Kurzgeschichte: der Feldherr

Gepaart mit dem Bodennebel dieses Morgens, durchschneiden Lichtstrahlen den Stoff des Zeltes auf dem Hügel. Wie Dachbalken hängen sie dort, geben den ersten Gedanken die Gelegenheit auch erkannt werden zu können. Die Schritte ohne Unterbrechungen direkt hintereinander gelegt, kommt jemand den schmalen eingelaufenden Pfad hinauf. Ein Finger kreist auf der Armlehne eines Sessels, während ein paar Augen die Karte auf dem Tisch betrachten. 

Der zügige Schatten schiebt sich durch die Vorhänge des Vorzeltes und verwandelt sich in ein bekanntes Gesicht. "Mein Herr?" spicht es und "Berichte, mein Kundschafter." bittet die Seele aus dem Sitz heraus. 

"Ihre Vorahnungen haben sich bestätigt, mein Herr. Es gibt im gesamten Marschland Gerüchte und Berichte, dass die Traurigkeit dort Einzug gehalten hat. In kleinen Grüppchen zieht sie über die Wege und kommt immer wieder mit verschiedenen Persönlichkeiten in Berührung." Ein Hand streicht durch ein Kinn, so wie es erlernt wurde als Geste des besorgten Denkens. "Gibt es Hinweise darauf, was die Traurigkeit von uns will? Gibt es Forderungen?" Auch wenn die Lage es eigentlich nicht hergibt, freut sich der Botschafter kurz, da er darauf eine Antwort hat. "Forderungen gibt es keine, mein Herr. Unsere Aufklärung glaubt auch dass das Eindringen der Traurigkeit nicht feindselig ist. Die murmelt nur einzelne Worte, die sich zu Bildern unserer Geschichte ergänzen. Wir glauben, dass die Traurigkeit einfach nur da sein möchte." Der Atem im Zelt dauert eine Weile, denn er muss nicht nur die Lungen füllen. 

"Nun gut. Wenn von der Traurigkeit keine Bedrohung ausgeht, dann lassen wir sie gewähren. Sie zu vertreiben oder gar zu unterdrücken hat in der Vergangenheit nur zu Verletzungen geführt. Die Zeiten sind schon schwer genug, wir müssen unsere Kämpfe gut wählen." Dem Botschafter fällt eine Träne aus dem Auge auf die ungenaue Karte die auf dem Tisch ausgebreitet ist. 

"Gibt es Neuigkeiten von der Front?", fragt der Herr. Und auch wenn der Botschafter wieder eine Antwort hat, freut er sich diesmal nicht. "Mein Herr, weiterhin ist unser Land an mehreren Grenzen belagert von den Unsicherheiten. Mit gemischten Truppen stehen sie gut positioniert und haben doch eine hohe Beweglichkeit. Angriffe gab es keine, aber unsere Truppen und Bevölkerung sind sehr angespannt, weil sie nicht wissen, worauf sie sich vorbereiten sollen." Der Herr verkniff seine Lippen und wendete seinen Blick in den Lichtschein der lange nicht mehr erwähnt wurde. Dann schmunzelte er fast ausversehen. "Eine sehr gewohnte Vorgehensweise der Unsicherheiten. Und oft erfolgreich. Haben unsere Leute im Feld Strategien entwickelt damit umzugehen?" Der Botschafter zeigte an betroffene Bereiche auf der Karte. "Wann immer sich Wege auftun wenn die Unsicherheiten sich bewegen, senden unsere Leute nach Hilfe aus. Die Idee ist es erstmal mit kleinen Abordnungen in den Bereich hinter die Unsicherheiten zu kommen. Wenn wir hinter die Unsicherheiten kommen, glauben wir, dass wir ihr die Grundlagen streitig machen können. Wir versuchen hinter den Unsicherheiten Befestigungen zu schaffen. Es schränkt die Beweglichkeit der Unsicherheiten ein und könnte zur Folge haben, dass die Unsicherheit ihre Sicherheit verliert und sich auflöst." 

Der Herr sagte lange nichts. Der Botschafter kannte das. Der Herr musste denken. Das Feld war vielschichtig, die Entscheidungen ebenfalls. Von überall kamen Ereignisse die eingeschätzt und bewertet werden mussten. Es musste sich gefragt werden, ob es eine Reaktion brauchte. Und das aus begrenzten Möglichkeiten, das mit allem was innerhalb der Grenzen lebte und leben wollte im Blick. Unruhen waren das eine, aber sollte Chaos ausbrechen, dann wäre es sehr schwer ein gutes Leben zu schützen. 

"Sendet Freude, Neugier und Hilfe aus.", sagte der Herr. "Sind sie sicher? Freude? Das letzte Mal als wir sie ausgesandt haben, kam sie nicht zurück, sie ist an der Traurigkeit gescheitert. Neugier hatte nichts gefunden. Die Hilfe war von Unsicherheiten zersetzt worden.", gab der Botschafter zu bedenken. "Es ist viele weitere Versuche wert. Es geht nicht nur um deren Erfolge, und davon hatten diese drei ja auch einige in unserer Geschichte,  es geht auch darum unseren Widerständen zu zeigen, wie wir ihnen begegnen. Sie sollen sehen, dass wir nie wieder versuchen werden ihnen mit Gewalt, mit Unterdrückung oder Verdrängung zu begegnen. Diese Drei sind einige unserer besten Diplomat*innen. Entsendet sie ohne klare Ziele, sie sollen ihre Sache nur gerne versuchen zu machen. Und dann schauen wir was passiert." Der Botschafter nickte und zog eine Kapuze auf. "Ich werde diese Aufträge in unserer Grenzen verteilen.", und dann ging die Hoffnung wieder aus dem Zelt, über den sehr schmalen Pfad und drückte fest die eigenen Hände, weil der Wunsch so groß war nicht unterzugehen. 

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