Rotations-Rezension: Far Cry 4

Manchmal gibt es so Titel, die zufälligerweise nicht nur einem, sondern allen in den Konsolenschacht oder auf die Festplatte hüpfen. Warum also nur eine Meinung zu einem Spiel einholen, wenn es offensichtlich mehrere gibt? Formate wie das literarische Quartett haben ja gezeigt, dass Diskusion auch spannend sein kann.
Wir probieren jetzt mal im Blog die Rotationsrezension aus, wo schön der Reihe nach, jeder mal das Spiel - oder die Bewertungen des jeweils anderen - zerfleischen kann. Oder wir uns recht geben. Mal schauen.

Der erste Titel, den Hermann, Stephan und ich uns vornehmen, ist kein anderer als Ubisofts FarCry 4. Wie wir es finden, könnt ihr nach dem Jumpbreak lesen.


Jay: " Vor ewigen Zeiten hat mein Cousin mir mal FarCry 1 gezeigt. Ein Spiel, dass uns hauptsächlich wegen dem sich anpassenden Schwierigkeitsgrad beeindruckt hat. Leider war das Spiel damals mit meinem kindlich-jugendlich-naiven Spielstil etwas überfordert und konnte gar nicht so weit runter in der Schwierigkeit, wie ich schlecht gespielt habe. Danach habe ich die Reihe auch ignoriert. Jetzt kam FarCry 4 und da meine freundschaftliche Konsolenbezugsgruppe sich das Spiel geholt hat, habe ich es mir auch selbst zu Weihnachten geschenkt.

Mein Einstieg war ganz schön holperig. Ich weiß nicht ob mir Halo und Destiny falsche Hinweise auf meine Qualitäten als Shooter-Spieler gegeben haben, aber FarCry hatte sichtliche Freude daran, mich um zu bringen. Sehr vielfältig, sehr abwechslungsreich, aber so richtig gut bin ich nicht klar gekommen. Irgendwie war ich nicht richtig schlimm verärgert, weil der spannende rasante Einstieg in die Geschichte auch für die vielen Tode entschädigt hat. Irgendwann habe ich es ja auch geschafft das Tutorial zu überleben."

Hermann: "Ich hingegen kannte bereits alle Vorgänger und besonders FarCry 3 - böse Zungen behaupten, dass in FarCry 4 einfach alles vom 3. Teil übernommen wurde, man aber nur den Ort gewechselt hat - von einer asiatischen Insel mit gemeinen Herrschern zu einer vergessenen Gegend im asiatischen Hochgebirge. Mein erster Eindruck bestätigt dies auch. Die Menüs sind gleich, die Umgebungskarte, die Missionen und das gesamte Spielgefühl. Weshalb ich auch nicht wirklich weit gespielt habe. Ich bin wohl noch etwas zu "satt" vom 3. Teil, welcher ausgezeichnet war.

Man ist wieder ein ahnungsloser Kerl, der eigentlich was anderes vor hat, als eine Revolution zu starten und man wird direkt mit dem Super-Bösewicht konfrontiert, den man aber dank aller glücklichen Fügungen entkommen kann. So etwas nennt sich dann Tutorial.

Jays holprigen Start kann ich unterschreiben. Ich mag aber FarCry deshalb auch viel lieber, als die üblichen Shooter. Man hat eine offene Welt, man darf direkt alles, man kann aber nicht alles und lernt schnell, wo seine Grenzen sind, was man verbessern kann und was man verbessern muss (Ausrüstung, Waffenarsenal, Erkundung, Fertigkeiten, Taktiken)."

Stephan: "Wenn ich das schon höre: Holpriger Start, tausend Tode. Ich bin doch nicht irre und lasse mich für eine Revolution, mit der ich eigentlich erstmal nichts zu tun haben will, umbringen. Außerdem erscheint dieser Pagan Min gar kein so schlechter Kerl zu sein. Die kleinen Gewaltausbrüche wird man ihm doch noch verzeihen können. Es schlägt einfach auf das Gemüt, wenn man als Herrscher eines diktatorisch geführten Landes immer nur mit einem jammernden, unzufriedenen Volk zu tun hat. Und dann auch noch ständig diese aufmüpfigen Rebellen. Ich stelle mich daher stur und bleibe einfach erstmal an dem üppig mit Essen bedeckten Tisch sitzen und genieße die Aussicht. Und siehe da - nach 15 Minuten habe ich Far Cry 4 auch schon abgeschlossen. Beim zweiten Anlauf wollte ich dann aber doch ein wenig mehr von der Landschaft sehen und floh schließlich doch aus dem Palast. Das Panorama sollte mich dann auch nicht enttäuschen."


