Eine Chance geben
Chancen und Wahrscheinlichkeiten sind zuhause in der Mathematik. Und in uns Menschen. Wir versuchen jederzeit - unterbewusst - zu bewerten, ob etwas klappen kann. Hat etwas oft genug geklappt, denken wir nicht mehr darüber nach. Ich frage mich morgens nicht ob es klappen kann, dass ich ein Käsebrot schmiere. Wenn ich dann aber mein Kind dabei sehe, ist mir klar, dass ich nicht bei einer so hohen Erfolgsquote angefangen habe. Ich sehe aber auch dass es eine ganz wichtige Sache gibt, die vorallem mein Kind, aber auch viele Menschen um mich herum vorleben: Chancen geben.
Immer wieder zitiere ich gerne Wayne Gretzky, den Eishockey-Spieler, der mal gesagt hat: "100% der Schüsse die man nicht macht, gehen auch nicht ins Tor." Eine clevere Spitze in Richtung der Statistiker*innen im Sport, aber eben auch eine große Wahrheit. Wenn ich etwas nicht tue, ist die Chance eben erstmal bei Null. Sobald ich aber auch nur einen Versuch unternehme ist sie höher als Null. Es gibt keine Garantie, aber nur wenn ich anfange es zu tun, kann es auch klappen. Und das erste was steigt ist auch vielleicht noch gar nicht die Chance das es klappt, sondern ein Bewusstsein dafür, wann es klappen kann. Mein Käsebrot zum Beispiel erfordert zwei wichtige Bauteile, die ich aber beobachten und überprüfen kann: Habe ich Käse? Habe ich Brot?
Klingt erstmal banal. Eben weil solche Sachen so unterbewusst sind, aber wenn wir es auf unsere Kunst ummünzen, dann ist das eine wichtige Beobachtung: Habe ich die Zutaten die ich brauche um jetzt an meinem Projekt zu arbeiten. Denn wenn ich kein Papier und keine Farben da habe, dann wird es deutlich schwieriger ein Bild zu malen. Und wenn ich eine Idee, aber gar keine Zeit habe, dann wird es auch sehr schwer einen Roman zu schreiben. Aber: Wenn ich das erkennne, dann weiß ich eben was ich mir besorgen muss, damit es klappt.
Die Bereitschaft es zu probieren, das Besorgen aller Zutaten und Elemente, all das gibt unserem Projekt eine Chance. Einer meiner liebsten Mentoren, Austin Kleon, hat Wayne Gretzkis Formel zum Beispiel auch auf Quellen und Inspiration umgemünzt, weil er in einem Podcast gesagt hat, dass er lieber einen Berg ungelesener Bücher zuhause hat, auch wenn er keine Zeit gerade dafür hat. Weil wenn dann überraschend Zeit auftaucht, dann steigen die Chancen rapide dass er ein neues Buch liest. Wenn dann aber kein Buch da ist, dann wird das nicht gehen.
Denn Zufall lässt sich mit einplanen. Viele Filmcrews sind für bestimmte Drehs zum Beispiel aufs Wetter angewiesen. Graffiti-Künstler*innen, Straßenmusiker*innen, Fotograf*innen auch. Und Wetter lässt sich bis zu einem bestimmten Grad vorher sagen, aber bisher nicht so präzise, dass es sich an Zeitpläne hält. Wenn diese Leute aber erst all ihr - oft komplexes Equipment - erst packen und vorbereiten müssen, wenn das Wetter aufkommt, dann verlieren sie vielleicht die Chance. Also bereiten sie schon alles vor, was sich vorbereiten lässt, selbst wenn es dann nicht am selben Tag klappt.
Und das lässt sich eben auch weiter auf andere Kunstformen übertragen. Wenn mein Notizbuch immer schon offen auf dem Tisch liegt, steigt die Chance, dass ich auch etwas damit mache. Wenn mein Rechner schnell und einfach zugänglich ist, dann steigt die Chance, dass ich ihn anmache. Wenn ich meine Programme schon so konfiguriert habe dass ich gut damit arbeiten kann, wenn meine Werkzeuge sauber und nach meinen Bedürfnissen sortiert vorbereitet sind, wenn ich schon Stifte und Farben im Haus habe, wenn ich eine Tasche gepackt schon an der Garderobe hängen habe. Dann geben wir den Sachen eine (bessere) Chance. Und deshalb gehören die Sachen auch zum kreativen und künstler*ischen Arbeiten dazu. Wer seinen Schreibtisch aufräumt und alles für die nächste Schreibsession vorbereitet, dann aber kein Wort schreibt, hat am Buch gearbeitet. Wer Dinge nachliest, statt gerade zu produzieren, recherchiert fürs Werk. Wer sich ein Tutorial anschaut wie mit einem Material gearbeitet werden kann, arbeitet schon am Material. Wer eine Simulation erstellt, um möglich Ergebnisse einschätzen zu können, arbeitet am ersten Versuch. Wir geben Chancen.
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