Das neue Gehirn
Komischerweise wird es mir klar, als ich mit einem Freund zusammen sitze und Videospiele spiele. Es ist anders als früher, wie ich diesen Moment gerade erlebe. Wir haben Spaß, wir lernen Beide das Spiel, weil es für uns neu ist, aber mein Erleben des Ganzen ist irgendwie anders als früher. Gemerkt habe ich es schon vorher ganz oft, weil ich vieles in meinem Leben anders erlebe als vorher. Da sind Momente mit Freund*innen, da sind die Klarheiten über meine eigenen Situationen und Gefühle, da ist die Möglichkeit in Ruhe einzuschlafen, auch wenn mein Kopf mir kurz vorher nochmal alle Probleme die ich gerade habe anspült. Das war vorher alles anders. Und jetzt, jetzt komme ich damit irgendwie klar.
In diversen Podcasts hatte ich davon gehört in einer Zeit als ich Impulse gesucht hatte um etwas zu lernen. Neuronale Plastizität. Das ist der Fachbegriff. Was es meint ist erstmal nichts anderes, als das sich das Gehirn, vorallem die Nervenbahnen, verändern können wenn sie dazu die Anreize bekommen. Anreize können dabei Aktivitäten und Erlebnisse sein. Wie sehr sich mein Gehirn tatsächlich im Aufbau verändert hat, das weiß ich nicht sicher. Aber wie ich damit umgehen kann, das spüre ich.
In den schlauen Podcasts wurden diverese Möglichkeiten benannt, wie Mensch das Gehirn ankurbeln kann sich nochmal zu bewegen. Handschriftliches Schreiben, Meditieren, Bewegung, ins Grüne gehen, sich neuen Reizen aussetzen, sich Zeit zum Fühlen nehmen, seine Abhängigkeiten und Süchte konfrontieren und noch so einiges mehr. Auch mit dabei natürlich Therapie, denn in vielen Therapieformen geht es eben auch darum das Gehirn zu heilen von Verletzungen die es erfahren hat. Ich habe irgendwie alle davon immer mal wieder probiert. In meinem Fall denke ich das besonders Therapie eine sehr wichtige Rolle gespielt hat, aber auch meine Bereitschaft mein Leben verändern und für mich verbessern zu wollen. Bestimmte Lebensphasen und Ereignisse kommen auch mit Veränderungen des Gehirns daher. Es gibt zum Beispiel Belege dafür, dass Elternschaft das Gehirn umstrukturiert, weil wir in unsere Programmierung dafür Baupläne haben, die unserem Gehirn dann helfen besser diese Verantwortung zu übernehmen. Ich glaube, habe aber keine Beweise dafür, dass das zum Beispiel der Grund ist warum Eltern oft an den Schreien der Kinder unterscheiden können was sie gerade brauchen, während sie für andere komplett gleich klingen.
Jetzt wenn ich in Situationen bin, merke ich, dass ich anders denke. Ich komme zu anderen Schlüssen, ich fühle mich anders, ich handele anders und manchmal ist es auch anstrengend für mich, dass ich mich mit meiner Vergangenheit gar nicht mehr verknüpft fühle. Mein jetztiges Denken kommt nicht mehr dahin wie ich früher gedacht habe, was ich besonders auch als Marker für die Bearbeitung mancher Traumata und schadhafter Logiken sehe. Auch Rückmeldungen von Menschen um mich herum zeigen mir, dass sich etwas getan hat. Einige Leute müssen mich auch neu kennenlernen. Das muss ich halt auch. Denn so wie ich jetzt bin war ich vorher nur selten.
Natürlich bin ich die selbe Person, meine Vergangenheit gehört zu mir und liegt recht klar vor mir. Aber auch wie ich damit umgehe hat sich verändert. Und ich bin froh darum.
Warum dieser Beitrag?
Weil ich es wichtig finde darüber zu reden, dass wir, bei aller Scheißigkeit der Welt die aufkommen kann, bei all den tiefen Schnitten in unseren Lebensläufen, dem Schmerz, den Störungen, dem Trauma, unserem Alter, wir jeder Zeit noch versuchen können uns zu verändern. Und das es eben Beweise dafür gibt, dass das auch geht. In meinem Leben habe ich oft gedacht ich wäre lieber nicht ich. An meinem Gehirn, meinem Denken und meinem Erleben der Welt zu arbeiten kommt dem am nächsten. Und während ich den Eindruck habe dieses Ziel erreicht zu haben, ist eine andere wichtige Sache passiert: Ich bin jetzt gerne ich. Und ich wünsche allen Menschen auf der Welt, dass sie da hin kommen. Gerne mensch selbst sein, bewusst sein dürfen und sich lebendig erleben, das ist der Hit.
Viele Faktoren haben dazu gehört und es ist während mensch ihn geht kein leichter Weg. Das Gehirn verändern und heilen, das bedeutet auch schmerzhaft so einige Scherben und Dornen hinaus zu lösen. Das bedeutet Stellen zu desinfizieren und sehr viele Trennungen. Von Gewohnheiten und Umfeldern die einem nicht helfen zu heilen, die das alte Gehirn festhalten. Dann aber später zu erfahren wer mensch wirklich sein kann, das ist eine riesige Erleichterung. Für mich ist es eben genau diese Erkenntnis das erste Mal schmerzfrei zu sein. Ich bin froh um das "neue" Gehirn.
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