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Weststadtstory - Für eine Hand voll Anekdoten

Jay Nightwind | 24.05.18 | / / | 4 Kommentare
Die hier beschriebene Reihenfolge der Ereignisse ist nicht vollständig chronologisch, was im Kern am mittelmäßigen Gedächtnis des Autoren scheitert.



"Das klingt mir alles viel zu kompliziert, du machst das! Es ist Donnerstag, Montag habe ich ein Konzept von dir in meinem Emailpostfach.", so stellt Heinz mich vor die Tür vor der Weststadthalle und jetzt habe ich also scheinbar einen eigenen Poetry Slam, ohne, dass ich das jetzt und so und überhaupt mal geplant hätte.

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Gabriel, irgendwann 2012
Die Dynamik mit Hermann und mir auf Slams war recht einfach. Ich trete auf, wir hängen nicht im Backstage rum und ich beteilige ihn am damals recht üblichen Freibier. Währendessen nehmen wir nichts ernst, machen zynische Anmerkungen zur Moderation, freuen uns aber auch, wenn ein guter Gedanken und ein kluger Scherz dabei sind. In Wirklichkeit nehmen wir aber auch nur für einen Abend später in meiner WG Anlauf, bei dem wir trinken und zocken. Diese Austrahlung hat uns plötzlich zwei weitere Gäste an unserem Tisch beschert.

Gabriel und Tobi sind mit einem Deutschkurs von der Schule da. Tobi knipst schon den ganzen Abend wie ein Berserker mit seiner Kamera, Gabriel war genötigt an dem Slam teilzunehmen. Rückblickend glaube ich, dass sie von Hermann und mir getriggert waren, weil sie das Konzept Bier & Zynismus überzeugte. Als sich herausstellt, dass die Beiden aus Essen sind, wird eine kleine lose Bekanntschaft daraus.

Als feststeht, dass ich einen eigenen Slam organisieren soll, nehme ich meine Erfahrungen aus dem Jugendverband, was dazu führt, dass ich das nicht alleine machen will. Auch wenn es nicht ganz so war, werde ich bis an mein Lebensende behaupten, dass die Rekrutierung von den Jungs so ein Ocean's Eleven Moment war.

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Tobi Katze, Ilja Budnizki und Johannes Floehr fragen mich, ob ich sie verarschen will? Die riesige Halle, die stehend für über 1000 Menschen Platz bietet, ist unser "Backstage". Die drei packen ihre Taschen zur Seite, machten sich darüber lustig und still und heimlich formuliere ich ein erstes Mal, vielleicht nur in meinem Kopf, dass ich irgendwann mal mit dem Slam auf die große Bühne möchte.

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Thomas, 2011
Im Wohnzimmer seiner Mutter hängt ein Bild, wie er mit Sonnenbrille und Pseudomikrofon
irgendjemanden pseudointerviewt. Als ich ihn kennengelernt habe, hat er mich unter seine Flügel genommen. Sonst hätte ich in der Jugendhaus-Clique keine Überlebenschancen gehabt. Dann sind einige Jahre vergangen. Nachdem Thomas mich viele Jahre gepusht hat und ein guter Freund ist, war klar, dass ich dieser Rampensau ohne eigenes Gehege eine Spielwiese geben muss. Gut, dass ich zufälligerweise jetzt diesen Slam hatte. Thomas steigt mit ins Team ein.




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Jay, 201X
Witzigerweise war ich in Hamburg auf dem Zeiseslam von Kampf der Künste. Die Veranstaltungsagentur macht riesige Schiffe von Slams. Ich hatte mich in einem Urlaub in eins der Line-Ups mogeln können. Ich war schon ausgeschieden, als ich auf mein Handy schaute. "Es ist Irrsinn. Wir müssen in der Halle Stühle stellen." - "Jan, wie krass. Es sind so viele Leute da!"
Es ist natürlich beißende Ironie, dass das passiert, als ich nicht da bin. Später wird immer wieder betont, wie krass das war und wie großartig, dass alle Zuschauer geholfen haben, in der Halle noch die Stühle zu stellen.

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Sven Golze lächelt, droht mir trotzdem eine dicke Schelle an. Und das noch während der Film für unser Saisonfinale anläuft. Nach dem Zuschauerrush war klar, dass wir ein dickes Finale in der Halle anbieten wollen. Und das wir das irgendwie ein bißchen anders machen wollen, als andere Slams. Nicht viel. Nur einen Hauch. Am Ende der ersten Saison gab es ein nettes kleines Making-Of, produziert von Stephan Krahwinkel. 
Diesmal haben wir dicker aufgefahren. Auch weil Stephan Lust hatte was richtiges zu drehen und ich bei der WSS die Basis dafür gesehen habe. Entstanden ist unsere Hommage an "Hangover". Inklusive der sanften Täuschung an unserem Publikum und unseren Slammer*innen, dass ich der Einzige vom Team wäre, der fürs Finale da ist.
Als ich auf der Bühne vortäusche, dass ich nochmal das Team anrufe, ist wirklich spürbar Anspannung im Raum. Als der Film beginnt, die Deckung fällt, verändert sich die Luft im Raum spürbar. Ich kann das nicht beschreiben, ich würde heute sagen, es war so, als hätten alle wieder ausgeatmet. Danach hatten wir ein spektakuläres Finale.

An dieser Stelle möchte ich herzlichst Michael Meier und Luigi Aiello danken. Die beiden Veranstalterkollegen haben sofort und mit voller Inbrunst ihre Unterstützung angeboten, wollten Jobs übernehmen und kannten unseren Slam gut genug, dass sie eine große Hilfe gewesen wären. Tut mir leid, dass wir euch angeflunkert haben. Es war aber sehr schön unerwartet diese Solidarität zu spüren.

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Weil wir keine (Sommer-)Pause haben wollen, denken wir uns einen Lehrer-Schüler-Slam aus, die Idee ist großartig und wird nach diesem Beitrag (hoffentlich) geklaut. Schüler*Innen treten gegen ihr eigenes Lehrpersonal in einem Textwettbewerb an. Leider erkennt, trotz Berichterstattung in der Zeitung und Briefe an alle Essener Schulen, keiner das Potential.
Da wir keine Alternative haben, nutzen Thomas und ich die gemeinsamen Pausen im gemeinsamen Job, um uns ein Format auszudenken. Die gemischte Tüte wird in einer geistigen Nacht-und-Nebel-Aktion erfunden und gestaltet. Aus dieser entstehen im Laufe der Jahre zwei Improvisationstheater-Gruppen. Finden wir geil. Hallo Improffesionell!

