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Ich halte nichts von guten Vorsätzen

Der Nachtwind | 09.01.17 | | 4 Kommentare
Ein Gastbeitrag von Miriam

Ich halte nichts von guten Vorsätzen. Man setzt sich eine Aufgabe, die man dann ja doch nicht oder wenn nur sehr begrenzt umsetzt. Gute Vorsätze dienen in erster Linie zur Beruhigung des eigenen Gewissens: „Ich wollte ja etwas ändern, aber leider, leider hat es dieses Jahr nicht gelingen wollen. Naja, nächstes Jahr, da klappt es bestimmt.“
Ich halte nichts von guten Vorsätzen. Und ich fasse eigentlich keine. Eigentlich.

Denn ich will etwas ändern an meinem Leben. Und ich brauche dafür etwas Verbindliches. Ein Versprechen an mich selbst. Einen guten Vorsatz eben.
Deshalb hier mein Vorsatz für das Jahr 2017: Den Blick fürs große Ganze wiederfinden.

Ich weiß, dass klingt nicht sonderlich beeindruckend. Auch nicht besonders schwierig.
Aber habt ihr schon mal etwas gesucht, dass ihr verloren habt? Das Gesuchte kann direkt vor euren Augen liegen und trotzdem kann es passieren, dass ihr es überseht.
Ich habe den Blick fürs große Ganze verloren. Und auch wenn das große Ganze logischerweise eine ziemlich große Sache ist, ich übersehe es.

Stellt euch eine To-Do-List vor, auf der die Punkte nacheinander abgearbeitet werden müssen, um am Ende den letzten und wichtigsten Punkt zu erreichen. Eben das, was man unbedingt will.
Ich habe verlernt mein Endziel in all den kleinen Etappen bis dorthin wiederzuerkennen.

Und dadurch habe ich auch verlernt das, was ich tu mit Leidenschaft zu tun. Ich bin zu oft „muss ja“, anstatt „ich will“. Dabei wären viele Dinge, die ich tun muss, eigentlich sowieso Dinge, die ich tun will. Denn sie führen nicht nur zu meinem Ziel, sonder sind sogar ein Teil davon.
Das heißt nicht, dass ich verlernt habe zu kämpfen. Ich weiß nur nicht mehr wofür ich mich eigentlich gerade wirklich ins Zeug lege.

Ich will den Blick fürs große Ganze wiederfinden und dadurch auch meine Freude an dem was ich tu zurückgewinnen. Ich will dass ich wieder erkenne, dass es sich lohnt jeden einzelnen kleinen Unterpunkt auf meiner imaginären To-Do-Liste abzuarbeiten. Ich will, dass ich wieder weiß, wofür ich kämpfe.

Das habe ich mir zum Vorsatz für dieses Jahr gemacht. Das ist ein weiterer Punkt auf meiner To-Do-List. Und ich hoffe, dass ich nicht vergesse, warum er dort drauf steht.

Über die Autorin:
"Du hast eine Geschichte, die relevant ist." hat mir irgendwann mal jemand gesasgt. Am Anfang habe ich das nicht so richtig glauben können. Dann ist mir aber klar geworden: Jeder Mensch hat seine ganz persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen. Und die sind alle auf ihre eigene Art und Weise hörenswert. Mit meinen Gedanken stehe ich deshalb ab und an mal auf Poetry-Slam-Bühnen. Und jetzt wollte ich eben auch mal dieses "Blog"-Ding ausprobieren. 

Warum das Wort eine Waffe ist!

Der Nachtwind | 05.01.17 | / | Kommentieren
Ein Gastbeitrag von von Fatih Serbest

Immer dasselbe Spiel. In den Medien passiert etwas und alle reden darüber. Viele Schreiben auch darüber. Ich habe den folgenden Text in meinem Kopf schon zigmal geschrieben. In Wirklichkeit hatte ich gar keine Lust es in die Tastaturen zu tippen. Jetzt schreibe ich es doch. Nicht weil mich das folgende Thema sonderlich interessiert. Das tut es auch so. Weil ich Sprachwissenschaften studiert habe. In Wirklichkeit aber, konnte ich einfach nur nicht schlafen. Weil ich etwas krank geworden bin. Leichte Grippe. Egal. Kommen wir zur Sache.

