Gastbeitrag: Schreibblockaden entgegenwirken - Fünf-Minuten-Gedichte

Ein Gastbeitrag von Janina Balzer:

Als Autor*in/ Poetry Slammer*in/ Künstler*in wird man oft gefragt, wie man denn seine Texte schreibt, woher die ganzen Ideen kommen und wie man es denn schafft, ständig kreativ zu sein. Die Leute sehen das, was man auf der Bühne präsentiert. Sie sehen ein einziges fertiges Produkt. Was sie nicht sehen, ist der Mülleimer voller zerknülltem Papier, das Verzweifeltsein, weil man einfach nicht weiterkommt, das unzufriedene Gesicht, wenn man den Text zum zwanzigsten Mal durchliest und immer noch nicht ganz zufrieden ist. Was sie nicht sehen, sind die Momente, in denen man sich fragt, ob man überhaupt für das gemacht ist, was man da tut. Sie sehen keine Schreibblockaden, die einen nicht in Ruhe lassen wollen. Manchmal mehr und manchmal weniger.
Ich behaupte einfach mal, dass es mir nicht allein so geht und wenn doch, dann kennt ihr nach diesem Artikel meine kleine Kreativitätspumpe. Ich möchte eine Methode mit euch teilen, die mir hilft, Schreibblockaden entgegenzuwirken: Fünf-Minuten-Gedichte!>

Was genau sind Fünf-Minuten-Gedichte?

Der Name verrät es eigentlich schon. Fünf-Minuten-Gedichte sind Texte, die innerhalb von fünf
Minuten entstehen. Dabei ist es ganz egal, wie viele Wörter in der Zeit geschrieben werden, ob gereimt oder nicht gereimt, sogar der Inhalt ist egal.

Wie funktionieren die Fünf-Minuten-Gedichte?
Das Schöne ist: Fünf-Minuten-Gedichte funktionieren sowohl in einer Gruppe, wie auch zu zwei oder ganz allein. Ist man allein, nimmt man sich am Besten ein Zitat oder das nächst greifbare Buch und nimmt einen beliebigen Satz daraus, den man als seinen „Start-Vers“ nimmt. Und dann geht es auch schon los. Fünf Minuten ab jetzt! Wenn die Zeit um ist, ist auch das Gedicht fertig, ganz egal, wie viel bei rumgekommen ist.
Wenn man das Ganze zu zweit oder in einer Gruppe angehen möchte, schlägt man abwechselnd „Start-Verse“ vor und schreibt gleichzeitig drauf los.
Das macht besonders viel Spaß, weil zu einem einzigen „Start-Vers“ so viele unterschiedliche Gedanken und Ideen entstehen können und jede*r einen ganz anderen Schreibstil hat. Wenn man sich die Gedichte der anderen durchliest, hat das also noch einmal einen positiven Effekt auf die eigene Kreativität. Übrigens auch zu empfehlen: Mit Absicht einfach mal kitschige Liebesgedichte innerhalb einer Gruppe schreiben und anschließend gemeinsam drüber schmunzeln.

Worauf kommt es genau an?
Auf gar nichts. Das mag zunächst vielleicht etwas sehr komisch klingen, denn es steht sehr wohl ein Konzept dahinter, aber genau das ist das Wichtigste. Einfach mal fünf Minuten seinen Gedanken freien Lauf lassen. Fünf Minuten lang nicht über jedes Wort, das auf dem Papier landen soll, nachdenken. Fünf Minuten nutzen, um dem Druck fallen zu lassen, dass etwas wirklich Gutes bei rumkommen muss. Fünf Minuten lang einfach mal schreiben, ohne das Gefühl zu haben, den Text nicht abschließen zu können. Denn Fünf-Minuten-Gedichte sind immer fertig. Fünf-Minuten-Gedichte finden immer einen Abschluss, weil nicht die Seitenanzahl ausschlaggebend ist, sondern dass man fünf Minuten lang einen Stift über das Papier gleiten lassen hat oder fünf Minuten lang seine Finger über die Tastatur huschen lassen hat. Am Ende hat man was in der Hand oder eben auf dem Bildschirm, aber es ist immer etwas da. Man hat etwas erreicht und fühlt sich wieder produktiv.
Was danach mit den Fünf-Minuten-Gedichten geschieht, ist jedem/-r selbst überlassen. Vielleicht landen sie in einem Ordner oder einem Buch und werden nie wieder ausgepackt, vielleicht sind sie aber auch das Grundgerüst für das nächste größere Projekt. Tatsächlich habe ich nämlich schon Poetry Slammer*innen auf Bühnen gesehen, die Texte gelesen haben, die genau aus diesen Fünf-Minuten-Gedichten entstanden sind.

Wie sehen meine eigenen Erfahrungen damit aus?
Innerhalb weniger Tage habe ich mit einigen Menschen an Fünf-Minuten-Gedichten gearbeitet und dazu von einigen anderen gehört, die ebenfalls dieser Methode nachgegangen sind. Die Rückmeldungen spiegeln meine eigenen Erfahrungen wider. Man setzt sich wieder öfter hin, um etwas zu schreiben, weil fünf Minuten wirklich mal drin sind. Man hat mehr Motivation, sich an etwas Neuem auszuprobieren, weil der Druck wegfällt, dass alles, was man schreibt, gut sein muss. Vor allem kann man auch mal über das lachen, was bei rumkommt. Das Denken wird umgedreht. Man setzt sich nicht mehr hin, weil man unbedingt einen guten neuen Text schreiben will. Man setzt sich hin, weil es Spaß macht, zu schreiben, weil man sich danach gut fühlt - und wenn dabei dann noch eine coole Idee entsteht, umso besser! Man hat plötzlich Raum für Themen, die einen gerade beschäftigen, aber sonst nicht aufgeschrieben werden würden, weil sie keine drei Seiten füllen können. Man setzt sich an Themen, die einen selbst interessieren und nicht an Themen, von denen man glaubt, dass sie gut ankommen würden. Der ganze Schreibprozess wird ungezwungener und macht wieder viel mehr Spaß!


© Tim Schablitzki
Über die Autorin: Janina Balzer ist seit 2017 auf den Slam-Bühnen in NRW unterwegs. Sie schreibt meistens über Dinge, die sie aus dem Alltag mitnimmt oder selbst erlebt. Dabei sammelt sie Erfahrungen, indem sie Beobachtungen aufstellt, Fragen formuliert und stetig neue Ideen mit Anderen teilt. So auch ihre kreative Idee zum Entgegenwirken der Schreibblockaden.

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