Niedliche Tiere sind Scheiße

„Niedliche Tiere sind Scheiße.“, sagt Andre. „Niedliche Tiere sind richtig Scheiße.“ Und dann nimmt er nochmal einen Schluck. 

Ich sitze eigentlich am anderen Ende des Tresens, aber meine Stammkneipe ist so klein und Andre so groß, dass er irgendwie immer an allen Enden des Tresens sitzt. Aber diesmal steht Andre, denn er ist sauer.
„Mit niedlichen Tieren passiert nur Scheiße.“ Ich war mir nicht ganz sicher, wie oft ich ihn die These noch sagen lassen wollte bevor ich nachfrage. Gemessen an Uhrzeit, Kontostand auf meinem Deckel und Kontostand auf Andres Deckel war ich mir auch gar nicht sicher, ob ich überhaupt nachfragen wollte. Und bei so Unsicherheiten konsultiert mensch am besten seinen Wirt. 

Also blickte ich fragend zu ihm, mich verstehend nickte er, zuckte dann Andre-verstehend mit den Schultern. „Wie kommste darauf?“, fragte Markus und öffnete damit Andre die Tür ins Gespräch.
„Pass auf. Alle niedlichen Tiere geraten in nur in Ärger. Nehmen wir als Beispiel mal Pferde. Pferde kommen doch meist in drei Geschmacksrichtungen daher: Reitpferd, Rennpferd und Frikandel.“
Ich glaube er war sich seines Witzes nicht bewusst. Wirt und ich nickten um Andre in seiner rhetorischen Pause zu zeigen, dass wir folgen konnten.
„Als Reittiere müssen die unzählige Kinder aushalten, was die Tiere stresst. Als Rennpferde werden die armen Tiere körperlich an ihre Grenzen gebracht; bei so Kackveranstaltungen wie diesem Military-Reiten sterben die Tiere auch, weil die Belastung zu krass ist. Und die Frikandel-Sache – Na, das erklärt sich ja von selbst.
Das ist doch Scheiße. Warum ausgerechnet Pferde? He?“
Nicht drauf reinfallen, ist auch wieder eine rhetorische Frage.
„Weil die sich nicht wirklich gut wehren können. Die sind schnell, okay. Die können austreten, okay. Aber die sehen nicht gefährlich aus.“

„So ein Pferd ist doch voll groß.“, erwische ich mich zu sagen. Aber Andre ist auf meine Zwischenanmerkung gut vorbereitet:
„Für dich vielleicht!
Jetzt guckt mal. Es würde doch nie jemand auf die Idee kommen, zum Beispiel Alligatoren für diese drei Sachen zu nutzen. Alligatoren würden nervige Kinder einfach fressen. Alligatoren würden bei Wettrennen den Jockey fressen. Und bis du aus einem Alligator Frikandeln gemacht hast, hat der dich verputzt.“
Während ich noch guckte, wo ich denn jetzt mal gucken sollte, schüttelte Markus leicht den Kopf. „Ja, und?“
„Das Problem ist, Pferde sehen nicht gefährlich aus. Wenn wir wollen, dass die armen niedlichen Tiere nicht mehr gequält werden, müssen wir dafür sorgen, dass die nicht mehr niedlich sind. So wie Alligatoren zum Beispiel. So mit spitzen Zähnen. Gefährlich zu beißen können die jetzt auch schon, aber dann würde man es wenigstens auch sehen. Oder nicht?“

Ein lautes Stirnrunzeln lag im Raum. Während mein Wirt, nüchtern, nicht glauben konnte, dass das so funktionieren würde, fragte ich mich nur, nicht nüchtern, ob Andre mit „Wir“ jetzt uns drei hier in der Kneipe meint oder die gesamte Gesellschaft?
„Ich weiß ja nicht, Andre.“, sagte unser Wirt, was so ein typischer Wirtsatz war für: „Du hast einen im Tee und redest Stuß, aber ich darf das nicht offen kritisieren, weil ich dir den Suff ja verkaufe. Und du bist ein guter Kunde.“
„Meint ihr nicht auch? Und das ist dann erst der Anfang. Nach den Pferden gibt es noch so viele Tiere, die auch dringend gefährlicher aussehen sollten. Vögel zum Beispiel. So einen Spatz nimmt doch kein Mensch ernst. Oder Fische. Guppis müssten irgendwie tödlicher werden.“

Dann überlegte er kurz und nahm einen zaghaften Schluck von seinem Bier, den er aber fast wieder durch die Kneipe sprühte. „GIFT!“, rief er. „GIFT!“ als hätte er heraus gefunden, wie man beweisen kann, ob die Krone des Königs wirklich aus Gold oder nur aus einer Legierung ist. „Auweia.“ nuschelte ich in mein Bier, bei der Vorstellung das Andre Archimedes sein könnte. Andre hörte es leider, kannte aber mein Kopfkino nicht:
„Was denn? Wenn die Tiere alle giftig wären, wären alle Probleme gelöst! Kein Grund für ein Auweia!“ - „Heureka! Ich habe Heureka gesagt.“, log ich des Hausfriedens wegen.

