Posts mit dem Label Kommentar werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Kommentar werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Kommentar: Medienkritik – Warum ich Christian Linders Bäcker-Anekdote nicht rassistisch finde

Andasch | 14.05.18 | / | Kommentieren
Dieser Post spiegelt einzig und allein die Aussage des Autors wieder und ist als journalistischer Kommentar zu verstehen.

Ich bin weiß Gott, kein großer Fan von Christian Lindner oder der FDP. Die allgegenwärtige wirtschaftswissenschaftliche Sicht auf die Welt, abseits aller humboldschen Humanismusprinzipien, die Leben, Schicksale und Träume auf kalte, nüchterne Zahlen reduziert, läuft mir zutiefst zuwider.
Aber wer Christian Linder nach seiner Anekdote Rassismus vorwirft, ist vielleicht nicht hysterisch, aber hat seine Aussage nicht richtig verstanden.

Was er gesagt hat: "Man kann beim Bäcker in der Schlange nicht unterscheiden, wenn einer mit gebrochenem Deutsch ein Brötchen bestellt, ob das der hoch qualifizierte Entwickler künstlicher Intelligenz aus Indien ist, oder eigentlich ein sich bei uns illegal aufhaltender, höchstens geduldeter Ausländer. Damit die Gesellschaft befriedet ist, müssen die anderen, die in der Reihe stehen, damit sie nicht diesen einen schief anschauen und Angst vor ihm haben, müssen sich alle sicher sein, dass jeder, der sich bei uns aufhält, sich legal bei uns aufhält. Die Menschen müssen sich sicher sein, auch wenn jemand anders aussieht und noch nur gebrochen deutsch spricht, dass es keine Zweifel an seiner Rechtschaffenheit gibt. Das ist die Aufgabe einer fordernden, liberalen, rechtsstaatlichen Einwanderungspolitik."

Im Anschluss und nach dem öffentlich wirksamen Partei-Rücktritt des FDP-Politikers Chris Payk hat Christian Lindner in einem Twitter- Video erklärt, wie das Statement gemeint war.  Dabei appelliert er bei Diskussionen um Integration und Rassismus zu Nüchternheit und Sachlichkeit. Und wenn die FDP und Christian Linder was können, dann das: kühle, distanzierte Sachlichkeit.

Die Reaktionen 

Und schnell gab es auch die ersten Reaktionen in den Medien. Ein handwerklich guter Kommentar, der argumentiert warum Christian Lindner Aussage rassistisch interpretiert werden könnte gibt's zum Beispiel bei Spiegel Online. Der Autor erkennt zwar an, das Lindner eigentlich dafür sorgen möchte, dass "nützliche Menschen unlindnerscher Hautfarbe nicht unter Diskriminierung zu leiden haben", wirft ihm aber vor in den Sumpf von Alltagsrassismus gestolpert zu sein. Seiner Meinung nach hätte Lindner klarstellen sollen, dass man keine Angst vor jemandem haben muss der Brötchen in einer anderen Sprache bestellt und das Hautfarbe, Sprachkenntnisse und Aufenthaltsstatus nichts über die "Rechtschaffenheit" eines Menschen aussagen. Ein wenig trotzig echauffiert sich der Autor außerdem und erklärt, dass sich Bäckereibesucher*Innen auch nicht um den Aufenthaltsstatus anderer Anwesender zu scheren haben.

Ängste ernst nehmen

Und Stefan Kuzmany hat Recht. In allen drei Punkten. Es sollte egal sein, welche Hautfarbe der Mensch vor mir in der Schlange hat. Weder Hautfarbe, Sprache oder Aufenthaltsstatus sagen etwas über die "Rechtschaffenheit" eines Menschen aus. Und eigentlich sollte jedem auch der Aufenthaltsstatus von einem Menschen egal sein. Ich persönlich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Kein Mensch ist illegal. Niemand der flieht, sollte Angst um eine Abschiebung haben.
Aber es entspricht leider nicht der Realität. Mein Mutter ist polnische Einwanderin und ist seit 1989 hier. Bis heute spricht sie nicht akzentfrei deutsch und auch sie berichtet davon, dass sie nie als deutsch wahrgenommen wird. Sie ist immer "die Polin" und wird manchmal auch schräg angeguckt. Das ist scheiße, aber so ist leider immer noch viel zu oft so.


Christian Lindner greift diese Situation auf und sagt man kann nicht erkennen, ob jemand ein "hoch qualifizierte Entwickler künstlicher Intelligenz aus Indien ist, oder eigentlich ein sich bei uns illegal aufhaltender, höchstens geduldeter Ausländer" ist. Und auch wenn mir die Unterscheidung zwischen wertvoller, weil gut ausgebildete*r Ausländer*In und wertlose*r Ausländer*In zutiefst zuwider läuft, sagt Linder doch: Wer jemand ist, kann nicht an seiner Sprache oder seinem Aussehen erkannt werden. Lindner nimmt die Ängste der Menschen ernst und versucht eine Lösung zu finden. Und wir sprechen hier nicht von den "Ängsten" im braunen Sumpf, sondern von den Ängsten von Oppa Dirk von nebenan oder einem durchschnittlichen Konservativen.


 Du brauchst doch keine Angst zu haben

Und im Gegensatz zu Thomas de Maizière ist Lindners Lösung nicht Leitkultur, sondern der Rechtsstaat. Im Gegensatz zu de Maizière versucht Lindner nicht die Ängste durch das Ausschließen "der anderen" zu beseitigen, sondern mit der demokratischsten aller Gewissheiten: Dem Rechtsstaat. Ich kann mir in Deutschland sicher sein, dass Gesetze gelten und hier auch eingehalten werden. Egal, welche Hautfarbe ich habe oder welche Sprache ich spreche: In Deutschland hat jeder dieselben Rechte.
So sehr ich Lindners neoliberale Logik von wertvollen und nicht wertvollen Menschen verachte, so macht er hier meiner Meinung nach etwas richtig. Er nimmt die Ängste der Menschen ernst und versucht Lösungen und Sicherheiten zu bieten, statt einfach zu sagen: "Du brauchst doch keine Angst zu haben". Zu einer ehrlichen Diskussion gehört es eben auch dazu, diese Ängste ernst zu nehmen, seien sie noch so irrational. Denn wenn wir es nicht tun, instrumentalisieren eben die AfD, die Identitären oder andere Rechte die Angst. Nicht jeder, der Angst hat oder sich unwohl fühlt ist ein Rassist oder Nazi, aber er*sie kann zu einem werden, wenn er oder sie sich nur noch bei der AfD ernst genommen fühlt.

