Häppchen: Ruhrgebietsflair

Andasch | 09.10.17 | / |
Schon oft hab ich mich gefragt, was genau ich jemandem zeigen kann, der mich aus dem Ausland besuchen kommt. Auf den ersten Blick versteht man den Pott einfach nicht. Wie kann ich ihm/ihr diese kontraintuitive Schönheit zeigen: Dieses pulsierende Leben, diese Betongraue in-die-Fresse-Ästhetik. Ihr wisst schon.
Klar, man kann sone Touri-Tour machen. Einmal ab in die verschiedenen Industrieparks: Westpark in Bochum, Landschaftspark in Duisburg, vielleicht 'n Abstecher ins Bergbaumuseum oder ins Gasometer. Aber haben wir dann wirklich das Ruhrgebiet erlebt? Keine Ahnung.
Irgendwie nicht.
Der Pott ist für mich mehr als all die schlafenden Industrieriesen. Mehr als Bergbau, Currywurst und Herbert Grönemeyer. Es ist, als würde unter all dem Beton Leben fließen und pochen. Es gibt Kultur und Kunst und Musik. 'Ne riesige Poetry- Slam- Szene, viele freie Theater, ne lebendige Musikszene. Egal ob Hip-Hop, Drum 'n' Bass oder Alternativerock. Im Ruhrgebiet findest du alles.
Irgendwann im August habe ich in Essen einen Ort gefunden, der für mich dieses Ruhrgebietsflair irgendwie repräsentiert. Ich hab in Esssen-Frohnhausen einen Döner bei Atilla Döner gegessen. Es war noch angenehm warm und ich konnte in kurzer Hose draußen sitzen. Es war ein guter Tag. Vor dem Laden hatte der Besitzer wacklige Stühle und Tische gestellt. Drei oder vier Meter von mir entfernt, rauschte die A40 vor sich hin. Laut und gleichmässig. Wäre ich aufgestanden, hätte ich auf sie runterschauen können. Von meinem Sitzplatz  aus verwehrte mir aber eine blanke graue Betonmauer die Aussischt. Nach dem Essen trank ich einen türkischen Tee. Direkt vor mir war eine Straße. Ein alter Mann lief seiner Frau hinterher und brüllte etwas. Dann drehte er sich um, sah mich an und sagte: "Eins hab ich gelernt: Frauen und Bussen läuft man nicht hinterher". Dann blieb sie stehen und er lief doch hinterher. Beide brüllten sich dann an. Aber irgendwie liebevoll. Ich weiß es klingt verrückt aber das war wunderschön.
Dieser Wille, allen Widrigkeiten zum Trotz, es schön zu haben, diese eigene Ästethik von Ehrlichkeit und brüllender Liebe und gleichmäßigen lauten Rauschen von Autobahnen...das ist Ruhrpott. Klar, kann man draußen am Kanal in Venedig sitzen und es ist schön. Das ist wirklich nicht schwer. Aber trotz all dem grauen Beton, lauten Geräuschen, Armut und Asiromantik, den Willen zu haben, es irgendwie schön zu machen. Scheiße, das ist Ruhrpott. Das dachte ich so, als ich an meinem Tee schlürfte, die Sonne meine Arme warm machte und mich wunderte, was würde ich Freunden aus dem Ausland zeigen, um ihnen das Ruhrgebiet zu erklären. Vermutlich wäre das ein Ort.

Kommentare:

  1. Tatsächlich gibt deine Beschreibung ein deutlicheres Bild vom Ruhrpott als alle Sehenswürdigkeiten es wahrscheinlich könnten (die man sich vermutlich trotzdem angesehen haben sollte).

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  2. Was soll ich sagen, Andy? Meine Hood! Und vor vielen Jahren habe ich sogar mal hier im Blog eine Brücke weiter gestanden und einen kleinen Einblick in mein Leben gegeben. Die Haltestelle da am Attila Döner war mal einer unserer Abhängpunkte in der Jugend. Und schau was es aus uns gemacht hat! Ich liebe es hier. Wenn ich mal sterbe, will ich unter der A40 beerdigt werden.

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  3. Meine zwei älteren Nachbarinnen,die im Sommer ihre Liegestühle in unseren gepflasterten Hinterhof stellen und sich dort dann sonnen- das ist für mich Ruhrgebietsflair in Reinform, das ist für mich dieser Wille es sich trotz "Grau" schön zu machen. Danke für diese Hommage ans Ruhrgebiet, Andy ;)

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