Niveau
Eine neue Kunstform oder eine Szene oder eine Arbeitsweise entsteht. Manchmal ist es etwas brandneues, manchmal ist es die Wiederentdeckung einer Technik. Es kann auch die Kombination oder Anpassung von verschiedenen Techniken oder Materialien sein. Die ersten die es so machen, machen die Fehler, werden oft zu Mentor*innen, ob sie wollen oder nicht, weil andere die sich für ähnliches interessieren entweder nach Rat fragen, oder von ihnen lernen oder sich die Lösung der anderen durch Dekonstruktion selbst erschließen. Dann entsteht eine Gemeinschaft, die entweder gut verbunden, kooperativ ist, vielleicht ist da auch Wettbewerb. So oder so: Neue Techniken entstehen, manche setzen sich durch, andere fallen zurück. Und dann plötzlich ist es da:
Ein Niveau.
Ein Standard wie gearbeitet wird. Eine grundsätzliche Qualität die erwartet wird, von sich selbst, aber auch vom Publikum. Und dann steigen aber auch die Barrieren. Youtube war am Anfang eine überraschend künstlerische Umgebung. Viele ungewöhnliche Videos wurden hochgeladen, bestimmte Formate haben sich entwickelt. Und jetzt kann es ein Beruf sein Videos für Youtube zu machen und Firmen kaufen bestimmte Videos von bestimmten Macher*innen für ihre Zwecke. Und wenn du nicht eine bestimmte Zahl Abonnent*innen hast oder andere Faktoren erfüllst, sinken deine Chancen ein Publikum zu finden. Natürlich kannst du versuchen das zu ignorieren, zu sehen wie andere um einen herum aber schon Erfolg haben, das kann toxisch für einen sein. (Und teilweise ist der toxische Anteil dieser Ökonomie auch gewollt von den Anbieter*innen.)
Tyler the Creator hat in einem Interview mal empfohlen trotzdem seinen Kram hochzuladen. Denn so hat er ein junges Talent entdeckt, eingeladen und gepusht, während das hochgeladene Video von einem rappenden Kiddo nur ein paar Hundert Views hatte. Austin Kleon wirbt auch dafür und sagt "show your art", weil wenn du es nicht zeigst, dann wird es nie jemand sehen. Ich mag aber auch Werbung dafür machen sich mit der Kultur und dem Niveau der Szene zu beschäftigen. Nicht um ihm zu folgen, sondern um es besser zu verstehen. Und heraus zu finden, womit von den geltenden Standards wir mitgehen und mit welchen nicht. Denn manchmal kommt eine Erneuerung des Niveaus oder eine Diversifizierung einer Kunstform, wenn Leute sich mit bestimmten Teilen und Praktiken des aktuellen Niveaus nicht identifizieren.
Und dann bekommt das Niveau eine Breite und Tiefe. Es wird leider eine Barriere bleiben wenn wir keine Bereiche schaffen, in denen auch die kleineren und neueren und weniger ausgestatteten Starter*innen es ausprobieren und versagen dürfen. Und dafür müssen wir sogar auch als Konsument*innen von Kunst unseren Anspruch und unser Niveau hinterfragen.
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