Schade wenn es vorbei ist

Als ich mich mit eine Freundin unterhalte, die auch schreibt, erklärt sie mir was sie im Prozess gerade frustriert. Sie schreibt eine Geschichte und ist total im Schreibfluss, oftmals auch mehrere Stunden am Stück. Ausgestattet mit der Zeit dafür, nutzt sie dieses Privileg gerade. Und dann kommt sie an einen Knackpunkt der Geschichte, zwischen den Figuren, überlegt sich was eine Lösung für die Figuren sein könnte, schreibt das auf und dann mag sie selbst ihre Geschichte irgendwie nicht mehr. 

Es ist sehr schwer ein Puzzle weiter zu machen, wenn mensch das letzte Teil eingesetzt hat. Dann ist das Motiv fertig, alle Teile gefunden, keine Lücken bleiben übrig, es sind keine Teile mehr übrig, um sie weiter anzulegen. Auch die Reperatur einer Sache ist schwer über den Punkt der Reperatur weiter zu machen. Wenn der Wasserhahn nicht mehr tropft, die Tür nicht mehr quitscht, dann braucht ist es eben fertig. Und das ist toll. Solange wir gerade nicht Lust haben, weiter zu machen. Dann brauchen wir ein neues Problem, dass wir lösen können. 

Kreative Prozesse sind dem Puzzlen nicht unähnlich. Denn wir haben da auch viele verschiedene Bauteile die wir zu einem Motiv zusammenführen müssen. Damit alles am Ende Sinn ergibt, müssen wir schauen, was wir womit verbinden. Und wir müssen schauen, welche Teile in unserem Puzzle zusammen passen. Welche Figuren sollten aufeinander treffen? Und wann? Wer hat welche Möglichkeiten? Welche Ziele? Welche Reime drücken am besten aus, was wir anbieten wollen? Oder muss ich alle Reime weglassen? Oder nur einen? Welche Farbe mit welchem Pinsel passt am besten zu meinem Bild das ich machen mag? Und all diese Fragen liegen dann auf einem riesigen Haufen, frisch ausgeschüttet. So viele, dass wir sie erstmal gar nicht erkennen können. Aber dann sortieren wir sie, finden erste Aspekte die zusammenfinden und je mehr Übung wir haben, desto schneller können wir alles zusammen bauen. 

Die Neurologie und Psychologie haben herausgefunden, dass einige der Botenstoffe die unserem Gehirn Freude mitteilen ausgeschüttet werden, bevor wir unser Ziel erreichen. Wenn wir dann da sind, fällt diese Ausschüttung sofort ab uns es entsteht eine Art Senke im Spiegel. Die Vorfreude auf eine Lösung ist stark. Die Freude über einen Erfolg kann auch stark sein, aber für einen kurzen Moment haben wir erstmal ein Loch. (Abweichungen durch verschiedene Divergenzen im Nervensystem und/oder auch Traumata sind natürlich immer möglich.) Und in diesem Loch kann es sein, dass Gedanken und Gefühle der Trauer aufkommen. Denn es ist auch eine Trennung. Denn jetzt ist es vorbei. 

Viele Künstler*innen beschreiben, vorallem wenn sie gerade hauptsächlich oder hauptberuflich mit ihrer Kunst leben, dass sie direkt nach einem fertigen Projekt das nächste Starten oder mehrere gleichzeitig aktiv haben. Ein Teil von mir glaubt, dass das der Fall ist, weil es so ein Gegengewicht zu dem Loch gibt. Und aber auch eine Haltung ist, denn während Puzzlen aus Puzzlesrücken bestehen, besteht das Hobby zu Puzzeln daraus, möglichst oft oder viele Puzzle zu lösen. Also sind die Puzzle selbst wieder Puzzelstücke in einem großen Bild, dass das ganze Hobby ist. Und wer kreativ aktiv ist, ist nicht nach einem Werk einfach fertig. Da ist auch ein Wunsch nach dem nächsten Puzzle. 

Für mich hat es einen Frieden geschaffen zu wissen, dass meine Unzufriedenheit nach einigen Texten, Werken, Auftritten und Projekten gar nichts mit der Qualität des Projektes zu tun hat, sondern eben auch mit dem kurzen Schmerz des Endes und des Abschieds. Mit der kurzen Senke in meinen Hormonen. Und ich diese beiden Sachen voneinander trennen darf. Mir geht es nicht "schlecht" weil der Text "schlecht" geworden ist, sondern weil ich nicht mehr die Vorfreude habe, darauf ihn fertig zu schreiben. 

Oh nein. Alle Punkte sind gemacht. Ich muss ein Ende für diesen Artikel finden. Nein, komm, ein paar Sätze noch. Ein paar ganz kleine Gedanken. Oder ein überplakatives Beispiel. Ich könnte zum Beispiel im Text andeuten, dass ich ihn nicht zu Ende schreiben möchte, weil ich dann ja nicht mehr an ihm schreiben könnte. Naja, oder ich fange einfach direkt was neues an. 

Gelernt aus:  
Beth Pickens - Make your Art no matter what
Austin Kleon - Gib nicht auf!
Rick Rubin - The creative Act 
Und diversen Rich Roll Podcasts, die ich einzeln nicht mehr benennen kann

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