Bericht: "Wie süß sind die denn?"

Jay Nightwind | 15.12.17 | / / / | Kommentieren
Jays Sicht:
Als ich mich in die letzte Reihe setze, blinkt wieder die Chronik zu diesem Showabend auf, den ich mir dann gleich angucken würde: Im April 2012 spricht mich auf meiner – noch kleinen niedlichen – Slamveranstaltung in der Weststadthalle eine Studentin an, welche Garderobendienst hatte. Sie würde auch Texte schreiben, hauptsächlich Kolumnen für eine Studentenzeitschrift und das mit dem Poetry Slam, was wir da machen, das würde sie gerne mal ausprobieren. Im nächsten Monat steht sie dann bei unserer Weststadtstory auf der Bühne.

Schwupp! Es vergehen ein paar Jahre, es klingelt in meinem Postfach. Sandra Da Vina war in den Jahren fleißig. So hat sie zwei Bücher geschrieben, tourt inzwischen mit einem Soloprogramm durch Deutschland, taucht in Rundfunk und Fernsehen auf und erntet damit die Früchte ihres Fleißes. Mit dem sie, meiner Einschätzung nach, nie selbst so hausieren gehen würde. Sandra schreibt mir, dass sie mit zwei Bühnenfreunden gerne eine einmalige Lesebühne in Essen machen wollen würde, für einen guten Zweck. Und dafür würde sie eigentlich am liebsten in "mein" Haus, die Weststadthalle.

Ein paar Wochen später ist also einer dieser seltenen Fälle, wo ich als Zuschauer in die Weststadthalle komme. Nach inzwischen Sieben Jahren in der Poetry-Slam- und Bühnenliteratur-Szene habe ich schon vieles gesehen und manchmal, ganz ganz manchmal, sind die Abende zwar sehr schön, können aber nicht mehr aus der Masse der konsumierten Inhalte rausstechen.

Als Handwerker der selben Zunft guckt mensch auch nochmal anders auf so einen Abend. Das Analyse-Tool bleibt dann meist an, es wird nicht nur genossen, sondern auch gemessen.

Jetzt sitze ich also an meinem Rechner und habe das Bedürfnis, von dem Abend zu erzählen. Weil es ein richtig guter Abend war. Einer, von dem Leute halt unbedingt wissen sollten, damit sie neugierig werden, wenn sich so etwas nochmal ankündigt. Damit sie nichts verpassen. Ich bin sehr dankbar, dass ich diesen Abend erleben durfte, nicht nur, weil er handwerklich gut war.

Mein persönlicher Bezug zu Sandra stellt sie natürlich bei mir in einen Fokus, aber ihre beiden Begleiter möchte ich natürlich nicht aussparen: Florian "Flori" Wintels ist ein dekorierter Poetry-Slam-Profi, technisch aus Niedersachsen, schicksalshafterweise aber aus Paderborn. Piet Weber ist natürlich auch Poetry-Slam-Profi mit Meisterschaftserfahrung, kommt aus Berlin und bringt auch den zuvorerwähnten guten Zweck mit.

In einem Satz: Eine Strukturschwache Region im Norden Ghanas wird gestärkt und Bildungsarbeit für Kinder und Jugendliche ermöglicht. Die Hintergründe zu dem unterstützten Projekt findet ihr hier: http://www.africa-action.de/wulugu.html.

Auslöser für die Lesebühne ist dabei auch der Entschluss von Piet Weber, alle seine Gagen aus dem Dezember direkt in das Projekt zu investieren. Er suchte dafür Bühnen und Spielorte, die bereit waren einen Auftritt von ihm quasi gegen eine Spende zu tauschen.
Nachdem also etabliert ist, dass es an diesem Abend nur Gewinner geben könnte, mussten die Drei das aber auch ausfüllen. Zuschauer*Innen wollen trotzdem unterhalten werden, guter Zweck hin oder her.

