Schweiz

Ein Reisebericht in Stichworten und Momentaufnahmen. Da ich darin Firmen und Marken erwähnen werde, könnte der Gesetzgeber diesen Beitrag als Werbung empfinden.


- Als ich vor einigen Wochen Richtung Belgien für ein Festival wollte, hat mir mein Alter - und meine Reisepanik - einen Streich gespielt. Auf halber Strecke dachte ich: "Mist, ich habe gar kein belgisches Geld." Zehn Sekunden später habe ich eine Schweigeminute für die verstorbenenen Gehirnzellen abgehalten. Als ich dann Richtung Schweiz los bin, ist mir dann auf halber Strecke bewusst geworden, dass ich diesmal vielleicht wirklich hätte Geld wechseln sollen, anstatt an den Schweizer Euro zu glauben. Erfreulicherweise kam die beruhigende Nachricht dann reingefunkt per Messenger: "Wechsel kein Geld, du machst Verlust. Zahl einfach mit Karte." Beruhigt, aber dumm, konnte ich also weiter fahren.

- Es gibt diesen Moment, wo mensch genau denkt: "Das war vielleicht etwas zu viel." Ich glaube, wir können bei einigen Dingen den Wendepunkt abschätzen. Als der Junge neben mir im Zug also doch noch ein Stück Schokolade nimmt, obwohl er schon einige hatte, sehe ich den Scheitelpunkt vorbei fahren.

- Es ist ja immer einfach, sich über die deutsche Bahn aufzuregen. Ist es wirklich. Und auch bestimmt häufig berechtigt. Ich persönlich merke immer, dass diese Maschine viel zu groß ist, als das ich alles verstehe. Ich merke aber auch und mag auch sehen, wenn Dinge gut funktionieren. Ich habe jetzt zu letzt ein paar Zugreisen gemacht, die halt einfach über Regionaltickets hinaus gingen. Ohne direkten Kontakt zu Menschen kann ich so Tickets immer nicht buchen. Ich habe immer etwas "Reisepanik". Es könnte ja immer was schief gehen. Ich möchte einfach nur sagen, dass ich am Schalter jedes Mal in meinen Bedürfnissen, Fragen und Ängsten super ernst genommen wurde. Auch im Zug auf dem Weg in die Schweiz habe ich mehrfachst Fragen gehabt und wurde perfekt beraten. Klar, ich weiß auch, dass ich mich auf eine präzise und höfliche Kommunikation von meiner Seite da verlassen kann, aber viel mehr brauchte es halt auch einfach nicht, um eine angenehme Reise zu haben und ziemlich angstfrei zu reisen. Und für alle anderen Umstände konnte die Bahn auch nichts.

- Mütter sind krass. Mütter sind so krass, ich glaube, das wird einfach nicht genug gesehen. Frauen werden viel zu selbstverstänlich in diese Rolle gepresst und nicht reflektiert, welches Badass-Mindset sie daraus entwickeln müssen. Ich teile mir den Vierer mit einer Mutter mit Kind. Ich merke immer wieder, dass die Frau darauf achtet, wie ihr Umfeld auf ihr Kind reagiert. Ist der Junge zu hibbelig? Zu laut? Zu amüsiert? Zu leise? Ich glaube nicht, dass sie unsicher ist. Ich glaube, dass sie halt weiß, dass sie zum Beispiel noch Sechs Stunden mit mir in diesem Vierer sitzen wird. Das ist eine lange Zeit für Fremde. Also bemüht Mutter sich um gutes Sozial-Management, ohne ihr Kind zu vernachlässigen.
Der Junge kotzt. Die Mutter fängt das meiste mit den Händen. Mit den Händen. Wie Badass kann ein mensch bitte in so einer Situation sein? Als ich mit Putzsachen aus dem Speisewagen zurück komme, bleibt ihr nichts als ein nettes Lächeln über: "Ich habe schon alles sauber gemacht." Ich schaffe es bis lange nach meiner Ankunft in Zürich nicht mich von dieser Person gedanklich zu trennen. Diese Mutter ist krass gewesen.

