1950-2050 in einem Zug

Es reimt sich nicht viel auf Transport Tycoon,
doch mit diesem Videospiel hat folgendes Gedicht zu tun:

1950 in einer kleinen Welt,
die 512 mal 512 Felder zählt,
stehe ich da mit Zwanzigtausend in der Tasche
und frage mich, was ich hier wohl mache.
Die Städte sind noch kleine,
Verbindungen gibt es keine,
In einem Land und es scheint so bekannt;
Irgendwie scheint es meins und doch ist es ein anderes Heimatland.


Werftpfuhl an der Fulda, Quedlinbrücken.
Um hier einen Start zu finden, muss ich die Karte zücken.
Die Welt startet hier in einer Pause.
Und in Saalbrücken finde ich ein zu Hause,
Für die Firma die ich nun gründen werde
„Saalbrücken Transporte“, die beste Firma dieser Erde.
Sie soll bis 2050 eine der Besten sein
Und erfülle ich die Quoten
Trage ich mich in die Hall of Fame ein.

Doch wie startet man 1950 erfolgreich in den Transport?
Verbinde ich? Fertigungsstätten oder von Ort zu Ort?
Ich entscheide mich für Kohle,
Denn zum allgemeinen Wohle,
Gibt es hier keine Umweltverschmutzung,
Bei ihrer Verbrennung und Nutzung
In einem Kohlekraftwerk,
Drum baue ich meinen ersten Bahnhof auf einen Berg,
An dem sich gleich zwei Schürfstellen finden,
Um diese mit einem Kraftwerk zu verbinden.
Es gibt keinen sichereren Start in dieses Spiel,
Es kostet kaum etwas, doch bringt sehr viel.

Als mein erster Zug seine Reise antritt,
Da plane ich meinen nächsten Schritt
Und binde seine Gewinne in die Planungen ein:
Mehr Kohle-Kraftwerk-Strecken müssen sein.
Um spätere Großprojekte zu finanzieren,
Um hier und da eine Stadt zu schmieren,
Wenn man zu sehr in ihren Bau eingreift
Und so verhindert, dass sie natürlich reift.

Als ich das Land fleißig mit diesen Strecken verbaue
Und gerade noch zufrieden über die Karte schaue,
Entdecke ich neben meinen weißen Zügen
Und meine Augen werden mich wohl kaum belügen,
Pinke Busse auf schlecht geplanten Wegen
Die ihre schmutzigen Griffel um meine (zukünftigen) Gewinne legen.
Eine andere Firma wurde frisch gegründet
Und hofft, dass der Erfolg im Personentransport zündet.

Jetzt wird es für mich Zeit weniger Zeit zu verschwenden
Muss mich anderen Ressourcen zuwenden
So bringe ich Eisen zur Schmelze und von da Stahl zur Fabrik
Und unterwegs entdecktes Getreide und Vieh, das nehme ich gleich mit
Die Waren die nun daraus entstehen
(Ich selbst verstehe nicht genau was man daraus erstellt
scheinbar fertigt jede Fabrik Dosenwurst und -bier in dieser Welt)
Sollen Verwendung in den größeren Städten sehen
Und ehe man sich verschätzt,
Sind alle Waren und Städte kompliziert vernetzt,
Auf Wegen, die komplizierte Schaltungen und Gleise erzwingen,
Um maximale Profite zu bringen.

Kapitalismus macht hier Spaß, man lernt ihn zu schätzen.
Es gibt nichts besseres, als seine eigene Statue in alle Städte zusetzen.

Die Jahre verrinnen und rennen davon.
Die E-Lok, ja sogar die Einschienenbahn, die gibt es schon.
Die Gegenspieler haben sich vermehrt, setzen auf Flugverkehr.
Aber pflanzt man Bäume an gegnerischer Start- und Landebahn, lohnt sich das nicht sehr.
Diese Welt ist ein Spiel und lädt zum Bösen ein.
Die Profite sind groß, das Herz ist klein.