Unterhaltung heißt halt nicht nur, dass ich den ganzen Abend mir die Locken aus der Frisur schüttel vor Lachen, sondern sogar noch viel eher, dass ich mich wohl fühle. Schon ab dem ersten Moment auf der Bühne, bis zur letzten abschließenden Moderation, gab es nur positive Stimmung zu spüren. Piet, Sandra und Flori standen da nicht als die Profis, die sie sind, sondern lassen mich vermuten, dass da dichte Freundschaften bestehen. Auch wenn viele Segmente dazu eingeladen hätten, hier und da eine Spitze auf jemanden abzufeuern, wurde sich auf der Bühne unterstützt und gefeiert. Wenn Sandra spontan laut gelacht hat, Flori den Piet in einem Spiel als den süßesten Menschen vorstellt, dann hat auch mein Analysetool mir gesagt, dass wir nicht mehr in der Weststadthalle, sondern im Wohnzimmer der Drei sind.

Deshalb wurde an dem Abend zusammen mit dem Publikum gespielt und gesponnen. Mit Lückentexten, Auktionen und Süßig-keits-wettbewerben mit PowerPointStütze. Ich befürchte fast, nicht genau beschreiben zu können, wie sie es gemacht haben, weil dann irgendwann, wenn es schön ist, auch der Handwerker mit Analyseblick sich frei macht und zurücklehnt. Vielleicht hilft der für mich schönste Moment des abends, um zu verstehen:

Als Flori Wintels die Auktion durchführt und moderiert, läuft er richtig heiß. Mit dem Auktionshammer eskaliert er auf dem Tisch auf der Bühne herum, bekommt einen schelmischen Glanz in den Augen und schlägt dann einfach auf das herumliegende Glockenspiel. Er spielt. Also nicht Musik, sondern er lebt sich einfach aus. Das hat Spaß gemacht beim Zuschauen. Und Lust darauf gemacht, auch ein bißchen mit sehr kleinen Hämmern willkürlich auf Dingelchen herum zu hauen. Sandra und Piet sitzen dabei auf dem Sofa, folgen der Auktion, lächeln und lassen Flori einfach seinen Platz. Niemand versucht sich rhetorisch vorzudrängeln, alle sind gleichwertig, ohne das alle gleich sind. Das fand ich super schön.

Und das liest sich vielleicht auch für so einen Nachbericht übermässig pathetisch, vielleicht ist es sogar unverhältnismäßig, aber wenn eine einmalige Lesebühne halt so einen schönen Abend geschaffen hat, dass mir schon in der Pause klar ist, dass ich darüber schreiben möchte, dass ich Leuten davon erzählen möchte, dann hat das eine Bedeutung. Wenn so ein Abend eine bereitsvorhandene Begeisterung für Texte, Bühne und Unterhaltung noch weiter anschieben kann, dann ist das diese ganz große Qualität, die so viele erreichen wollen.

Vielleicht bin ich aber auch massiv voreingenommen, weil ich an dem Abend ein T-Shirt mit Flori Wintels drauf ersteigert habe.


Miriams Sicht:
Dieses Shirt... Nicht gerade mein Highlight des Abends. Aber von vorne: Montagabend ploppt auf meinem Handy eine Nachricht auf: "Kommst du mit?", schreibt mir ein Freund. Mitgeschickt der Link einer Facebook-Veranstaltung. Das Titelbild: Drei lächelnde Menschen, von denen ich genau eine mit Sicherheit identifizieren kann. Sandra Da Vina. Flüchtig bekannt und von mir bewunderte Slammerin aus meiner Heimatstadt Essen. Die anderen Beiden kenne ich höchstens vom Hören-Sagen: Flori Wintels und Piet Weber. Der Titel der Veranstaltung: "Wie süß sind die denn?" Ein kurioser Titel für eine Bühnenshow, denke ich. Ein Format-Titel wie "Lesebühne" oder "Poetry Slam" wäre sicher eindeutiger gewesen, hätte mich aber auch weniger neugierig gemacht

Tatsächlich haben Sandra, Flori und Piet mit so einem schwammigen Titel auch alles richtig gemacht. Denn in klassische Formate lässt sich dieser Abend eben nicht so richtig einordnen. Mit einer guten Mischung aus Texten ohne Wettbewerb, Wettbewerb ohne Texten dafür mit Bildern, Musik und lockeren Publikumsinteraktionen, haben die drei etwas für mich Neues auf die Bühne gebracht.

