Gastbeitrag: #woraufichheutestolzbin

- Instagram und Co. als Gute-Dinge-Tagebuch nutzen
- Stolz als heilsames Gefühl -



„Stolz sein“, das hat einen sehr schwierigen Stand im deutschen Sprachgebrauch: Wenn ich jemanden frage, was ihm oder ihr zu Stolz einfällt, assoziieren es die Meisten mit Sätzen wie „Hochmut kommt vor dem Fall“ oder „wer die Nase zu hoch trägt, stößt sich den Kopf“ oder der häufig kritisierte Stolz auf Nationalität oder Gruppenzugehörigkeit, dem immer auch Ausgrenzung und ein „ich bin besser als du“ folgt. Um diesen Stolz geht es hier aber nicht. „Stolz“ als Wort ist sehr doppeldeutig, zum einem beschreibt es Stolz als Emotion, die man fühlen und erfahren kann, zum anderen die Eigenschaft Stolz, die öfter als Hochmut ausgelegt wird. Der Hashtag konzentriert sich auf das Gefühl Stolz. (Was Hashtags sind und wie Mensch diese für sich nutzen kann, hat letzten Monats Jay im Beitrag zu #heutegelernt sehr treffend formuliert, schaut da gerne nochmal nach)

Nun, wie sieht das Gefühl Stolz denn aus? Sicher habt ihr gleich ein Bild vor Augen.

Wenn nicht, hier ein Beispiel: Meins sind die Gesichter meiner Eltern, als ich das erste Mal von einer Slambühne stieg. Ich war noch zitterig, überfordert und weit davon entfernt, stolz auf das zu sein, was ich gerade bewerkstelligt habe. Aber in den Augen und an der Haltung meiner Eltern war es deutlich zu sehen, und wurde mir bewusster als jemals zuvor. Leuchtende Augen, riesengroß, glänzend und glitzernd und sehr wach. Die Schultern weit nach hinten, der Körper aufgerichtet (was schon was heißt, die sind ja auch schon was alt und sorgenschwer), wie beim Haltefaden von Marionetten, den man sich bei Performanceübungen häufig vorstellen soll. Die Arme vorm Bauch, aber nicht verschränkt, sondern so, als wenn sie etwas in den Armen wiegen (damals waren das Jacken, Texte und Handtaschen), als wären die Lungenflügel und das Herz eine leuchtende Schatztruhe, die präsentiert wird. Stolz empfinden passt für mich ganz gut zu der Beschreibung von Felix Felicis trinken in Harry Potter. Ein Schluck flüssiges Gold, dass einem den Hals runter läuft, die Zweifel frei brennt und Wärme, Zufriedenheit und Zuversicht in den Körper ausstrahlt (vielleicht verwechsel ich da was mit Whiskey?). Und wäre es nicht praktisch, einen kleinen Vorrat eben dieses Zaubertranks greifbar zu haben? Nun aber vom Gefühl, welches für jeden und jede etwas ganz subjektives und eigenes ist, zum mehr oder minder Beweisbaren: 

Was ist Stolz eigentlich?
Traut man dem Googlewörterbuch ist Stolz „ a) von Selbstbewusstsein und Freude über den Besitz, eine (eigene) Leistung erfüllt(...)“ oder auch in der negativen Besetzung, „ b) in seinem Selbstbewusstsein überheblich und abweisend“ sein. Fragt man Wikipedia, wird Stolz definiert als „das Gefühl einer großen Zufriedenheit mit sich selbst oder anderen, einer Hochachtung seiner selbst – sei es der eigenen Person, sei es in ihrem Zusammenhang mit einem hoch geachteten bzw. verehrten „Ganzen“." (Was ja zur Zufriedenheit und dem Felix-Felicis-Beispiel passt). Stolz ist hier eine elementare Emotion, die angeboren ist. Jede*r hat also die Fähigkeit, Stolz zu empfinden. Wir können also nur unterdrücken oder zulassen, jemanden dazu ermutigen oder dem Gefühl Raum geben, nicht aber es jemandem an- oder aberziehen im Gegensatz zu der Eigenschaft Stolz. Wenn wir einen Erfolg haben, schüttet unser Körper Glückshormone aus, diese weiten die Gefäße, machen uns wach, zufrieden und manchmal auch ein bisschen berauscht, je nachdem, wie viel vom Körper ausgeschüttet wird. Dadurch entstehen die körperlich spürbaren Effekte, wie zum Beispiel das Wärmegefühl. Das Ganze passiert nicht nur in dem Moment, in dem wir den Erfolg haben, sondern auch in abgeschwächter Form wenn wir uns später daran erinnern.

