Abbrechen

Viele Kreative haben einen besonderen Gegenspieler wenn es darum geht etwas zu tun: Das Anfangen. Wenn wir dann aber erstmal angefangen haben, dann ist oft etwas anderes schwer: Das Abbrechen. Aufhören gelingt uns oft gut, aber Aufhören tun wir auch meist, wenn wir gerade fertig mit dem sind, was wir tun wollten. Abbrechen ist aber nochmal anders, denn Abbrechen müssen wir meist, wenn gerade etwas schief geht. Und das ist eben gar nicht so einfach. 

Bei aller Freude an Flexibilität, manchmal ist es wichtig, dass wir präzise Ergebnisse erzielen. Einige Kunstmachende haben Spielraum für Fehler, Bob Ross hatte eine gewisse Liebe dafür, aber Menschen die mit Mathematik und Wissenschaft Kontakt haben, können einem eine Sache sehr deutlich bestätigen: Eine Abweichung von 0,1% ist am Anfang nicht besonders auffällig, aber wer die gedachte und die abweichende Strecke sich anschaut, wird schnell sehen, dass Mensch ganz woanders herauskommt. In vielen Bereichen lässt sich zum Glück eben durch genaues Beobachten der Werte eine Abweichung erkennen und oft sind Korrekturen möglich. Kunst machen und Kreativität sind nicht immer die besten darin, präzise zu beobachtende Werte zu erschaffen. Deshalb ist es oft auch schwerer Korrekturen durchzuführen. Übung und Bewusstsein sind mal wieder mögliche Antworten. Aber auch eben Abbrechen. 

Denn während eine Rakete die ins Weltall fliegt nur schwerlich im Flug eine Pause machen kann und stehen bleiben kann, können wir sehr wohl den Pinsel fallen lassen oder den Stift weg legen, aufhören die Seiten anzuschlagen. Dabei ist uns aber manchmal auch eine Hürde in unserem Kopf im Weg. 

In dem Buch "Die Logik der Unvernunft" stellt László Mérö die Spieltheorie vor und einige psychologische Aspekte des Handels. Ein Beispiel ist mir besonders im Gedächtnis geblieben, weil es ein Problem mit dem Abbrechen herauskristalliesiert und für viele Dinge im Leben und in der Kunst finde ich es inzwischen übertragbar. Dabei geht es um eine besondere Versteigerung. 

Versteigert werden 10 Dollar. Der Haken an der Auktion: Wer Zweite*r wird und am Ende nichts bekommt, muss trotzdem seinen Einsatz bezahlen. Das bedeutet, die Person die die Auktion gewinnt bekommt 10 Dollar und gibt ihren Einsatz ab. Die Person auf dem zweiten Platz bekommt nichts und gibt ihren Einsatz ab. Der kleinste mögliche Einsatz ist ein halber Dollar. Um so viel muss also auch mindestens jedes Gebot erhöht werden. Wer am Anfang also einen halben Dollar setzt, macht einen guten Schnitt. Halben Dollar abgeben, Zehn Dollar bekommen, das ist ein sehr großer Gewinn. Allerdings, weil es eben auch immer noch einen Gewinn bedeutet, wird jemand überbieten. Der Gewinn wir für die Person zwar kleiner, aber es bleibt ein Gewinn. Bis wir die Marke erreichen, wo das Gebot selbst Zehn Dollar ist. Jetzt verändert sich die Auktion. Denn niemand bekommt mehr Geld am Ende, alle beteiligten zahlen nur noch drauf. Als Person die von Außen drauf schaut ist es einfach zu sagen, dass es ja am besten wäre gar nicht mitzubieten, oder eben jetzt aufzuhören. Die Realität hat aber in der Studie mit dieser Auktion gezeigt, das Leute sehr lange noch weiter mitbieten, um ihren Verlust möglichst gering zu halten, während dieser aber eigentlich steigt, weil sie eben weiter bieten. Wir machen also weiter, obwohl sich unsere Verluste langfristig erhöhen, wir aber kurzfristig glauben, sie dadurch so gering wie möglich zu halten. 

Beim Schreiben kenne ich diesen Effekt auch. Ich schreibe etwas und investiere nicht Dollars, sondern Zeit. Und wer an den Kapitalismus glaubt, kann jetzt auch sagen, dass Zeit ja eben auch Geld ist. Zeit zu verlieren ist aber eine gesellschaftlich sehr präsente Angst. Auch nicht ganz unberechtigt, denn sehr viele Faktoren wollen unsere Zeit haben, sie stehlen oder brauchen sie. Sowieso, Dinge brauchen Zeit. Also schreibe ich eifrig, auch weil ich micht freue, dass es gerade so gut geht (Bedenke Probleme mit dem Anfangen). Aber ich verliere mein Ziel aus dem Blick und merke aber unterbewusst, dass ich gerade auf der falschen Fährte bin. Aber jetzt habe ich schon lange mitgeboten um meine Idee, dass ich nicht mehr aufhören kann. Ich denke dass ich nicht mehr gewinnen kann, aber wenigstens sorge ich dafür, dass die investierte Zeit nicht umsonst war. Wenn ich mit offenem Ziel angefangen habe zu arbeiten, dann ist das auch okay. Aber wenn ich ein konkretes Ziel oder einen Zielbereich im Blick habe, bekomme ich das selbse Problem wir in der beschriebenen Auktion. Ich mache noch mit weil ich glaube die Verluste zu reduzieren, dabei steigen sie auf Dauer UND ich erreiche nicht mein Ziel. 

Das gilt übrigens nicht nur für kreatives Arbeiten. Das gilt, denke ich, für viele Bereiche im Leben und braucht eben Bewusstsein und Awareness. Und so eine Schleife abbrechen bedeutet ja auch noch gar nicht, dass wir etwas verloren haben. Denn wenn wir dann einen Schritt zurück gehen und dann wieder genaue(re) Daten sammeln, dann erhalten wir die Möglichkeit den Kurs zu korrigieren. Und wenn wir wollen und können, dann ist es ja auch möglich alle Informationen und Learnings die wir bei der Abweichung gemacht haben trotzdem zu verwerten. Denn ja, wir kommen beim Abweichen wo raus, wo wir nicht hinwollten, auch wenn wir abbrechen, aber wird sind meist auch irgendwo, wo wir vorher noch nie waren. Ein guter Moment sich also kurz umzuschauen, und uns zu fragen, ob wir nicht wann anders hier sein wollen? Oder ob wir eben unser Ziel verändern wollen. 


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