Weg zum Slam

Heute eine Sonderausgabe "Weg zum Text". Es geht um meine ersten drei Auftritte auf Poetry Slams und wie man herausfindet, was für Texte man mitnimmt.
Was ist ein Poetry Slam? Ein Poetry Slam ist ein Dichterwettstreit in dem man einen in der Form freiwählbaren eigenen Text vor Publikum in einem begrenzten Zeitraum zwischen drei bis sechs Minuten liest. Andere Poeten, Dichter, Texter bringen auch ihre Texte mit und das Publikum entscheidet über Sieg und Niederlage. Meist werden dafür aus dem Publikum fünf Jurymitglieder gewählt, die Punktzahlen von Eins bis Zehn vergeben können. Die niedrigste und höchste Zahle werden gestrichen um dann einen Durchschnitt zu erhalten. Die Slammer mit den meisten Punkten dürfen dann mit einem zweiten Text oder der Fortsetzung des Ersten ins Finale um dann dort die Siegerplatzierungen zu erstreiten.
Mein erster Poetry Slam sollte die "Sprechstunde" in der Werk Stadt in Witten am 6.6.2010 werden. Alles was ich über Poetry Slam wusste, dass wusste ich aus dem Internet und von den Poetry Slam Ausstrahlungen im WDR. Im nachhinein sollten sich diese Quellen als äußerst dünn herausstellen.