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Wir wundern uns, dass es diesmal keine Plakate von uns in den Stromkästenflächen der Stadt Essen geben wird. Die Erklärung irritiert uns, auch wenn sie heimlich ein Kompliment an uns ist: Man hat Angst, dass zu viele Zuschauer*Innen kommen und wir welche wegschicken müssen. Daher reduzierte Werbung.

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Na gut. Irgendwie hatten sie ja auch recht. Wir streamen dann mal im Finale das Bühnenbild in den Vorraum. Der Zulauf ist Irrsinn.

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Wir stehen auf der Bühne, es gilt Startplatz Acht aufzurufen. Der Künstler ist nicht erschienen, wir improvisieren. "Ist zufälligerweise jemand im Publikum, der einspringen möchte?" Links im Publikum geht überzeugt eine Hand hoch. Miriam Jagdmann bekommt viel später den Titel unserer "Alpha-Slammerin", nicht ahnend, dass sich irgendwo am Horizont der Slamszene die Slamalphas formieren. Sie ist unsere erste Homeslammerin.

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Zenator Yen, Mukke vom feinsten
Ein Jahr später. Es gilt einen Startplatz aufzurufen. Der Künstler ist nicht aufgetaucht. Wir riskieren es wieder und fragen von der Bühne aus, ob jemand einspringen will. Links im Publikum geht überzeugt eine Hand hoch. Ich bin mir sicher, dass es der selbe Sitzplatz ist wie ein Jahr zuvor. Benjamin Poliak steigt in den Wettbwerb ein, macht einen Text, der viel zu lang ist und muss disqualifiziert werden, weil er keine weiteren Texte im Gepäck hat. 2016 und 2017 wird er deutschsprachiger U20-Meister. Wir sind stolz. Bei uns debütieren ganz schön krasse Leute.

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Im Rahmen eines intensiven Kennenlernens, begleitet mich eine Bekannte zu diversen Slams. Sie hat mit Bühnenliteratur nicht so viel am Hut, schaut sich aber neugierig immer alles an. Als Ruhrgebietsbloggerin hat sie auch einen geschulten Blick auf Veranstaltungen und sie ist bekannt dafür, Trends zu erkennen, bevor sie welche sind. Bei uns kam sie da zu spät, aber als ich laut sage, dass ich gar nicht so ganz verstehe, weshalb wir so anders wahrgenommen werden, hat sie eine These.
Publikum und Fabian F.

Sie sagt, dass auf anderen Großveranstaltungen das Team und die Künstler*Innen hinter einer Wand verschwinden. Im Vorlauf, in der Pause und nach dem Gig, sind alle Durchführenden im Backstage. Wir laufen hingegen mit unseren lächerlich grellen Shirts durchs Publikum, sind ansprechbar und unterstützen alle. Wir weisen auf die kürzeren Toilettenschlangen im Nebenraum hin, machen Scherze mit den Zuschauer*Innen und organisieren noch Kleinkram während der Fahrt. Wir sind nicht besonders krass sage ich heute, wir sind echt, sagt sie damals. Was für uns damals selbstverständlich war, ist heute für mich Mission. Ich möchte Stammzuschauer*innen Hände schütteln und Fragen beantworten. Ich möchte nah sein.

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"Ey, die anderen Slams machen Sommerpausen." - "Geil. Lass das auf keinen Fall auch machen, weil wir Pausen hassen." - "Aber wir hassen Pausen doch gar nicht." - "Schweig, Narr!" Okay. Dann machen wir halt im Sommer Formate, die nicht so ganz Slam sind. Und zwar über die Jahre einen ganzen verrückten Strauß.

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Thomas ist der eher wirtschaftliche Denker von uns. Es wirkt manchmal so, als würde er glauben, Wachstum wäre unendlich. Ich weiß, dass das so nicht ist. Sowohl, dass er das nicht glaubt, aber auch, dass es nicht unendlich ist. Trotzdem redet er mit Feuereifer davon, das Finale noch größer zu machen, den Slam noch größer zu machen. Wenn Essen ca. 500 000 Einwohner*innen hat und jeden Monat etwa 500 davon zu uns kommen, ist das nicht mal ein Prozent. Irgendwann redet er davon, weil es kaum gute Orte gibt, an die wir hinwachsen könnten, dass er in die Gruga-Halle mit dem Slam will. Während wir anderen sagen, dass das unendlich schwer wird, macht Thomas sich auf den Weg in geheimen Netzwerken. Plötzlich haben wir 2017 einen Sommerslam im Musikpavillion des Gruga Parks. Plötzlich ist die GrugaHalle gar nicht mehr so weit weg.



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Während Gabriel einen Fabian rekrutiert, da wir erkennen, dass wir mit der ganzen Arbeit der Videos überfordert sind - Immerhin betreiben wir inzwischen einen der größten Poetry-Slam-Kanäle auf Youtube - spricht uns seit Monaten immer ein Fabian auf unserem Slam an, dass er liebend gerne unser Team ergänzen würde. Plötzlich haben wir ein Medien-Team. Foto, Video, Social Media. Irgendwie machen wir schon lange nicht mehr nur Slam. Sind wir jetzt erwachsen?

Die ganze Truppe, Tommy, Gabriel, Fabian B., Fabian F., Moi, Tobi
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Wir sind stolz aus das, was wir aufgebaut und geleistet haben. Dieser Beitrag hier entsteht. Die einzelnen Momente sind nicht in richtiger Reihenfolge, Jahreszahlen verschwimmen. Lang ist noch nicht alles erzählt.

Wenn Andy Strauß das Singen anfängt

Jay Nightwind | 25.04.18 | / / | 1 Kommentar
Eine Review zu einem einmaligen Event.

Meistens gucke ich mir vorher nicht an, was auf dem Programm steht. Ich wusste, dass ich die Lesebühne LMBN sehen werde, im Konzerthaus Dortmund. LMBN sind Andy Strauß, Sebastian 23, Jan-Philipp Zymny, DJ Nachtfalke, Sulaiman Masomi und der Livepainter Artur Fast. Seit einer von mir nicht recherchierten Zahl Jahren zerflexen die Jungs mit Texten, Musik und dazu entstehenden Bildern diverse Städte und Bühnen, der Ruf der sehr guten Qualität eilt massiv voran. Da mir "LMBN anschauen" in meiner Sammlung fehlte und Neugier meine Lieblingsgier ist, saß ich also am 23.04.2018 im Konzerthaus und hatte nur eine grobe Ahnung, was da so auf mich zurollt.

