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Die Sache mit meinem Hausarzt und den Linien

Jay Nightwind | 11.07.18 | | 1 Kommentar
Mein Arzt hat schon viele gute Dinge zu mir gesagt. "Das müssen wir uns nochmal angucken, vielleicht habe ich Ihnen den Arm gebrochen." zum Beispiel, als er mir eine Muskelgruppe wieder richtig einsortiert hat. "Ich würde es Ihnen gerne verschreiben. Ich denke nur, dass 'Mit Freunden einen trinken gehen' nicht von der Krankenkasse übernommen wird.", als ich mich überarbeitet hatte und davon krank wurde.

Diesmal sagt er wieder, was ich nicht hören will. "Ich denke nicht, dass Sie depressiv sind. Sie sind nur leider genau so klug, dass sie alles zergrübeln können." Ich wäre gerne depressiv. Oder was anderes. Ich nehme alles aus dem ICD 10. Hauptsache die Antwort ist nicht, dass ich einfach ich bin und das oft sehr anstrengend ist. Ich wäre lieber krank, als klug genug. Das ist bitter zynisch für jeden Erkrankten zu hören, ich frage mich nur was schwerer ist:
Erfahren, was mensch hat oder nicht wissen, ob mensch was hat?

Mein Arzt sagt nein, ich sage Mist, er empfiehlt mir eine zweite Meinung. Ich frage ihn, ob er davon ausgeht, dass er falsch liegt und mich deshalb zu einem anderen Arzt schickt? Er sagt, dass er sich so sicher ist, dass er weiß, was ein anderer sagen wird. Er denkt, ich sollte bei einem zweiten Arzt nochmal das selbe hören. Und das tue ich. Bei mehreren Psycholog*Innen. "Es tut uns leid, Sie sind gesund."

Zurück bei meinem Hausarzt, sagt er mir, dass die Symptome zu nichts verpflichten. Als ich nach den Symptomen frage, wird mir klar, dass er nicht als Mediziner gesprochen hat. "Wenig Rückhalt aus der Familie, kein angepasstes Leben. Sie sind ein Original, mit eigenen Gedanken. Viele Menschen sind bei ähnlichen Vorzeichen krank, sie sind gesund. Sie stehen auf einer Linie."

Ich stehe auf einer Linie. So war es schon immer. Ich ging zum Gymnasium, obwohl meine Eltern nicht studiert waren. Meine Clique außerhalb der Schule akzeptierte mich, weil ihnen noch ein kluger fehlte. Die Leute mit denen ich im Jugendverband zu tun haben wollte, waren deutlich älter als ich. Die, die mit mir zu tun haben wollten, waren alle jünger als ich. Da wo es heute in meinem Leben um feinsinnige Kunstfertigkeit geht, werde ich als Vorschlaghammer gesehen. Wenn es um stumpfes Handwerkern geht, traut es mir keiner zu, weil ich so weich bin.

Ich bin besonders. Wobei ich diesen Begriff immer irreführend empfinde. Das Wort meinte mal, dass mensch sich verdient gemacht hat und eine Auszeichnung tragen sollte. Das bin ich nicht. Ich bin in nichts der Beste. Ich bin aber der Exot. Und das mit großer Zuverlässigkeit. In jeder Gruppe, jedem Team, bin ich der, der zu einem anderen Ergebnis kommt, auf die selbe Frage. Oft höre ich, dass die Menschen so jemanden "wie mich" noch nie erlebt haben. Ich rede anders, ich höre anders zu, ich habe seltsame Fertigkeiten - meine Mutantenkräfte - die mir Beobachtungen erlauben, Schlussfolgerungen. Menschen sagen mir, dass sie Angst haben, von mir analysiert zu werden. Ich merke, dass da immer diese Linie ist.