Jay: "Hach. Das Hochgebirge. Es ist ja schon sehr ärgerlich, dass Farcry keine Option bietet, mit der Kamera die einem im Spiel in die Hand gedrückt wird auch wirklich Fotos zu machen. Wenn keiner da, ist der einen töten will, sieht Farcry wie eine wundervolle Sommerurlaubsversion von Skyrim aus.

Allerdings will einen eigentlich immer irgendwer oder irgendwas töten. Die wilden Tiere, die bösen Bösen oder irgendwelche Karma-Ereignisse, die so häufig auftauchen, dass die Spielwelt sehr lebhaft wirkt. So sehr, dass es schon fast ermüdend ist. Wenn ich nämlich gerade unterwegs bin zu einem Missionsstartpunkt, an einem Checkpoint der Fieslinge vorbei muss und dabei aber auch noch eine Geiselnahme am Wegesrand auftaucht, dann sehe ich mich eher latent unter Stress gesetzt. Wenn FarCry am Anfang eine philosophische Botschaft hat, dann lautet sie: Einfach mal "Nein" sagen zu aufploppender Action. Mal seinem Plan treu bleiben."

Hermann: "Ja diese wütenden Tiere überall. Kein Wunder das in Asien so viele Tiere vom Aussterben bedroht sind. Die legen es ja grade drauf an (Ja klar ist FarCry 4 eine Simulation der Realität). Meine befreundeten Revolutionäre hatten nie für mich Zeit, weil sie immer nur gen Himmel schießen mussten, da ständig Adler angegriffen haben. Man stelle sich mal vor, was hier los wäre, wenn sich die Tauben oder Raben das abgucken würden.

Ich war etwas überrascht, dass dieses Spiel für die Fahrzeuge jetzt einen Autopiloten hat. Da steigt man in eine alte Gurke, die vor lauter Rost kaum vorwärts kommt, hat aber einen Autopiloten - nicht schlecht. Finde ich aber leider eine blöde Lösung. Das Insel erkunden und selber fahren war immer wichtig bei FarCry und wie oft hat man eine Kurve nicht richtig genommen und ist den Abhang runter geflogen. Wieso sollte einem diese Freude genommen werden?"

Stephan: "Vor allem, wo man nun doch mit seinem Bergsteigerset (zumindest an vorgegebenen Stellen) die Hochebenen viel schneller wieder raufkommt und nicht mehr ganz so lange Umwege in Kauf nehmen muss - nur, weil das Quadbike mal wieder nicht gehorchen wollte und man im Fluß einige Hundertmeter tiefer gelandet ist. Jetzt kann man per Greifhaken mit Seil bequem die Berge hinaufklettern, sich von diesen hinabseilen oder von Schlucht zu Schlucht schwingen.

Oder aber, man nimmt sich gleich einen der kleinen Mini-Chopper und steigt mit diesen in die Lüfte. Zumindest so lange, bis die Höhenanzeige Alarm schlägt und man im wahrsten Sinne des Wortes wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wird. Aus der Luft kann man sich den wilden Tieren auch viel besser nähern. Wobei das allergefährlichste, sozusagen der Tierkönig in FarCry4, von oben nur schwer erkennbar ist: der Honigdachs. Jaha, wer dachte, Wölfe, Tiger oder gar Rhinozerosse seien die tödlichsten Tierbewohner, der stand noch nie einem dieser miesen, hinterhältigen, viel zu starken und flinken Mistdreckskackblödviechern gegenüber. Aber für die zahlreichen Updates der eigenen Geldbörse oder des Pfeilköchers kommt man nicht umhin, sich diesem Monstrum gelegentlich zu stellen.

Aber nicht, ohne vorher jede Menge grüner Blätter gesammelt zu haben. Die entsprechenden Fähigkeiten vorausgesetzt, werden automatisch doppelt so viele Blätter wie normal gesammelt um anschließend automatisch aus zwei grünen Blättern eine Heilspritze herzustellen. Sprich: Ich wandere durch die Gegend, suche die grünen Pflanzen, schneide die Blätter ab, erhalte durch die Fähigkeit direkt immer zwei anstatt nur eines und der werte Ajay erstellt daraus sofort neue Heilspritzen, sobald eine verbraucht wurde. Man kann sich in diesem Spiel tatsächlich stundenlang nur als Jäger und Sammler beschäftigen."


Jay: "Erstens: Adler. Honigdachse esse ich zum Frühstück, aber Adler fressen mich dann direkt danach. Zweitens: Ich habe erst beim Einschalten der Untertitel begriffen, dass der Gute nicht A.J. sondern Ajay heißt. Quasi also auch nur "ein Jay" ist. Hach. Kracher Witz.