Die Social-Media-Fast-Food-Plattform Instagram informierte mich per Stories, dass es ein Auftritt mit Orchester wird. Fuck! Ich weiß nichts über klassische Musik, nichts über Musik im allgemeinen und strenge seit Monaten immer wieder den selben Witz an: Ich weiß nicht mal, an welchem Ende mensch in die Gitarre reinpusten muss! Okay, ich musste ja nur zuhören und nicht mitspielen.

Trotzdem hatte ich Angst, dass ich möglicherweise nicht verstehe, wenn etwas sehr sehr toll ist. Ich hoffte auf die magische Kraft der Musik. Diesen Moment, wo einfach das transportierte Gefühl jede notwendige Vorkenntnis ersetzt. Das ist wie bei einem Wein: Manche erkennen feine Geschmackslagen, andere sind froh, wenn er ordentlich reinballert.

Nicht nur für mich sollte der Abend ein Experiment werden. Die Show unternahm den Versuch, Ibsens Geschichte des Peer Gynt zu erzählen. Und hier beginnt eine wundervoll verrückte Kette. "Peer Gynt" war als Gedicht geschrieben. Wurde zu einem Bühnenstück. Wurde von zwei Komponisten mit Musik bestückt. Einige der Stücke daraus wurden zum "Atemlos" ihrer Zeit. Jetzt beschloss mensch, auf diese Stücke die Poetry Slammer die Geschichte mit neuen Gedichten, Kurzgeschichten und Nummern neu zu erzählen. Zusammen mit einem digitalen Pixelschieber aus der absoluten Kunst-Champions-League. Wir sind gerade in einer so hohen Etage der Meta-Ebenen angekommen, dass ich von hier mein Haus sehen kann.

Jetzt kommen wir an dieser Stelle an, an der ich nicht so gut bin. Ein Journalist würde jetzt faktisch ein paar Ereignisse des Abends aufzählen. Klar, es gab Gedichte, einen Raptext und Andy Strauß hat - auch zu seiner eigenen Überraschung - sehr toll gesungen, aber so eine Aufzählung wird nicht der gesamten Breite des Ereignisses gerecht.
Nicht aus meiner Sicht, der von einem, der selbst seit vielen Jahren im Wortsport mitspielt. Für mich war es eine Inspiration, die Bestätigung, dass was wir da machen nicht nur eine sympathische studentische Subkultur ist, sondern es möglich ist, mit den Worten größte Kunst zu machen. "Hochkultur!" , würden sie silberhaarigen Hochkulturprofis mit Theaterabo sagen. "Die Essenz!", würde ich sagen. Gänsehaut beim Spiel des Orchesters, gelacht über das Spiel mit den Worten, gestaunt über die Kunst des Malers, gefeiert. Ich habe einfach alles gefeiert. Denn dafür gehen Menschen auf die Bühne, für dieses Spiel, für diesen Flow, für die volle Kraft der Kreativität.

Wisst ihr, was das Unfaire an dieser "Review" ist? Die Show war einmalig und auch so angelegt. Selbst wenn ich euch hier vorschwärme, werdet ihr euch keine zweite Vorstellung angucken können. Also, vielleicht doch. Angebot und Nachfrage gelten natürlich auch in der Kunst. Wenn also jetzt das Konzerthaus mit Anfragen geflutet wird, dann könntet ihr vielleicht Glück haben. Aber selbst wenn nicht, dann ist das hier nicht nur mein Aufruf, dringend zu LMBN zu gehen, sondern auch mein Wunsch, dass ihr offen und neugierig seid. Neugier ist ein fantastische Gier, folgt ihr. Zum Beispiel ins Konzerthaus, wenn ein Orchester, vier Slampoeten, ein DJ und ein Maler aufeinander treffen.

How to Slam - Bühnenpersönlichkeit

Jay Nightwind | 09.04.18 | / / | Kommentieren
Wrestling ist eine hochintelligente Performancekunstform. "Ist es nicht, Wrestling ist faker Unsinn und verstumpfende Gewaltverherrlichung!", sagst du jetzt und das ist vielleicht wahr, aber ganz sicher ein Vorurteil. Vorurteile sind aber gar nicht mal so schlimm, wir müssen nur einen Schritt weiter in die Tiefe gehen. Hinter einem Vor-Urteil liegt ein Urteil und das nutzt uns mehr. Dafür braucht es aber einen Prozess.

Warum bringe ich überhaupt Wrestling mit ins Spiel, es geht doch darum, wie Poetry Slam funktioniert? Die These, dass beide Kunstformen sich näher sind, als uns lieb ist, verfolge ich schon etwas länger. Was uns aber heute besonders interessiert ist die Arbeit mit dem, was im Wrestling als "Gimmick" bezeichnet wird, im Slam aber keinen eigenen Begriff hat. Ich nenne es für diesen Beitrag die "Bühnenpersönlichkeit". 

Wenn wir auf die Bühne gehen, haben wir eine Mission. Die bringen wir uns selbst mit. Manche wollen unterhalten, andere einen Denkanstoß geben, wieder andere wollen beeindrucken. Um diese Mission zu erfüllen, haben wir uns bei einem Slam angemeldet, einen Text geschrieben und uns auch überlegt, wie wir das alles zusammen vortragen wollen. Wir versuchen begünstigende Faktoren für unsere Mission zu schaffen.

Wenn wir beim Slam auf die Bühne gehen, haben wir schon, ohne auch nur ein Wort gesagt zu haben, einen Eindruck gemacht. Unser Aussehen, unsere Kleidung, der Name mit dem wir anmoderiert werden, unsere Körperhaltung, unsere Bewegung und noch andere Faktoren wecken bei den Zuschauer*Innen einen Bekannten aus dem Intro: Vorurteile. Vorurteile sind aber grundsätzlich nicht schlecht, sie sind nur dann schlecht, wenn sie uns schaden. Wenn wir uns aber damit auseinander setzen, was wir auf der Bühne zeigen und sind, können wir damit unsere Mission unterstützen.

Die meiste Zeit sind wir einfach wir selbst. Wir tragen, was wir auch heute in der Uni oder Schule anhatten, viel mehr dürfen wir ja auch gar nicht mitbringen, denn Requisiten sind ja in der Regel verboten. Wir sind ja aber zum Glück nicht nur unsere Oberfläche, sondern auch unser Inneres. Deshalb sind wir oft nach einem stressigen Tag auch am Mirkofon ein bißchen matt, ja manchmal sagen wir sogar, dass heute "einer dieser Tage" ist. Damit lenken wir den Eindruck, den das Publikum von uns hat.