Etwas Neues in dem vorallem ganz viel Herz steckt. Das schien den gesamten Abend immer wieder durch. Das fängt schon damit an, dass zwei von drei Menschen eine Anreise von über 100 und über 500 Kilometern hatten. Auch, dass die Künstler für den guten Zweck auftraten und selbst keinen finanziellen Vorteil aus dem Abend gezogen haben macht das deutlich. Dazu kommen noch Dinge wie eine eine gute Vorbereitung, die mensch zum Beispiel dadurch bemerkt hat, dass ein Konzept hinter dem Ganzen steht, oder dass sich Gedanken über immer wieder auftauchende Elemente gemacht wurde, wie zum Beispiel einen Voice-Opener.

Dass viel Herz in diesem Abend steckte, zeigte sich aber am deutlichsten durch den Umgang der Künstler untereinander. So konnte mensch spüren, dass die drei den Abend wirklich als gemeinsames Projekt realisiert haben. Anstelle von Einzel-Charakteren, die, jeder für sich, ihre Slots füllen, traten die Drei als Team auf, dem mensch auch abnimmt, dass es tatsächlich eins ist. Obwohl jeder Künstler Zeiträume hatte, in denen er sich individuell präsentieren konnte, herrschte den gesamten Abend eine starke Dynamik zwischen Sandra, Piet und Flori. Als Zuschauer war das echt schön anzusehen. Darüberhinaus schafften es die Künstler den Abend ihren Bock und ihre Energie an das Publikum weitergeleitet. Das gelang nicht nur in den interaktiven Teilen des Abends sondern auch dann, wenn mensch einfach "nur" zuschauen musste.

Einziges Manko dieses Abends: Das T-Shirt mit Flori Wintels drauf, das Jan ersteigert hat. Das ist halt leider mal so überhaupt nicht süß.

Videos: NachtwindLive! vom 24.11.2017

Wir haben es mal wieder gemacht! Wir waren mit unserem Blog live auf der Bühne, haben unser Team und tolle Gäste zusammen geholt, um frischen Content für euch zu produzieren. Ganz nebenbei haben Andy und Jay die Stuntmen-Moderation erfunden, Tobi musste kritischem Druck standhalten, Hanna hat einen ihrer schönen Texte gelesen und auch hinter den Kulissen waren wir im vollen Einsatz.

Als Gäste hatten wir Christina Keilmann, Dramaturgin am KJT mit einem Filmprojekt mit Geflüchteten; Jens Eike Krüger, angehender professioneller Spaziergänger und Musiker und überhaupt alles; darüber hinaus noch Batman, als Daniel Buth, der im Kostüm für den " "Helden für Herzen e.V." einsteht. 

Ob der Einsatz sich gelohnt hat, könnt ihr in diesem ersten Paket Videos, gebündelt als fesche Playlist selbst überprüfen.



In den nächsten Tagen reichen wir auch noch einige der schönen Fotos nachreichen und die Interviews als Podcasts hocharbeiten. Wir wünschen viel Freude! 

Slambericht: Der Essener Zwanni vom 09.11.17

Hanna Flieder | 08.12.17 | / / | 1 Kommentar

Der “Zwanni” ist in Essen angekommen!
Das heißt, es gibt hier jetzt auch einen U20 Slam für Poet*innen bis 21 und die erste Runde lief bereits im November im EMO an.

Das war eine sehr erfolgreiche und spaßige Angelegenheit.
Der Hüweg, ein Jugendhaus in Essen-steele,  bot Platz für die zweite Runde.

Beim “Zwanni” lesen sich die Poet*innen durch zwei Vorrunden und das Publikum stimmt per “Händchen” für seine Lieblinge ab.

An diesem Abend ging es ab, von erstklassigem Bühnenbild, über musikalische Unterstützung, bis hin zu großartigen Künstler*innen war alles am Start!

Diesmal gab Greta Lamme das musikalische Vorprogramm und sorgte so für gute Stimmung, mit Gitarre und Gesang. Besonder gut kam ihr Song-Medley an und sie trug mit ihrer lockeren Art zum Wohlfühlambiente bei.