Ursprünge verstehen und Tipps geben

Eine befreundete Erzieherin und ich haben am Strand mal einen kleinen Jungen und seinen Papa beobachtet. Der Kleine hat wie am Spieß geschrien, weil er Angst vor Sand hatte. Der Vater wiederholte immer wieder: "Du brauchst doch keine Angst zu haben". Die befreundete Erzieherin hatte mir damals gesagt, dass das das schlimmste ist, was man in dieser Situation tun kann. Jede Angst, auch die Angst vor dem bösen Monster unter dem Bett muss respektiert werden und man sollte dem Kind Wege zeigen, mit der Angst umzugehen. Wenn ein Kind Angst vor Blitz und Donner hat, erklärt man dem Kind am besten den Grund für den Krach oben am Himmel und wenn es Sand ist, dann sucht man einen Weg damit umzugehen.

Und auch wenn die Bevölkerung keine Kinder sind, so gilt das auch bis ins Erwachsenenalter. Wenn ich völlig irrational Angst vor Spinnen habe, hilft es mir nicht, wenn jemand mir sagt, dass ich doch keine Angst zu haben brauche, sondern jemand der mit mir Wege sucht, mit dieser Angst umzugehen.

In allen Kommentaren, einschließlich dem von Stefan Kuzmany wird aber genau das verlangt: Sagt den Leuten sie brauchen keine Angst zu haben vor Menschen mit anderer Hautfarbe oder gebrochenem Deutsch. Und ihr alle habt ja recht, das brauchen sie auch nicht. Aber ihnen das nur zu sagen, wird ihnen nicht helfen. Um ihnen diese Angst zu nehmen brauchen wir eine ehrliche Diskussion, bei der auch irrationale Ängste benannt werden dürfen, ohne verurteilt zu werden.

Besonders stolz dürfen übrigens die Journalist*Innen sein, die sich von Alice Weidel instrumentalisieren haben lassen und zitieren, wie die FDP sich gern mit der AfD abstimmen kann bei Migrationsfragen. Alice Weidel hat nämlich erkannt, dass AfD-Wähler*Innen die sind, die sich nicht ernst genommen fühlen und sie gewinnt, wenn die anderen sich prügeln. Deswegen versucht sie internettrollmässig nochmal Öl ins Feuer zu kippen und unsere liberale Gesellschaft weiter zu spalten. Ganz "House of Cards"- mässig schaut sie jetzt zu, wie sich unsere liberale Gesellschaft selbst zerfleischt und schlürft dabei Chardonnay.

Müll

Jay Nightwind | 23.04.18 | / / / / | Kommentieren

Ich liebe meine Stadt. Und das ist schon Quatsch. Ich liebe nicht meine Stadt, sondern nur die Idee dessen, was ich als diese Stadt verstehe. Ich bin sehr begeistert von dem, an das ich mich gewöhnt habe. Mein Kopf hat ein Schema, eine Ordnung, ein Bild davon angelegt, was ich als "Meine Stadt" begreife. Störungen für ihren Teil, sind so ziemlich das Gegenteil von Ordnung. Normalerweise begeistern mich Auf- und Ausbrüche in Gewohnheiten, da waren aber auch die Gewohnheiten von Anfang an nicht zufriedenstellend.

Wenn ich gefragt werde, dann sage ich, dass meine Stadt schön ist. Ich lebe gerne hier, ich geh viel raus, sie ist grüner als vermutet wird, sie hat viele gute Geheimverstecke, Schleichwege und tolle Orte, die mir regelmäßige alte und neue Momente ins Gedächtnis setzen. Ich kenne mich hier aus, weiß wo es gutes Futter gibt, wie lange die Trinkhallen offen haben und auch sehr gut, wo ich nicht sagen darf, von welcher Fussballtruppe ich Fan bin.

Ich nenne ganz bewusst ihren Namen nicht. Es ist kein Geheimnis, wo ich lebe. Ich glaube aber, dass auch andere solche Beobachtungen in ihren Städten machen können. Lokalpatriotismus ist kein Verbrechen, er kann überall auftauchen und ich glaube, mensch sucht sich das nicht mal selbst aus. Doch, mensch sucht es sich selbst aus, ich denke aber, dass es neben faktischen Gründen weshalb wir unsere Stadt mögen, auch richtig viel "magisch" pathetischen Unsinn gibt, der unser Herz anteilig auf unseren Ort prägt.

Ich habe einen großen Teil meines Lebens in der besseren Version meiner Stadt gelebt. Vielleicht haben aktuelle Diskussionen und moderne Zugänge zu Nachhaltigkeit meine Filter verstellt. Heute wohne ich nicht mehr in der Version der Stadt oder besser des Stadtteils, in den ich mich verliebt habe. Ich habe das Gefühl, mein Stadtteil vermüllt zunehmend.


Eine Stadt in vollkommen ordentlich zu sehen, ist extrem schwierig. Urbanes Leben, die massive Ballung von Menschen, Bedürfnissen und ihren Folgen, das geht nicht ohne Schmutz. Und Schmutz, der braucht viel Infrastruktur. Zum Beispiel Kanalisationen oder halt Müllcontainer. Ich habe den Eindruck, dass die Strukturen gegeben sind. Wöchentlich wird der Müll in unserer Straße abgeholt, überall in der Stadt sehe ich Containerstationen für Papier und Glas. Ich habe nicht das Gefühl, dass diese Stadt besonders schmutzig sein müsste.



Als Tobi und ich die Runde durch den Stadtteil laufen, werde ich zunehmend frustrierter. Haus- und Sperrmüll an Papiercontainern. Die Stadt hat angefangen dort Aufkleber anzubringen, die erklären sollen, dass Farben, Möbel und Elektrogeräte nicht hier abgelegt werden sollen. Was mir selbstverständlich erscheint, ist es offensichtlich nicht. Als ich einen Freund der nach zugezogen ist von meiner Frustration erzähle, ist er ratlos: "In meiner alten Heimatstadt hat die Abholung von Sperrmüll recht viel Geld gekostet. Pro Kubikmeter." Hier muss mensch vorher nur einen Termin vereinbaren und angeben, was abgeholt werden muss. Die Dienstleistung ist geschenkt.