Im Wrestling ist diese Lenkung überdeutlich. Eines der berühmtesten Gimmicks ist der Undertaker. Er trug lange Mäntel, redete wenig, bewegte sich langsam, hatte hauptsächlich schwarze Kleidung an, war immer recht blaß und stellte eine mythische Figur da, die stark mit dem Tod verbunden sein sollte. Durch sein Auftreten als großer Dude, wirkte er zwangsweise sehr mächtig. Dadurch entstanden sofort Erwartungen, wenn die Zuschauer*Innen ihn erblickten, ja sogar, wenn nur seine Musik gespielt wurde. Die Person hinter dem Undertaker war aber mitnichten eine mythische Figur, sondern ein ganz okayer Dude, der gerne Motorrad fährt und zurückgezogen lebt.

Auch im Poetry Slam gibt es prominente Beispiele für Personen, welche ein fiktionale Bühnenperson bemühen. So ist Nico Semsrott über Jahre hinweg mit schwarzem Kapuzenpullover und langsamer Sprechweise zu einer überspitzen Version eines Vorurteils geworden. Er wirkt lethargisch und depressiv, was ihm beim Vortrag seiner Texte dann einen zusätzlichen Multiplikator auf seine Pointen gibt, welche sich ebenfalls mit diesem Thema beschäftigen.



Michael Goehre hat den Ruf des Metalbeauftragten der Poetry Slam-Szene. Da er selbst auch der Metal-Szene angehört, trägt er auch die subkulturellen Erkennungszeichen. Lange Haarpeitsche, Bandshirts und so weiter. Das hat ihm nicht alleine seinen Titel verschafft. Er nimmt Metal als Thema in Texten auf, bemüht Begriffe der Subkultur in seinen Texten. Dadurch ergibt sich ein stimmiges Bild, ein vollständiges Gimmick, wenn mensch so will.

Bedeutet dass, die Beiden sind fake, so wie Wrestler-Gimmicks?
Nein.
Es bedeutet, dass sie Entscheidungen getroffen haben. Sie haben sich entschieden, was sie auf der Bühne darstellen wollen und wieviel bzw. welche Geschichte sie schon erzählen wollen, bevor sie mit ihrem Text beginnen. Niemand ist besser, weil er oder sie ein Gimmick verwendet. Es wird dann zu einer nützlichen Fläche, wenn Bewusstsein entsteht. So kann es auch sinnvoll sein, Handlungen auf der Bühne zu vollziehen, die entgegen dem stehen, was die eigenen Vorurteile hergeben. Sprich: Es ist eine große Überraschung, wenn der Metal-Beauftragte der Slamszene aufeinmal einen Rap-Text macht. Das Vorurteil zerschlagen wird zum Teil des Erlebnisses.

Sich seines Gimmicks bewusst zu werden ist auch deshalb sinnvoll, weil es Selbstbewusstsein erzeugt. Denn auch ohne eigene Konstruktion eines Bühnencharakters, entsteht dieser bei den Zuschauer*innen automatisch. Das lässt sich auch nur schwer verhindern. Wenn wir eine Person sehen, vergleichen wir sie mit allem, was wir wissen. Daraus leiten wir ein Urteil ab. Wenn wir uns unserer Wirkung bewusst machen, gewinnen wir an Kontrolle auf der Bühne. (Wie immer gilt: Neutrale Beobachtungen sind der Schlüssel, nicht Selbstbewertungen.)

Natürlich sind Requisiten beim Slam nicht erlaubt, da der Text im Fokus stehen soll. Trotzdem wird die Entscheidung im Fussballtrikot, in einer Trainingsjacke, in Metalkutte oder ohne Kleidung (Hallo Jan Schmidt!) beeinflussen, was die Zuschauer*innen über uns denken. Ob wir Texte machen, die unsere Darstellung unterstreichen, ihr widersprechen oder damit spielen, vervollständigt dieses Bild. Wichtig ist es zu wissen, welche Person, welches Gimmick, welche Bühnenpersönlichkeit wir darstellen wollen.



How to Slam: Schreibübung "Welt ohne"

Jay Nightwind | 26.03.18 | / / | Kommentieren
Im kreativen Prozess geht es darum, für ein Problem eine neue Lösung zu finden. Diese Lösung muss für einen selbst neu sein. Wer Glück hat, findet so sogar eine Idee oder einen Ansatz, der für die ganze Welt neu ist. In einer Welt wie der heute, die so gut dokumentiert ist, in der es so vieles schon gibt, ist es manchmal schwer eine gute Idee zu haben. Die Welt ist progressiv und entwickelt sich jeden Tag weiter, aber was wäre eigentlich, wenn der moderne Mensch sich rückwärts entwickeln müsste? Und was passiert, wenn wir das als Grundlage der für eine Schreibübung nehmen?

Schreibübung: Was wäre wenn?

Als Schreibübung ist diese Fragestellung immer gut, auch zur Themenfindung. Das Verschieben der Realität ist eine gute Grundlage um kreativ zu werden. Einfach, weil unsere Denkstrukturen genau so funktionieren. Wenn wir Wissen erwerben, gleichen wir immer das uns Bekannte mit den Sachen ab, die dieses Bekannte herausfordern. Wenn wir jetzt also eine bekannte Welt herausfordern, sind wir gezwungen unser Wissen zu nutzen und daraus eine neue Ordnung zu erschaffen. Ordnung ist für uns wichtig, weil wir sonst dezent verrückt werden, wenn die Welt für uns keinen Sinn ergibt.

Was wäre also, wenn unsere Häuser aus Lebensmitteln bestehen würden? Was wäre, wenn Politiker nicht gewählt, sondern ausgelost würden? Was wäre, wenn morgen der allerbeste Tag meines Lebens wäre?

Die Fragen in sich erzählen noch keine Geschichte, aber so bald wir versuchen uns in eine dieser alternativen Welten einzudenken, kommen neue Fragen und Gedanken auf, die es uns erlauben anzufangen. Wir können anfangen diese neue Welt den Menschen zu beschreiben, die in der "alten Welt" leben. Ganze Romane und Genres basieren auf diesem Gedanken und erfreuen sich größtem Erfolg.