Die von Stephan erwähnten Fertigkeiten sind irgendwie ganz nett. So etwa die ersten drei. Leider habe ich bei über der Hälfte der Sachen das Gefühl, dass ich sie eigentlich nicht wirklich brauche. "Deine Zielgenauigkeit steigt beim Feuern aus der Hüfte." Das ist schön, aber nicht die Nützlichkeit, die ich mir in einem Fertigkeitenbaum wünsche. Auf mich wirken die Eigenschaften regelrecht nebensächlich. Oder eher fragwürdig balanciert. Mehr Lebensenergie ist ein Kracher (Vorallem gemessen an der intensiven Bedrohungssituation), aber dass ich jetzt nach einem heimlichen Kill auch die Taschen der Soldaten ausräumen kann, wirkt da irgendwie nicht soooo fetzig.

Auch die Tatsache, dass es sich nicht um einen aufsteigenden Talentbaum handelt, irritiert mich. Warum ich, nachdem ich verschiedene Schleichkills erlernt habe im selben Ast aufeinmal meine Schusssichere Weste verbessern kann, leuchtet mir nicht ein. Was das mit dem Heimlichkeits-Teil des Talentbaums zu tun hat um so weniger. Interessant finde ich hingegen die Sperrung mancher Talente durch die Vorraussetung bestimmte Haupt- oder Nebenmissionen zu erfüllen. Das wirkt wie ein brutaler Einschnitt in die achso offene Welt des Spiels, schiebt aber auch gezielt in die Story zurück. Vielleicht nicht der beste Anreiz sich andere Teile des Spiels an zu schauen, aber halt ein Anreiz.

Diese Linie mit offenen Welt-Spielen, die dann nur so halb geöffnet sind, fährt Ubisoft ja scheinbar gerne. Bei Assasin's Creed 4 wurde ich ja auch schon sanft eingeschränkt und musste erst weiter spielen, aber bei Far Cry wirkt der Einschnitt einfach nur peinlich. Als ich nämlich mit einem dieser beflügelten Rasenmäher, die Stephan da irrtümlicherweise als Mini-Chopper geadelt hat einfach mal versucht habe in den Norden der Weltkarte zu fliegen, verdunkelte sich der Bildschirm. Und ich wurde mit umgedrehte Blickrichtung wieder hinaus geschoben. Fand ich peinlich. Die Geschichte des brutalen Regimes hätte es auch hergegeben, dass ich einfach vom Himmel geschossen werden, aber hier wurde auf fein säuberliche Kontinuität verzichtet. Schade, denn sonst ist gerade die Stimmung und somit auch die Geschichte sehr präsent."


Stephan: "Diese verwöhnten RPGler. Wer an den Far Cry Talentbaum mit einer Skyrimerwartungshaltung herantritt, hat den Sinn der Far Cry Fähigkeiten nicht verstanden - sie haben keinen, denn sie sind einzig und allein ein Gimmick. Die Talente sind ein KANN, kein MUSS. Im Gegensatz zu anderen Spielen, in denen solche Talente tatsächlich dazu dienen, eine Figur zu formen und entsprechende Möglichkeiten bieten, sind die Talente bei Far Cry einzig und allein darauf ausgelegt, kleinere Vorteile für die vom Spieler bevorzugte Spielweise zu schaffen.

Die Struktur und vielleicht auch den Gesamtsinn kann man deshalb durchaus kritisieren - aber innerhalb des Far Cry Kosmos haben die Talente durchaus ihre Berechtigung: Wenn ich einen Gegner direkt ausraube, wenn ich ihn per Stealthkill niederstrecke, muss ich keine Zeit darauf verschwenden, diesen nach dem Kill ausrauben zu müssen und somit - besonders in Schleichmissionen - wichtige Zeit zu verlieren.

Dass bei manchen Talenten die Notwendigkeit besteht, bestimmte Nebenaufgaben erfüllen zu müssen, sehe ich gar als Plus. So wird man auf einige Aspekte des Spiels gestoßen, die einen sonst vielleicht weniger interessieren. Doch auch hier gilt eben: Kann ich machen, muss ich aber nicht, eben weil die Talente nicht zwingend erforderlich sind, das Spiel mit seinen grundlegenden Mechaniken abzuschließen. Doch wer Far Cry wirklich erleben will, wird sich auch um sowas kümmern - bei GTA folgt schließlich auch niemand nur den Vorgaben des Navis zur nächsten Mission.

Generell ist Far Cry als riesiger Spielplatz anzusehen. Hier kann ich Missionen mit brachialer Gewalt oder überlegtem Vorgehen abschließen; einen mit Dynamit bestückten Jeep in feindliche Lager jagen, mit Unterstützung der Einheimischen die Wachen ablenken oder mich an einer Stealthkill-Aneinanderreihung versuchen und Lager einnehmen, ohne entdeckt zu werden. Hier bietet auch das Waffenarsenal entsprechende Möglichkeiten. Vom Bogen und einer Armbrust über kleinere Einhand-Schusswaffen bis hin zu den dicken MGs und zielsuchenden Raketenwerfern ist alles dabei. Was man damit macht, ist einem vollends selbst überlassen - und das macht einen Großteil des Spaßes aus.