Linien sind gut. Sie verbinden. Sie trennen. Sie bringen Struktur. Mein Arzt sagt, dass ich unter den Kranken der Gesunde bin. Weil ich gesund bin. Und er ist unter den Hausärzten ein Hausarzt. Und einer, den ich sehr schätze. "Wenn wir unseren Platz in der Welt verändern wollen, müssen wir immer Energie aufwenden. Wer sich immer bewegt, wird müde und kommt nicht zur Ruhe." Das sagt auch mein Arzt. Manchmal möchte ich nicht besonders, nicht exotisch sein. Ich möchte akzeptiert sein. Wie ich bin. Keine Linie. Die Linie sieht auch nur wie eine Linie aus, wenn mensch drauf steht. Von Innen ist sie ein Kreis der einschließt und festhält. Eine Linie, die vereint. Manchmal, wäre ich gerne im Kreis. Weil ich weiß, wer auf der Linie steht, der nächste sein könnte, der rausfällt.

Spazbiergang

Jay Nightwind | 05.07.18 | / / / / | 2 Kommentare


Wir sind älter geworden. Es ist schwerer geworden, Zeit zu finden. Es ist dieser kleine Horror, den Mensch vorm Leben hat, dass Arbeit und Familie irgendwann keine Zeit mehr überlassen. Freund*Innen werden nur ein Schattenriss im Terminkalender, weil immer mehr Platz von Kindern, Partner*innen, Plänen und Überstunden eingenommen wird. Natürlich muss es nicht so kommen, aber wenn die -wirklich- tollen Kleinen und die neuen Pflichten dann kommen, dann muss trotzdem umgedacht werden.

Angefangen hat es so, dass wir uns das Versprechen gegeben haben, uns einmal im Momat zu sehen. Es ging dabei um nichts exklusives, keine*r wurde ausgeschlossen, aber wir sehen uns auf jeden Fall. Wenn dann noch zwanzig andere Leute dabei sind, okay. Wenn die Kinder dabei sind, um so schöner. Wenn nur wir unterwegs sind, geht auch klar. Da wir alle Gamer/Gaming-Nerds sind, hatten wir viele Abende in unseren Nerd-Höhlen, mit Spielkonsolen, Bierchen und großem Unsinn. Aber irgendwann, wir waren auch überrascht, hatte es den Reiz aufgebraucht. (Multiplayer-Videospiele sind ja auch immer weniger gut).

Als Hermann bei mir zur Tür reinkommt, setzt er sich nicht mal so richtig aufs Sofa. "Wenn ich mich nicht noch etwas bewege, schlafe ich sofort ein.", sagte seine Arbeitswoche durch seinen Mund. Ein halber Plan war schnell gemacht: Wir schnappen uns ein Bier "vonne Bude" und laufen mal grob Richtung Essener Innenstadt.

Ich war schon immer sowas wie ein Stadtläufer. Also wie diese Waldläufer, nur halt als Fährtenleser auf Asphalt. Im Kern, weil ich sehr viel gelaufen bin, erkundet habe und Wege kannte. Früher bin ich jeden Freitag nach der Schule in die Innenstadt gelaufen, aber wenn, dann war ich eigentlich immer alleine unterwegs.

Schon bei unserer ersten Touren, erleben wir kleine Abenteuer, die sich kein Videospiel hätte ausdenken können. Wir hören von einem Radweg über zwei Stadtteile hinweg ein Pokalspiel, werden von einem Dude auf Krücken angerülpst und nach Bier gefragt, eine junge Frau twerkt an jedem Bahnhof aus der offenen Tür des REs raus. Es ist eine absolute Menschen-Safari, wir gucken und staunen. Und wir verlaufen uns. Und verlaufen uns. Und verlaufen uns. Irgendwann fast schon absichtlich.


Als Wortspielbeauftragter taufe ich das Ganze auf "Spazbiergang". Das Bier ist zwar optional, aber im Kern trifft es die Formel dahinter gut. Laufen und Trinken. Ich mache an der Stelle immer (immer) den selben Spruch: "Viel trinken ist wichtig!" Das wird der Sache nicht gerecht, ganze Touren lang wird kein Tropfen Alkohol getrunken.