In der Sprachwissenschaft gibt es einen Teilbereich. Der nennt sich „Pragmatik“. Darin geht es ganz grob gesagt darum, inwiefern man mit Sprache Handlungen ausüben kann. Da die meisten von euch gerne Wikipedia nutzen und ich nicht wissenschaftlich werden möchte, hier der kurze allgemeine Auszug, womit sich die Pragmatik beschäftigt. Also. Pragmatik:
„…beschäftigt sich in der Linguistik mit der Beschreibung von kontextabhängigen und nicht-wörtlichen Bedeutungen bei der Verwendung von sprachlichen Ausdrücken in jeweils konkreten Situationen und mit den Bedingungen für ihr Entstehen…“.
Nochmal anders. Als sprechender Mensch führe ich auch eine Handlung aus. Handlungen sind in der Sprache, das Äußern von Wünschen, das Vollziehen einer Aussage oder auch eine Beleidigung. In der Pragmatik versucht man diese Handlungen nicht nur aus den ausgesprochenen Worten zu filtern, sondern auch aus der Umgebung, in der eine Handlung vollzogen wird. Dabei kann alles erdenkliche eine Rolle spielen. Der Ort, die beteiligten Personen, die Zeit, das Hintergrundwissen usw. Die zu berücksichtigenden Faktoren sind tatsächlich unermesslich. Zu beachten ist, dass wir genau wissen, was gemeint ist. Wenn mein Arbeitskollege mich fragt: “Und, wie sieht es aus?“ weiß ich ganz genau, dass er wissen möchte, ob ich bei unserem monatlichen Pokerturnier das nächste Mal dabei bin. Das nur, weil ich genau weiß, was auch er weiß. Für einen Außenstehenden kann es verschiedenes bedeuten. Ein Außenstehender müsste interpretieren. Aber genug jetzt, ich möchte unsere Twittergemeinschaft nicht überstrapazieren.

Als handelnder Mensch, in diesem Fall durch das reine äußern von Worten, kann ich natürlich auch strafrechtlich verfolgt werden. Wenn ich nachweislich jemanden beleidige, kann ich bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe bekommen (Strafgesetzbuch, Besonderer Teil, §§ 80 – 358, 14. Abschnitt – Beleidigung §§ 185 – 200; Quelle: https://dejure.org/gesetze/StGB/185.html).

Natürlich kann ich auch Menschen mit meinen Worten verletzen. Ich kann das sogar so machen, dass ich hinterher mich aus der Sache ganz unschuldig wirkend, rausziehen kann. Ich könnte zu meiner Ex sagen:“ Und. Hört dein Neuer auch wenn du sagst „Spring“?“ Das wäre bewusst verletzend. Hinterher könnte ich mich verteidigen, indem ich behaupte:“ Du hast mir nie den Freiraum gelassen, den ich gebraucht hab.“

Das Beispiel ist schon fast harmlos. Dennoch verletzend. Nun kann ich natürlich viel weiter gehen. Ich könnte bewusst versuchen eine Meinung zu generieren oder auch, anders ausgedrückt, zu produzieren. Eine Meinung in der Bevölkerung z.B.. Dazu bräuchte ich natürlich eine große Bandbreite an sehr vielen Lesern, die ich über ein Medium (z.B. Zeitung oder eine Internetplattform für Nachrichten) verbreite. Das passiert die ganze Zeit. Obwohl ich seit vier Jahren kein Fernsehen mehr schaue, bekomme ich vieles mit. Leider viel zu viel.