Ich muss dann an die "Broken Window Theorie" denken, wo ein Viertel fast schon automatisch weiter herunterkommt, wenn es nur kleine optische Mängel aufzeigt. Es scheint zu reichen, dass alle Anfang Januar ihre Tannebäume vor die Haustür legen. Was im Ikea-Werbespot vorgemacht wird, ist dann auch die Lösung für den Alltag. Bis Mitte Februar lagen die Bäume überall im Stadtteil herum.


Ich bin mir sicher, dass die Reinigungskräfte und Entsorgungsexpert*innen schon alles tun, was sie leisten können. So funktioniert das nur nicht. Die Ressourcen sind begrenzt. Wir können nicht unseren Müll einfach vor die Tür hauen, auf die Entsorgungsbetriebe oder die Regierenden der Stadt zeigen und immer wieder fragen: "Warum unternehmen die denn nichts?" Sie unternehmen jede Menge, aber wie sollen sie das alles leisten, was da "anfällt"?
Warum machen die Bürger*innen diese Dinge falsch? Was geht in einem vor, der Bauschutt und ganze Möbel an einem Park&Ride der Deutschen Bahn in die Grünfläche wirft?

Das hat ja dann nichts mehr mit fehlender Information über die Möglichkeiten der Müllentsorgung zu tun. Es gibt einfach einen Punkt, ab dem Menschen auch Absicht zu unterstellen ist. Denn seine alten Küchenfliesen und ein Kochfeld hat mensch nicht im Handgepäck. Das Ganze, zauberhaft anliegend, gegenüber einer Schrebergartensiedlung, welche sich mit hohen Zäunen vor dem Anblick schützt.


Ich bin ja nicht gut mit Ohnmacht. Wenn ich eine Situation nicht verändern kann, dann werde ich kribbelig. Es gibt schon Sachen die ich tue, allerdings nur Kleinkram. Wenn es nicht zu eklig ist und ein Mülleimer in Sichtweite ist, schmeiß ich schon mal Fundstücke von der Straße weg. Stellt mich für fünf Minuten zufrieden, länger nicht, weil ich dann den nächsten Müll kreuze. Jetzt möchte ich mehr tun.

Und Tobi sagt:
Ich muss gestehen, ich war etwas irritiert, als mich Jay fragte, ob ich Lust hätte, Müll fotografieren zu gehen. Sowas wird man nicht oft gefragt.

Wenn man durch die Stadt geht, ist wild umherliegender Müll nichts Außergewöhnliches. Mal liegt ein Taschentuch auf dem Boden, mal liegt eine Flasche im Gebüsch. Das ist ja leider normal. Aber wenn man sich beim Spazierengehen auf Müll fokussiert, dann ist es eine andere Dimension. Man sieht zwangsläufig wesentlich mehr Müll als vorher und man sieht vor allem anderen Müll.
Jetzt muss man dazu sagen, dass Jay seinen Stadtteil kennt und weiß, wo man immer genug Unrat findet. Aber ich war echt fassungslos, was und wie viel wir gefunden haben.



Poolnudeln, Tische, Bauschutt und eine Herdplatte... und das einfach in Gebüsche geschmissen. Ich war stinksauer, als ich das gesehen habe. Aber ich will auch ehrlich sein: Hätte ich mich nicht auf den Müll konzentriert, sondern wäre durch die Gegend gelaufen wie sonst auch immer, wäre es mir vielleicht gar nicht aufgefallen. Gut, außer die Poolnudeln, weil die durch ihre leuchtenden Farben schwer zu übersehen sind. Und das hat mich fast noch mehr frustriert. weil ich mittlerweile so dermaßen abgestumpft bin, was Müll in der Umgebung angeht, dass ich noch nicht mal sowas bemerkt hätte.

Das ist kein Rant- Artikel gegen die Entsorgungsbetriebe, ganz im Gegenteil. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der städtischen Betriebe machen eine großartige Arbeit und ich bin ihnen dankbar, dass sie es tun. Das ist eher ein Hassartikel gegen diese rücksichtslosen Arschlöcher, die ihren Müll einfach ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, in der Botanik versenken, statt sie zu Recyclinghöfen und Mülldeponien zu bringen.

Also seid so gut und nehmt euren Müll mit, wenn ihr unterwegs welchen produziert, der nächste Mülleimer ist meist nicht weit weg.
Danke!

Content machen ist schwer, oder? Warum eigentlich?

Jay Nightwind | 12.02.18 | / | 6 Kommentare

Als ich in unseren Blog schaue, merke auch ich, dass hier aktuell gar nicht mal so viel los ist. Klar, Daniels coole Kochrreihe läuft, aber daneben ist es still. Wir sind ein großes - ehrenamtliches - Team, einerseits kommt einem da ganz gerne das Leben in die Quere, andererseits sollte es aber doch auch möglich sein, was zu veröffentlichen. Was zu erzählen gibt es doch bestimmt, oder? Immerhin ist Leben live und wenn was live ist, wird schon irgendwas passieren. So sagen es meine Lieblingskanadier von LoadingReadyRun.

Wir leben in den vielleicht am besten dokumentierten Zeiten, nunja, aller Zeiten. Während wir heute unsere Vergangenheit rekonstruieren müssen, in dem wir uns durch die Erde buddeln und Speerspitzen suchen, um einer Vorgeschichte auf die Spur zu kommen, wird in sehr naher Zukunftdiese Arbeit eine Armee von Algorithmen machen, die sich durch das Internet buddeln und Content durchsuchen, um herauszufinden, was relevant ist. Ich finde nur ältere Zahlen dazu, aber sich anzuschauen, wieviel Inhalte in einer Stunde ins Netz geblasen werden, ist nicht nur erstaunlich, sondern wirkt fast schon wie ein Tumor.