Die erste Schwierigkeit, nach dem die Anreise organisiert war, war die Auswahl der Texte, die ich mitnehmen sollte. Meine Internetquellen hatten mir gezeigt, dass beim Slam gewinnt, wer witzig ist. Pointierte, humorvolle und farbenfrohe Texte hatten das Zeug zu einem Platz eins. Wer meinen Blog schon länger verfolgt, der wird wissen, dass "Lustig" nicht unbedingt mein Stil ist und meine Texte da oftmals in eine andere Kerbe schlagen. Daher war also vor dem ersten Slam absolute Nervosität angesagt. Ich hatte keine Ahnung was ich mitnehmen sollte. Um meine Performance machte ich mir erst keine Sorgen, denn vor Publikum gelesen hatte ich ja inzwischen schon öfters, aber nie unter Wettbewerbsbedingungen.
Meine erste Auswahl von Texten erstreckte sich über "Enten im Herzen" bis "Gewalt hat keine Farbe" nur über Texte, von denen ich einschätzen konnte, wie ein Publikum sie wahrnimmt. Ich selbst wusste aber nicht mehr so recht, wie ich mich wahr nehmen soll. Will ich witzig sein? Will ich ernst sein? Will ich unbedingt gewinnen? Was will ich überhaupt bei einem Poetry Slam?
Ich stellte die Fragen nach hinten und wollte mich ablenken. Wollte spontan entscheiden welche Texte ich lese. Zwei musste ich mitnehmen, denn laut Ausschreibung gab es nur eine Vorrunde und dann ein Finale, in das die Slammer mit den meisten Punkten kommen.
Am 3.6. ging es dann erstmal mit meiner Freundin zu einer Lesung von Sven-Andre Dreyer, Dagmar Schönleber und Katinka Buddenkotte. Mit Sven durfte ich mir auch schon die Bühne teilen und ich höre immer ganz genau zu, wenn er vom Vorlesen und Schreiben spricht, da er schon lange das macht, was für mich neu ist. Abgucken vom Profi ist ganz normal denke ich. Sven hatte bei dieser Lesung mit einem auffallend guten Text über geflohene deutsche Kriegsverbrecher in Südamerika begonnen. Kein leichter Stoff für eine Lesung im äußerst sommerlichen Düsseldorf bei weit geöffnetem Fenster und Laufpublikum vor Rocco's Bar. Ich war sehr beeindruckt und angefixt, wenn man so sagen will.
In der Pause sagte Sven dann etwas, was mir für meinen bevorstehenden Slam alle Ängste und Sorgen nahm:
"Ich bin nicht lustig, zu mindest nicht in meinen Texten."
Nach einem tollen Gespräch, das leider viel zu kurz war, weil wir zurück nach Essen mussten mit der S-Bahn, ging ich mit einem guten Gefühl nach hause, wissend welche Texte ich mit nach Witten nehme.
"Gewalt hat keine Farbe" und "Wer ist Erik Benissen?" im Gepäck, ging es also nach Witten. Ich fühlte mich fremd, aber selbstsicher zwischen all den anderen Slammern. Kurze freudige Überraschung: Mein Name stand sogar auf dem Flyer und auf Plakaten. Vierzehn Slammer mit je Sechs Minuten sollten es sein, also ein ziemlich langer Abend.
Die Reihenfolge der Slammer wurde gelost, also war jede Ziehung aufregend für mich. Nach Julia Roth und dem Marian hatte ich den letzten Funken Siegeshoffnung begraben, was ich aber als hilfreich empfand, denn ich war nicht mehr zum Gewinnen, sondern zum Lesen da. Man hatte mir ein Publikum gestellt und ich hatte ihnen etwas zu sagen, was wollte ich denn auch mehr?
Wie das mit Losglück, mir und meiner Blase so ist, war ich der letzte, der in der Vorrunde gezogen wurde. Auf dem Hinweg hatte ich mit meiner Freundin "Regeln" aufgestellt, die für meinen Auftritt gelten. "Kommentiere deinen Text nicht nach!", "Les das Wort einfach nochmal, wenn du dich verlesen hast." und (wichtig!) "Sag danke!". Die Regeln im Kopf ging ich auf die Bühne und freute mich über einen Scheinwerfer, so hell, dass ich das Publikum nicht sehen konnte. Das hilft gegen Nervosität.
Auftritt Jay Nightwind; eröffne mit einer Anspielung auf einen Satz der am Abend gefallen war; habe Glück, da der Kommentar gut ankommt; direkt in den Text; lesen; fertig; danke!
Die Punktzahl erfahre ich erst, als ich wieder an meinem Platz sitze: 22 von 30 Punkten. Das war bei weitem mehr als ich gedacht hatte. Ins Finale kommt man damit nicht, aber ich war mehr als glücklich.
Die Moderation steht auf der Bühne und sagt dann folgendes: "Jetzt gibt es eine Pause und wir schauen, welche sechs Slammer in die Zwischenrunde kommen." Jay geht in die Pause und schaut seine beiden Zuschauer an (Danke, Zeppi für deinen Überraschungsbesuch!) um dann zu hören: "Super! Du bist in der Zwischenrunde!" Was? Wirklich? Ja! Tatsache. Mit 22 Punkten gehe ich als Sechster in die Zwischenrunde.
Wir machen es hier kurz: Dort habe ich 20 von 30 Punkten gemacht und als einziger nicht ins Finale gekommen, da sonst allgemeine Punktgleichheit herrschte. Hanno Fischer gewann mit äußerst witzigen Texten vollkommen verdient. Ein toller Abend.
In der Pause bekam ich Komplimente von anderen SlammernSina Langner und  nach Dortmund eingeladen zum Slammen.