Ähnlich wie es bei den Kindern meiner Begleiter ist, wird der Radius unserer Erkundungen immer größer. Plötzlich sind es nicht mehr Patroulliengänge in den eigenen Stadtteilen. Wir sammeln Kilometer, laufen von Duisburg-Rheinhausen bis nach Krefeld-Ürdingen. Von Essen-Hügel nach Essen-Überruhr. Wir finden ungeahnte Wälder, traumhafte Flüsse und stoßen auf Mysterien. Es werden wundervolle und wundersame Fotos gemacht. Als wir eine seltsame Tür mit Behördenschild knipsen, ist das Bild auf dem Handy nachher defekt. Wir stehen an der Ruhr und unter einer Autobahn gleichzeitig. Ich sage immer mal wieder: "Hier steht kein Schild, dass es verboten ist." Wir wollen mehr, wir wollen weiter.

Plötzlich, sind wir eine Gruppe "Stadtläufer". Es wird darüber nachgedacht, die Routen zu markieren. Wir planen Touren, wir sind Wanderer. Es werden Objektive für Handykameras gekauft, es werden Kontakte aufgemacht und gesucht, um Tipps für"Hidden Places" zu bekommen. Die Treffen sind plötzlich ganz einfach, alles klappt spontan, wir laufen "mal eben" zehn bis fünfzehn Kilometer. Weil wir überraschend alle Zeit haben.

Es gibt keine Pointe hier. Es gibt keine Wendung. Keine Lehre. Nur einen Eintrag in diesem Tagebuch, einen Hashtag auf Instagram. Irgendwer hat mir mal gesagt, dass die Welt da draußen keine Abenteuer mehr hat. Ich vermute, diese Person war zuletzt sehr viel drinnen, denn wir finden doch immer wieder etwas neues.



Fotos: Hermann Hohls, Jay Nightwind, Medienwald

Sticker kleben ist politische Aktion!

Jay Nightwind | 13.06.18 | / | Kommentieren
Willkommen in politisch brisanten Zeiten. Während die hohen Herren und Damen sich mit Hilfe der sozialen Medien stündlich in immer größere Wannen voll Fett setzen können, scheint die Aufspaltung zwischen Fraktionen immer mehr zum Alltag zu werden. Die Menschen in meinem Umfeld sagen oft, dass sie unpolitisch sind. Sie hängen keiner Partei an, verfolgen das Tagesgeschehen nicht und Berlin ist für sie halt auch nur ne Stadt.

Was ihnen erstmal keiner verraten hat, ist die Tatsache, dass es kein unpolitisches Handeln gibt. Der Fremdwörter-Duden auf meinem Regal sagt, das Politik das "Handeln mit Wirkung auf das Leben der Öffentlichkeit" meint. Wer also einen grünen Stromanbieter wählt, wer mit dem Auto statt der Bahn fährt, wer sein Geld in Aktien investiert, wer eine Mitgliedschaft in der Bücherei hat und und und und und und, handelt politisch. Haha, Pech gehabt, ob ihr wollt oder nicht!

Neben dem politischen Handeln, da gibt es aber auch die politische Aktion. Sie verfolgt Ziele zu Gunsten einer bestimmten inhaltlichen Strömung. Da spielen sicher schon nicht mehr alle mit, denn politische Aktion erfordert Organisation, Struktur und Vorbereitung. Politische Aktion ist kompliziert und sperrig. Wenn sie groß gedacht wird. Dabei kann es auch einfach und im Kleinen funktionieren.

Menschen egal welcher inhaltlichen Geschmacksrichtung machen Werbung für ihre Sache. In meinem Gefühl machen die Sozialen Medien mit ihrem Bedarf nach Gewinnen im Internet eine Kapital- und Provokationsschlacht aus Werbung. Im Analogen sind die Spielregeln etwas einfacher, wenn auch vergleichbar. Allerdings gibt es keine Benachrichtigungen, wenn etwas kommentiert oder gelöscht wird. Das merken wir uns mal kurz.