Jetzt komme ich zu dem eigentlichen Thema, was mich stört. Was mich bewegt und was mich verletzt. Ich bin nicht der Einzige. Es geht um die bewusste Benennung von menschlichen Rassen und das bewusste Verbinden von Eigenschaften mit diesen Rassen. Zumindest das scheinbar „unverbindliche“ wiedergeben von Nachrichten, in denen etwas mehr steckt, als nur Worte. Als vernunftbegabte Menschen wissen wir, dass eine Rassenunterteilung der größte Schwachsinn ist. Spätestens nach der Sklaverei von Menschen mit schwarzer Hautfarbe oder dem 2. Weltkrieg.

Aktuell läuft die Debatte über die Bezeichnung „Nafri“. Hier geht es nicht um den Einsatz der Polizei. Nur um das Wort. Das Wort ist nicht nur ein Codewort für eine bestimmte Kategorie von Verbrechern. Das hätte man auch mit weniger hinkriegen können ohne das Wort „Nordafrikanisch“ mit einzubauen. VD67 hätte es auch getan. Abgesehen davon, kriegen wir nicht mit, welche Einsätze unsere Polizei tagtäglich durchführen muss. Hier ist es in den Medien ein heißes Eisen geworden. Weil eine Bevölkerungsgruppe sich angegriffen und beleidigt fühlt. Nicht die, die Verbrechen begangen haben. Die Unschuldigen sind es, die sich verletzt fühlen. Im Übrigen, sind Wörter wie „Islamist“ oder „Ausländer“ oder „Asylant“ mittlerweile in der Sprache auch dort angelangt, wo sie niemals hätten hinkommen dürfen. Zu den sprachlichen Äußerungen der Beleidigungen. Glaubt ihr nicht? Fragt mal die Leute auf der Straße, was sie bei den Worten als Erstes denken. Vielleicht seid ihr auch mutig genug um zu sehen, wohin diese sprachlichen Äußerungen noch führen könnten. Ich möchte es hier nicht aussprechen, aber ich habe als Vater von zwei Kindern, große Angst davor. Für andere ist es Alltag. Vor diesem Alltag fliehen sie. Zurecht!

So. Jetzt hoffe ich, dass ich etwas ruhiger schlafen kann und meine kurz vor dem Ausbruch stehende Krankheit etwas auskuriere.

Über den Autor:
Fatih Serbest, 36 Jahre alt; in Koblenz geb.; in Mainz seit 2002; hab Philosophie, Englische Sprachw. und Deutsche Philologie studiert; schreibe viel

Gastbeitrag: The Cat Lady

Der Nachtwind | 29.09.16 | / / | 1 Kommentar
...oder: Wie ein dummer Satz ein ganzes Spiel ruiniert!

Stellt euch vor, ihr spielt ein Spiel, welches euch komplett fesselt. Die Atmosphäre hat euch sofort, das behandelte Thema begeistert euch... und dann kommt eine Situation, die euch nicht mehr loslassen will und bis zum Ende einen faden Beigeschmack verursacht.

Genau so ist es mir zuletzt ergangen, als ich innerhalb von zwei Tagen Harvester Games' „The Cat Lady“ durchgespielt habe. Hierbei handelt es sich um ein äußerst morbides, spieltechnisch sehr simpel gehaltenes 2D-Adventure. Ihr spielt Susan Ashworth, die direkt zu Beginn durch eine Überdosis Schlaftabletten Suizid begehen will und dadurch in einer Art Limbus, einem Ort zwischen Leben und Tod landet. Hier trifft sie auf die dubiose „Queen of Maggots“, die Susan Unsterblichkeit verleiht, sie ins Leben zurück befördert, dabei aber verlangt, dass Susan nun als eine Art Rache-Engel Mörder*innen zur Strecke bringt.

Die gesamte Spieldauer wird dabei Susans Depression fokussiert und thematisiert. Das Spiel versucht, darzustellen, wie eine manifestierte Depression aussehen könnte, was mit einem Menschen geschieht, der dieser Krankheit am Ende unterliegt. Dabei führt Susan einige äußerst gut geschriebene, innere Monologe, die zusammen mit der Gestaltung ihrer Welt in schwarz, weiß und grau sehr beklemmend, aber auch ergreifend wirken. Einzelne Gegenstände wie Blumen oder Blut erstrahlen immer wieder in grellen Farben und je länger das Spiel dauert, umso mehr Farbe kommt auch wieder in Susans Umwelt, was euch ihre Entwicklung fast schon mit dem Holzhammer präsentiert.

