Dehnübungen I

Jay Nightwind | 11.01.11 | / |
Manchmal möchte man einen Text schreiben oder einen Gedanken verfestigen, doch auf Teufel komm raus kommt man nicht so ins Schreiben, wie man es gerne möchte. Es gibt genauso viele Tipps wie Schreiber, wie man mit dieser kleinen Blockade umgehen kann. Mein Tipp ist ganz einfach: Mach Dehnübungen.
Genau wie beim Sport, muss man sich aufwärmen bevor man voll einsteigt, sonst gefährdet man seinen Körper und in diesem Fall seinen Text. Anders als beim Sport kann man beim Schreiben die Dehnübungen nutzen um warm zu werden. Eine Dehnübung ist dabei eine Übung, die sich natürlich ums Schreiben dreht.
Einige Dehnübungen die mir oftmals helfen möchte ich hier einmal vorstellen:

Haiku
Haiku sind perfekt als Dehnübung geeignet. Sie fassen kurz eine Idee oder einen Moment zusammen und haben feste Regeln für ihren Aufbau. Somit kann man sowohl seine Sinne für Metrum und Struktur etwas wecken oder auch sensibilisieren, aber auch in allerkürzester Form die Essenz der eigenen Idee darstellen. Durch ihre kurze, knappe, ja fast augenblickliche Form wirken sie viel mehr wie Fotos, als wie Texte. Und genau diesen Effekt kann man für sich nutzen. Was wäre auf einem Foto zu sehen, welches von meiner Geschichte/ meinem Gedicht geschossen wurde? Was ist die alles umfassende/ verändernde Aussage?
Wie ist ein Haiku aufgebaut? Es besteht aus drei Zeilen, in denen sich die Worte auf erste Fünf, dann Sieben und dann wieder Fünf Silben verteilen.

Sie war-tet am Tor
Die Klei-dung nass vom Re-gen
Er kommt nicht mehr heim


Das Bild und die Geschichte sind erfasst und diese ersten drei Sätze könnten sogar auch schon gleich die Einleitung des Textes sein. Das dabei eine Haiku gleich auch in all seiner Knappheit die ganze Geschichte erzählen kann zeigt zum Beispiel Egon Alter mit seinem "Haiku X":

Streudienst um sechs Uhr
Du vertrauenswürdiger
Aber ich falle 
Wenn man das Gefühl hat, ein einzelnes Haiku fasst die Idee nicht ausreichend ein, so kann es auch durchaus hilfreich sein mehrere Haikus zu verwenden. Auch wenn man sich nach dem ersten Haiku nicht sicher genug fühlt um mit dem Volltext anzufangen, dann kann man sich natürlich weiter "aufwärmen". Doch Vorsicht! Aus beim Schreiben reicht es nicht nur durch Dehnübungen den guten Willen zu zeigen.
 
Wortspeicher
Der Wortspeicher ist mit Sicherheit keine besonders außergewöhnliche Methode, aber eine große Hilfe um auch seinen Wortschatz zu prüfen und auch überhaupt aktiv zu werden. Dabei ist er sehr simpel.
Man schreibt einfach alle Begriffe auf, die einem zu seinem Thema oder auch zu einer konkreten Szene/Stelle seiner Geschichte einfallen, unabhängig davon, ob man sie verwenden will. Ich persönlich beschränke mich dabei immer tatsächlich nur auf einzelne Wörter und möglichst keine zusammengesetzten Begriffe. Wörter die allerdings den selben Bestand beschreiben lasse ich gelten. Dies sind natürlich keine festen Regeln für einen Wortspeicher, sondern lediglich Orientierungen, die immer den eigenen Bedürfnissen angepasst werden sollten.
Wenn man Egon Alters "Haiku X" nun also als Ursprung nimmt, dann könnte ein Wortspeicher so aussehen:

Winterdienst, Salz, Schnee, Eis, Glätte, Frost, Straße, Boden, Schlagloch, Mantel, Handschuhe, Schal, Sand, Streu, Haustür, Besen, Schaufel, Reifen, Durchdrehen, Sturz, Verletzung, Rutschpartie ....

Diese Liste könnte man endlos fortsetzen und da liegt auch die Schwachstelle eines Wortspeichers. Um zu verhindern, dass man sich zu weit vom eigentlichen Thema entfernt, sollte man eventuell entweder eine zeitliche oder starke inhaltliche Grenze für das Erstellen seines Wortspeichers definieren.
Der Wortspeicher, auf einem gesonderten Blattpapier, ist auch eine gute Hilfe beim Schreiben von Gedichten, da man Dopplungen gut verhindern kann, in dem man schon benutzte Begriffe ausstreicht.

Elfchen
Zu gegeben, als ich den Namen dieser Gedichtform das erste Mal gehört habe, habe ich an Elfen, Oger und Zwerge und so etwas gedacht. Beigebracht hat mir das der PoetrySlammer Jens Hinrich und dafür möchte ich mich auch noch einmal bedanken.
Elfchen sind Gedichte die aus genau Elf Wörtern bestehen, die in ansteigender Anzahl pro Zeile angeordnet werden, um dann wieder in einem einzeln stehenden Wort zu enden. Klingt kompliziert, ist aber einfach, wenn man es visualisiert.

1
2 3
4 5 6
7 8 9 10
11


Die Zahl vertritt dabei die jeweilige Position des Wortes. Elfchen müssen nicht gereimt sein, können es aber natürlich sein. Durch das alleinstehende letzte Wort sind Elfchen meist intensiv und/oder pointiert im Abschluss. Das erlaubt einfache Übungen mit Timing und auch Wendungen.

Dünn
Welke Blume
In zerbrechlicher Hülle
Zerschellst leicht am Boden
Herzblut

Die Betonung auf dem letzten Wort ist so unwahrscheinlich intensiv, dass sich dort die Wirkung des Textes entscheiden kann. Manchmal kann auch ein Elfchen reichen um die gesamte Geschichte zu erzählen.

Dünn
Welke Blume
In zerbrechlicher Hülle
Zerschellst leicht am Boden
Bier


Diese Darstellung und Wendung lässt sich dann leicht als Leitfaden für den vollständigen Text verwenden. Auch hier können wieder schon benutzte Begriffe leicht auch in die Sätze des Gesamttextes eingebaut werden.

Natürlich gibt es weitere Dehnübungen um sich fürs Schreiben aufzuwärmen, aber die werde ich dann bei Gelegenheit vorstellen.

Kommentare:

  1. Also das Bierelfchen hat mir besonders gut gefallen. :D

    Erstaunlich, das man solche "Dehnübungen" oft unbewusst macht.
    Zumindest mir geht es so, wenn ich einen größeren Text schreibe.

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  2. Endlich Zeit gefunden, es zu lesen. Vielen Dank. Eine hilfreiche Tippsammlung.

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  3. Sehr gerne. Ich arbeite auch an weiteren Tipps.

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