht inspiriert.

Vielleicht ist das Teil des Problems. Wenn unsere sinnlichen Eingänge so verstopft werden mit all diesen Impulsen, für die wir gar nicht mehr ausreichend Zeit haben sie zu verarbeiten, wie sollen wir dann noch etwas ausarbeiten und ausspeichern? Wieviel Content konsumiert ein Content Creator? Damals sind die Maler*Innen, Musiker*Innen und Poet*Innen spazieren gegangen, waren auf Reisen, sind in Gespräche gestürzt. Heute machen wir das alles auch, nehmen aber auch die gesamte rasante Kommunikation der Welt mit oben drauf.

Das wir diese Kommunikation haben, ist fantastisch. Wir schaffen den Rahmen, um uns allen näher zu sein. Technologisch nähern wir uns an, die Hürden in der Kommunikation werden von mal zu mal geringer. Vermutlich müssen wir nun auch mit der Technologie mitwachsen und lernen diese neue Masse an Impulsen zu verarbeiten. Und wenn wir Dinge verarbeiten wollen, werden wir oft kreativ produktiv. Ironisch: Die Flut der neuen Eindrücke könnte also aus einer Flut der neuen Eindrücke entstanden sein.

Vielleicht wünsche ich mir deshalb auch, dass wir selbst aktiver werden. Ich möchte wissen, wie meine Menschen damit zu recht kommen. Ich kann ja nicht alleine sein mit diesem Problem, also wie zum Teufel packen die anderen das? Scheitern sie auch manchmal am Angebot? Wie gehen sie mit der Lähmung um, selbst nichts mehr produzieren zu können? Wie sollen sie mir das beantworten, ohne selbst etwas erschaffen zu müssen?

Vielleicht ist die Antwort, wie so oft: "Machen." Vielleicht ist die moderne Antwort: "Nachhaltigkeit." Wie kann die in den Medien aussehen? Wie schaffen wir es genau so viel zu produzieren, dass es auch verbraucht werden kann? Und wenn mich all diese Fragen plagen, weshalb ist es mir dann doch so leicht gefallen, diesen Beitrag zu schreiben?

Weil ich ein Ventil öffnen wollte. Weil ich die Gedanken aus meinem Kopf abgeben wollte. Und das sollten wir uns dringend wieder trauen. Statt Sorge zu haben, dass wir gar nicht im Strom auffallen, sollten wir unseren Anteil einfach abgeben, gewähren lassen und abwarten, ob er eine Rolle spielt oder nicht. Eines leistet er in jedem Fall: Wir sind Teil einer der ausführlichsten Dokumentationen der Welt, die jemals bemüht wurde.


Immerath, der Preis für billigen Strom


Etwa 20 Minuten braucht man mit dem Auto von Mönchengladbach nach Immerath.
Immerath ist ein Stadtteil von Erkelenz im Rheinland. Besser gesagt, war ein Stadtteil von Erkelenz, denn seit 2006 hat sich hier einiges verändert. Kurz hinter Immerath befindet sich der Tagebau von Garzweiler II, einem riesigen Abbaugebiet von Braunkohle, das vor keinem Hindernis Halt macht.

15 Ortschaften wurden bereits von Bewohnern geräumt und weitestgehend dem Erdboden gleichgemacht, zwei sind aktuell kurz davor. Immerath gehört dazu. Noch leben hier vereinzelt Menschen, ein kleines Unternehmen findet sich noch vor Ort, ein Schafhirte ebenfalls.

Allerdings läuft man, wenn man dort ist, an unzähligen verbarrikadierten und verlassenen Häusern vorbei. Es ist ruhig in dieser Ortschaft. Man hört die Fahrzeuge auf der nahe gelegenen Autobahn A61 dröhnen, die Baumaschinen auf dem Dorfplatz und ab und zu fahren noch Autos durch den Ort.

Auf dem Friedhof von Immerath stehen noch ein paar Grabmäler aber der Großteil ist leer. Es ist zwar nur eine kleine Anlage aber man schaut in einige verwaiste Grabreihen, bei denen man erkennen kann, dass es schon länger her ist, dass jemand dort seine vermeintlich letzte Ruhe gefunden hatte.

Die Bewohner Immeraths wurden in andere Ortschaften umgesiedelt, es entstand auch ein neuer Stadtteil in Erkelenz. Immerath (neu) heißt das neue Gebiet, wo Menschen aus verschiedenen Dörfern nach der Umsiedelung eine neue Bleibe gefunden haben.


Ich war zwei Mal dort. Das erste Mal war Mitte 2017, das zweite Mal war Ende 2017. In dieser doch eigentlich recht kurzen Zeit hat sich so einiges getan. Mehrere Häuserreihen wurden abgerissen, weitere Straßen wurden abgesperrt und die Atmosphäre war noch bedrückender.

Und jetzt, Anfang 2018 geht es mit dem Abriss des Ortes weiter.

RWE hat nun, am 08.01.2018 trotz Protesten von Greenpeace und ehemaligen Anwohnern angefangen, den "Immerather Dom" abzureißen. Der vermeintliche Dom war die St. Lambertus- Kirche und verdankte diesen Spitznamen seiner enormen Größe.

Es war ein wirklich schönes Bauwerk mit zwei Türmen und einer großen Basilika. Bei der Einfahrt nach Immerath konnte man im linken Turm allerdings schon sehen, dass an den oberen Fenstern mehrere Steine fehlten.

Seit 2013 ist der "Dom" entwidmet und wurde an RWE übergeben, die diesem Bauwerk nun ein Ende setzt.

Lange wird es wohl nicht mehr dauern, bis der Rest von Immerath folgt und komplett verschwindet, bevor die Schaufelradbagger kommen.

Alles für die Braunkohle.


Kirche St. Lambertus ("Immerather Dom")
Brankohletagebau "Garzweiler II"