- Die Schweiz hat richtig Bock dich zu duschen. Als ich bei unseren Gastgebern die Dusche sehe, erkenne ich den schrömmeligen Duschkopf jeder Student*innen-WG, den nicht mal mehr Altmetallsammlungen mitnehmen würden. Als ich dann aber das Wasser aufdrehe, knallert mir da wie aus einem Sandstrahler das Wasser entgegen. Als ich meine Beobachtung den Gastgebern mitteile, wird mir bestätigt: "Ja, wir in der Schweiz haben halt noch richtig Druck auf der Leitung." Ich beschließe, dass das für meinen kurzen Aufenthalt das Landesmotto sein wird. Egal, was das echte Landesmotto ist. ("Unus pro omnibus, omnes pro uno" - "Einer für alle, alle für einen.") Und während ich das hier schreibe, beschließe ich daraus eine möglichst schlimme Postkarte zu machen. Könnt ihr euch dann selbst ausdrucken, wenn ihr aus der Schweiz schreiben wollt.

Bildquelle: Pixabay



- Es gibt kaum Malzbier in der Schweiz. Ich bin etwas irritiert und auch die Gastgeber*innen sagen, dass sie selbst schon immer froh sind, wenn sie welches bekommen können. Ich beschließe reich zu werden, in dem ich einfach in einer massiven Kampagne meinen persönlichen Malzbier-Champion "Feldschlösschen Malz" vom Niederrhein in die Schweiz importiere. Zusammen mit den Schweizer*innen vor Ort überlegen wir Strategien und verorten die Möglichkeiten. Da die Leute in Zürich - vollkommen zurecht - auf Nachhaltigkeit und das Retten von Lebensmitteln abfahren, Ich aber Bock auf etwas Spektakel habe, ist die Idee so: Wir spreaden über Mundpropaganda und soziale Netzwerke, dass Malzbier in der Schweiz verboten ist, aber bald in Zürich ein LKW mit bald ablaufendem Malzbier ankommt. Dann geben wir nur noch den Treffpunkt bekannt, vielleicht wird ein illegaler Rave daneben veranstaltet und alle malzen sich richtig schön einen rein. Danach gibt es Aufregung, die Medien und Regierung stellen klar, dass Malzbier nie verboten war. Die Nachfrage ist jetzt aber so geweckt, dass Feldschlösschen Malz in absurden Massen geordert wird. Ich werde Masskotchen von Feldschlösschen, alle sind glücklich.

- Einen Abend später erfahre ich erst, dass es hier bereits eine Biersorte gibt, die Feldschlösschen heißt. Es ist der selbe Abend, an dem ich erfahre, dass es zwar kein Malzbier gibt, aber die Marke Ovomaltine aus der Schweiz ausschließlich Malzschokolade produziert. Auch wenn die Schokolade der Hammer ist, verstehe ich einfach nicht, was hier falsch gelaufen ist.

- Ich bin doppelter Gast hier. Ich wurde von einer Freundin und ihrer Tochter gefragt, ob ich sie nicht im Urlaub besuchen kommen mag. Während diese in Zürich bei einer Freundin wohnen. Diese kenne ich zwar auch, der Bezug liegt da trotzdem anders. Ich finde das fantastisch. Zum einen haben ich gute Menschen um mich, aber auch jemanden Einheimisches um mich. Das finde ich im Urlaub besser. Ich mag nicht die Vorderseite der Orte sehen, welche mir auch jede*r Touristguide zeigen könnte. Ich möchte auch da hin, wo die Schweizer*innen hingehen würden. Das kann dann ja trotzdem touristisch sein, aber ich mag es aus dem Blickwinkel der Leute sehen, die hier leben. Belohnt werde ich zum Beispiel mit einer der besten Pizzen der Stadt.

- Ich bin nicht lang genug vor Ort, um die Schweiz zu verstehen. Sprachlich gelingt mir das meist schon, aber Zürich ergibt für mich noch nicht so richtig Sinn. Ich kann nur sicher sagen, dass ich es sehr mag, das Zürich, mit dem See als zentralem Punkt, in einem Tal zusammen läuft. Ich mag das, weil mensch von allen Seiten immer die ganze Stadt sehen kann. Gehe ich in Essen, welches auch hügelig ist, vor die Tür, reicht mein Blick bis zur nächsten Hauswand. In Zürich schaue ich zwischen den Häusern bis in die Innenstadt und darüberhinaus in die dahinter liegenden Stadtteile. Dadurch fühlt sich alles unfassbar nah an, auch wenn einen 40 Minuten ÖPNV von dem Ort trennen.

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