Wenn das Wrestling echt wird

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Wrestling ist ein seltsamer Ort. Da verabreden sich Männer und Frauen zu abgesprochenen Kämpfen, die versuchen auszusehen, als wären sie echt. Und daran scheitern sie vorzüglich, aber niemand ist so richtig böse darum, denn die Show ist recht unterhaltsam.

Irgendwo hinter den Vorhängen sitzen ja auch erfahrene (Serien-)Autor*Innen. Weil Wrestling eine Serie ist. Eine seltsame. Mit über 1000 Episoden ist Monday Night Raw ein Flaggschiffformat im amerikanischen Fernsehen. Die Figuren verändern sich häufig, sei es wegen des Alters, inhaltlichen oder auch gesundheitlichen Gründen. Irgendwo hinter den kreativen Autoren sitzt eine Geschäftsleitung. Beim Marktführer für Wrestling, der WWE, ist das Vincent McMahon, der die Geschicke des Unternehmens lenkt.

Und in dem Ruf steht, bestimmte Performer zu bevorzugen. Nämlich "big sweaty men", große schwitzige Männer. Kommentator*Innen des Business erkennen dies an der Auswahl derer, die einen "Push" bekommen und in welcher Frequenz. Da Wrestling vom Storytelling lebt und davon, bestimmte Charaktere stark aussehen zu lassen, müssen sie - aufgrund der Unechtheit des Wettbewerbs - manchmal künstlich gefördert werden. Dies wird als Push bezeichnet und äußert sich in mehr Redezeit, mehr Sendezeit und attraktiveren Matches an den jeweiligen Veranstaltungsabenden.

Es gibt viele Spannungsbögen, aber was neu ist - Internetzeitalter - ist die Tatsache, dass einige der Konflikte sich zwischen den Fans und dem Unternehmen austragen. Denn alle Stars sind gleichzeitig auch soziale Interaktionspartner in den sozialen Medien. Die Unternehmen sind nicht mehr versteckt und die Wrestlingwelt hat nicht mehr so viel Kontrolle über ihre Echtheit, weil das Datennetz alles aufdeckt. Also weiß das Internet auch, dass die Leitung der WWE Roman Reigns liebt.

Roman Reigns, der ist einer dieser Muskelziegelsteine. Ehemaliger Footballspieler, verwandt mit Dwayne "The Rock" Johnson, 1,90 m hoch und gefühlt auch breit. Die WWE versucht seit Jahren, dass die Fans ihn lieben. Sie haben ihn immer wieder um Titel antreten lassen, ihn gegen die größten Widerstände kämpfen lassen. Sie haben seine Gegner jeden Tag versucht böser und schlechter aussehen zu lassen, damit er der strahlende Held sein kann. Roman Reigns hat vor kurzem den am höchsten bewerteten Titel der WWE gewonnen. Ja, gewinnen bedeutet hier, dass die Autor*Innen ihm das Teil an die Hüfte geskriptet haben. Seine Musik startet, er ist der strahlende Held, kommt mit dem Titel um der Hüfte raus: Die Zuschauer*Innen buhen ihn aus.

Die Lektion ist laut und deutlich: "Ihr könnt uns nicht befehlen, wen wir feiern wollen." Das Ausbuhen und Jubeln ist Teil des erzählerischen Spiels. Es ist normal, dass eine Figur mal böse und mal gut ist. Einige wenige bleiben immer auf ihrer Seite des Spektrums, die meisten wechseln von Geschichte zu Geschichte. Die WWE möchte ein neues Covergesicht haben; sie wollen Roman Reigns; den Fans ist das egal. So wird der mehrfache Champion massiv ausgebuht, immer wieder und überall angefeindet. Er wird eher das Gesicht eines Unternehmens, das nicht immer die Wünsche der Fans respektiert und auch davon lebt, diese im Sinne der Überraschung öfter mal zu ignorieren.

Als Roman Reigns am 22.Oktober die Arena betritt, mit dem Titelgürtel auf der Schulter, ist es wie jedes Mal. Die meisten brüllen gegen ihn an, einige wenige Fans werden mit ihrem Jubel versenkt. Die ernste Miene an dem Koloss ist Teil des Bühnencharakters, der "Big Dog" schaut immer ernst, immer bereit. Er ist das Foto eines - etwas zu - traditionellen Männerbildes. Er steigt ind den Ring und nimmt ein Mikrofon, was eine "Promo" ankündigt. Die Wrestler*Innen versuchen mit Promos die Großevents interessant zu machen, eine Geschichte voran zu bringen oder auch ab und an mal ein anderes Produkt zu platzieren. Für gewöhnlich gilt aber, dass mit interessanten Aussagen und provokanten Sprüchen Interesse erzeugt werden soll.

Roman Reigns gibt bekannt, dass er den Titel abgibt und freigeben muss. Nach elf Jahren ist seine Leukämieerkrankung zurückgekehrt. Er hat die Krankheit bereits einmal besiegt, er kündigt an, dass er gerade nicht seine Karriere beendet, sondern zurückkommen wird. Roman Reigns hat Blutkrebs. Leati Joseph Anoa'i hat Blutkrebs.

Die Stimmung in der Arena verändert sich und im Rahmen der Spielregeln dieser verrückten Wrestlingwelt, passiert ein ungewöhnlicher, aber wunderschöner Moment. Die Fans, welche Feinde von Roman Reigns sind, die ihn nicht gewinnen und nicht erfolgreich sehen wollen, werden zu Freund*innen des Mannes hinter der Figur. Sie jubeln für ihn, rufen ihm Zuspruch zu und wünschen ihm Erfolg im Kampf gegen die Krankheit. So wie Roman seinen Gürtel ablegt, legen die Fans für einen Moment ihr Rolle als Fans ab. Eine Halle mit Tausenden Zuschauer*Innen wird zu einem Raum der Menschlichkeit.



Der Zusammenschnitt und die Bildauswahl der WWE für Youtube wird dem Moment nicht mal vollständig gerecht. Trotzdem ist zu spüren, wie plötzlich die Stimmen in der Halle deutlich abnehmen. Und dann, dann rufen sie alle am Ende "Thank you, Roman." Ein Ausruf, zu dem es die Autor*Innen nie geschafft hätten, ein Ausruf, von dem die Fans wissen, was er den Menschen hinter dem Geschäft bedeuten wird.

Es ist seltsam, wenn Menschliches in der Öffentlichkeit passiert, weil wir immer noch nicht daran gewöhnt sind, über Krankheiten, Verlust und die seelischen Kämpfe offen zu sprechen. Die Kunst - Und ja, da zähle ich als narratives Performance-Fernseh-Format jetzt auch mal Wrestling dazu - soll uns solche Themen und Geschichten in erträglichen Portionen anbieten und von unseren Hindernissen im Alltag ablenken. Das Showbusiness, wenn es die Reichweite hat, hat die Chance die wichtigen Kämpfe des Alltags auch mit uns zusammen zu führen und auf Probleme zu zeigen, die sonst zu unsichtbar bleiben. Und wenn dann ein Unternehmen an der Spitze ihrer Industrie beschließt, das Schauspiel fallen zu lassen, um einem Freund die Solidarität zu zeigen, dann ist das schön. Weil es Menschlichkeit auf eine wichtige Position stellt. Weil es Wärme zeigt.

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