Man erwischt sich dabei Gelände rund um Städte zu kaufen,
Die Mitbewerber ihre Heimat taufen
Und von wo aus sie Wachstum bringen,
Doch mit Geld, kann man alles in seine Wege zwingen.
Aus „Saalbrücken Transporte“ wurde schon lange die „Moneymaker Company“.
Inzwischen investiere ich selbst in die Industrie
Und keine Verstaatlichung
Und keine Steuer,
Bremsen noch mein Feuer.
Dieses Land gehört nur mir.
Jede Stadt ist geschmiert.
Meine Firma lieben alle,
Weil ich sie dafür bezahle
Und als dann 2050 kommt da gibt es keinen Zweifel.
Ich bin es der die Spitze einnimmt, wenn ich nach ihr greife.
Man kann Tausend Punkte maximal bekommen
Und ich habe die Sektgläser schon aus dem Schrank genommen.
Ich bin so glücklich, ich glaube ich fasse es nicht
„Warum ist meine verfluchte Punktzahl
nur Neunhundertneunundachtzig?“


Anmerkungen:
Dieses Gedicht ist durch Anreiz von Träger des Lichtes entstanden, der selbst in seinem Blog auch eines zum selben Spiel veröffentlichen wird.

Kommentare

  1. Wow, Jay, wieder sehr episch, und ganz toll, die kleinen sozialkritischen Hiebe. Für mich mindestens neunhundertneunzig ;-)
    Hoffe, ich bringe meins die nächsten Tage zuende.

    Es grüßt,
    der Lichtträger

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  2. Schön wieder was von dir zu lesen. Gefällt mir auch sehr gut. Wäre vielleicht sogar ein guter Text für die Spielverpackung. Ich muss mich mal wieder mit dem Spiel auseinandersetzen.

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  3. "Die Profite sind groß, das Herz ist klein" und "doch mit Geld, kann man alles in seine Wege zwingen" gefallen mir besonders gut. Und auch wenn ich keinen blassen Schimmer hatte, was man in Transport Tycoon machen muss, hab ich jetzt - Dank deiner Reime - eine Vorstellung davon! Ist ja wie Rollercoaster Tycoon, nur auf Transport bezogen und vermutlich etwas industrieller und materialistischer, oder?

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  4. An Mary:
    Genau genommen ist Transport Tycoon das Spiel, dass der Herr Sawyer (Der Entwickler) unmittelbar vorher gemacht hat. ;)

    An Hass:
    Danke sehr. Es kommt langsam alles wieder.

    An Träger:
    Ich freu mich auf deinen Text.

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  5. Na so was, bahnt sich da eine ganze Spiele-Dichtungsreihe an? =) Könnte überaus interessant werden!

    Ganz nebenbei: eine Kurzgeschichte wäre doch mal wieder schön!

    ____
    „Irgendwie scheint es meins und doch ist es ein anderes Heimatland.“ – Zu lang für meinen Geschmack. Sperrig auch der Abschnitt zum Flugverkehr.

    Der Abschnitt um die Kohle ist genial, auch rheimerisch.

    Kohle-Kraftwerk-Strecken – Die Strukturierung kann ich nachvollziehen, trotzdem finde ich die zunehmende Bindestrichschreibweise scheußlich.

    „hofft dass“ – Hier wäre ein Komma zweckdienlich. Ich weiß, dass du da eh bestimmte Vorlieben hast, aber hier gehört`s hin ^^
    Gilt auch für „Um maximale Profite zu bringen“ – Die anderen Sätze hast du ja i.d.R. auch per Punkt beendet. Absicht?

    Der Abschnitt um den Konkurrenten hat mir sonst gut gefallen. Hat die Farbe eine bestimmte Bedeutung oder ist das rein wirklichkeitsnah?

    Kapitalismus und Spielspaß schön auf den Punkt gebracht. Ich glaube, meine letzte Aufbausimulation war Caesar IV – müsste man glatt mal wieder reinschauen.

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  6. An Citara:
    Erneut großen Dank für deine Korrekturen. Du wertest meinen Blog zur Zeit deutlich mit auf. Danke sehr.

    Das mit der Farbe ist so:
    Der Computerspieler wählt zufällig aus allen Farben die Farbe seiner Firma aus, dabei beweist der Computer immer wieder...."Stilsicherheit".

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  7. Der Text wäre mir beinahe durch die Lappen gegangen.
    Du hast die Thematik grandios umgesetzt und viel Gesellschaftskritik einfließen lassen. Das gefällt mir sehr! :)
    Das "ernüchternde" Ende finde ich übrigens absolut genial!

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