Schreibübung: Welt ohne
Ich für meinen Teil habe angefangen die "Was wäre wenn"-Übung anzupassen. Bei "Welt ohne" verwende ich einen Pool an Dingen und Errungenschaften, die ich mir auf Zettel geschrieben habe. Bevorzugt habe ich Sachen, die in unserem Leben inzwischen vollkommen selbstverständlich sind; Strom zum Beispiel.
Wenn ich anfange zu schreiben, ziehe ich nun einen dieser Zettel und fange an mich damit zu beschäftigen, wie unsere Welt aussehen würde, wenn diese Sache nicht mehr existieren würde. Manchmal sind es Dinge, bei denen ich mir einfach vorstelle, dass es sie ab morgen nicht mehr gibt. Das hat den Vorteil, dass ich nicht eine vollständiges neues Universum konstruieren muss, sondern die existierende Welt, in der ich mich ja ganz gut auskenne, für mich nutzen kann. Gelegentlich tilge ich aber eine Sache ganz aus unserer Geschichtschreibung. 

Um einen Einstieg ins Schreiben zu finden, arbeite ich von "klein" nach "groß" und mache mir Notizen. Zum Beispiel mit folgenden Fragen:

- Was beudetet diese Veränderung für meinen Alltag?
- Was verändert sich in meinem Leben dadurch?
- Was für Unterschiede macht das in meinem Freundeskreis?
- Wie schlägt sich das auf meine Stadt nieder?
- (Was passiert mit einem Staat, nach der Änderung?)

Von da steige ich in eine Erzählung ein, basierend auf der für mich spannensten Unterscheidung zu unserer reallen Welt. Oft bleibe ich dabei in meiner Perspektive, manchmal wähle ich aber Textformen, die es erlauben anders zu erzählen. Die letzte Frage steht in Klammern, weil sie manchmal für die Erzählung einfach zu groß ist.

"Welt ohne" gestaltet sich dabei für mich nicht nur als interessante Schreibübung, sondern zeigt sich auch als gute Reflektionsübung. Natürlich mache ich mir bestimmten Luxus meines Lebens beim Umreißen und Schreiben sehr bewusst. Da natürlich kreatives Arbeiten immer auch Kopfarbeit ist, kann es nicht schaden, wenn dort alle Muskeln geflext werden.

Schreibaufgabe:
Ich möchte hier natürlich nicht nur Methoden vorstellen, sondern auch praktisch umsetzen. Das läuft ganz einfach: Wenn eine Übung vorgestellt wird und ihr sie ausprobiert, dann schickt uns euer Ergebnis zu. Gerne dürft ihr auch als Kommentar anfügen, was euch leicht gefallen ist, was schwer und wie ihr mögliche Hindernisse der Methode für euch gelöst habt. Wir veröffentlichen einige der eingesandten Ergebnisse und geben dazu ebenfalls Kommentar und Feedback ab.

Wenn ihr uns also etwas schicken wollt, dann packt eure Ergebnisse, ein Foto von euch (das wir dann verwenden dürfen), einer Ein-Satz-Biografie und den Links zu eurem Online-Zuhause in den Anhang einer Mail, die ihr dann an Nachtwindteam bei googlemail.com schickt.

Wir versprechen keine Veröffentlichung und auch keine kommentierte Antwort, versprechen aber uns zu bemühen. Einsendeschluss ist zwei Wochen nach Veröffentlichung dieses Beitrages.

How to Slam: Schreibübung "Automatisiertes Schreiben"

Jay Nightwind | 12.03.18 | / / / | Kommentieren
Wenn man eine Sache oft genug macht, dann wird sie zur Gewohnheit. Das haben wir bei "How to Slam" schon mal etabliert gehabt, kennen wir aber auch aus dem Alltag. Was wir erst als Pflicht empfinden, zum Beispiel jeden Morgen sein Bett zu machen, wird irgendwann eine Ritual und Automatismus. Es wird von mal zu mal leichter.

Beim Schreiben und anderen künstlerischen bzw. schöpferischen Tätigkeiten ist das ganz ähnlich. Durch die Wiederholung fällt es uns leichter. Allerdings steigen gleichzeitig auch unsere Ansprüche. Durch unser Wissen über ein Handwerk erlangen wir die Fertigkeit, Arbeiten diesen Feldes kritisch zu betrachten. Auch unsere eigene. Wenn dann der Anspruch einmischt, eine "originelle" oder "gute" Idee zu haben, kann es passieren, dass wir den Prozess verdrehen. Die Kritik kommt zum Tragen, noch bevor wir experimentieren oder produzieren. Das Ende vom Lied. Im Wahrsten Sinne. Denn wir spielen keine einzige Note, bringen keine Worte in den Text.

Mit Hilfe des "Automatisierten Schreibens", wollen wir dieses "kritische Ich" ausschalten und den Arbeitsprozess so aufstellen, dass die Kritik ganz ganz am Ende kommt. Ursprünglich wurde diese Methode in der psychiatrischen Behandlung verwandt. Menschen wurden in einen Zustand der Trance oder Halbschlaf versetzt und bekamen die Aufgabe, alle ihre Gedanken aufzuschreiben. In diesem Zustand waren die kritischen Regeln der echten Welt ausgeschaltet. Durch die ungefilterten Notizen versuchten behandelnde Psycholog*Innen zu erfahren, was ihre Patienten umtreibt.

How to "Automatisiertes Schreiben":
- Zu ersteinmal wird empfohlen, ein analoges Schreibmittel zu verwenden. Stift und Papier erfüllen diesen Zweck vollständig.
- Kritik entsteht oft auch da, wo wir Regeln erkannt wurden. Fürs automatisierte Schreiben trennen wir uns von Rechtschreibung, Grammatik, Stilvorgaben und versuchen uns auf die spontanen Einfälle unseres Kopfes zu verlassen.
- Egal was unser Kopf uns hinwirft, wir schreiben uns das G anze sofort auf. Im besten Fall bemühen wir uns, niemals den Stift abzusetzen und immer weiter zu schreiben. Da es keine Regeln für uns gibt, gibt es kein richtig/falsch /gut/schlecht. Die Einfälle sind erstmal das, was sie sind: Einfälle.
- Stift in die Hand, starten!


Als Basis für Textarbeit ist diese Methode nicht nur sehr zu empfehlen, sondern auch von sehr prominenten Künstler*Innen eingesetzt worden. Wer seine Einfälle zu einem geschlossenen Text hocharbeitet, bekommt einen "Stream of Conciousness"-Text. Einen Strom der bewußtgemachten Gedanken.

Es entsteht - in meiner Wahrnehmung - eine Art intellektuelles Maschinengewehr, welches mit hohem Erzähltempo und großer Dichte an Gedanken Zuhörer*Innen nah am Text hält, da ein kurzes Aussteigen zur Folge hat, das etwas verpasst werden könnte. Bekannte Slam-Poet*Innen die mit diesem Stil auf der Bühne arbeiten sind Miedya Mahmod, Sven Hensel und Benjamin Poliak.

