Fortbildung für die innere Kritik
So ziemlich alle von uns haben diese Bewegung in uns, die uns verunsichert und reingrätscht. "Bist du sicher, dass das so gut ist?" - "Die anderen finden das bestimmt nicht so gut." - "Was ist wenn du ihm/ihr/them so nicht gefällst?" - "Das ist nicht gut genug." - "Du bist zu viel." und leider noch unzählige weitere Beispiele und Töne. Dieser Anteil von uns wird oft als die innere Kritik bezeichnet. Sie arbeitet mit unserem Ego zusammen, welches eigentlich als Hauptaufgabe hat uns am Leben zu halten. Weil aber heute die Bedrohungen fürs Leben ganz anders sind als früher, schaut das Ego dabei sehr oft und gerne auf unsere soziale Situation. Denn der so genannte "soziale Tod" ist eben geblieben, während die meisten von uns vor anderen Gefahren fürs Leben geschützt sein dürfen. Da "soziales" so abstrakt ist, sind das Ego und die innere Kritik und Zusammenarbeit aber manchmal etwas übereifrig.
Eine verwirrende Sache an der inneren Kritik ist, dass wir sie in uns erleben, aber meisten ist was sie uns sagt erlernt von Außen. Psychologin Karen Horney hat in ihrer Arbeit herausgestellt, dass wir dringend prüfen müssen welche erlernten Kritiken und Sätze uns eigentlich Schaden zufügen, gar nicht mit unseren eigentlichen Werten einher gehen und uns dann von ihnen trennen. Sie hat den heute leider etwas ausghöhlten Begriff von "toxischen Einflüssen" mitgeprägt. Wenn unsere innere Kritik von Menschen ausgebildet wurde die toxische Einflüsse sind (und vermutlich selbst auch Ziel von ihnen geworden sind), dann verhält sich diese Stimme im Inneren oft wenig hilfreich. Kritik bedeutet halt noch nicht, dass es konstruktiv ist.
Eine Fertigkeit die, die innere Kritik oft mitbringt, dass sie uns sehr gut unterbrechen kann. Wir tun gerade etwas und plötzlich ist sie da, stellt etwas in Frage und wenn wir nicht aufpassen geraten wir nicht in den Fluss unserer Aktivität zurück, sondern in einer Spirale der Störungen an unserer Arbeit. Thomas Sachs empfiehlt, wenn es um Kunst geht, dann direkt ein anderes Projekt oder Werk in Angriff zu nehmen und damit die innere Kritik ins Leere laufen zu lassen. Je nachdem wie tief und einflussreich sie gerade aber in uns arbeitet, schaffen wir das dann nicht. Mit Zweifeln im Kopf ist es halt auch nicht einfach die Arbeit anzufangen. Aber aus dem Unterbrechen lässt sich vielleicht was machen.
Denn James Clear hat in seinen Werken erarbeitet, dass es leichter ist aus einer schlechten Angewohnheit eine gute zu machen, als aus dem nichts eine gute zu etablieren, oder eine schlechte einfach komplett abzuschaffen. Wenn ich also "Handy auf dem Klo und Reels schauen" gegen "Buch auf dem Klo lesen" austauschen kann, vielleicht kann ich auch die Gewohnheiten meiner inneren Kritik langsam verschieben. Und zwar in Form einer Fortbildung.
Zum einen können wir versuchen unsere innere Kritik zu befragen wenn sie sich meldet: "Wo kommt das gerade her?", um zu erkennen wer uns da gerade wirklich kritisiert und ob wir das ernstnehmen wollen. "Was können wir dagegen tun?", um zu erkennen was wir vielleicht noch gerade lernen müssen. Denn die innere Kritik liegt ja nicht grundsätzlich falsch wenn sie sich meldet, sie meldet sich oft nur auf wenig hilfreich Art. "Wo kommt das gerade her?", kann also auch die Frage sein danach, ob wir vielleicht gerade unterbewusst etwas erkennen an dem was wir tun, was wir bewusst noch nicht sehen.
Eine andere Form der Fortbildund kann sein, dass wir der inneren Kritik unsere Werte beibringen. Und das vielleicht in Kategorien die, die sich besser überprüfen lassen. "Du möchtest dir Mühe geben." können wir unserer inneren Kritik als Beobachtungsaufgabe mitgeben. Und wenn die innere Kritik dann sieht, dass wir gerade nur hinschludern, dann kann sie sich melden, ist aber konstruktiv, weil sie sich an unseren und nicht fremden Zielen orientiert.
Ein weiterer Weg die innere Kritik dahin zu bekommen uns zu helfen, ist ihre Fertigkeit zu stören zu reframen. Ein Begriff der in Psychologie und Pädagogik mehrfach belegt ist. Ich meine damit eine Handlung neutral zu sehen und in einem neuen Kontext einzusetzen. Wenn die innere Kritik uns unterbrechen kann, dann könnten wir versuche mit ihr daran zu arbeiten das auch dann zu tun, wenn wir schlecht zu uns sind. Wenn wir unsere eigene Arbeit zum Beispiel zerreißen, könnten wir die innere Kritik beauftragen uns da zu unterbrechen. Uns quasi für die unkonstruktive Kritik an uns selbst zu kritisieren. Das braucht Übung, wie jedes Reframing und Wiederholungen. Aber mit etwas Arbeit kann dann aus einer inneren Kritik eine konstruktive und manchmal sogar ein Cheerleader werden.
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