Das mich eine noch nicht abgeschlossene Mission daran hindert, in Nordkyrat vorbeizuschauen, ist zunächst ernüchternd - vor allem die wenig elegante Art, wie man davon abgehalten wird. Letztlich ist dies aber ein weiterer Ansporn, in Südkyrat erstmal für Ordnung zu sorgen, um dann im Norden so richtig die Sau rauszulassen und Pagan Min aufs Maul zu geben. Dass man hingegen nur in sehr wenigen Missionen in den Himalaya hinaufklettert, ist hingegen ein Versäumnis, dass ein wenig die Freude an dem ansonsten tollen Setting trübt."

Jay: "Tut mir leid, aber die Mission in der Le Pleur gefangen werden soll, ist kein Sandkasten, sondern ein beherzter Biss ins Brenneisen. Schleichen schön und gut, aber wenn ich den Typen fangen soll, verstehe ich nicht, weshalb ein ausgelöster Alarm das verhindert, vorallem wenn er selber in einer Sackgasse sitzt. Einzig das sehr dankbare Checkpointsystem hat mich da versöhnlich gezeigt, aber auch dazu gebracht es aus zu nutzen. Die Tatsache, dass erfüllte Unterziele mit einem Neustart nicht zurück gesetzt werden, habe ich hart ausgenutzt.

Aber so wie du es sagst, braucht Far Cry mit seinen Gimmicks und anderen Eigenheiten also eine eigene Art Spieler? Wem kann mensch denn dann Far Cry empfehlen?"


Stephan: "Ich hatte ehrlich gesagt nie derartige Probleme. Was ein ausgelöster Alarm speziell in dieser Mission auslöst, kann ich daher nicht nachvollziehen. Ich erachte es aber auch nicht als ungewöhnlich, vereinzelt in wenigen Storymissionen zu bestimmten Spielweisen angeleitet zu werden - auch gelegentlich auf Kosten des Sandkastenprinzips.

Far Cry empfehle ich allen, die sich eine gewisse Freiheit in der Art ihrer Spielweise wünschen, ohne den Ballast einer intensiven Charakterentwicklung zu haben. In erster Linie handelt es sich hier immer noch um einen Shooter mit hervorragender Steuerungsmechanik, tollem Setting und einer durchaus interessanten Geschichte. Abwechslung wird haufenweise angeboten - ob man diese wahrnimmt, bleibt einem dabei selbst überlassen. Einen "neuen"/ eigenen Spielertyp für Far Cry sehe ich hier daher nicht. Alle, die egoperspektivisch Welten erkunden, gerne ein wenig Stealth mit roher Waffengewalt vermischen und Freiheiten wie in Just Cause mögen, werden ihre helle Freude an Far Cry 4 haben."

Hermann: "Ich habe zwar viel gemeckert, aber das ging mehr in die Richtung "Erste Welt Probleme". Ich kann mich dem Stephan nur anschließen: Far Cry 4 gehört zu den besten Ego-Shootern, die es in der letzten Zeit gegeben hat (bestimmt seit Far Cry 3). Und ist besonders für alle geeignet, die keine Lust mehr auf die üblichen Militär-Shooter haben, die seit mindestens 10 Jahren nichts Neues mehr bieten. Mein Vater hat circa genauso viel Spielzeit bei Far Cry 4, wie ich bei Destiny und Far Cry 4 kam 2 Monate später raus - Er hat alles an Ego-Shootern gespielt, was auf der Xbox 360 sowie Xbox One rausgekommen ist und hört nicht auf zu jubeln, wie gut Far Cry 4 ist."

Jay: "Das stimmt. Eine fröhliche Abwechslung zu den Militär-Shootern und klassischen alten Schlauchleveln mit Auswendiglernen ist das Spiel auf jeden Fall. Aber ich denke, dass sich Far Cry schon mehr an erfahrendere Spieler wendet, die sich im Shooter spielen heimisch fühlen. Wer ein wenig Luft schnuppern will, muss schon Durchhalte vermögen mitbringen. Dann ist Far Cry aber ein vielschichtiges Spiel, mit tonnenweise Inhalt und ansprechendem Art Design.

Bei mir liegen trotzdem weiterhin andere Titel auf den forderen Plätzen, aber Far Cry liegt wirklich unglaublich dicht dahinter."


Das ist unsere erste Rotationsrenzension, in der mehrere Personen sich mal über einen Inhalt auslassen. Deshalb würden wir uns sehr freuen, wenn ihr uns etwas Feedback gebt, wie euch das gefallen hat und/oder was wir verbessern könnten beim nächsten Mal.

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