So war es zum Beispiel Stand 2013, dass in einer Echtzeitstunde Videomaterial mit einer Gesamtspielzeit von drei Tagen bei Youtube hochgeladen wird. Innerhalb eines Tages in unserer analogen Welt, laden wir also 72 Tage digitale Videowelt ins Netz. Die Absurdität steigt mit jeder weiteren Umrechnungsstufe.
Dabei gleichzeitig nicht ganz uninteressant: Das Internet ist nicht auf der Welt gleich verteilt. Im Juni 2017 sagen die Zahlen, dass erst 51% der Weltbevölkerung das Internet verwenden. Mein Verständnis der Welt sagt mir: Die Dokumentation ändert sich, die Geschichte wird immer noch von den Gewinnern geschrieben. Den wirtschaftlichen Gewinnern. Das sind wir, die weißen Priviligierten in den Industrienationen. Wieviel von der Geschichte der Jetztzeit leider noch gar nicht dokumentiert wird, wissen wir ironischerweise nicht, weil es nicht dokumentiert wird.

Wenn jetzt also die Welt sich fleißig selbst hochlädt den ganzen Tag, weshalb zögern wir dann eigentlich? Eine gute Frage. Vielleicht genau deshalb. Wenn ich mit meinem Eimer Wasser am Fluss stehe, wundere ich mich natürlich auch, warum ich jetzt den Liter auch noch in den schon reißenden Strom schütten sollte? Am Ende ist es ja doch auch nur ein Liter von vielen. Er vermischt sich mit dem Gesamten und verschwindet. So fühlt sich der eigene Content manchmal an. Warum gegen die Tausenden Tweets, Postings, Clips und Texte antreten? Die Chance auf Innovation ist verschwindend gering.

Eigentlich ist das frustrierend. Da verstehe ich dann auch, dass wir uns gar nicht so recht bewegen und nicht unsere Pflichtabgabe pro Stunde ins Netz leisten. Frustration bremst. Wie soll ich mir denn meine Selbstwirksamkeit beweisen, wenn ich gar nicht weiß, ob mein Inhalt jemanden erreicht oder etwas tut. Das ist nämlich die andere Seite dieses Dokumentationsstroms: Wer soll das denn alles konsumieren? Es wird ganz einfach klar: Wenn wir 72 Stunden Material hochladen in einer Stunde, dauert es trotzdem 72 Stunden alles zu gucken.

In meiner Subjektiven Wahrnehmung hat sich die Aufnahme von Medien verändert. Früher waren es mehr Empfänger als Beiträge, heute gibt es mehr Content als Adressaten. Wie also reagieren? Medizinisch betrachtet, haben wir mediale Tumore geschaffen. Gewebe, welches über die vorhandenen Körper hinaus wuchert. Einige Medienprofis reagieren passend. Markus Freise, Medienmacher in Bielefeld, reagiert chirurgisch und schneidet Facebook und Twitter aus seinem Gewebe.

Ein Beitrag geteilt von Markus Freise (@markus.freise) am

Inhalte veröffentlicht er selbst übrigens täglich. In unterschiedlicher Frequenz, in unterschiedlicher Qualität. Er schüttet also selbst fleißig Wasser in den Strom. Ich würde nur sagen, er hat sich eine ganz konkrete Stelle am Fluss gesucht. Die, die zu ihm selbst passt. Ich würde nun aus der Distanz behaupten, dass er auch nur noch soviel Content zu sich nimmt, wie er auch aufnehmen kann und will. Er wird nicht "überflutet". Ganz im Gegenteil, er wirkt meiner Beobachtung nach die meiste Zeit recht inspiriert.

Vielleicht ist das Teil des Problems. Wenn unsere sinnlichen Eingänge so verstopft werden mit all diesen Impulsen, für die wir gar nicht mehr ausreichend Zeit haben sie zu verarbeiten, wie sollen wir dann noch etwas ausarbeiten und ausspeichern? Wieviel Content konsumiert ein Content Creator? Damals sind die Maler*Innen, Musiker*Innen und Poet*Innen spazieren gegangen, waren auf Reisen, sind in Gespräche gestürzt. Heute machen wir das alles auch, nehmen aber auch die gesamte rasante Kommunikation der Welt mit oben drauf.

Das wir diese Kommunikation haben, ist fantastisch. Wir schaffen den Rahmen, um uns allen näher zu sein. Technologisch nähern wir uns an, die Hürden in der Kommunikation werden von mal zu mal geringer. Vermutlich müssen wir nun auch mit der Technologie mitwachsen und lernen diese neue Masse an Impulsen zu verarbeiten. Und wenn wir Dinge verarbeiten wollen, werden wir oft kreativ produktiv. Ironisch: Die Flut der neuen Eindrücke könnte also aus einer Flut der neuen Eindrücke entstanden sein.

Vielleicht wünsche ich mir deshalb auch, dass wir selbst aktiver werden. Ich möchte wissen, wie meine Menschen damit zu recht kommen. Ich kann ja nicht alleine sein mit diesem Problem, also wie zum Teufel packen die anderen das? Scheitern sie auch manchmal am Angebot? Wie gehen sie mit der Lähmung um, selbst nichts mehr produzieren zu können? Wie sollen sie mir das beantworten, ohne selbst etwas erschaffen zu müssen?

Vielleicht ist die Antwort, wie so oft: "Machen." Vielleicht ist die moderne Antwort: "Nachhaltigkeit." Wie kann die in den Medien aussehen? Wie schaffen wir es genau so viel zu produzieren, dass es auch verbraucht werden kann? Und wenn mich all diese Fragen plagen, weshalb ist es mir dann doch so leicht gefallen, diesen Beitrag zu schreiben?

Weil ich ein Ventil öffnen wollte. Weil ich die Gedanken aus meinem Kopf abgeben wollte. Und das sollten wir uns dringend wieder trauen. Statt Sorge zu haben, dass wir gar nicht im Strom auffallen, sollten wir unseren Anteil einfach abgeben, gewähren lassen und abwarten, ob er eine Rolle spielt oder nicht. Eines leistet er in jedem Fall: Wir sind Teil einer der ausführlichsten Dokumentationen der Welt, die jemals bemüht wurde.


Immerath, der Preis für billigen Strom


Etwa 20 Minuten braucht man mit dem Auto von Mönchengladbach nach Immerath.
Immerath ist ein Stadtteil von Erkelenz im Rheinland. Besser gesagt, war ein Stadtteil von Erkelenz, denn seit 2006 hat sich hier einiges verändert. Kurz hinter Immerath befindet sich der Tagebau von Garzweiler II, einem riesigen Abbaugebiet von Braunkohle, das vor keinem Hindernis Halt macht.

15 Ortschaften wurden bereits von Bewohnern geräumt und weitestgehend dem Erdboden gleichgemacht, zwei sind aktuell kurz davor. Immerath gehört dazu. Noch leben hier vereinzelt Menschen, ein kleines Unternehmen findet sich noch vor Ort, ein Schafhirte ebenfalls.

