Gastbeitrag: The Cat Lady

Der Nachtwind | 29.09.16 | / / | Kommentieren
...oder: Wie ein dummer Satz ein ganzes Spiel ruiniert!

Stellt euch vor, ihr spielt ein Spiel, welches euch komplett fesselt. Die Atmosphäre hat euch sofort, das behandelte Thema begeistert euch... und dann kommt eine Situation, die euch nicht mehr loslassen will und bis zum Ende einen faden Beigeschmack verursacht.

Genau so ist es mir zuletzt ergangen, als ich innerhalb von zwei Tagen Harvester Games' „The Cat Lady“ durchgespielt habe. Hierbei handelt es sich um ein äußerst morbides, spieltechnisch sehr simpel gehaltenes 2D-Adventure. Ihr spielt Susan Ashworth, die direkt zu Beginn durch eine Überdosis Schlaftabletten Suizid begehen will und dadurch in einer Art Limbus, einem Ort zwischen Leben und Tod landet. Hier trifft sie auf die dubiose „Queen of Maggots“, die Susan Unsterblichkeit verleiht, sie ins Leben zurück befördert, dabei aber verlangt, dass Susan nun als eine Art Rache-Engel Mörder*innen zur Strecke bringt.

Die gesamte Spieldauer wird dabei Susans Depression fokussiert und thematisiert. Das Spiel versucht, darzustellen, wie eine manifestierte Depression aussehen könnte, was mit einem Menschen geschieht, der dieser Krankheit am Ende unterliegt. Dabei führt Susan einige äußerst gut geschriebene, innere Monologe, die zusammen mit der Gestaltung ihrer Welt in schwarz, weiß und grau sehr beklemmend, aber auch ergreifend wirken. Einzelne Gegenstände wie Blumen oder Blut erstrahlen immer wieder in grellen Farben und je länger das Spiel dauert, umso mehr Farbe kommt auch wieder in Susans Umwelt, was euch ihre Entwicklung fast schon mit dem Holzhammer präsentiert.

Die Prämisse ist also äußerst interessant, die Thematik gut umgesetzt und hat mich, wie bereits erwähnt, nicht mehr losgelassen, bis ich die Geschichte zu einem Ende bringen konnte. Natürlich stellt sich die Frage, wieso Susan plötzlich innerhalb kürzester Zeit auf so viele Psychopathen trifft, die von ihr zur Strecke gebracht werden sollen, darüber blicke ich aber gerne weg, da diese Aufeinandertreffen trotz der äußerst simplen Spielmechanik, sich nur nach links und rechts bewegen und nur mit begrenzten Objekten interagieren zu können, unfassbar nervenzerreißend inszeniert sind. Hinzu kommen noch ein paar nette Gore-Elemente und ich würde glatt sagen, dass The Cat Lady sowohl als Spiel als auch als Abhandlung einer sehr ernst zu nehmenden Krankheit wunderbar funktioniert.

Wäre da nicht diese eine Stelle, dieser eine Dialog in der Mitte des Spiels. Im Laufe des Spiels bekommt Susan eine neue Mitbewohnerin, Mitzi, welche ebenfalls i die kleine Wohnung einzieht. Nun liegt unsere Hauptakteurin irgendwann in der Badewanne, ihre neue Begleiterin möchte ebenfalls in das Zimmer, um mit ihr zu sprechen. Das Problem, dass sich hier nun auftut, ist, dass Susan dies nur erlaubt, wenn Mitzi nicht lesbisch sei. Susan habe kein Problem mit Homosexualität, aber dass eine lesbische Person auf ihre Brüste starren könne, wäre ihr doch zu viel. Brechen wir die Aussage stumpf herunter, haben wir hier ein „Ich habe nichts gegen Homosexuelle, solang sie nicht in meiner Nähe sind!“

Nun steht es jedem Entwickler*innen-Team frei, ihre Charaktere mit Macken zu zeichnen, homophobe Charaktere in ihre Spiele einzubauen, diese selbst als Hauptfigur zu nutzen. Problematisch wird es aber vor allem dann, wenn diese Macken nicht als solche erkennbar sind. Sie könnten Charakterzüge sein, die Einfluss auf die Geschichte nehmen, indem es sie zu überwinden gilt oder die jeweilige Figur eben „das gemeine Arschloch“ oder „der Feigling/Schwächling“ oder was auch immer ist. The Cat Lady führt diesen Charakterzug allerdings in dieser einen Situation ein und greift nie wieder darauf zurück. Susans Ansichten werden nicht als problematisch dargestellt, sondern sind vielmehr verpackt wie ein dummer Gag in einem ansonsten fast ausschließlich düsteren Spiel. Auch Mitzis Reaktion darauf zeugt eher davon, dass solche Ansichten im „Cat Lady-Universum“ absolut normal zu sein scheinen.

Jetzt mag manch ein Mensch sagen, dass solche Personen mit genau solchen Ansichten Realität seien und dem möchte ich auch nicht widersprechen. Es gibt genug Menschen auf der Welt, die genau so mit dem Thema Homosexualität umgehen. Jens Lehmanns Aussage, dass er sich nicht wohl dabei fühlen würde, mit einem homosexuellen Spieler im Duschraum der Kabine zu stehen, macht deutlich, dass solche Aussagen sogar einer breiten Öffentlichkeit präsentiert werden.

