Rezension: Heroes vs. Misfits

 
Kein Spandex, keine Masken

Geschichten von Helden mit speziellen Fertigkeiten werden uns im Zeitalter der großen Marvel-Comic-Verfilmungen laufend auf äußerst spektakuläre Art erzählt. Thor, Ironman, Spiderman und der Hulk sogar mehrmals, demnächst auch noch Captain America, wieder die X-Men und die Liste scheint nicht enden zu wollen. Gemeinsamkeiten haben diese Helden dabei reichlich, auch neben ihren Wurzeln im Comic: Zum einen sind sie alle öffentliche bekannte Personen, zum anderen tragen sie Kostüme (meist aus Spandex) und Masken um ihre Identität zu schützen. Aber was passiert, wenn man diese beiden Werte mal aus der Gleichung entfernt?
In "Heroes", einer amerikanischen Fernsehserie von Tim Kring, geht es um ziemlich durchschnittliche Menschen, die im ersten Moment nicht sonderlich viel verbindet. Ein Comiczeichner, der Sohn eines Genetikers, ein Krankenpfleger, ein Poltiker, ein Polizist, die Liste verläuft tief in die Normalität. Erst als eine Sonnenfinsternis, die alle Beteiligten miterleben, zwangsweise die Personen verknüpft, blühen neben ihren Wünschen und Leidenschaften - sei es im Guten oder Schlechten - auch Fertigkeiten in ihnen auf, die denen eines Helden nicht ganz unähnlich sind. Dabei werden aber nicht alle Personen zu Helden, es stellt sich eher ein Spiel mit Intrigen, Konflikten rund um eine große Zahl an Geheimnissen ein. Erst als in Form von Sylar ein Serienkiller auftritt, der scheinbar Menschen mit Fertigkeiten jagt, zeichnet sich langsam ein gemeinsamer Feind ab.
Die Personen in Heroes wirken authentisch und nachvollziehbar. Sie sind unterschiedlich mit moralischer und auch persönlicher Stärke ausgestattet, sie gehen ganz verschieden mit ähnlichen Situationen um und je weiter sich die Serie entwickelt, desto öfter kann man sich mit den Personen identifizieren. Es ist, als würden die Basischaraktere einer modernen Gesellschaft abgebildet. Vom verzweifelten Ehemann, der um seine Frau kämpft und dem kleinen Bruder, der aus dem Schatten des Älteren aufsteigen will, ist alles dabei.
Die Erzählstruktur dabei ist äußerst komplex. Jede Folge besteht aus kleinen episodischen Abschnitten, die immer den Handlungen weniger Personen folgen, die sich dann aber wieder mit den Wegen anderer Personen kreuzen. Auch größere Zeitsprünge sind bei Heroes immer von Bedeutung, sei es in Form von Rückblenden, oder tatsächlichen Zeitreisen. Auch wenn so eine aufwendige Struktur im ersten Moment abschreckend wirken mag, vermag es Heroes durchaus zu packen, denn die Autoren haben sich, zu mindest in den ersten beiden Staffeln eine Unberechenbarkeit beibehalten, die sehr erfrischend ist.
Mit dem weiteren Verlauf der Serie wird allerdings die Zahl der Figuren, Ebenen und wichtigen Geschehnissen so groß, dass sich eine gewisse Unübersichtlichkeit einstellt. Trotz toller Bilder und markanter Dialoge ist es beinahe unmöglich sich alles zu merken.
In der optischen Darstellung gibt sich Heroes dabei sehr sauber. Zwar kommt es immer wieder zu Gewaltszenen, aber um sexuelle Darstellungen zum Beispiel macht man einen Bogen, trotz verschiedenster Liebesplots innerhalb der Serie. Dabei bleibt sie immer sympathisch und nett, was auch an den guten und attraktiven Schauspielern liegt: Milo Ventimiglia und Hayden Panettiere sind da nur zwei von vielen möglichen Beispielen.
Heroes bietet also solide eingängige Unterhaltung und Spannung für jeden Comicfan und Freund von Heldengeschichten, die einfach etwas näher am Boden geblieben sind.
Doch jetzt kommt Misfits:

In dem fiktiven Londoner Stadtteil Wertham kommen Curtis, Simon, Nathan, Alisha, Gary und Kelly zufällig zusammen, als sie durch verschiedene kleinere und größere Vergehen zum Sozialdienst in der Gemeinde verdonnert werden. Genervt von ihrem strengen Sozialarbeiter und auch voneinander, geraten sie schon in ihrem ersten Dienst in einen Hagelsturm, der fern jeglicher Verhältnisse liegt. Da stürzen Hagelsteine herab, in der Größe von Kleinwagen und nur knapp schaffen die Jugendlichen es sich zusammen mit ihrem Sozialarbeiter in Sicherheit zu bringen. Doch im letzten Moment, bevor es ins Community-Center geht, werden die Kids von einem Blitz getroffen, bleiben aber vollkommen unbeschadet. Nur Gary hat sich vorher abgesetzt, um auf dem Klo zu kiffen.

Schnell zeigt sich, dass, neben der Heftigkeit, dieser Hagelsturm kein normaler war. So hat der Sozialarbeiter plötzlich ein Zucken im Gesicht und Kelly die Stimmen anderer im Kopf, auch wenn diese nicht sprechen. Besonders schön: Sie merkt es, als ihr Hund sie daheim ableckt und denkt, dass er sich gerade noch die Hoden geleckt hat. Bis jetzt ist noch nicht mal der Vorspann der ersten Folge gelaufen und es sind keine Sieben Minuten vorbei.
Nach und nach entdecken die Kids ihre neugewonnenen Fertigkeiten, die sie alle aber erst eher als störend empfinden. Trotzdem spiegelt sich schnell wieder, dass jeder bekommen hat, was er sich am meisten wünscht. So wird Simon unsichtbar, Curtis dreht die Zeit zurück, Kelly hört was andere über sie denken und wer Alisha berührt, kann nicht mehr von ihr lassen, Nathan kann nichts, aber er hält sich ja eh für perfekt und besonders schlau und Gary kann zu diesem Zeitpunkt auch nichts, denn er ist tot.
Der Sozialarbeiter ist durch den Sturm zu einem Berserker geworden, hat Gary schon getötet und so werden die Misfits im Kampf um ihr Leben vereint. Und anschließend durch die Tatsache, dass sie ihren Sozialarbeiter töten und verschwinden lassen müssen. Die Sache mit der Notwehr und dem Sturm würde diesen Kids keiner glauben. Und damit greife ich nicht mal besonders weit vor, denn das ist alles noch die erste Folge.
Die Misfits sind unangenehm und unappetitlich; sie sind wohl Metaphern für die Jugend der (Britischen) Großstadtvororte oder zumindest das Klischee einer "Scheißegal"-Generation. Und so kommt es dann auch, dass bei den Misfits sehr farbenfroh geflucht wird, Drogen, Sex, Alkohol und Gewalt laufend eine Rolle spielen und auch dargestellt werden.
Im Gegensatz zu den Heroes sind die Misfits dreckig, gemein und unsolidarisch. Trotz toller Schauspieler, die perfekt die Klischees, vom seltsamen stillen Jungen bis hin zur "Chav-Braut" die erst zuschlagen will und dann reden, bedienen, will man sich nicht mit den Jugendlichen identifizieren. Und das soll man auch nicht.
Auch andere Londoner haben Fertigkeiten bekommen, eine neue Sozialarbeiterin kommt und auch innerhalb der Gruppe bleibt die Anspannung immer groß und so baut sich eine spannende Serie um "Helden" auf, die sich noch nicht entschieden haben, auf welcher Seite der Moral sie sich bewegen wollen. Die sich nicht einmal entschieden haben, ob sie ihre Fertigkeiten haben wollen.
Misfits ist dabei laut, schnell und heftig, was diese Serie auch erneut zum genauen Gegenteil von Heroes macht. Während man in den U.S.A auf extra für die Serie komponierte Musik setzt, kommen bei den Misfits moderne Electro- und Rap-Lieder zum Einsatz. Während man bei den Heroes auf lange ausufernde Staffeln mit bis zu 25 Folgen setzt, kommen die Misfits mit sechs Folgen pro Staffel aus.
Es wäre schwer von einem Duell auf Augenhöhe zwischen den beiden zu sprechen, denn die Misfits, die 2009 gestartet sind, treten eher in die Fussstapfen der, inzwischen eingestellten, Heroes. Auf dieser Basis zu schockieren, mit schwarzen Humor und schwierigen Charakteren, ist also nicht besonders schwer, war der geneigte Fan der Heldenserien doch einfach anderes gewohnt.
Wenn man ein die Situation der beiden etwas verbildlichen möchte, dann ist Heroes Vater oder Mutter, der pubertären Misfits: Man kann die Ähnlichkeiten zwischen beiden nicht übersehen, auch wenn das Kind sich ganz zwanghaft bemüht ganz anders als das Elternteil zu sein. Da die Misfits noch jung und klein sind als Serie, kann man auch verschmerzen, dass die Geschichten nicht annähernd so kompliziert sind, wie bei Heroes, doch mit der zweiten Staffel zeichnen sich langsam auch aufwändigere Strukturen ab, bei denen sich aber noch zeigen muss, ob sie den Misfits gut bekommen.
Zum Ende diesen Jahres hin, kommen die Misfits mit ihren dritten Staffel ins britische Fernsehen, bei uns wurden und werden sie auch wahrscheinlich nicht ausgestrahlt. Trotzdem lohnt es sich sehr, zu versuchen die Serie zu schauen.
Mein persönliches Fazit zu den beiden Serien gestaltet sich zwiespältig. Zum einen habe ich Heroes gerne und lange geschaut, denn es handelt sich einfach um filmisch gut erzählte Geschichten, die mein Bedürfnis nach Heldengeschichten ausreichend gestillt haben. Wissend, dass die Produktion von Heroes eingestellt wurde, hat sich meine Lust an der Serie aber auch dämpfen lassen. Für mich nimmt Misfits also jetzt einen Platz ein, den Heroes geräumt hat.
Für mich ist Misfits die bessere Serie, aber dass auch nur sehr knapp. Das liegt zum einen an der oben genannten fortlaufenden Produktion, aber auch daran, dass ich es sehr mag, wenn mit dem Bild der heutigen Jugend gearbeitet und gespielt wird. Misfits ist auf Ebenen gesellschaftskritisch, die für mich nachvollziehbar sind, Heroes neigt da eher zur dünnen, aufgesetzten Kritik.
Empfehlen kann ich beide Serien, entscheiden, ob man es sauber oder schmutzig möchte, das muss dann aber jeder selbst.