Allerdings läuft man, wenn man dort ist, an unzähligen verbarrikadierten und verlassenen Häusern vorbei. Es ist ruhig in dieser Ortschaft. Man hört die Fahrzeuge auf der nahe gelegenen Autobahn A61 dröhnen, die Baumaschinen auf dem Dorfplatz und ab und zu fahren noch Autos durch den Ort.

Auf dem Friedhof von Immerath stehen noch ein paar Grabmäler aber der Großteil ist leer. Es ist zwar nur eine kleine Anlage aber man schaut in einige verwaiste Grabreihen, bei denen man erkennen kann, dass es schon länger her ist, dass jemand dort seine vermeintlich letzte Ruhe gefunden hatte.

Die Bewohner Immeraths wurden in andere Ortschaften umgesiedelt, es entstand auch ein neuer Stadtteil in Erkelenz. Immerath (neu) heißt das neue Gebiet, wo Menschen aus verschiedenen Dörfern nach der Umsiedelung eine neue Bleibe gefunden haben.


Ich war zwei Mal dort. Das erste Mal war Mitte 2017, das zweite Mal war Ende 2017. In dieser doch eigentlich recht kurzen Zeit hat sich so einiges getan. Mehrere Häuserreihen wurden abgerissen, weitere Straßen wurden abgesperrt und die Atmosphäre war noch bedrückender.

Und jetzt, Anfang 2018 geht es mit dem Abriss des Ortes weiter.

RWE hat nun, am 08.01.2018 trotz Protesten von Greenpeace und ehemaligen Anwohnern angefangen, den "Immerather Dom" abzureißen. Der vermeintliche Dom war die St. Lambertus- Kirche und verdankte diesen Spitznamen seiner enormen Größe.

Es war ein wirklich schönes Bauwerk mit zwei Türmen und einer großen Basilika. Bei der Einfahrt nach Immerath konnte man im linken Turm allerdings schon sehen, dass an den oberen Fenstern mehrere Steine fehlten.

Seit 2013 ist der "Dom" entwidmet und wurde an RWE übergeben, die diesem Bauwerk nun ein Ende setzt.

Lange wird es wohl nicht mehr dauern, bis der Rest von Immerath folgt und komplett verschwindet, bevor die Schaufelradbagger kommen.

Alles für die Braunkohle.


Kirche St. Lambertus ("Immerather Dom")
Brankohletagebau "Garzweiler II"



Nur 1 Euro

Miriam Jagdmann | 16.11.17 | / | 4 Kommentare
"Haben Sie vielleicht ein bisschen Kleingeld für mich?", fragt mich ein Mensch am
Hauptbahnhof. Ich krame mein Portemonnaie heraus und drücke ihm ein paar Centmünzen in die Hand. Er bedankt sich. Ich lächel. Er zieht weiter. "Haben Sie vielleicht ein bisschen Kleingeld für mich?" Viele sagen nein. Einige schütteln nur den Kopf. Andere nehmen nicht mal die Kopfhörer aus den Ohren.

Szenenwechsel. Ich werfe Nudeln in meinen Einkaufskorb. Es folgen Milch, Joghurt, Frischkäse. Meine Freudin fragt "Wie viel Geld steht dir im Monat für Essen zur Verfügung?" Ohne darüber nachzudenken antworte ich "Da setze ich mir keine Grenzen." 

Ich lebe im Wohlstand. Ich habe eine eigene Wohnung, in der sich ein völlig funktionstüchtiges Bad befindet. Und eine Heizung. Ich habe ein eigenes Zimmer mit einem eigenem Bett und einem Schrank voller Klamotten. Ich gehe einkaufen und achte kaum auf die Endsumme. Ich sortiere Centstücke aus meinem Portemonnaie aus, weil sie mir lästig sind. Ich esse täglich durchschnittlich drei Mahlzeiten, eine davon in der Regel warm. Ich lebe im Wohlstand. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt zu hungern oder keinen festen Schlafplatz zu haben. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt nicht zu wissen wie man sich das nächste Brötchen finanzieren soll. Oder wann. Ich lebe im Wohlstand. Und jeder, der mich fragt "Haben sie ein bisschen Kleingeld?", der tut das nicht. Deshalb kann ich ihm etwas von meinem Wohlstand abgeben. Ein Euro ist nicht viel Geld. Nicht für mich. Einen Euro abzugeben macht mich nicht deutlich ärmer. Er macht mein Gegenüber auch nicht deutlich reicher. Ein Euro ist nicht viel Geld. Aber mit einem Euro kann sich mein Gegenüber vielleicht schon ein Brötchen kaufen. Oder einen Kaffee.

Nach dem Armutsbericht gilt in Deutschland als arm, wer unter der Einkommensarmutsgrenze lebt. Das bedeutet, dass das Einkommen unter 60 Prozent des mittleren Einkommens liegt. Das mittlere Einkommen wiederrum ist ein Durchschnittswert aller Haushaltseinkommen unseres Landes: Alle Haushalte werden nach ihrem Einkommen der Reihe nach geordnet. Das in der Mitte liegende Einkommen bildet dann das mittlere Einkommen. 2015 gab es in Deutschland rund 12,9 Millionen Menschen, die unter der Einkommensarmutsgrenze lebten. Es ist klar, jedem kann ich nicht helfen. Oder?

Eine Redakteurin von jetzt.de, Charlotte Haunhorst, hat genau das einmal in einem "Experiment" ausprobiert. Ein Jahr lang gab sie jedem scheinbar Bedürftigen, dem sie begegnet ist, Geld. Dabei hat sie sich an einige selbst auferlegte Kriterien gehalten: Jede Person, die sie direkt passierte oder die sie ansprach, bekam mindestens 50 Cent. Obdachlos oder "nur bedürftig" war der Journalistin dabei unwichtig. Ob das Geld am Ende für einen Kaffee oder ein Bier ausgegeben wurde, spielte beim Spenden ebenfalls keine Rolle. 