„Ja?
Egal. Das ist aber doch der Plan, Jungs: Wir gehen heute noch los und spitzen den Pferden die Zähne an und dann vergiften wir alle Tiere. Wir helfen denen ja damit. Und bevor ihr Klugscheißer damit um die Ecke kommt, das wäre Tierquälerei denen die Zähne zu spitzen: Jetzt werden sie auch schon gequält und das viel nachhaltiger, als wenn wir denen ein Mal die Zähne feilen. Also lass das mal machen.
Oder? Was sagt ihr?“

Und dann stehe ich da am Tresen, setze eine vielsagende Handgeste an und denke:
„Deine Absichten adeln dich, aber dein Ansatz wird nicht die Lösung sein. Die Menschen unterdrücken die Tiere nicht, weil sie niedlich sind, sondern weil wir die Vorstellung noch nicht überkommen haben, dass Menschen das wertvollere Lebewesen sind. So weit sind wir einfach noch nicht.
Was nicht mal zu bedeuten hat, dass es nicht möglich ist, diese Gedanken ab zu legen, sondern, dass es Zeit brauchen wird. Wir haben über tausende von Jahren Kühe domestiziert und unsere Mägen an Milch gewöhnt, weshalb sollte die rückwirkende Entwicklung jetzt plötzlicher und schlagartiger gehen?
Mit der vegetarischen, veganen und auch anderen Ernährungsvarianten sind wir auf einem guten Weg, der sich auch zunehmend verbreitert. Wenn wir es jetzt überkommen können, diese Lebensstile als besonders heraus zu stellen und als normal anerkennen, dann haben wir einen bedeutenden Schritt in die richtige Richtung getan.
Und, Andre, bei all deinen guten Absichten und Idealen, fühle ich mich schlecht, denn während du zwar den Tieren helfen willst, muss ich immer noch gestehen, dass auch ich tierische Produkte verwende und Fleisch esse. Ist das nicht genau so schlimm, wie die Entwertung der Tiere als Unterhaltungsobjekt? Aber auch ich bin noch nicht so weit. Mir fehlt die Disziplin, der innere Antrieb; Mein schlechtes Gewissen hat mich maximal zum Flexetarier gebracht, aber ein paar mal die Woche ganz auf Fleisch verzichten ist doch wie Agnostiker als seine Religion angeben: Man hat am Ende nur eine ganz passable Ausrede.
Andre, ich weiß nicht, ob wir die Richtigen sind, die richtige Generation, um die Tiere zu retten, aber es ist richtig, dass wir darüber nachdenken und reden.“

Und ich sage:
„Du hast vergiften als Wort falsch benutzt.“
Dann lege ich mein Geld auf meinen Deckel, ziehe meine Jacke an und geh.

Kommentare

  1. Was zu viel Bier so alles bewirken kann. ^^
    Pferden die Zähne anspitzen, also wirklich ... :D

    Ich bin überzeugter Allesfresser, weil es in unserer Natur liegt!
    Die gesunde Mischung machts und niedliche Tiere schmecken am Besten, so! ;P

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  2. Überzeugend. Sehr überzeugend. Was wohl ein Soziologe dazu sagen würde...

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    1. Ich habe Sorge, dass ein Psychologe das lesen und sich bei mir melden könnte. ;)

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  3. Thomas P.9.10.13

    Muss ich mir gedanken machen das ich zwar nicht bei diesem Gespräch dabei war aber alle Personen die vorkommen kenne? :-)

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    1. Ähnlichkeiten mit realexistierenden Orten und Personen sind teilweise beabsichtigt, trotzdem handelt es sich aber um ein fiktives Gespräch und fiktive Personen.
      Also kein Grund zur Sorge.

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  4. Also... Mal abgesehen von als andere Lebensmittel getarntes Pferd habe ich DAS im Vergleich zum Krokodil nie bewusst gegessen. Schmeckt übrigens lecker, das Kroko. Da helfen ihm auch die Zähne nicht ;)

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    1. Ich sag es ja. Für die Abschaffung des Speziesismus sind wir noch nicht weit genug. ;D

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  5. Der Text gefällt mir richtig gut. Vor allem die interessanten Denkansätze faszinieren mich grade richtig

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