Die Prämisse ist also äußerst interessant, die Thematik gut umgesetzt und hat mich, wie bereits erwähnt, nicht mehr losgelassen, bis ich die Geschichte zu einem Ende bringen konnte. Natürlich stellt sich die Frage, wieso Susan plötzlich innerhalb kürzester Zeit auf so viele Psychopathen trifft, die von ihr zur Strecke gebracht werden sollen, darüber blicke ich aber gerne weg, da diese Aufeinandertreffen trotz der äußerst simplen Spielmechanik, sich nur nach links und rechts bewegen und nur mit begrenzten Objekten interagieren zu können, unfassbar nervenzerreißend inszeniert sind. Hinzu kommen noch ein paar nette Gore-Elemente und ich würde glatt sagen, dass The Cat Lady sowohl als Spiel als auch als Abhandlung einer sehr ernst zu nehmenden Krankheit wunderbar funktioniert.

Wäre da nicht diese eine Stelle, dieser eine Dialog in der Mitte des Spiels. Im Laufe des Spiels bekommt Susan eine neue Mitbewohnerin, Mitzi, welche ebenfalls i die kleine Wohnung einzieht. Nun liegt unsere Hauptakteurin irgendwann in der Badewanne, ihre neue Begleiterin möchte ebenfalls in das Zimmer, um mit ihr zu sprechen. Das Problem, dass sich hier nun auftut, ist, dass Susan dies nur erlaubt, wenn Mitzi nicht lesbisch sei. Susan habe kein Problem mit Homosexualität, aber dass eine lesbische Person auf ihre Brüste starren könne, wäre ihr doch zu viel. Brechen wir die Aussage stumpf herunter, haben wir hier ein „Ich habe nichts gegen Homosexuelle, solang sie nicht in meiner Nähe sind!“

Nun steht es jedem Entwickler*innen-Team frei, ihre Charaktere mit Macken zu zeichnen, homophobe Charaktere in ihre Spiele einzubauen, diese selbst als Hauptfigur zu nutzen. Problematisch wird es aber vor allem dann, wenn diese Macken nicht als solche erkennbar sind. Sie könnten Charakterzüge sein, die Einfluss auf die Geschichte nehmen, indem es sie zu überwinden gilt oder die jeweilige Figur eben „das gemeine Arschloch“ oder „der Feigling/Schwächling“ oder was auch immer ist. The Cat Lady führt diesen Charakterzug allerdings in dieser einen Situation ein und greift nie wieder darauf zurück. Susans Ansichten werden nicht als problematisch dargestellt, sondern sind vielmehr verpackt wie ein dummer Gag in einem ansonsten fast ausschließlich düsteren Spiel. Auch Mitzis Reaktion darauf zeugt eher davon, dass solche Ansichten im „Cat Lady-Universum“ absolut normal zu sein scheinen.

Jetzt mag manch ein Mensch sagen, dass solche Personen mit genau solchen Ansichten Realität seien und dem möchte ich auch nicht widersprechen. Es gibt genug Menschen auf der Welt, die genau so mit dem Thema Homosexualität umgehen. Jens Lehmanns Aussage, dass er sich nicht wohl dabei fühlen würde, mit einem homosexuellen Spieler im Duschraum der Kabine zu stehen, macht deutlich, dass solche Aussagen sogar einer breiten Öffentlichkeit präsentiert werden.