Ich kann nur für den Ruhrpott sprechen, aber wenn es eine massive und spannende Form der Werbung gibt, dann sind das Sticker. Kleine Aufkleber, die ein Logo und eine Sache markant machen und an allen Orten auftauchen können. Das Bekleben von Laternen etc. ist natürlich verboten, dass hält aber niemanden so richtig auf. Fans von Sportvereinen zum Beispiel färben ihre Stadt weiträumig in den Vereinsfarben, Bands freuen sich dumm und dusselig, wenn sie Aufkleber mit ihrem Namen drauf haben. Aber weshalb eigentlich? Ich meine, ist es nachgewiesen, dass ein Aufkleber schon mal eine CD verkauft hat? Hat jemand wegen eines Stickers seine Begeisterung für den FC Schalke 04 noch mal überdacht? Eventuell vielleicht wahrscheinlich nicht. Trotzdem machen die Aufkleber etwas mit uns.

Die Psychologie hat den "Mere-Exposure-Effekt" nachgewiesen. Vereinfacht gesagt beinhaltet dieser, dass wir eine Sache die wir immer wieder als Reizwahrnehmung bekommen, im Laufe der Zeit immer besser finden. Was nicht bedeutet, dass wir automatisch Fan davon werden, aber wir quasi "abstumpfen". Je öfter uns die Störung begegnet, desto weniger schockiert sie uns. Ich bin nicht Psychologe genug, um genau und detailiert zu beschreiben, wie sich das im Alltag auf uns auswirkt, aber wenn wir uns die Konzepte und Frequenzen von Werbung anschauen, dann muss an diesem Effekt was dran sein.

Wenn wir davon ausgehen, dass der Mere-Exposure-Effekt uns im Alltag beeinflusst, dann könnte das bedeuten, dass eine dauerhafte Konfrontation mit Emblemen und Aussagen des rechtspolitischen Spektrums uns im schlimmsten Fall die Furcht und Abstoßung gegen solche verlieren lässt. Sie normalisieren sich für uns. Das ist mindestens ein Problem. Wenn gesellschaftsspaltende Inhalte uns nicht mehr stören, dann verlieren wir eine ganze Rutsche Menschlichkeit.

Zurück zu den Stickern. In meinem Stadtteil sind ein ganzes Weilchen Aufkleber der "identitären Bewegung" aufgetaucht. Früher habe ich mich kaum für die Aufkleber an Laternen interessiert, aber als ich in meiner Nachbarschaft zum ersten Mal auf den Spartanerschild gestoßen bin - ein Emblem, welches schon popkulturell mit 300 eine positive Betonung bekommen hat - bin ich auf einmal kribbelig geworden. Mein Stadtteil darf und soll nicht seine Lebensqualität einbüßen. Die bloße Anwesenheit der Sticker hat mich genervt. Das ist nicht mein Bild von hier.

Gut, im Gegensatz zu meinen Freund*innen, würde ich sofort sagen, dass ich politisch bin. Aber auch mir fehlt oft die Zeit und die Energie, mich in Organisationen einzubringen. Trotzdem wollte ich etwas tun.
Das Gute an einem Sticker, im Gegensatz zu einem Post auf Facebook, ist, dass mensch ihn einfach überkleben kann. Das Ursprungsmotiv verschwindet, zu Gunsten eines neuen Inhalts.
Wenn ihr also selbst etwas tun wollt, dann ist das ein guter Einsteiger-Level für politische Aktivität.
Und hier kommt das Schöne: Um einen Sticker von "rechts" zu überkleben, gibt es kaum falsche Möglichkeiten. Jeder Aufkleber hilft. Es ist egal, ob ein Band-Aufkleber, die Werbung für eine Fastfoodkette, ein lustiger Spruch oder ein Werbemotiv für eine Internetseite darüber gelegt werden: Was weg ist, ist weg. Und Inhalte denen ich nicht mehr ausgesetzt werde, schockieren mich wieder dann, wenn es darauf ankommt.