Danach zeigte Miriam Jagdmann als Feature was so ein Text eigentlich ist und dann ging es in die erste Vorrunde. Marie Cathleen, Lena Meckenstock, Janina Balzer, Matilda Heyer, Kim Catrin und Oliver lasen über Party und Whats App über Freundschaft und Liebe und kamen so sehr gut durch die erste Runde.

Nach einer kurzen Pause leitete Greta mit Musik die zweite Vorrunde ein, in der es wieder sehr gute Texte über Eis und Party über Stadt und Heima gab.

Mit einer sehr knappen “Händchen”- Abstimmung entschied Janina schließlich den Abend für sich und nahm zwei Tüten Süß- und Saurigkeiten und einen Startplatz für den Ruhrpokal mit nach hause.

Es war ein guter Abend, ein echter Abend. Und es liegt schon die Spannung in der Luft, was wohl beim nächsten “Zwanni” der am 26.01 im EMO stattfinden wird, so abgeht.

Podcast: Interview zur Bundeswehr mit Jay Nightwind

Miriam Jagdmann | 06.12.17 | / / / | 2 Kommentare
Bundeswehr. Lange kannte ich diese Institution nur aus amüsanten Anekdoten meines Vaters oder durch das Gegenteil der Wehrpflichtleistenden, nämlich meine Zivildienst-leistenden Brüder. Soldaten begegnete ich maximal am Bahnhof, wenn diese in ihren Uniformen unterwegs von A nach B waren. Doch seit einiger Zeit kann mensch dem Thema Bundeswehr gar nicht mehr ausweichen. Als Banner am Bahnhof, als Postkarte in der Kneipe oder als Spot vor dem nächsten Youtubevideo - die Werbung dieser Institution begegnet uns inzwischen überall in unserem Alltag. Und in der direkten Konfrontation stelle ich für mich fest: Ich weiß gar nicht wirklich viel über diese sogenannten Streitkräfte, die uns im Ernstfall verteidigen und schützen sollen.

Deshalb habe ich mich mit Jay Nightwind zusammengesetzt, der rund zwei Jahre bei der Bundeswehr gedient hat. Mit ihm habe ich über seine Zeit dort gesprochen. Über Vorurteile, die ihm und seinen Kameraden begegnet sind. Und über seine Zukunftsversion einer Welt, in der die Bundeswehr so wie sie heute besteht, vielleicht gar nicht mehr nötig ist.




Die im Podcast angesprochenen Texte von Jay Nightwind zu den Werbekampangen der Bundeswehr findet ihr hier:
Mach was wirklich zählt 
Bundeswehr aus Youtube abziehen

Die Done-Liste

Jay Nightwind | 04.12.17 | / | 1 Kommentar
Sich produktiv fühlen ist wirklich knifflig. Es gehört leider zum Leben dazu, hier und da mal was zu tun, was bewirkt, dass mensch spürt, an dieser Welt beteiligt zu sein. Das Konzept nennt sich Selbstwirksamkeit und nervt ordentlich rum. Sobald wir auf diesem Planeten als Person realisiert werden, wollen wir auch irgendwie Einfluss haben. Und wenn es nur ist, indem wir als Baby rumschreien. Seit damals, seit wir geschlüpft sind, haben wir dazu gelernt. Wir haben gelernt wahrzunehmen und zu verstehen. Zur Wahrnehmung gibt es im Paket noch ein paar Wahrnehmungsfehler oben drauf.

Bei der Produktivität sieht das häufig so aus: Unser Leben läuft vorwärts, wir gucken zur Seite und sehen, wie krass alle anderen unterwegs sind. Die sind super produktiv. Soziale Medien haben diesen Effekt, diesen Eindruck verschärft. Regelmäßige Statusupdates suggerieren, dass ständig was los ist in unserem Umfeld, während wir an einem Gerät hängen und "nichts" tun.
Jetzt kommen die Logiker*Innen an und argumentieren, dass mensch nie nichts tun kann und überhaupt. Ich weiß ja nicht, wie es euch damit geht, mir hilft dieser pauschalisierende Blickwinkel nur selten. Ich sehe trotzdem, dass alle anderen ständig unterwegs sind, was unternehmen, Videos und Lieder produzieren, im Urlaub sind und so weiter.