Lehmann wurde dafür allerdings aufs Schärfste kritisiert und auch Susan bzw. die Menschen, welche diesen Charakter entwickelt haben, müssen sich dieser Kritik stellen. Susan Ashworth hat nämlich als Hauptcharakter des Spiels eine Position, die zur Identifikation anregen soll. Ihr trefft oftmals Entscheidungen für sie, die bereits zu Beginn Auswirkungen auf das Ende haben können. Ihr versetzt euch damit in die Rolle einer depressiven Person und setzt euch intensiv mit ihren Gedanken auseinander. Die Besonderheit dieser Rolle sorgt dafür, dass Susan in einer Position steht, in der der flapsige Umgang mit solchen Aussagen höchst problematisch ist. Homosexualität wird im Laufe des Spiels kein einziges Mal mehr thematisiert, dieser kurze Dialog im Badezimmer steht völlig isoliert und bietet keinerlei Mehrwert für die Geschichte. Diskriminierende Positionen werden völlig unreflektiert reproduziert. Er erzeugt keine Charaktertiefe oder hilft dem Erzählen der Geschichte. Der Dialog zeigt nur, dass Susan ein homophobes Arschloch ist und dass die Entwickler*innen solch eine Aussage für nicht weiter beachtenswert halten, es aber trotzdem mal loswerden wollten.

Und so kommt es leider dazu, dass ein an sich absolut empfehlenswertes Spiel nur wenige Sekunden braucht, um den Gesamteindruck heftig zu versauen. Die Grundprämisse, Depression zu behandeln und auch künstlerisch darzustellen, ist nämlich weiterhin verdammt wichtig und gut... schade!



Gastbeitrag - Rezension "Kaum Jemand – Zwischen den Ampelphasen "

Der Nachtwind | 05.07.16 | / | Kommentieren
Beitrag von Dierk Seidel

Am Freitag, den 18.03.2016 veröffentlichte der Künstler „Kaum Jemand“ sein zweites Album mit dem Titel „Zwischen den Ampelphasen“. Hinter „Kaum Jemand“ verbirgt sich Michael Holz, ein Künstler, der sich vielfältig in der Münsteraner Künstlerszene herumtreibt und dabei nie Fehl am Platz ist. Ob Theater, Rezitationen, oder mit seiner Liedermacherkombo „Kaum ein Vogel“. Michael Holz bringt seine teils verträumten, teils kritischen Gedanken vielfach ein. Die Vielfältigkeit zeigt er nun auch wieder auf seinem Soloalbum, welches er in Eigenregie produziert hat.
Bevor ich das Album hörte, wusste ich, dass es gut sein würde, obgleich ich nicht im Voraus wusste, welche Lieder darauf sein würden. Und das sage ich nicht nur, weil ich Michael gut kenne und mit ihm schon mehrfach gemeinsam auf der Bühne stand, sondern weil ich von der Qualität der Lieder und der Konzeption des Albums überzeugt bin.

Das Album wird eingerahmt von zwei Instrumentalstücken („Zwischen Weitkampweg und Waldeyerstraße“ und „Zwischen Küchenbusch und Küste“), hierbei wird Michael von Johanna Espeter an der Geige begleitet und gerade der Anfang weckt den Eindruck, dass das Album sehr getragen und ruhig sein wird. Dem widerspricht aber schon das zweite Lied, in dem er fragt: „bin ich befugt oder unbefugt/habe ich ne anzeige am hals/bin ich bettler oder musikant/bin ich als straftäter bekannt?“ und die Widersprüche zwischen Arm und Reich und den Irrsinn von absurden Verboten in Frage stellt. Begleitet wird er hier wie auch schon live immer regelmäßiger von Anja Kreysing am Akkordeon. Da stimmt alles.

Thematisch setzen sich viele Lieder mit Absurditäten des Alltags (Galaxienkollision), Konsumkritik (Ikea) und dem unbedingten Drang nach Freiheit (Ein Uhu im Birkenhain) auseinander. Gerade die kritischen Töne sind es, die genau wissen, wo sie ansetzen müssen, um satirisch zu treffen:

„ein neuer Michael Jackson im kinderzimmer/gleich kommt er in die kita/chinesisch lernt er dort/im hort“ (Chemie am Strauch).
Und dennoch sind vielleicht die stärksten Stücke die Verträumten und Romantischen wie „Du fehlst mir“ und „Kutterverleih“.
Bilder einer vergangenen Liebe, die man kennt, die wehtun, aber man den Schmerz der Einsamkeit manchmal ertragen muss, um abschließen zu können, bringt Michael Holz in „Du fehlst mir“ zum Ausdruck.
In „Kutterverleih“ kommen die fürs das Album titelgebende Ampelphasen zum Ausdruck und Michael Holz zeigt seine Stärke mit der Sprache zu spielen:
„ein mädchen beißt verträumt in eine nussecke“ und „ein mädchen träumt verbissen von einer nussecke“ . Das Träumen steht in diesem Stück im Vordergrund und lässt einen das Unmögliche wirklich werden. Der Refrain hat Mitsing- und Ohrwurmpotenzial. Soll hier aber nicht zitiert werden. Selber anhören ist angesagt.

Wenn Michael Holz neben dem Klavier zur Posaune greift, werden die manchmal ruhigen Stimmungen seiner Lieder aufgebrochen und lassen die Verspieltheit der Gedanken noch mehr zum Vorschein kommen. Die dezente Vielfalt der Instrumentenauswahl ist passend. Klavier und Stimme stehen immer Vordergrund, Posaune, Geige und Akkordeon fügen sich gut ein ohne sich aufzudrängen.

Den Abschluss des Albums macht das schon angesprochene weitestgehende Instrumentalstück „Zwischen Küchenbusch und Küste“. Es lässt einen über den Titel „Zwischen den Ampelphasen“ nachdenken. Michael Holz beschreibt in seinen Liedern die kleinen Gedanken, die einem eben zwischen Ampelphasen kommen können. Das, was er dann in den Liedern daraus macht ist mehr als nur ein Ampelphasengedanke. Die Stimmungen und Texte begleiten einen noch ein ganzes Stück.

Das Album „Zwischen den Ampelphasen“ ist nur direkt bei Michael Holz bestellbar oder auf seinen Konzerten zu kaufen. Klare Kaufempfehlung.

Kaumjemand.de 
https://soundcloud.com/kaumjemand



Beobachtungen von Leben gespickt mit einem Fünkchen Absurdität und Gesellschaftskritik und Überschriften die nicht zum Text passen, so könnte man die Texte von Dierk Seidel beschreiben – muss man aber nicht. Denn das würde bedeuten, sich auf etwas festzulegen, und das passt dann auch nicht so richtig zu ihm und seinen Texten.

Aufgewachsen in Leer (Ostfriesland), sammelte er seine ersten Slam- und Bühnenerfahrungen 2009 an seinem Studienort Flensburg. Seitdem präsentiert er seine Geschichten und Gedichte regelmäßig auf Poetry Slams und Lesebühnen zwischen Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen – dabei unter anderem bei den Schleswig-Holstein-Meisterschaften 2010 und 2011 und beim ersten Poetry Slam auf dem Deichbrand- Festival 2012. Seit Oktober 2014 findet man ausgewählte Texte auf dem Kreativblog www.kulturkater.de. Er hat Deutsch und Politik in Flensburg studiert und ist Gesamtschullehrer in Nordrhein-Westfalen.

Poetry Slam von Innen: Annalouise Falk über Sira Busch

In einem kleinen Ort in Ost-Westfalen, zwischen Lemgo und Paderborn, lebte einmal ein kluges Mädchen mit blauen Augen und langem blonden Haar. Dieses Mädchen heißt Sira. Sie ernährt sich hauptsächlich von Nüsschen und trägt ein Eichhörnchen auf ihrer Haut über ihrem Herzen.

Ihre freundliche Art mit der sie gerne eine Prise Herzlichkeit in die Runde wirft versprach ihr an diesem Ort jedoch keinen Zuspruch, denn sie kam aus Horn. Dort kennt man keine Herzlichkeit. Da bekommt man auf die Fresse. Darum zog das Mädchen schon früh in die Welt hinaus um neue Städte zu entdecken und Menschen zu treffen die ihre Herzlichkeit erwidern konnten.