Slam Nummer 2: Der POTTery Slam im Chill'R in Dortmund am 30.06.
Was den Text anging wartete ich diesmal bis auf den letzten Drücker. Keiner meiner Texte gefiel mir und das neue deutsche Wüstenwetter blockierte mich auch irgendwie. Die WM war auch keine Hilfe. Ergänzend war ich die letzten Tage ziemlich wütend. Was habe ich gemacht? Ich habe all meine Wut in einen Text gesteckt. Genau genommen in eine Neuauflage, denn ich habe "Ich, Bombe" umgeschrieben und mich über Ölpest in Mexiko, Autocorsos und politische Ohnmacht ausgelassen. Falls gewünscht, kann ich den Text hier einstellen.
Ich weiß nicht, ob es meine Pünktlichkeit war (Zwei Stunden zu früh da) oder das man mal Zeit hatte privat zu quatschen, aber Sina, Isi und Laura, Das Team hinter dem POTTery Slam haben mich fast schon familiär behandelt. Ich habe mich sehr wohl gefühlt und fast schon das Gefühl von Routine. Nur die Anwesenheit des amtierenden Vize-Weltmeister (keine Ahnung, wie die das mit der Sprache da machen) im Poetry Slam hat mir ganz schönes Teenie-Fan-Gehabe hervorgelockt. Man habe ich mich dümmlich benommen in Anwesenheit von Sebastian 23. Trotzdem wurde mein Text mit 20 von 30 Punkten wieder besser angenommen, als von mir erwartet und das trotz wetterbedingtem Technikausfall im Text und meiner Unfähigkeit einhändig zweitstellige Zahlen an zu zeigen. Wieder durfte ich Bekanntschaften machen, doch dieses Mal fühlte ich mich viel "heimischer" im Umgang mit allen/m. So heimisch, dass ich direkt gefragt habe, ob ich zum nächsten Termin wieder kommen darf. Bisher hat niemand "Nein!" gesagt.

Slam Nummer 3: Poetry Slam bei "Kray or Die" bei der Nacht der Jugendkultur im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres
Einige von euch erinnern sich mit Sicherheit: 3.7.2010 16:00 Uhr. Da war doch was? Auf jeden Fall sollte der Slam, moderiert von bereits erwähntem Sven-Andre Dreyer statt finden. Ungünstigerweise aber auch das WM-Spiel Deutschland gegen Argentinien. Ich hatte wegen eines jüngeren Publikum von all zu kritischen Texten abgesehen und "Writing Hero" eingepackt, der Besuchern meiner Lesungen bekannt sein dürfte. Ich hatte mich schweren Herzens gegen das Spiel und für die Kunst entschieden, um dann sehr obskur belohnt zu werden.
Keiner der anderen Slammer war aufgetaucht. Einige hatten sich vorher abgemeldet, Catrin Altzschner, die in Witten dritte geworden war, hatte sich einen fiesen Infekt eingefangen und so saßen meine Freundin, Sven und ich zusammen und sprachen über Texte und Halbmarathonläufe. Thomas Müller zum Dank, hätten wir nach drei Minuten Poetry Slam eh kein Publikum mehr gehabt, also haben wir den Slam in Absprache mit den Veranstaltern ausfallen lassen. Die Flasche Sekt für den Sieger habe ich trotzdem bekommen, sehe mich aber nicht wirklich als Gewinner. Nur in so fern, dass ich dann doch noch das Spiel sehen konnte.

Einige Tage sind vergangen und ich bin zur Zeit Lesungs- und Slamfrei. In einem Einkaufszentrum in Mühlheim durfte ich bei einem spontanen Poetry Slam zu schauen und immer wieder schicken mir Freunde Termine für Slams, an denen ich ja mal teilnehmen könnte. Zu dem bereite ich jetzt schon für eine Jugendfreizeit im Winter einen "Poetry-Workshop" vor. Ich komme nicht umher zu glauben, dass Poetry Slam ein neuer großer Spielplatz mit vielen anderen Kindern ist. Ich komme auch nicht umher zu glauben, dass ich das gebraucht habe. Menschen sehen, die das selbe machen wie ich und doch ganz anders. Ich will mehr und ich will euch alle wieder sehen. Ich freue mich auf weitere Slams und wenn ihr mögt, dann erzähle ich auch weiterhin davon.
Wichtige Regel:
Danke!


Anmerkung:
Links zu Personen und Orten werden nachgereicht.

Kommentare

  1. Da ich es leider zu keinem der Slams geschafft habe, ist es sehr gut das nachlesen zu können.

    Mich würde dein Text vom 2. Slam interessieren - also bitte hier veröffentlichen!

    Ich habe heute auch nen Poetry-Slam Wettbewerb in Kölle entdeckt.

    http://www.sonic-ballroom.de/content/de/kulturbeutel/index.htm

    Da war ich aber selber noch nicht.

    Ich werde mein bestes geben, beim nächsten Mal dabei zu sein!

    Bis morgen!

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