Spazbiergang

Jay Nightwind | 05.07.18 | / / / / |


Wir sind älter geworden. Es ist schwerer geworden, Zeit zu finden. Es ist dieser kleine Horror, den Mensch vorm Leben hat, dass Arbeit und Familie irgendwann keine Zeit mehr überlassen. Freund*Innen werden nur ein Schattenriss im Terminkalender, weil immer mehr Platz von Kindern, Partner*innen, Plänen und Überstunden eingenommen wird. Natürlich muss es nicht so kommen, aber wenn die -wirklich- tollen Kleinen und die neuen Pflichten dann kommen, dann muss trotzdem umgedacht werden.

Angefangen hat es so, dass wir uns das Versprechen gegeben haben, uns einmal im Momat zu sehen. Es ging dabei um nichts exklusives, keine*r wurde ausgeschlossen, aber wir sehen uns auf jeden Fall. Wenn dann noch zwanzig andere Leute dabei sind, okay. Wenn die Kinder dabei sind, um so schöner. Wenn nur wir unterwegs sind, geht auch klar. Da wir alle Gamer/Gaming-Nerds sind, hatten wir viele Abende in unseren Nerd-Höhlen, mit Spielkonsolen, Bierchen und großem Unsinn. Aber irgendwann, wir waren auch überrascht, hatte es den Reiz aufgebraucht. (Multiplayer-Videospiele sind ja auch immer weniger gut).

Als Hermann bei mir zur Tür reinkommt, setzt er sich nicht mal so richtig aufs Sofa. "Wenn ich mich nicht noch etwas bewege, schlafe ich sofort ein.", sagte seine Arbeitswoche durch seinen Mund. Ein halber Plan war schnell gemacht: Wir schnappen uns ein Bier "vonne Bude" und laufen mal grob Richtung Essener Innenstadt.

Ich war schon immer sowas wie ein Stadtläufer. Also wie diese Waldläufer, nur halt als Fährtenleser auf Asphalt. Im Kern, weil ich sehr viel gelaufen bin, erkundet habe und Wege kannte. Früher bin ich jeden Freitag nach der Schule in die Innenstadt gelaufen, aber wenn, dann war ich eigentlich immer alleine unterwegs.

Schon bei unserer ersten Touren, erleben wir kleine Abenteuer, die sich kein Videospiel hätte ausdenken können. Wir hören von einem Radweg über zwei Stadtteile hinweg ein Pokalspiel, werden von einem Dude auf Krücken angerülpst und nach Bier gefragt, eine junge Frau twerkt an jedem Bahnhof aus der offenen Tür des REs raus. Es ist eine absolute Menschen-Safari, wir gucken und staunen. Und wir verlaufen uns. Und verlaufen uns. Und verlaufen uns. Irgendwann fast schon absichtlich.


Als Wortspielbeauftragter taufe ich das Ganze auf "Spazbiergang". Das Bier ist zwar optional, aber im Kern trifft es die Formel dahinter gut. Laufen und Trinken. Ich mache an der Stelle immer (immer) den selben Spruch: "Viel trinken ist wichtig!" Das wird der Sache nicht gerecht, ganze Touren lang wird kein Tropfen Alkohol getrunken.

Ähnlich wie es bei den Kindern meiner Begleiter ist, wird der Radius unserer Erkundungen immer größer. Plötzlich sind es nicht mehr Patroulliengänge in den eigenen Stadtteilen. Wir sammeln Kilometer, laufen von Duisburg-Rheinhausen bis nach Krefeld-Ürdingen. Von Essen-Hügel nach Essen-Überruhr. Wir finden ungeahnte Wälder, traumhafte Flüsse und stoßen auf Mysterien. Es werden wundervolle und wundersame Fotos gemacht. Als wir eine seltsame Tür mit Behördenschild knipsen, ist das Bild auf dem Handy nachher defekt. Wir stehen an der Ruhr und unter einer Autobahn gleichzeitig. Ich sage immer mal wieder: "Hier steht kein Schild, dass es verboten ist." Wir wollen mehr, wir wollen weiter.

Plötzlich, sind wir eine Gruppe "Stadtläufer". Es wird darüber nachgedacht, die Routen zu markieren. Wir planen Touren, wir sind Wanderer. Es werden Objektive für Handykameras gekauft, es werden Kontakte aufgemacht und gesucht, um Tipps für"Hidden Places" zu bekommen. Die Treffen sind plötzlich ganz einfach, alles klappt spontan, wir laufen "mal eben" zehn bis fünfzehn Kilometer. Weil wir überraschend alle Zeit haben.

Es gibt keine Pointe hier. Es gibt keine Wendung. Keine Lehre. Nur einen Eintrag in diesem Tagebuch, einen Hashtag auf Instagram. Irgendwer hat mir mal gesagt, dass die Welt da draußen keine Abenteuer mehr hat. Ich vermute, diese Person war zuletzt sehr viel drinnen, denn wir finden doch immer wieder etwas neues.



Fotos: Hermann Hohls, Jay Nightwind, Medienwald

Kommentare:

  1. Und es macht immer wieder Spaß und Freude von euren Spazbiergängen zu hören 😀

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    1. Hihi. Wir haben gehört, dass mensch sich wundert, worüber wir uns so unterhalten. :D

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