Vlog - Bücher fürs Schreiben

Jay Nightwind | 07.06.18 | / | 2 Kommentare

Vlog - Filmen

Der Nachtwind | 01.06.18 | / / | Kommentieren

Done-Liste - Die Rückkehr

Jay Nightwind | 28.05.18 | / | Kommentieren
Letzten Dezember habe ich die Done-Liste vorgestellt.
Eine selbst erbastelte Checkliste, auf der ich überprüfen kann, ob ich fleißig bin. Die Antwort ist sehr erfreulich und einfach: Ja! Ich bin fleißig. Und nicht nur das, ich entwickel mich prächtig. Mit Hilfe der Liste konnte ich mir nachweisen, dass ich produktiv bin und meine Strukturen sich verbessert haben.

Das hat nicht die Liste alleine gemacht. Inzwischen führe ich einen ordentlichen Kalender, setze mir feste Zeiten für Aufgaben am Tag. Damit bin ich sehr glücklich. Oft halte ich diese Zeiten nicht ein, aber genauso oft verschiebe ich dann die Dinge innerhalb der Woche und habe sie dann abschließend trotzdem erledigt. Weil mein Kalender jetzt das Invictus-Gedicht lebt:
I am the master of my fate: I am the captain of my soul.
Die innere Überzeugung, genau diesen Punkt zu erreichen, hat mich angetrieben. Hinter dem Wunsch zu wissen, ob ich fleißig bin, stand ja in Wirklichkeit das Bedürfnis nach Sicherheit. Sicherheit entsteht nunmal für gewöhnlich aus harten Fakten. Jetzt wo ich die Sicherheit habe, dass ich Dinge erledige und genau sehe, welche es sind, kann ich mich freier bewegen. Und nur noch ganz selten denke ich, dass ich faul bin. Dafür denke ich um so öfter, dass ich vielleicht noch hier und da was optimieren kann.

Unser Andy hat mich neulich gelobt, "Du hast ja auch ein gutes Zeitmanagement!". Ja, das habe ich auch gelernt. Und zwar schön mit der Done-Liste. Plötzlich sieht mensch auch ohne in die Küche zu gehen, dass der Haushalt ein paar Tage vernachlässigt wurde. Ich habe eine besseres Gespür dafür, ob ich aktuell zu viel oder zu wenig Zeit auf der Bühne verbringe.

Als Methode kann ich die Done-Liste also empfehlen. Ich für mich optimiere sie jetzt noch weiter, merke das meine Kategorien ein wenig zu unpräzise sind oder meine Aufgaben sich verändert haben. Dieses Überprüfen ist unfassbar wichtig. Nur so bleibt die Methode auch zielführend.

Jetzt interessiert mich aber auch, wie andere sich organisieren, was andere tun, um ihre Aufschieberitis in den Griff zu bekommen? Wer weiß, vielleicht habt ihr ja die heißen Tipps für Andy, der auch ein bißchen neidisch klang, als er mich gelobt hat.

Weststadtstory - Für eine Hand voll Anekdoten

Jay Nightwind | 24.05.18 | / / | 4 Kommentare
Die hier beschriebene Reihenfolge der Ereignisse ist nicht vollständig chronologisch, was im Kern am mittelmäßigen Gedächtnis des Autoren scheitert.



"Das klingt mir alles viel zu kompliziert, du machst das! Es ist Donnerstag, Montag habe ich ein Konzept von dir in meinem Emailpostfach.", so stellt Heinz mich vor die Tür vor der Weststadthalle und jetzt habe ich also scheinbar einen eigenen Poetry Slam, ohne, dass ich das jetzt und so und überhaupt mal geplant hätte.