Genau solcher Art Menschen traf sie bei Poetry Slams. Auf einer ihrer kleinen Reisen zu einer Bühne auf der sie sich für Kreativität und Fantasie in beeindruckend artikulierter Weise stark macht, durfte ich ihre Bekanntschaft machen. Sie erzählte mit leuchtenden Augen von Mathematik und Kunst. Von ihrer Liebe zur Sprache und zum dem glänzenden Instrument Saxophon. Sie mag Zahlen, sie mag Mathe sehr sehr gern, so berichtete sie mir und erklärte mir ihren Traum nach Münster zu ziehen, aus Horn zu fliehen und Mathe in Münster zu studieren.

Vor über einem Jahr wurde dieser Traum zur Wirklichkeit. Doch die Realität weicht ab von ihrer großartigen Vorstellung. Mathe als faszinierende Basis allen Wissens zu verstehen und zu ergründen verschlingt das Mädchen mit den blauen Augen das auch Musik zu spielen, Bilder zu malen und Texte zu schreiben so sehr liebt. Zwölf Stunden vor einem Zettel zu sitzen, die Stirn in Falten zu legen und über Monster-Mengen nach zu denken wird diesem wissensdurstigen und überaus intelligenten Menschen nicht vollends gerecht.
 
Eines Tages wird sie mit ihrem Wissen die Menschheit retten, so schlau ist sie. Doch hoffe ich dass sie immer Zeit finden wird um mal wieder auf Reisen zu gehen. Ob in eine kleine Stadt, auf eine Bühne um Menschen mit Worten zu verzaubern oder in eine Metropole gemeinsam mit mir um die schönsten Bauten in den geheimen Winkeln zu bewundern. Ich liebe den Wortwechsel mit ihr und die verschrobene Art in der sie versteht um die Ecke zu denken.

Manchmal ist Sira schweigsam. Doch sie kann reden, sehr viel reden. In einem Zugwagen zwischen Ostdeutschland und der Tschechischen Grenze hielt sie mir einen Vortrag über die autonome Lebensweise von Henry David Thoreau. Wenn Sira redet hat sie Ahnung wovon sie spricht. Eines Tages wird sie mit ihren Ansichten Bücher füllen. Vielleicht in Zahlenform. Vielleicht in Formeln. Wahrscheinlich werde ich nicht verstehen worum es geht, aber sie wird es mir sicher erklären, vielleicht auf einer Zugfahrt nach Prag.


Annalouise Falk ist auch cool und über sie konntet hier auch schon was lesen. Die beiden Mädels mögen sich nämlich so sehr, dass sie übereinander geschrieben haben.

Poetry Slam von Innen: Jens Kotalla über Sim Panse

Sim Panse
könnte den Schluss zulassen, dass der Poet hinter diesem Namen nichts als Unsinn im Schilde führt. Dass er einem Primaten gleich mit Fäkalien wirft und bei Hörern nur Unmut schürt.

Lediglich letztere Tatsache erweist sich als wahr, wenn man den Wahl-Bremer vor sich auf der Bühne stehen sieht. Mit viel Tiefgang bietet er Verse dar, die so nah, so ehrlich und so treffend zugleich in die Hörzentren der Zuschauer donnern und Herzen entfachen, wie ein Blitz einen Baum. Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund, sondern präsentiert den Menschen vor sich, den Menschen vor sich, den sie in seinem erhobenen Gesellschaftsspiegel sehen.
Seit geraumer Zeit ist er nicht mehr nur Solo auf den Slambühnen unterwegs, sondern beeindruckt mit seiner Partnerin Lisa Schöyen und dem Team „Brave New Word“ die Zuschauer der ganzen Republik.