Meine Entscheidung, wer Geld bekommt, hängt vor allen vom Inhalt meines Portemonnaies ab. Und vom Bauchgefühl. Klar ein bisschen Verstand ist auch dabei. Wenn mensch sagt "Ich brauche das Geld für die Notschlafstelle", dann ist das eine Lüge. Denn Notschlafstellen sind in der Regel kostenlos. Nur Zusatzdienstleistungen, wie zum Beispiel Zahnbürste, Spind oder Dusche kosten etwas. In Essen gibt es zum Beispiel eine Übernachtungsmöglichkeit in der Lichtstraße. Jugendliche bis 21 Jahren können außerdem in der Notschlafstelle Raum58 unterkommen. In Dortmund gibt es die Männernotschlafstelle in der Adlerstraße und die Frauennotschlafstelle der Diakonie in der Prinz-Friedrich-Karl-Straße. Auch in dieser Stadt gibt es für Jugendliche eine eigene Schlafstelle, das Sleep-In in Dortmund Körne. 

Ich stehe mit einer Freundin am Dortmunder Hauptbahnhof. Ein Mensch spricht uns an "Entschuldigung, habt ihr vielleicht etwas Geld für einen Kaffee?" Ich verneine: "Ich habe leider kein Kleingeld im Portemonnaie." Es fühlt sich nicht gut an, diesen Menschen wegzuschicken. Denn während ich nur 50 Meter weiter zum Bankautomaten gehen müsste, um eine  beliebige Summe abzuheben, von der ich entweder einen Kaffee oder ein Drei-Gänge-Menü kaufen könnte, muss dieser Mensch x-Mal völlig Fremde um Hilfe bitten, um am Ende einen Euro für einen Kaffee zusammen zu haben. Und wird dabei wahrscheinlich mehr Neins als Centmünzen kassieren. "Ist doch nur ein Euro", wird er sicher nicht denken, wenn er das Geld dann irgendwann zusammen hat. 

Bundeswehr aus Youtube abziehen!

Jay Nightwind | 01.11.17 | / | 4 Kommentare
Als Spotify mir die exklusiv produzierte Werbung hinrotzt, bekomme ich direkt erhöhten Puls. "Hör dir jetzt die Playlist zur neuen Bundeswehr-Webserie "Mali" an." Nicht nur, dass es mich überrascht, dass eine vor zwei Jahren begonnende Werbekampagne weiterläuft, trotz massiver inhaltlicher Verkürzungen, nein. Erst wurde Youtube mit "die Rekruten" belagert. Nach der Umwandlung in "Bundeswehr Exclusive" ging es mit "Mali" weiter.

Militärischer Ausdruck sehr beabsichtigt. Denn auch vor Videos, die ich mir anschaue, wird mir die Kampagne angepriesen. Auf Spotify zeigt sich, dass sie tatsächlich und wirklich einen eigenen originalen Soundtrack haben produzieren lassen. Eine Nähe zum modernen Hiphop und Charterfolgen ist mehr als gewollt, daran herrscht kein Zweifel. "Ähnliche Künstler: Kollegah, Kontra K, Ali As" die Zielgruppe definiert sich von alleine.

Spotify, Youtube, Facebook. Die Streitkräfte finden also Einzug in die sozialen Medien, sind aber plötzlich nicht mehr unbeholfende Regierungsorgane, sondern spielen groß auf. Die Youtube-Webserien sind entsprechend moderner Standards produziert, sollen in erzählerischen Abschnitten mit modernen schnellen Schnitten schmackhaft machen, die Bundeswehr als Arbeitgeber in Betracht zu ziehen.

Der Trailer für die neue Serie erinnert schon eher an Kinoproduktionen, als an eine Dokumentation des Auslandseinsatzes.



Was ist denn jetzt eigentlich der Aufreger? Warum bekomme ich denn Puls, wenn ich das sehe? Ich war doch selbst vor vielen Jahren bei den Streitkräften und bin kein Pazifist. Ich hatte sogar mal Reservistenstatus, hätte also einberufen werden können im Falle eines Falles. Weshalb stört mich jetzt also die Kampagne einer Einrichtung, die ich selbst gar nicht vollständig ablehne? Weil es eine Werbekampagne ist.

Werbekampagnen, die machen Unternehmen. Und Unternehmen, die verkaufen ein Produkt. Und Produkte, die verkauft mensch am besten durch Erfolge und gutes Marketing. Gutes Marketing, das heißt heute, Menschen und Lifestyle zu präsentieren. Daher werden - entgegen allen Maßgaben der Geheimhaltung - zum Beispiel die sympathischen acht Berufssoldat*Innen in den Fokus gestellt und in Einzelprofilen vorgestellt. Weil wir sie als Identifikationsflächen brauchen. Denn so bringen wir einen Teil des Produktes an den Menschen: Die Bundeswehr als Arbeitgeber attraktiv machen.

Zeitsprung:
Politischer Bildungsunterricht in meiner Grundausbildungseinheit, irgendwann 2004. Ein Hauptfeldwebel fragt uns, was denn wohl der Grund ist, weshalb wir eine Wehrpflicht haben? Eine verdammt gute Frage, wie ich finde, denn zum einen wirkt Krieg mit unseren Nachbarn auf mich abwegig und Krieg anderswo unterstützen/verteidigen als moralisch falsch.

"Weil alle eine Armee haben?"
"Weil wir sonst Opfer einer Invasion werden?"
"Weil wir von der NATO gezwungen werden das Staatenbündnis mit zu verteidigen?"
"Weil es Arbeitsplätze schafft?"
"Weil wir im Kalten Krieg eine Verteidigungslinie für den Westen sein mussten?"

Mit den Antworten unserer Ausbildungsgruppe war der Ausbilder wirklich nicht zufrieden. Seine Erklärung verblüffte mich zuerst. Sinngemäß sah sie so aus:
Die Bundeswehr wird mit Pflichtdienstleistenden aufgefüllt, da sie eine Armee einer Demokratie ist. Wir brauchen den Bürger an der Waffe, den Zivilisten in Uniform. Damit die Streitkräfte einer dauerhaften lebhaften Überprüfung durch Menschen aus der Gesellschaft ausgesetzt sind. Diese Überprüfung sichert, dass die Streitkräfte transparent bleiben. Dass nicht verborgen werden kann, was innerhalb der Streitkräfte passiert.