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Gabriel, irgendwann 2012
Die Dynamik mit Hermann und mir auf Slams war recht einfach. Ich trete auf, wir hängen nicht im Backstage rum und ich beteilige ihn am damals recht üblichen Freibier. Währendessen nehmen wir nichts ernst, machen zynische Anmerkungen zur Moderation, freuen uns aber auch, wenn ein guter Gedanken und ein kluger Scherz dabei sind. In Wirklichkeit nehmen wir aber auch nur für einen Abend später in meiner WG Anlauf, bei dem wir trinken und zocken. Diese Austrahlung hat uns plötzlich zwei weitere Gäste an unserem Tisch beschert.

Gabriel und Tobi sind mit einem Deutschkurs von der Schule da. Tobi knipst schon den ganzen Abend wie ein Berserker mit seiner Kamera, Gabriel war genötigt an dem Slam teilzunehmen. Rückblickend glaube ich, dass sie von Hermann und mir getriggert waren, weil sie das Konzept Bier & Zynismus überzeugte. Als sich herausstellt, dass die Beiden aus Essen sind, wird eine kleine lose Bekanntschaft daraus.

Als feststeht, dass ich einen eigenen Slam organisieren soll, nehme ich meine Erfahrungen aus dem Jugendverband, was dazu führt, dass ich das nicht alleine machen will. Auch wenn es nicht ganz so war, werde ich bis an mein Lebensende behaupten, dass die Rekrutierung von den Jungs so ein Ocean's Eleven Moment war.

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Tobi Katze, Ilja Budnizki und Johannes Floehr fragen mich, ob ich sie verarschen will? Die riesige Halle, die stehend für über 1000 Menschen Platz bietet, ist unser "Backstage". Die drei packen ihre Taschen zur Seite, machten sich darüber lustig und still und heimlich formuliere ich ein erstes Mal, vielleicht nur in meinem Kopf, dass ich irgendwann mal mit dem Slam auf die große Bühne möchte.

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Thomas, 2011
Im Wohnzimmer seiner Mutter hängt ein Bild, wie er mit Sonnenbrille und Pseudomikrofon
irgendjemanden pseudointerviewt. Als ich ihn kennengelernt habe, hat er mich unter seine Flügel genommen. Sonst hätte ich in der Jugendhaus-Clique keine Überlebenschancen gehabt. Dann sind einige Jahre vergangen. Nachdem Thomas mich viele Jahre gepusht hat und ein guter Freund ist, war klar, dass ich dieser Rampensau ohne eigenes Gehege eine Spielwiese geben muss. Gut, dass ich zufälligerweise jetzt diesen Slam hatte. Thomas steigt mit ins Team ein.




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Jay, 201X
Witzigerweise war ich in Hamburg auf dem Zeiseslam von Kampf der Künste. Die Veranstaltungsagentur macht riesige Schiffe von Slams. Ich hatte mich in einem Urlaub in eins der Line-Ups mogeln können. Ich war schon ausgeschieden, als ich auf mein Handy schaute. "Es ist Irrsinn. Wir müssen in der Halle Stühle stellen." - "Jan, wie krass. Es sind so viele Leute da!"
Es ist natürlich beißende Ironie, dass das passiert, als ich nicht da bin. Später wird immer wieder betont, wie krass das war und wie großartig, dass alle Zuschauer geholfen haben, in der Halle noch die Stühle zu stellen.