Quellen:
- https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%89criture_automatique


Schreibaufgabe:
Ich möchte hier natürlich nicht nur Methoden vorstellen, sondern auch praktisch umsetzen. Das läuft ganz einfach: Wenn eine Übung vorgestellt wird und ihr sie ausprobiert, dann schickt uns euer Ergebnis zu. Gerne dürft ihr auch als Kommentar anfügen, was euch leichtgefallen ist, was schwer und wie ihr mögliche Hindernisse der Methode für euch gelöst habt. Wir veröffentlichen einige der eingesandten Ergebnisse und geben dazu ebenfalls Kommentar und Feedback ab.

Wenn ihr uns also etwas schicken wollt, dann packt eure Ergebnisse, ein Foto von euch (das wir dann verwenden dürfen), einer Ein-Satz-Biografie und den Links zu eurem Online-Zuhause in den Anhang einer Mail, die ihr dann an Nachtwindteam bei googlemail.com schickt.

Wir versprechen keine Veröffentlichung und auch keine kommentierte Antwort, versprechen aber uns zu bemühen. Einsendeschluss ist zwei Wochen nach Veröffentlichung dieses Beitrages.

Bericht: "Wie süß sind die denn?"

Jay Nightwind | 15.12.17 | / / / | Kommentieren
Jays Sicht:
Als ich mich in die letzte Reihe setze, blinkt wieder die Chronik zu diesem Showabend auf, den ich mir dann gleich angucken würde: Im April 2012 spricht mich auf meiner – noch kleinen niedlichen – Slamveranstaltung in der Weststadthalle eine Studentin an, welche Garderobendienst hatte. Sie würde auch Texte schreiben, hauptsächlich Kolumnen für eine Studentenzeitschrift und das mit dem Poetry Slam, was wir da machen, das würde sie gerne mal ausprobieren. Im nächsten Monat steht sie dann bei unserer Weststadtstory auf der Bühne.

Schwupp! Es vergehen ein paar Jahre, es klingelt in meinem Postfach. Sandra Da Vina war in den Jahren fleißig. So hat sie zwei Bücher geschrieben, tourt inzwischen mit einem Soloprogramm durch Deutschland, taucht in Rundfunk und Fernsehen auf und erntet damit die Früchte ihres Fleißes. Mit dem sie, meiner Einschätzung nach, nie selbst so hausieren gehen würde. Sandra schreibt mir, dass sie mit zwei Bühnenfreunden gerne eine einmalige Lesebühne in Essen machen wollen würde, für einen guten Zweck. Und dafür würde sie eigentlich am liebsten in "mein" Haus, die Weststadthalle.

Ein paar Wochen später ist also einer dieser seltenen Fälle, wo ich als Zuschauer in die Weststadthalle komme. Nach inzwischen Sieben Jahren in der Poetry-Slam- und Bühnenliteratur-Szene habe ich schon vieles gesehen und manchmal, ganz ganz manchmal, sind die Abende zwar sehr schön, können aber nicht mehr aus der Masse der konsumierten Inhalte rausstechen.

Als Handwerker der selben Zunft guckt mensch auch nochmal anders auf so einen Abend. Das Analyse-Tool bleibt dann meist an, es wird nicht nur genossen, sondern auch gemessen.

Jetzt sitze ich also an meinem Rechner und habe das Bedürfnis, von dem Abend zu erzählen. Weil es ein richtig guter Abend war. Einer, von dem Leute halt unbedingt wissen sollten, damit sie neugierig werden, wenn sich so etwas nochmal ankündigt. Damit sie nichts verpassen. Ich bin sehr dankbar, dass ich diesen Abend erleben durfte, nicht nur, weil er handwerklich gut war.

Mein persönlicher Bezug zu Sandra stellt sie natürlich bei mir in einen Fokus, aber ihre beiden Begleiter möchte ich natürlich nicht aussparen: Florian "Flori" Wintels ist ein dekorierter Poetry-Slam-Profi, technisch aus Niedersachsen, schicksalshafterweise aber aus Paderborn. Piet Weber ist natürlich auch Poetry-Slam-Profi mit Meisterschaftserfahrung, kommt aus Berlin und bringt auch den zuvorerwähnten guten Zweck mit.

In einem Satz: Eine Strukturschwache Region im Norden Ghanas wird gestärkt und Bildungsarbeit für Kinder und Jugendliche ermöglicht. Die Hintergründe zu dem unterstützten Projekt findet ihr hier: http://www.africa-action.de/wulugu.html.

Auslöser für die Lesebühne ist dabei auch der Entschluss von Piet Weber, alle seine Gagen aus dem Dezember direkt in das Projekt zu investieren. Er suchte dafür Bühnen und Spielorte, die bereit waren einen Auftritt von ihm quasi gegen eine Spende zu tauschen.
Nachdem also etabliert ist, dass es an diesem Abend nur Gewinner geben könnte, mussten die Drei das aber auch ausfüllen. Zuschauer*Innen wollen trotzdem unterhalten werden, guter Zweck hin oder her.

Unterhaltung heißt halt nicht nur, dass ich den ganzen Abend mir die Locken aus der Frisur schüttel vor Lachen, sondern sogar noch viel eher, dass ich mich wohl fühle. Schon ab dem ersten Moment auf der Bühne, bis zur letzten abschließenden Moderation, gab es nur positive Stimmung zu spüren. Piet, Sandra und Flori standen da nicht als die Profis, die sie sind, sondern lassen mich vermuten, dass da dichte Freundschaften bestehen. Auch wenn viele Segmente dazu eingeladen hätten, hier und da eine Spitze auf jemanden abzufeuern, wurde sich auf der Bühne unterstützt und gefeiert. Wenn Sandra spontan laut gelacht hat, Flori den Piet in einem Spiel als den süßesten Menschen vorstellt, dann hat auch mein Analysetool mir gesagt, dass wir nicht mehr in der Weststadthalle, sondern im Wohnzimmer der Drei sind.

Deshalb wurde an dem Abend zusammen mit dem Publikum gespielt und gesponnen. Mit Lückentexten, Auktionen und Süßig-keits-wettbewerben mit PowerPointStütze. Ich befürchte fast, nicht genau beschreiben zu können, wie sie es gemacht haben, weil dann irgendwann, wenn es schön ist, auch der Handwerker mit Analyseblick sich frei macht und zurücklehnt. Vielleicht hilft der für mich schönste Moment des abends, um zu verstehen:

Als Flori Wintels die Auktion durchführt und moderiert, läuft er richtig heiß. Mit dem Auktionshammer eskaliert er auf dem Tisch auf der Bühne herum, bekommt einen schelmischen Glanz in den Augen und schlägt dann einfach auf das herumliegende Glockenspiel. Er spielt. Also nicht Musik, sondern er lebt sich einfach aus. Das hat Spaß gemacht beim Zuschauen. Und Lust darauf gemacht, auch ein bißchen mit sehr kleinen Hämmern willkürlich auf Dingelchen herum zu hauen. Sandra und Piet sitzen dabei auf dem Sofa, folgen der Auktion, lächeln und lassen Flori einfach seinen Platz. Niemand versucht sich rhetorisch vorzudrängeln, alle sind gleichwertig, ohne das alle gleich sind. Das fand ich super schön.

