Professionalisierung ist eine Fußfessel

In einer ehrenamtlichen Struktur die ich mal mitbetreut habe hat eine Person immer wieder gesagt: "Wir müssen professioneller werden." In mir hat es sich gesträubt. Professionalität klingt ja bei uns immer erstmal nach der Spitze der Qualität. Aber es bedeutet vorallem, dass mensch aus der Tätigkeit einen Beruf gemacht hat. Und das was wir gemacht haben, das war nicht unser Beruf. Und es hatte eben auch Vorteile, dass wir nicht wie andere in unserem Bereich damit Geld verdienen mussten. Denn das hat uns Beweglichkeiten gegeben, die andere nicht haben. 

Zwischen Künstler*innen die auftreten gibt es immer wieder sanfte Scherze darüber, dass wir im Notfall die Eröffnung eines Möbelhauses betreuen oder sowas. Und auch wenn wir uns darüber lustig machen, als wäre das ein schlechter Auftritt und Rahmen, zeigt es eben, was Professionalität bedeutet: Gegen eine Entschädigung etwas tun, was wir gut können, an einer Stelle wo wir es eben nicht machen wollen. Die Höffnung: Das es uns finanziert was wir wirklich machen wollen. Drei bezahlte Auftritte bei denen wir nur bestimmte Dinge tun die Auftraggeber*innen wünschen, sind im besten Fall genug Geld um dann zuhause / im Proberaum/ im Labor zu stehen und an unseren neuen Sachen zu arbeiten, für die uns auch erstmal niemand Geld geben mag. Und noch mehr Auftritte bedeuten mehr Geld und damit dann hoffentlich mehr Beweglichkeit. Nur das die Beweglichkeit im Kalender zunehmend dadurch verloren geht. 

Diese Spirale setzt sich so lange fort, bis wir hoffentlich uns genug einen Namen gemacht haben und genug Produkte haben, dass wir auch was verdienen oder genug, dass wir wirklich einen Moment von Erspartem Leben können. Schade nur, dass das oft nicht so schnell funktioniert und der Weg dahin eben voller Kompromisse oder auch dem Opfern ganzer Facetten ist. Ein langjähriger Bühnenkollege hat mit witzigen Werken auf der Bühne auf sich aufmerksam gemacht. Ich befürchte auch heute hätten ihn viele als Comedian gedeutet. Als er seinen ersten Titel im Poetry Slam eingesammelt hat, so ziemlich am Anfang seiner Karriere, wollte er dann mit seiner Lyrik Bücher machen und auch auf Bühnen gehen. Schade nur, dass er damit nicht so erfolgreich war, aber eben auch anderes von ihm gewünscht und erwartet wurde. 

Natürlich ist es auch trotz Geld möglich den eigenen Wertekompass stabil zu halten. Nicht jedes Angebot das reinkommt ist auch ein gutes Angebot. Und manchmal müsste mensch eigentlich gegen etwas stehen, was mensch selbst vertritt. Und dann ist schon mal eine Familie die einen Großkonzern besitzt geldgebend für Kulturevents, während der selben Familie auch Munitionsfabriken und relevante Teile der Rüstungsindustrie gehören. Das die auf "ihren" Events sicher nicht alle Künstler*innen und Werke haben wollten, ist klar. Wer da also hingeht, musste sich schon auch verbiegen. Nicht sehr Kunst, aber sehr professionell. 

In einigen Kulturen darf neben der Professionalität auch die Meisterschaft stehen. So ist es in der Kunst auch. Meisterschaft ist wenn wir fortlaufend nach Entwicklung, Vertiefung und Fortschritt in unseren Kunstformen suchen. Meisterschaft ist, wenn wir viel Erfahrung gesammelt haben, weil uns die Sache reizt und/oder in der Tiefe erfüllt. Persönlich sehe ich das bei vielen Menschen wenn sie kochen. Denn mir fallen einige Essen ein, die Menschen privat gemacht haben und ohne große Probleme auch in einem Restaurant angeboten werden könnten. Trotzdem musste ich bei meinen Freund*innen nichts bezahlen für die hohe Qualität des Essens. 

Wer professionell sein möchte, hat es schwer ohne Meisterschaft. Denn natürlich gehört zu einem Beruf auch sich mit Dingen auszukennen. Aber in der Kunst ist ein Problem, dass Teil meiner Kunst sein kann, dass ich mein Ding mache. Da ist es dann nicht immer ganz einfach zu vermitteln, dass wir uns damit aber richtig gut auskennen. Meisterschaft kann auch sehr gut ohne Geld. Meisterschaft ist oft in sich der Anreiz. Kinder arbeiten an ihr im Spiel und Interessen, ohne sie so zu nennen oder zu suchen. Und in jeder Handlung der wir regelmäßig nachgehen tun wir das auch so. Wenn wir dann aktiv und bewusst entscheiden unsere Fertigkeiten und Wissen noch weiter zu vertiefen, dann erreichen wir echte Meisterschaft. 

Professionalisierung als Ziel ist eine Fußfessel. Wir können uns immer noch bewegen, aber wir begrenzen unseren Raum. Denn wenn wir nicht mehr bezahlbar sind für das was wir tun, erreichen wir nicht mehr unser Ziel ein "Profi" zu sein. Wenn wir bezahlbar bleiben wollen, müssen wir aber teilweise tun was anderen gefällt. Oder daran arbeiten die Leute zu finden die für das bezahlen, was uns gefällt. Schaue ich auf so genannte "Content Creator*innen" und noch eher Influencer*innen, sehe ich genau das. Da werden dann alle aktuellen Trends mitgemacht, egal welche Qualität sie haben, um eben zugänglich und buchbar auszusehen. Und da werden Produkte beworben, die diese Leute "wirklich verwenden", obwohl sie sonst noch nie in den Arbeiten dieser Leute zu sehen waren. Zum Glück gibt es auch Kehrtwenden in diesen Trends, aber auch weil Zielgruppen und Kund*innen darauf teilweise nicht mehr reinfallen (wollen). 

Natürlich ging es in unserer ehrenamtlichen Struktur damals um einen ganz bestimmten Aspekt von Profesionalität der dort wichtig ist, nämlich Zuverlässigkeit. In der Tat etwas, an dem wir gut hätten arbeiten können, um sie dann weiter zu meistern. Und das ist auch eine wichtige Lehre aus der Situation damals. Wenn jemand sagt dass es mehr Professionalität braucht, dann ist es wichtig weiter zu erforschen, was damit gemeint ist. Denn das Wort ist Sammelbegriff für viele Eigenschaften, die je nach "Profession" auch vollkommen verschieden sein können. 

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