Häufig denken wir am Ende einer Woche, dass wir gar nicht so viel geschafft haben. Da spielt uns unsere Psyche einen Streich: Unser Gedächtnis kann sich nicht erledigte Aufgaben besser merken, als erledigte Aufgaben. Das haben kluge Menschen in der Psychologie herausgefunden vor vielen Jahren. Nicht-Erledigtes fühlt sich wie ein Misserfolg an. Misserfolge bleiben also, Erfolge verschwinden.

Klingt für mich nicht gut. Ich möchte meine Erfolge sehen, sie auftürmen und dann darauf trohnen! Na gut, sie zu sehen reicht mir eigentlich schon. Und um das zu leisten, ohne das meine Wahrnehmungsverarbeitung mich austricksen kann, brauche ich ein Werkzeug. Manchmal hat mensch das gute Werkzeug schon im Kasten, aber übersieht, dass es andere Funktionen hat. So bin ich auf einen Verwandten der "To-Do-Liste" gestoßen: Die Done-Liste.


In verschiedenen Kategorien, die ich ganz persönlich wichtig finde für meine Leben, habe ich einzelne Kategorien erstellt auf die ich achten möchte. Dinge die ich mir vorgenommen habe zu lernen oder auch Sachen von denen ich weiß, dass ich sie mal vernachlässige. Außerdem aber auch Sachen, die ich oft unspezifisch tue, die auch produktiv sind für mein Leben, aber durch meine Filter fallen. Sowas wie Haushalt zum Beispiel oder Lesen.

Am Ende jeden Tages halte ich nun also für mich nach, welche der Sachen in der Tabelle ich an diesem Tag gemacht habe. Das soll für mich den Effekt haben, mir nochmal eine Basis zu geben den Tag zu reflektieren. Darüberhinaus sammel ich aber auch quasi Punkte. Der Videospieler in mir liebt das. Nicht nur, dass ich plötzlich anfange visuell zu erkennen, dass ich doch recht effektiv bin, ich kann auch mir einen entspannteren Tag gönnen, wenn ich sehe, wieviel ich die letzten Tage geschafft habe. Außerdem kann ich sehen, ob ich mich vielleicht noch mal verlagern möchte. 

Ein Beispiel: Wenn seit Tagen ich immer Sport mache, das Büro sauber geführt ist (definitiv Beispiel und nicht Realität), aber mich weder kreativ noch sozial ausgetobt habe, zeigt in meinem Fall die Tabelle darauf. "Hey Jan, du hast dich jetzt zwei Tage nicht um dich als Person gekümmert, nehm dir mal diesen Moment." Das produziert Aufmerksamkeit, die modern auch oft als "Achtsamkeit" verbucht wird.

Vorsicht: Der professionelle Pessimist könnte immer noch auf die Lücken gucken und am Ende eines Monats immer noch bescheinigen, was alles nicht passiert ist. Und wir arbeiten ja daran, unseren Optimisten auch zu professionalisieren. Daher ist es wichtig, das Ganze als Prozess und nicht nur Momentaufnahme zu sehen. Denn wenn ich dann über Monate hinweg meine Punktzahlen halten kann oder vielleicht jeden Monat ein bißchen besser werde, dann hat auch der Pessimist nichts mehr zu melden.
Auch-Vorsicht: In einigen Kategorien ist manchmal auch einfach nichts mehr zu tun. Wenn die Hütte schon glänzt und blitzt, dann braucht es keinen Druck, doch noch was zu tun. Dann darf gethront werden. Dann darf das "Ich hab mein Leben gut genug im Griff"-Banner über der Wohnungstür aufgehangen werden.

Fazit:
Ich mag Methoden und probiere das für euch aus. Ich werde hier und da mal ein Update abwerfen im Blog. Wenn ihr das auch testet, bin ich neugierig auf eure Erfahrungen.