Kommentare

  1. Eine sehr schöne Gegenüberstellung. Ich habe Heroes auch gerne geschaut, nachdem ich durch Zufall darauf gestoßem war.

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  2. Deine Gegenüberstellung gefällt mir!

    Ich habe Heroes "kürzlich" auf ScyFy eine echte Chance gegeben, leider bin ich mit der Serie nicht warm geworden.
    Das "unbedingt wissen will wie es weiter geht"-Gefühl stellte sich bei mir zu keinem Zeitpunkt ein.
    Die Serie ist gut gemacht, zweifellos, aber meinen Geschmackt trifft sie komischerweise nicht. Und dabei mag ich eigentlich diesen SciFi und Fantasy Kram.

    Vielleicht lag es aber auch nur an der deutschen Synchro und ich versuche es irgendwann mal wieder mit der O-Ton Version.
    Frühstens aber erst, wenn Game of Thrones durch ist, denn die Serie topt alles was ich bisher im TV sehen durfte. :D

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  3. An den Imperator:
    Danke sehr.
    Heroes darf man nicht auf deutsch gucken, denn die Synchro ist dort nicht nur schlecht, sondern auch noch mit einem fatalen erzählerischem Fehler behaftet: Der Japaner Hiro spricht im Original japanisch und ist somit für alle anderen Figuren zu erst unverständlich. Im Deutschen spricht er, wie alle anderen Figuren auch, Deutsch, was die Serie einfach nur dumm erscheinen lässt.

    An Citara:
    Danke sehr.

    An beide:
    Würden euch denn weitere "VS Rezensionen" auch reiten oder sollte ich lieber beim alten Format bleiben?

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  4. Ich hätte gerne öfters "VS Rezensionen" auch, wenn sie die "normalen" nicht ersetzen müssen/sollen.

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  5. Wie Citara schon sagte... Die Mischung machts! :)

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