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Sven Golze lächelt, droht mir trotzdem eine dicke Schelle an. Und das noch während der Film für unser Saisonfinale anläuft. Nach dem Zuschauerrush war klar, dass wir ein dickes Finale in der Halle anbieten wollen. Und das wir das irgendwie ein bißchen anders machen wollen, als andere Slams. Nicht viel. Nur einen Hauch. Am Ende der ersten Saison gab es ein nettes kleines Making-Of, produziert von Stephan Krahwinkel. 
Diesmal haben wir dicker aufgefahren. Auch weil Stephan Lust hatte was richtiges zu drehen und ich bei der WSS die Basis dafür gesehen habe. Entstanden ist unsere Hommage an "Hangover". Inklusive der sanften Täuschung an unserem Publikum und unseren Slammer*innen, dass ich der Einzige vom Team wäre, der fürs Finale da ist.
Als ich auf der Bühne vortäusche, dass ich nochmal das Team anrufe, ist wirklich spürbar Anspannung im Raum. Als der Film beginnt, die Deckung fällt, verändert sich die Luft im Raum spürbar. Ich kann das nicht beschreiben, ich würde heute sagen, es war so, als hätten alle wieder ausgeatmet. Danach hatten wir ein spektakuläres Finale.

An dieser Stelle möchte ich herzlichst Michael Meier und Luigi Aiello danken. Die beiden Veranstalterkollegen haben sofort und mit voller Inbrunst ihre Unterstützung angeboten, wollten Jobs übernehmen und kannten unseren Slam gut genug, dass sie eine große Hilfe gewesen wären. Tut mir leid, dass wir euch angeflunkert haben. Es war aber sehr schön unerwartet diese Solidarität zu spüren.

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Weil wir keine (Sommer-)Pause haben wollen, denken wir uns einen Lehrer-Schüler-Slam aus, die Idee ist großartig und wird nach diesem Beitrag (hoffentlich) geklaut. Schüler*Innen treten gegen ihr eigenes Lehrpersonal in einem Textwettbewerb an. Leider erkennt, trotz Berichterstattung in der Zeitung und Briefe an alle Essener Schulen, keiner das Potential.
Da wir keine Alternative haben, nutzen Thomas und ich die gemeinsamen Pausen im gemeinsamen Job, um uns ein Format auszudenken. Die gemischte Tüte wird in einer geistigen Nacht-und-Nebel-Aktion erfunden und gestaltet. Aus dieser entstehen im Laufe der Jahre zwei Improvisationstheater-Gruppen. Finden wir geil. Hallo Improffesionell!

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Wir wundern uns, dass es diesmal keine Plakate von uns in den Stromkästenflächen der Stadt Essen geben wird. Die Erklärung irritiert uns, auch wenn sie heimlich ein Kompliment an uns ist: Man hat Angst, dass zu viele Zuschauer*Innen kommen und wir welche wegschicken müssen. Daher reduzierte Werbung.

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Na gut. Irgendwie hatten sie ja auch recht. Wir streamen dann mal im Finale das Bühnenbild in den Vorraum. Der Zulauf ist Irrsinn.

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Wir stehen auf der Bühne, es gilt Startplatz Acht aufzurufen. Der Künstler ist nicht erschienen, wir improvisieren. "Ist zufälligerweise jemand im Publikum, der einspringen möchte?" Links im Publikum geht überzeugt eine Hand hoch. Miriam Jagdmann bekommt viel später den Titel unserer "Alpha-Slammerin", nicht ahnend, dass sich irgendwo am Horizont der Slamszene die Slamalphas formieren. Sie ist unsere erste Homeslammerin.

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Zenator Yen, Mukke vom feinsten
Ein Jahr später. Es gilt einen Startplatz aufzurufen. Der Künstler ist nicht aufgetaucht. Wir riskieren es wieder und fragen von der Bühne aus, ob jemand einspringen will. Links im Publikum geht überzeugt eine Hand hoch. Ich bin mir sicher, dass es der selbe Sitzplatz ist wie ein Jahr zuvor. Benjamin Poliak steigt in den Wettbwerb ein, macht einen Text, der viel zu lang ist und muss disqualifiziert werden, weil er keine weiteren Texte im Gepäck hat. 2016 und 2017 wird er deutschsprachiger U20-Meister. Wir sind stolz. Bei uns debütieren ganz schön krasse Leute.