Gesprächsstoff #005 - Musikpsychoanalyse

Glaubst du, dass man anhand der Musik, die jemand gerne hört, auf den Charakter rückschliessen kann? 

Jay sagt:

Die anderen können sich ihre Antworten klemmen. Da gibt es keinen Zweifel dran und da gibt es auch gar nichts zu besprechen. Die Musik die jemand gerne hört, spiegelt ganz sicher die Seele wieder. Nicht nur, welche Musikrichtung es ist. Am Ende haben die Texte ja doch auch einen Sinn, eine Stimmung und womit wir uns gerne berieseln sagen, erzählt alles über uns. Mein Musikgeschmack ist zum Beispiel eine Katastrophe und eine Herausforderung an jeden sensiblen Gehörgang. Und das passt zu mir. Provozieren, nerven, kratzen, auffallen. Das bin ich.

Wo Romano, Scooter, DCVDNS, Hadouken!, Ali As, Prophets of Rage, Angerfist und und und aus noch so verschiedenen verrufenen Musikrichtungen zusammenkommen, da bin ich. Und neugierig bin ich auch. "Dein Mix der Woche" ist die beste Funktion an Spotify, die Vorschläge von Last.fm habe ich damals gefeiert und in mein Leben übernommen.

Außerdem funktioniert es auch andersherum. Manche von uns entscheiden sich für Musikrichtungen, weil sie eine Subkultur beinhalten, die zu uns passt. Wir tragen die Klamotten und kaufen die passenden Festivaltickets. Das gibt Sicherheit. Das ist nice.



Tobi sagt:

Ich weiß nicht, ob Jay damit Recht hat. Nehmen wir mich als Beispiel.
Bei den Genres bin ich querbeet unterwegs. Momentan höre ich fast nur Reggae. Eine lockere, entspannte Musik, bei der man davon ausgehen könnte, dass ich eine ausgewogene Seele hätte, die nichts aus der Ruhe bringen könnte. Das trifft allerdings bei mir nicht zu.
Ich versuche zwar stets locker und ruhig zu sein, doch das gelingt mir nicht allzu häufig. Das heißt, dass wenn ich Rastafari- Sounds höre, habe ich nicht meine Seele im Ohr.
Auch textlich gibt es Differenzen. Reggae setzt sich kritisch mit der Gesellschaft auseinander, was soweit auch bedingt auf mich zutrifft. Allerdings wird oft der Genuss von Marihuana für gut befunden und glorifiziert, was ich genau gegenteilig sehe.
Im Metal nicht anders. Kirchen anzünden oder auf einem Piratenschiff über die Weltmeere schippern und literweise Rum süffeln passt auch nicht sonderlich zu mir.


Was jedoch richtig ist ist, dass man anhand der Musik auf die Laune einer Person schließen kann. Glaube ich zumindest.
Auch hier ziehe ich mich wieder als Beispiel ran: Wenn ich stocksauer bin, höre ich fiesen Metal mit Blastbeats und Gitarrengeschrammel.
Geht es mir gefühlsmäßig mies ist Tom Waits mein treuster musikalischer Wegbegleiter.

Es kann sein, dass man aufgrund der Musik auf den Charakter schließen kann, sicher bin ich mir da allerdings mal so überhaupt nicht. Ebenso wenig, ob ich die Frage, die im Raum stand, beantwortet habe.


Andy sagt:

"Sag mir was du hörst und ich sage dir, wer du bist". Früher, als ich jünger war, dachte ich das gilt. Ich dachte, ich könne den Musikgeschmack von Leuten einigermassen einschätzen, wenn ich sie kenne. Oder andersrum: Rede ich mit jemandem über Musik, merke ich sehr schnell wie derjenige tickt. Mittlerweile glaube ich nicht, dass das stimmt. Ich denke Musik und Charakter hängen nur über irgendwelche Stereotypen zusammen. Wer Rock hört sei rebellisch und cool und raucht und wer Jazz hört ist intellektuell und versiert.
Ich glaube bestenfalls lässt sich Musik dazu nutzen zu analysieren, was für ein Bild ein Mensch von sich zeichnen möchte. Was er möchte, wie andere ihn wahrnehmen.