Und das liest sich vielleicht auch für so einen Nachbericht übermässig pathetisch, vielleicht ist es sogar unverhältnismäßig, aber wenn eine einmalige Lesebühne halt so einen schönen Abend geschaffen hat, dass mir schon in der Pause klar ist, dass ich darüber schreiben möchte, dass ich Leuten davon erzählen möchte, dann hat das eine Bedeutung. Wenn so ein Abend eine bereitsvorhandene Begeisterung für Texte, Bühne und Unterhaltung noch weiter anschieben kann, dann ist das diese ganz große Qualität, die so viele erreichen wollen.

Vielleicht bin ich aber auch massiv voreingenommen, weil ich an dem Abend ein T-Shirt mit Flori Wintels drauf ersteigert habe.


Miriams Sicht:
Dieses Shirt... Nicht gerade mein Highlight des Abends. Aber von vorne: Montagabend ploppt auf meinem Handy eine Nachricht auf: "Kommst du mit?", schreibt mir ein Freund. Mitgeschickt der Link einer Facebook-Veranstaltung. Das Titelbild: Drei lächelnde Menschen, von denen ich genau eine mit Sicherheit identifizieren kann. Sandra Da Vina. Flüchtig bekannt und von mir bewunderte Slammerin aus meiner Heimatstadt Essen. Die anderen Beiden kenne ich höchstens vom Hören-Sagen: Flori Wintels und Piet Weber. Der Titel der Veranstaltung: "Wie süß sind die denn?" Ein kurioser Titel für eine Bühnenshow, denke ich. Ein Format-Titel wie "Lesebühne" oder "Poetry Slam" wäre sicher eindeutiger gewesen, hätte mich aber auch weniger neugierig gemacht

Tatsächlich haben Sandra, Flori und Piet mit so einem schwammigen Titel auch alles richtig gemacht. Denn in klassische Formate lässt sich dieser Abend eben nicht so richtig einordnen. Mit einer guten Mischung aus Texten ohne Wettbewerb, Wettbewerb ohne Texten dafür mit Bildern, Musik und lockeren Publikumsinteraktionen, haben die drei etwas für mich Neues auf die Bühne gebracht.

Etwas Neues in dem vorallem ganz viel Herz steckt. Das schien den gesamten Abend immer wieder durch. Das fängt schon damit an, dass zwei von drei Menschen eine Anreise von über 100 und über 500 Kilometern hatten. Auch, dass die Künstler für den guten Zweck auftraten und selbst keinen finanziellen Vorteil aus dem Abend gezogen haben macht das deutlich. Dazu kommen noch Dinge wie eine eine gute Vorbereitung, die mensch zum Beispiel dadurch bemerkt hat, dass ein Konzept hinter dem Ganzen steht, oder dass sich Gedanken über immer wieder auftauchende Elemente gemacht wurde, wie zum Beispiel einen Voice-Opener.

Dass viel Herz in diesem Abend steckte, zeigte sich aber am deutlichsten durch den Umgang der Künstler untereinander. So konnte mensch spüren, dass die drei den Abend wirklich als gemeinsames Projekt realisiert haben. Anstelle von Einzel-Charakteren, die, jeder für sich, ihre Slots füllen, traten die Drei als Team auf, dem mensch auch abnimmt, dass es tatsächlich eins ist. Obwohl jeder Künstler Zeiträume hatte, in denen er sich individuell präsentieren konnte, herrschte den gesamten Abend eine starke Dynamik zwischen Sandra, Piet und Flori. Als Zuschauer war das echt schön anzusehen. Darüberhinaus schafften es die Künstler den Abend ihren Bock und ihre Energie an das Publikum weitergeleitet. Das gelang nicht nur in den interaktiven Teilen des Abends sondern auch dann, wenn mensch einfach "nur" zuschauen musste.

Einziges Manko dieses Abends: Das T-Shirt mit Flori Wintels drauf, das Jan ersteigert hat. Das ist halt leider mal so überhaupt nicht süß.

Slambericht: Der Essener Zwanni vom 09.11.17

Hanna Flieder | 08.12.17 | / / | 1 Kommentar

Der “Zwanni” ist in Essen angekommen!
Das heißt, es gibt hier jetzt auch einen U20 Slam für Poet*innen bis 21 und die erste Runde lief bereits im November im EMO an.

Das war eine sehr erfolgreiche und spaßige Angelegenheit.
Der Hüweg, ein Jugendhaus in Essen-steele,  bot Platz für die zweite Runde.

Beim “Zwanni” lesen sich die Poet*innen durch zwei Vorrunden und das Publikum stimmt per “Händchen” für seine Lieblinge ab.

An diesem Abend ging es ab, von erstklassigem Bühnenbild, über musikalische Unterstützung, bis hin zu großartigen Künstler*innen war alles am Start!

Diesmal gab Greta Lamme das musikalische Vorprogramm und sorgte so für gute Stimmung, mit Gitarre und Gesang. Besonder gut kam ihr Song-Medley an und sie trug mit ihrer lockeren Art zum Wohlfühlambiente bei.

Danach zeigte Miriam Jagdmann als Feature was so ein Text eigentlich ist und dann ging es in die erste Vorrunde. Marie Cathleen, Lena Meckenstock, Janina Balzer, Matilda Heyer, Kim Catrin und Oliver lasen über Party und Whats App über Freundschaft und Liebe und kamen so sehr gut durch die erste Runde.

Nach einer kurzen Pause leitete Greta mit Musik die zweite Vorrunde ein, in der es wieder sehr gute Texte über Eis und Party über Stadt und Heima gab.

Mit einer sehr knappen “Händchen”- Abstimmung entschied Janina schließlich den Abend für sich und nahm zwei Tüten Süß- und Saurigkeiten und einen Startplatz für den Ruhrpokal mit nach hause.

Es war ein guter Abend, ein echter Abend. Und es liegt schon die Spannung in der Luft, was wohl beim nächsten “Zwanni” der am 26.01 im EMO stattfinden wird, so abgeht.