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Im Rahmen eines intensiven Kennenlernens, begleitet mich eine Bekannte zu diversen Slams. Sie hat mit Bühnenliteratur nicht so viel am Hut, schaut sich aber neugierig immer alles an. Als Ruhrgebietsbloggerin hat sie auch einen geschulten Blick auf Veranstaltungen und sie ist bekannt dafür, Trends zu erkennen, bevor sie welche sind. Bei uns kam sie da zu spät, aber als ich laut sage, dass ich gar nicht so ganz verstehe, weshalb wir so anders wahrgenommen werden, hat sie eine These.
Publikum und Fabian F.

Sie sagt, dass auf anderen Großveranstaltungen das Team und die Künstler*Innen hinter einer Wand verschwinden. Im Vorlauf, in der Pause und nach dem Gig, sind alle Durchführenden im Backstage. Wir laufen hingegen mit unseren lächerlich grellen Shirts durchs Publikum, sind ansprechbar und unterstützen alle. Wir weisen auf die kürzeren Toilettenschlangen im Nebenraum hin, machen Scherze mit den Zuschauer*Innen und organisieren noch Kleinkram während der Fahrt. Wir sind nicht besonders krass sage ich heute, wir sind echt, sagt sie damals. Was für uns damals selbstverständlich war, ist heute für mich Mission. Ich möchte Stammzuschauer*innen Hände schütteln und Fragen beantworten. Ich möchte nah sein.

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"Ey, die anderen Slams machen Sommerpausen." - "Geil. Lass das auf keinen Fall auch machen, weil wir Pausen hassen." - "Aber wir hassen Pausen doch gar nicht." - "Schweig, Narr!" Okay. Dann machen wir halt im Sommer Formate, die nicht so ganz Slam sind. Und zwar über die Jahre einen ganzen verrückten Strauß.

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Thomas ist der eher wirtschaftliche Denker von uns. Es wirkt manchmal so, als würde er glauben, Wachstum wäre unendlich. Ich weiß, dass das so nicht ist. Sowohl, dass er das nicht glaubt, aber auch, dass es nicht unendlich ist. Trotzdem redet er mit Feuereifer davon, das Finale noch größer zu machen, den Slam noch größer zu machen. Wenn Essen ca. 500 000 Einwohner*innen hat und jeden Monat etwa 500 davon zu uns kommen, ist das nicht mal ein Prozent. Irgendwann redet er davon, weil es kaum gute Orte gibt, an die wir hinwachsen könnten, dass er in die Gruga-Halle mit dem Slam will. Während wir anderen sagen, dass das unendlich schwer wird, macht Thomas sich auf den Weg in geheimen Netzwerken. Plötzlich haben wir 2017 einen Sommerslam im Musikpavillion des Gruga Parks. Plötzlich ist die GrugaHalle gar nicht mehr so weit weg.



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Während Gabriel einen Fabian rekrutiert, da wir erkennen, dass wir mit der ganzen Arbeit der Videos überfordert sind - Immerhin betreiben wir inzwischen einen der größten Poetry-Slam-Kanäle auf Youtube - spricht uns seit Monaten immer ein Fabian auf unserem Slam an, dass er liebend gerne unser Team ergänzen würde. Plötzlich haben wir ein Medien-Team. Foto, Video, Social Media. Irgendwie machen wir schon lange nicht mehr nur Slam. Sind wir jetzt erwachsen?

Die ganze Truppe, Tommy, Gabriel, Fabian B., Fabian F., Moi, Tobi
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Wir sind stolz aus das, was wir aufgebaut und geleistet haben. Dieser Beitrag hier entsteht. Die einzelnen Momente sind nicht in richtiger Reihenfolge, Jahreszahlen verschwimmen. Lang ist noch nicht alles erzählt.

Vlog: Videospiele und 4X

Der Nachtwind | 09.05.18 | / | Kommentieren