Ich wär nicht ich, hätte ich nicht kurz geschaut, was sagt die Wissenschaft über diesen Zusammenhang. Erstaunlicherweise gibt es nicht soviel Forschung zu diesem Gebiet, wie man vermuten würde. Und meine Kurzrecherche gibt mir in Teilen tatsächlich Recht.


Quelle: Müller, Renate: Musikalische Sozialisation und Identität. Ergebnisse einer computergestützten Befragung
mit dem klingenden Fragebogen - In: Schoenebeck, Mechthild von [Hrsg.]: Entwicklung und Sozialisation
aus musikpädagogischer Perspektive. Essen : Die Blaue Eule 1998, S. 57-74. - (Musikpädagogische
Forschung; 19) - URN: urn:nbn:de:0111-opus-91976


Hanna sagt:

Wenn mensch einen vielseitigen Musikgeschmack hat, kann mensch einen sehr vielseitigen Charakter
haben, oder auch NICHT.
Soll heißen: Ich denke nicht, dass wir am Musikgeschmack anderer Bezug zu deren Charakter nehmen können. Ich höre zum Beispiel von Metal über Musical zu Schlager zurück über Punkrock und wieder hin zu House so ziemlich alles.
Wenn daraus jetzt andere Rückschlüsse zu meinem Charakter ziehen würden, fänd ich das ziemlich oberflächlich. Nicht jeder, der Metal hört, ist der krasse, böse Draufgänger (eigentlich fast niemand, wenn ich mal das letzte WACKEN revue passieren lasse..).
Nicht jeder der Schlager hört, fährt jedes Jahr zum Ballermann.
Ich mag diese Klischees nicht, die über den Musikgenres schweben und ein Klischee sollte erst recht nicht auf einen Charakter angepasst werden!
Musik ist etwas Freies und das sollte sie auch bleiben. Wir lernen uns über Musik und Konzerte aber auch kennen und dann können wir ja selbst rausfinden, wie der Charakter des anderen ist, anstatt das von vorne herein über dessen Musikgeschmack zu analysieren.
Oder wir fragen nach seinem/ihrem Lieblingssong und dessen Bedeutung, da findet sich dann sicher auch viel über den Charakter eines Menschen, wenn wir uns über Gespräche kennenlernen.



Phantombild - Songcover

Hanna Flieder | 27.11.17 | / / | Kommentieren
Ich war immer etwas schlecht darin, zu formulieren, was ich will. Und das bin ich bis heute. Ich kann oft nicht sagen, was ich will, weil ich es so oft gar nicht weiß!

Ich hab immer eine ungefähre Vorstellung im Kopf, kann diese aber oft nicht fassen, oder konkretisieren. Von daher hat mich “Phantombild” von Jennifer Rostock regelrecht angesprungen, als ich es zum ersten Mal hörte. Jetzt kenne ich es schon eine Weile und entschied mich dazu, es zu covern, da ich mir im Moment in einem speziellen Teil meines Lebens, der mit gefühlstechnischen (was für ein widersprüchliches Wort, wenn ich es genau betrachte) Dingen zusammenhängt, absolut nicht im Klaren darüber bin, was ich eigentlich will. Daher fühle ich den Text dieses Liedes im Moment sehr.



An dieser Stelle sei gesagt, dass das bei vielen Texten von Jennifer Rostock so ist.

Achtung, jetzt wird auch ein bisschen geschwärmt...

Ich finde die Texte wahnsinnig ansprechend und anspruchsvoll, für mich transportieren sie unfassbar viel klug verpackte Wahrheit und Klarheit auf die verschiedensten Bereiche. Und auch musikalisch hat mich ihr Stil sehr überzeugt.

Ich bewundere die Arbeit der Band sehr und kann sagen, dass sie eins meiner musikalischen Vorbilder ist. Daher bin ich stolz, mich endlich getraut zu haben, einen Song von ihnen zu covern und zu veröffentlichen!

Zurück zu diesem Song: Hört genau hin, es steckt viel Gutes in seinem Text, zumindest empfinde ich es so.