Passend. Ein paar Monate bevor wir in die Grundausbildung kamen, hatten sich die Ereignisse in Coesfeld zugetragen. Rekrut*Innen wurden von Ausbilder*Innen misshandelt und diese Nachricht hatte den schnellen Weg in die Öffentlichkeit gefunden. Gemessen an der Aussage unseres Hauptfeldwebels wirkte mir die Transparenz im Fall Coesfeld gegeben. Es gab eine intensive Untersuchung, Befragungen und eine strenge Beschäftigung mit den Vorfällen. Als ich nach zwei Jahren die Bundeswehr wieder verlassen hatte, wurden die Ereignisse von Coesfeld noch bis 2010 vor einem zivilien Gericht verhandelt und zum Messgrad dessen, wie innerhalb der Bundeswehr gearbeitet wurde.

Der Verlust, den die Bundeswehr dadurch erfahren hat, dass keine Pflichtdienstleistenden mehr dort dienen, zeigt sich darin, was die Bundeswehr nun ist: Ein Unternehmen. Wurden Ausbildende und Vorgesetzte vorher auch durch die Untergebenen kontrolliert, da diese keiner "beruflichen" Bindung zur Truppe folgten, gibt es jetzt nur noch Angestellte. Die Position von Angestellten wird in Deutschland natürlich auch sehr stark geschützt, aber eine vermindertes Bewusstsein und eine höhere Kontrolle der Bundeswehr darüber, was über sie bekannt wird, bringt sie moralisch in eine neue Situation. Dazu hat die Bundeswehr jetzt möglicherweise neue Interessen, einfach, da eine Berufsarmee anders arbeiten muss. Was die Interessen sind, welche natürlich auch politisch geprägt sind, bleibt dabei unklar. Auch, weil kein Bürger in Uniform mehr auf die Finger der Berufssoldaten schaut.

Wenn ich die Aussetzung der Wehrpflicht wie sie durchgeführt wurde bewerten müsste, würde ich von einem Fehler sprechen. Die Bundeswehr wird zu einer Firma, einem Betrieb und in Zeiten von Globalisierung und Lobbyismus, sehe ich das als große Gefahr an. Krieg darf kein Geschäft werden, die Bundeswehr keine wirtschaftlichen Interessen verfolgen. Beobachtungsgemäß wirkt sich das oft schlecht auf die "Menschlichkeit" aus, was im militärischen Umfeld meist eh schon knifflig ist.

Jetzt bewirbt die Bundeswehr fantastische Held*Innen, die vor Mali auch "deine" Freiheit verteidigen. Sie vermarkten Musik auf Spotify, drehen Filme und steigen darin ein, wie andere Werbestrategen einen Lifestyle zu vermarkten. Ich möchte das nicht. Bundeswehr ist kein Lebensstil und auch nicht erstrebenswert. Die Bundeswehr verliert an Menschlichkeit, weil die Diversität in den Reihen der Dienenden abnimmt. Die Bundeswehr sollte den Bürgern dienen und durch die Bürger kontrolliert werden. Bundeswehr ist ein Übel der aktuellen politischen Situation, das wir leider noch nicht überwunden haben. 

Gespenster besiegen

Jay Nightwind | 27.09.17 | / | 2 Kommentare
Liebes Rudel,
in den sozialen Medien wird die Wahl nachbereitet. Es wird vom "armen Deutschland" gesprochen, es wird auf die AfD gezeigt. Das Wiederkehren historisch überholter Verhältnisse. Jede/r Achte hat die AfD gewählt. Die unverzeihbare Schuld der sich die Nicht-Wähler und jede/r Achte schuldig gemacht haben. Auch meine Heimatstadt hat mich enttäuscht, die Zahlen entsprachen nicht der Realität, die ich hier jeden Tag auf der Straße sehe.

Ich habe keine Angst vor Gespenstern. Ich habe keine Angst vor Gespenstern. Und ich habe schon gar keine Angst vor der AfD.

Ein Wahlprogramm, der Wahlkampf, die Nachrichten, das sind eine Menge Worte. Viele viele Hülsen, die erst dann ihr Wirkung zeigen, wenn sie unterfüttert werden. Bisher haben sie nur gesagt was sie fordern, aber was hat die AfD getan? Die Worte sind riesig und furchteinflößend. Wir verwenden drastische dramatische Worte um diese Partei zu beschreiben.

Von Oliver Kahn habe ich gelernt, sich keine Gespenster zu schaffen. Denn Gespenster sind unwirkliche Wesen. Er hat diese These auf einfachere Situationen bezogen, hat aber beschrieben, wie wir manchmal dazu neigen, Ereignissen Superlative und Überspitzungen zu geben, die in ihrer Wortbedeutung von Menschen nicht mehr zu besiegen sind. Wir sprechen von Monstern, von Fluten und weiteren Extremen und fühlen uns ohnmächtig.

Die AfD ist keine unmögliche Wiederauferstehung verstorbener Nazis und ihres Staates. Und bei alle ihren mächtigen Worten, beim Ausnutzen des Status als Monstrum und einer Gespenster-Rhetorik, so hat die Partei selbst bisher sehr wenig real gehandelt. Das werden sie jetzt tun müssen. Sie werden im Bundestag keine mythischen Dinge tun können. Sie werden Anträge stellen, Abstimmen, in Arbeitskreisen sitzen. Und das ist fern von jeder überirdischen Sache.

Ich habe keine Angst vor der AfD, weil sie jetzt handeln müssen. Und das kann ich auch. Daher kann ich jedem Schritt den diese Partei tut etwas entgegen setzen. Ich bin nicht machtlos. Ich habe keine Wahl verloren, als die Ergebnisse bekannt gegeben wurden. Ich kann mich in Parteien engagieren, in Jugendverbänden, Volksentscheide bemühen, Unterschriften sammeln, demonstrieren, Menschen helfen, Häuser bauen, bei Umzügen helfen, Wohnungen suchen, mich vor Menschen stellen, denen Gewalt angetan werden soll. Außerdem kann ich Gebäude besetzen, Sitzblockaden machen und mit aktiven Handlungen etwas leisten, dass unsere Gesellschaft etwas besser wird.

Ich brauche keine toll zusammengestellte Regierung, um in einem guten Land zu leben. Ich brauche gute Menschen. Und gute Menschen sind welche, die gut handeln. Was sie dabei reden ist mir nicht egal, aber wird immer gemessen sein an dem, was sie tun. Und ich bin mir sicher, dass die Energie einer Mehrheit die sich um gutes Handeln bemüht größer ist, als das Feuer in den Worten einer Minderheit.