Wozu ist Stolz gut? Wofür brauchen wir Stolz?
Viele Studien (zu viele/vielseitige, um sie auf zu führen, fragt mich gerne, wenn ihr mehr wissen wollt) weisen darauf hin, dass nicht Erfolg glücklich macht, sondern glücklich sein erfolgreich. Glücklich umschreibt hier einen ganzen Pool an positiven Emotionen und Einstellungen, wie unter anderem Zuversicht, Selbstvertrauen und Mut (Gefühle, die eng mit Stolz verwoben sind). Nach dem gleichen Prinzip ist es auch ein Schlüsselfaktor, selbstbewusst in ein Bewerbungsgespräch zu gehen, um seine Erfolge und Qualitäten gut herausstellen zu können. Allerdings arbeitet da die Psyche gegen uns, das Unterbewusstsein (welches einen Großteil unserer kleineren alltäglichen Gewohnheits-Entscheidungen trifft) neigt dazu, etwas, was zur Bedrohung werden könnte, einfacher und direkter aufzunehmen als glückliche Gefühle und Erinnerungen. Dadurch, um in Bildern zu sprechen, steht auf der Speicherkarte viel mehr negatives als positives für unsere Weiterverarbeitung zur Verfügung. Das führt dazu, dass wir grundsätzlich negativer denken als nötig ist und uns vieles, das wir eigentlich könnten, nicht mehr zutrauen.Um einen Erfolg im Langzeitgedächtnis zu speichern, müssen wir uns damit länger beschäftigen, zum Beispiel indem wir uns einen Moment nehmen, Stolz auf das Geleistete zu sein. Natürlich kann mensch das anders lösen, als durch einen Hashtag. Indem wir allerdings etwas so verarbeiten, dass es zumindest teil-öffentlich ist (zB. bei einer Story in den Sozialen Netzwerken), bekommt die Tat eine ganz andere Qualität. Zudem wird die Leistung gesehen, was bei einem Erfolg auch Anerkennung mit sich bringt und die Möglichkeit, sich darüber auszutauschen. Dabei beschäftigt sich das Gehirn gleich nochmal damit und speichert erneut. Es entsteht außerdem eine Sammlung an „Trophäen“, in der an einem miesen Tag gestöbert kann um eben diesen Erinnerungsschatz zu pflegen.

Das war ziemlich viel Info zu Stolz allgemein, hier also nochmal alles Wichtige zum Hashtag an sich:

Stolz wird beim #woraufichheutestolzbin verwendet im Sinne von: 
– Dokumentation von gefühltem Stolz
– würdigen/wertschätzen, dankbar sein für das Geleistete
– Erfolge feiern und teilen können,
– Erfolge und Errungenschaften annehmen können (Eigene wie auch die Anderer, an denen man Teil hat oder teilnimmt/mitfühlt)
– es zählt nur die eigene Anerkennung, wenn ihr aktiv Bewunderung sucht, wird euch das hier nicht glücklich machen/ weiterhelfen (love yourself first)

Auf diese Art und Weise kann Stolz zu einem heilsamen Gefühl werden. Oft wird es allerdings negativ besetzt/ mit Negativem verbunden: Stolz ist für viele ein „verbotenes Gefühl“, kann aber trainiert/ zugelassen und sich angeeignet werden (wie zB bei Achtsamkeit). Mir ging es anfangs genauso: Aufgefallen ist mir Stolz im Rahmen meiner Ausbildung, da ich daran besonders zu knabbern hatte, lange hatte ich da einfach keinen richtigen Zugang zu. Dies ist eine Möglichkeit, das Gefühl zurück zu erkämpfen. Hier ein kleines Beispiel: Wo sitzt dein Stolz? Gibt es eine Stelle im Körper, die sich verändert, wenn du Stolz empfindest? Wird es dort warm oder kalt, zieht es sich zusammen, dehnt ein Organ sich besonders aus? Wann hast du das letzte Mal Stolz empfunden? Ist das lange her?

Wenn du jetzt da sitzt und denkst „wo soll was sein?“ oder du merkst, dass es lange dauert, Antworten auf diese Fragen zu finden oder gar negative Eindrücke sich in den Vordergrund drängen, kann es für dich sinnvoll sein, sich einmal intensiver mit dem Thema Stolz zu beschäftigen und vielleicht sogar den Hashtag zu nutzen. Wenn ihr alles einfach beantworten konntet, seid ihr auf einem guten Weg und der Hashtag kann zwar ganz nett sein, wird euch aber nicht sehr weit helfen. Bei Gefühlen gibt es immer ein zu viel und ein zu wenig, hier ist das Ziel Ausgewogenheit. Stolz hat nicht grundlos auch den schlechten Ruf, auch wenn es beim „zu viel des Guten“ meist nur dazu führt, dass mensch sich überschätzt und Misserfolge dann um so schmerzhafter werden. Mal über das Ziel hinauszuschießen ist hier aber keine Todsünde (auch wenn Thomas von Aquin da was anderes sagt), sondern etwas, das passiert und mit Akzeptanz (dem Misserfolg gegenüber) und Dankbarkeit (der lehrreichen Erfahrung gegenüber) auch verkraftbar ist.

Natürlich wurde hier ein sehr komplexes und oft sehr persönliches, problematisches Thema nur angeschnitten. Wenn ihr Fragen habt, sprecht mich gerne an oder schreibt in die Kommentare! Ich bin gespannt auf eure Geschichten.

Ich freue mich auf jede*n, der/ die sich unter #woraufichheutestolzbin auf Spurensuche nach diesem Gefühl begibt!



Über die Autorin:
Sophie (Jahrgang '95) studiert Kreativtherapie, ist aktive Slammerin seit 2013 und moderiert seit 2015. Kunst und Kunsthandwerk, Poesie, Basteln, etc. pp. …eigentlich all der ganze Kreativkram...








Kommentare