HowToSlam: Verbessern II - Körper

Jay Nightwind | 04.10.17 | / / | Kommentieren
Willkommen zurück bei "HowToSlam" und der guten Frage, was kann ich denn eigentlich verbessern? Hier ein paar Vorschläge.

Körper I - Realitäten:
Direkt als erstes: Es geht nie darum, einem Schönheitsideal zu entsprechen, sondern immer darum, sich mit sich selbst wohlzufühlen. Das kommt in bestem Fall nicht dadurch, dass mensch sich einem Schema, Ideal der Gesellschaft oder Lookism beugt, sondern sich mächtig fühlt. Mächtig steht hier im Gegensatz zu "Ohnmacht" und nicht als die Anzeige repressiver körperlicher Optionen.
Der Körper ist deshalb eine Sache, mit der wir uns aktiv auseinander setzen können, weil wir ihn auf der Bühne und im Text immer dabei haben. Der Fleischklumpen ist nunmal Hülle unserer Seele, ohne geht es nicht. Unser Körper beinhaltet Wahrheiten, wenn wir ihn betrachten. Fakten, die wir nicht verstecken können, die jeder Mensch, der uns betrachtet, sofort sieht. Auf der Bühne spielen diese Fakten (leider) auch in die Wahrnehmung dessen, was die Zuschauer*Innen von uns mitbekommen. Wenn wir diese Fakten über uns bewusst haben, gewinnen wir Macht und Kontrolle über uns, können Fakten unseres Körpers zur Verstärkung unserer Argumente im Text nutzen.
Im Bild: Fatima Talalini, Quelle: Weststadtstory
Ein Beispiel:
Fatima Talalini sagt in ihrem Text "Aufs Maul, Terrorist", dass sie mit 1,62m Körpergröße sich nicht traut Putin zu schlagen. Alle Menschen im Raum können das sehen und bewerten, dass sie im Verhältnis zum russischen Staatschef klein ist. Dadurch stehen Aussage und Sichtbares im Verhältnis zueinander. Die zusätzliche Ebene verleiht zusätzliches Gewicht in der Aussage.

Sich mit den Realitäten seines Körpers zu beschäftigen setzt dringend neutrale Beobachtung vorraus. Es geht nicht darum, sich zu bewerten, sein Aussehen in einen Vergleich zu stellen, sondern Merkmale aufzutun, die beweisbar sind. "Ich bin blond, habe Locken, bin 1,74m groß und wiege 72 Kilo." ist beweisbar. "Ich habe schöne Haare und bin zu dick.", liegt in der Bewertung des Betrachters und ist nicht definitiv beweisbar. Versucht euch euch bewusst zu machen und schaut, ob es euch in der Erzählung eurer Texte nutzt.

Körper II - Optionen:
Wegen der erwähnten gesellschaftlichen Bewertungskackscheiße ist es oft wirklich knifflig, sich in seinem Körper wohlzufühlen. Häufig werden wir auf Formen und Merkmale trainiert, die eine Attraktivität erfüllen, die eine Gruppe mal irgendwann so definiert hat. Wichtige Sache: Auch trotz statistischem Mittelwert was attraktiv ist, gibt es keine objektive Attraktivität. Ich zum Beispiel mag Narben und Tattoos an Menschen, würde aber vermuten, dass es durchaus Leute gibt, die hier schon widersprechen würden.

Was aber messbar und erfassbar ist, sind die Dinge, die wir mit unserem Körper können. Ein Bereich, der auch für Slam interessant sein kann. Es geht dabei nicht mal um spektakuläre Stunts für die Bühne, sondern ein Bewusstsein dessen, was alles möglich ist. Und wenn wir feststellen, dass etwas, das wir können wollen, nicht möglich ist, können wir Impulse und Ideen suchen, wie wir es lernen können.

Um zu erfassen, welche Optionen zur Verfügung stehen, kann es sich in einem ersten Schritt lohnen "Verben" zu sammeln. Das gute an Verben ist, dass sie ebenfalls frei von Wertungen sind. Die Frage zur Orientierung lautet: "Was kann ich mit meinem Körper auf der Bühne machen?" Diese Verben können gerne als Liste gesammelt werden. Das könnte dann so aussehen: "Ich kann rennen, springen, hüpfen, sitzen, stehen, liegen, hocken, knien, trotten, tanzen, schreien, brüllen, flüstern, dabben, stampfen und noch so vieles mehr." Diese Liste kann gerne offen angelegt werden, denn immer mal wieder lernt mensch etwas dazu und verbreitert sein Können. Und es geht dabei um den gesamten Körper. Dazu gehören natürlich auch die stimmgebenden Bauteile unseres Körpers, die mensch sich gerne bewusst machen kann.

In einem zweiten Schritt können wir jetzt auf unsere Texte schauen und uns fragen "Welches der Verben kann ich wie mit dem Text verbinden?" Ganz pragmatisch kann mensch Liste und Text nebeneinander legen und sich anschauen, ob es eine Stelle gibt, die sich inhaltlich unterstreichen lässt, wenn eine bestimmte Handlung hinzugenommen wird. Unterstreichen kann dabei auch dadurch entstehen, dass ein Bruch bemüht wird. Da ist es wichtig zu überlegen, was bei Zuschauer*Innen passieren soll. Es ist auch nicht für jeden Text sinnvoll, unbedingt viele eigene Handlungen und Bewegungen zu verbauen. Hier kann und darf experimentiert werden.

Solltet ihr euch bei einigen der Handlungen nicht sicher fühlen, hilft es manchmal einfach zu üben. Gleichgewicht, Ausdauer, Kraft, Lungenvolumen, Stimme, Tempo und so weiter, sind Eigenschaften, die durch Übung und Training verbessert werden können. Dabei ist es gerade nicht meine Empfehlung unbedingt Sport zu machen, trotzdem aber der Verbesserung dieser Eigenschaften etwas Zeit im Alltag zu zu schreiben.

Übrigens: Wenn ihr später mal viel auf Tour seid, in Zügen & Fernbussen sitzt, häufig Slams moderiert und auch sonst bei der "Arbeit" hauptsächlich steht und sitzt, seid ihr für ein paar Übungen zur Ent- und Belastung des Rückens ganz dankbar. Es kann nicht schaden, sie früh ins Repertoire zu nehmen. Auch Übungen die den Körper aktivieren und erlauben Zug- und/oder Backstage-Trägheit vor dem Auftritt abzulegen können sehr sehr nützlich sein, um vor einem intensiven Auftritt in Wallung zu geraten.