/Objektivität Ende

Ich lernte Sim bei irgendeinem Slam in NRW kennen. Ich weiß selbst nicht mehr bei welchem, denn wir sahen uns seitdem ungefähr auf gefühlt jeder anderen verdammten Veranstaltung.
Ich war selbst erst vor ein paar Monaten gestartet, da fand auch er den Weg zu dieser wunderprächtigen Bühnenkultur. Mittlerweile kennen wir uns fast zwei Jahre.
Ich weiß nicht was, aber irgendwas funkte ein wenig zwischen uns. Wir verstanden uns auf Anhieb super – wie sowieso mit den meisten SlammerInnen – doch ich empfand unsere Beziehung immer als etwas noch besondereres (dieses Wort hab ich nur für dich „erfunden“ Boy! <3).
Häufig schnackt man mit anderen Poeten vor allem über die Kunst an sich, über neue Texte, diesen und jenen Slam, auf dem man war und wo man nicht noch alles morgen und übermorgen und in drei Jahren hinfahren wird gewesen sein. Doch mit ihm begann ich auch zu telefonieren und über unabhängigere Themen zu reden.
Viele der Slam-Kollegen empfinde ich als Kumpels/Kumpelinen, die man gerne wieder trifft und mit denen man gerne die Zeit im Backstage verbringt. Wenige davon wurden zu Freunden, mit denen man sich auch privat trifft und über Privates quatscht. Sim ist einer dieser Menschen. Ich möchte dir für all die vielen schönen Telefonstunden und Labereien danken!

/Subjektivität Ende


Wenn ich homosexuell wäre, würde ich ihn heiraten.

/Fazit Ende


Jens Kotalla ist manchmal eine Motte und immer auf Facebook zu finden. Die meiste Zeit des Tages kommt er aus Münster und das macht er - genau wie Poetry Slam - ziemlich gut.

Poetry Slam von Innen: Tristan Kunkel über Jan Schmidt

Wenn man im Telefonbuch nach „Jan Schmidt“ sucht, stellt man erstmal fest, dass man kein aktuelles Telefonbuch mehr hat. Wenn man sich dann aber nach einem Besuch im örtlichen Einkaufszentrum unter vielen verdutzten Blicken ein Telefonbuch besorgt hat, schlägt man „Jan Schmidt“ nach und findet abertausende Namen.

Aber für Jan braucht man kein Telefonbuch, man kennt Jan einfach. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz oder so. Ist man mit Jan auf einem Slam, ist es sicher, dass er die erste Stunde seines Daseins nur mit Begrüßungen verbringt. Das liegt nicht nur an der enormen Menge an Menschen, die Jan kennen, sondern auch an seiner Art, Menschen zu begrüßen.

Zum ersten Mal traf ich Jan in Saarbrücken. Ich wurde prompt mit einer Umarmung begrüßt. Und ich meine jetzt nicht so eine Wischi-Waschi-“Ach cool, du auch hier? Ja, mir geht’s gut. Weißte was? Wir müssen unbedingt mal wieder was zusammen machen! Tschaui!“-Umarmung. Nee. Mit beiden Armen und über den Rücken streicheln – das volle Programm eben. Und ich habe das Gefühl, dass diese Umarmung exponentiell länger werden im Vergleich zur Zeit, die man Jan schon kennt.

Poetry Slam von Innen: Coo Pajaro über Sandra Da Vina

Wie jede Liebesgeschichte beginnt auch diese, in einem banalen Augenblick. In dem Augenblick als ich ihren
Namen zum ersten Mal schrieb. „Sandra da vina!“,wird mir diktiert: „Ne, da vina auseinander!“ Ich kasschiere meinen Fehler in dem ich ein Herz aus dem zu nah an‘s d gesetzte V mache. Wie hätte ich ahnen sollen, dass ich für diese Frau noch tausend absichtliche Herzen malen würde?

Wieder und wieder stolperte ich über ihren Namen und schließlich über sie, als sie beim NRW-Slam 2013 auf dem Boden vor der Weststadthalle sitzt und völlig aufgeregt ist weil sie für den Pitcher Poetry Slam aus Düsseldorf nach Bielefeld zur deutschsprachigen Meisterschaft fahren darf. Ihre Augen sprühen Konfetti und ihr Herz tanzt wie Seifenblasen im Wind.