Die AfD ist kein Gespenst, sie ist ein Kontrahent. Anstatt uns ohnmächtig gegenüber Gedanken, Optionen, Szenarien und einer Mythologie zu sehen, möchte ich gegen jede Handlung eine andere Handlung setzen. Das können wir. Wir sind fähig. Wir können moralisch gut und politisch handeln und unseren Alltag gestalten, auch wenn eine Partei zu viele Sitze im Parlament hat.

Mein Wunsch ist, dass ihr eure Energie nehmt und euch etwas vornehmt, wie ihr der AfD entgegen steht. Handlungen besiegen jede fragwürdige Aussage an jedem Tag.

Jetzt ist eh zu spät

Der Hartmann | 25.09.17 | / | Kommentieren
Es ist der 24. September 2017.
Der Tag der Bundestagswahl und es flimmern die ersten Hochrechnungen und Prognosen über die Bildschirme.
Platz 1 und 2 sind geschenkt, das war schon vor der Wahl klar. Angela Merkel kriegt noch einmal vier Jahre als Bundesmutti und Martin Schulz geht mit Pauken und Trompeten unter.
Doch dann kam das, was Viele befürchtet haben: Die AfD als drittstärkste Kraft.

Vorne weg: Ich finde das alles andere als gut und hätte mir sogar lieber Fußpilz auf den dritten Platz gewünscht, da die AfD eine Partei ist, die genau entgegen meiner Prinzipien arbeitet:
Als Kritik getarnter Fremdenhass, ein fehlender Gemeinschaftssinn, fehlende Toleranz, widerlicher Populismus und auf billigen Klischees und Vorurteilen basierendes rechtes Gedankengut.
Mir wird schon beim Gedanken an die AfD schlecht, von ihren ekelhaften Wahlslogans, die nun zu lange das Straßenbild prägten, mal abgesehen.

Auf Facebook schreiben nun viele AfD- Gegner, dass jetzt die beste Zeit zum Auswandern wäre, was selbstredend nicht allzu ernst gemeint ist.
Aber dennoch wäre das der genau falsche Weg.

Zunächst, das Ergebnis war alles andere als überraschend. In einer Welt, die immer brauner wird, in der Donald Trump die Führungsorange der USA geworden ist, in der Viktor Orbán mit seinem Antiflüchtlingsdenken der EU auf der Nase rumtanzt oder eine Front National in Frankreich so grade eben scheitert (wohlgemerkt im 2. Durchgang), ist es nicht verwunderlich, dass auch die braunen Hetzer in Deutschland derart absahnen bei der Wahl.

So unpopulär ich mich jetzt vielleicht mache, aber ich glaube, dass wir uns das teilweise selbst zuzuschreiben haben. Als die AfD damals gegründet wurde, ist sie belächelt worden, hat aber immer mehr Zuspruch gefunden. Der kleine Mann hat sich verstanden gefühlt, die Finanzhilfen für Griechenland waren einigen Mitbürgern schon länger ein Dorn im Auge.
Man hat allerdings, so war mein Empfinden jedenfalls, nie wirklich versucht, einen lösungsorientierten Dialog zu führen, sondern es immer nur wegzureden versucht und die Leute als Spinner abgetan. Man hat sie schlichtweg nicht ernst genommen.
Dass daraus Frust und noch mehr Wut entsteht, war eine logische Konsequenz. Und das hat die AfD sich zu nutzen gemacht und ist mit großem Gefolge nach rechts abgedriftet.
Die immer größer werdende Unzufriedenheit hat die AfD instrumentalisiert und die Menschen in ihrem Glauben bestärkt, dass sie ungerecht behandelt werden, die Flüchtlingskrise hat ihr Übriges getan. Auch daraus hat die Partei Kapital geschlagen und ihre blaubraune Soße in die Köpfe der Menschen gekippt, sodass plötzlich viele glaubten, ihnen würde was fehlen und die Schuldigen wären die Geflüchteten.
Wir wissen alle, dass das Mumpitz ist und es den Leuten unter anderem wegen einer schlechten Politik an Dingen wie einer vernünftigen Rente oder anderer staatlicher Unterstützung fehlt.
Daran sind allerdings nicht die Flüchtlinge schuld, sondern so manche Partei, denen wir Dinge wie die schwarze Null, Hartz IV oder das Kaputtmachen der umlagefinanzierten Rente zu verdanken haben. Auch die immer größer werdende Kluft zwischen arm und reich und die immer größer werdende Armut in diesem Land, sind nicht den Flüchtlingen in die Schuhe zu schieben. Das läuft an ganz anderen Stellen schief.

Doch all das liegt in der Vergangenheit. Die Wahl ist gelaufen und es ist zu spät. Der rechte Keim, der bei Vielen im Kopf verbuddelt war, keimt jetzt auf.
Allerdings sind wir jetzt gefragt, dass wir den Schaden so gering wie möglich halten.
Wir müssen die Fahne der Toleranz so hoch halten, wie wir können und dem rechten Pöbel zeigen, dass sie nur ein kleiner Teil des Volkes sind und dass wir für uns selber sprechen. Dass unsere Stimme lauter ist! Dass wir rechtes Gedanken"gut" weder hinnehmen, noch akzeptieren.
Wir müssen zusammenhalten und uns nicht auf widerwärtige AfD-Rhetorik einlassen, die Gauland, von Storch und wie die nicht alle heißen von sich geben (und sich hinterher wieder von distanzieren). Wir müssen zeigen, dass Fremdenhass hier in Deutschland keinen Platz hat. Auch nicht im Osten, wo es No-Go-Areas für Menschen mit Migrationshintergrund gibt. Wo Menschen wegen ihrer Herkunft beleidigt oder auf die Intensivstation geprügelt werden
Wir dürfen weder wegschauen, noch weghören, wenn Nazis und "besorgte Bürger" gegen Asylsuchende oder Menschen mit Migrationshintergrund pöbeln oder sie sogar angreifen.
Denn wir in Deutschland leben von Multikulturalismus. Hass hat in diesem Land schon zu viel Schaden angerichtet und das darf sich nicht mal ansatzweise wiederholen.

Also tut mir einen Gefallen: Steht auf und zeigt dem Hass, dass wir uns von ihm nicht unterkriegen lassen und immer für unsere Prinzipien der Freiheit, der Demokratie und der Weltoffenheit einstehen!
Hass gehört nicht zu Deutschland!