Lehmann wurde dafür allerdings aufs Schärfste kritisiert und auch Susan bzw. die Menschen, welche diesen Charakter entwickelt haben, müssen sich dieser Kritik stellen. Susan Ashworth hat nämlich als Hauptcharakter des Spiels eine Position, die zur Identifikation anregen soll. Ihr trefft oftmals Entscheidungen für sie, die bereits zu Beginn Auswirkungen auf das Ende haben können. Ihr versetzt euch damit in die Rolle einer depressiven Person und setzt euch intensiv mit ihren Gedanken auseinander. Die Besonderheit dieser Rolle sorgt dafür, dass Susan in einer Position steht, in der der flapsige Umgang mit solchen Aussagen höchst problematisch ist. Homosexualität wird im Laufe des Spiels kein einziges Mal mehr thematisiert, dieser kurze Dialog im Badezimmer steht völlig isoliert und bietet keinerlei Mehrwert für die Geschichte. Diskriminierende Positionen werden völlig unreflektiert reproduziert. Er erzeugt keine Charaktertiefe oder hilft dem Erzählen der Geschichte. Der Dialog zeigt nur, dass Susan ein homophobes Arschloch ist und dass die Entwickler*innen solch eine Aussage für nicht weiter beachtenswert halten, es aber trotzdem mal loswerden wollten.

Und so kommt es leider dazu, dass ein an sich absolut empfehlenswertes Spiel nur wenige Sekunden braucht, um den Gesamteindruck heftig zu versauen. Die Grundprämisse, Depression zu behandeln und auch künstlerisch darzustellen, ist nämlich weiterhin verdammt wichtig und gut... schade!











#ReadyToBO - Promo für den NRW-Slam 2016

Es ist jedes Jahr ein Highlight, wenn die Poetry Slam Szene in NRW zusammen kommt, um die Landesmeisterschaft auszutragen. Dieses Jahr kommen wir in Bochum zusammen, damit in einem der Bundesländer mit der höchsten Dichterdichte (Hihi), entschieden werden kann, wer denn 2016 am besten textlich ankommt.

Leider ist die Aufmerksamkeit für die Meisterschaft bei den potentiellen Zuschauern nicht so hoch, wie ich es erwarten und wünschen würde. Mir fehlt der "Hype", die Aufregung. Ruhe vor dem Sturm? Mag sein, aber so einen Sturm kann mensch auch beschwören. Zum Beispiel - meine aktuelle Faszination bricht da nicht ab - in dem mensch wie beim Wrestling eine "Promo" macht. Eine Ansprache und Aufforderung, die Interesse auf den Event lenken soll. So was könnte dann zum Beispiel mit dem aktuellen Vize-Meister laufen und so aussehen:



Oder es könnte auch eine Slammerin sein, die sich unzählige Siege in der letzten Saison anstecken durfte.



Oder es könnte auch ein sportgepumpter Performer sein, der aus seiner zweifelhaften Begeisterung für Wrestling und Kampf seinen Antrieb bezieht:



Egal wie es sich zuträgt, es sind Leute, die großen Spaß hatten, mit einem Augenzwinkern ihre Motivationen für den NRW-Slam darzustellen. Unter dem Hashtag #ReadyToBO geht es auf Facebook etc. weiter und wir hoffen darauf, dass auch andere Slammer mitmachen, erzählen was dieses Jahr ihre Ziele und ihr Antrieb sind.

Danke an unser Team für die Drehtage:
Tobi, Andy, Lio, Tom Lindemann, die Jungs von Sparta Essen und die Weststadthalle Essen.

Podcast: Kalligraph "Der Schreiberling" Florian Eichhorn

Jay Nightwind | 07.09.16 | / / / | Kommentieren
Es ist nicht das erste Mal, dass ich dieses verdammte USB-Kabel für das Mikro vergessen habe. Als ich zur Rezeption des Unperfekthauses aus dem Keller hochkletter, notiere ich mir auf meiner Tages-To-Do-Liste: Packlisten für Außentermine erstellen. Hat übrigens super geklappt, habe ich bis heute noch nicht erledigt. Problem und Analyse wohnen offensichtlich sehr dicht zusammen, treffen sich aber trotzdem nie.

Leider gab es im Haus auch kein passendes freies Kabel, so dass die Aufzeichnung mit dem Handy klappen musste. Was grundsätzlich nicht so schlimm ist, aber dann in der Bearbeitung am PC einen kleinen Einschnitt bei der Klangqualität gibt. Warum das so ist, da bin ich nicht Experte genug für Audiokrams.

Erfreulicherweise kann kein Gerät der Welt die Qualität meiner Gesprächspartner beeinflussen. Florian Eichhorn, der auch als "Der Schreiberling" unterwegs ist, hat eine besondere, weil nicht besonders moderne Leidenschaft: Die Kalligraphie. Schrift als Kunstform, wenn mensch so will. Das wollte ich mehr drüber wissen, denn ich hatte Kalligraphie eher im asiatischen Raum verortet und konnte im Zeitalter der hochwertigen Pixelschubser am Rechner nur Kalligraphie als eine Art Hipster-Trend verstehen. Warum also Rumpinseln?

Was Kalligraphie Florian bedeutet, könnt ihr hier hören:


Wenn ihr das Interview gehört habt, werdet ihr die Idee der Schriftanalyse mit ihm sicher mitbekommen haben. Seit der Aufzeichnung hat es sich ergeben, dass es nun wirklich dazu kommt! Und zwar bei unserem allerersten Live-Event mit "Der Nachtwind" am 15.09. in der Weststadthalle in Essen. Gemeinsam mit mir wird Florian Werbung und echte Schriftproben analysieren. Wenn ihr Lust habt, schaut euch das an, der Eintritt wird frei sein! 

Vorbilder #2

Jay Nightwind | 05.09.16 | | 3 Kommentare
Vorbilder sind Leute die uns inspirieren. Nicht alle sind gleichzeitig aktiv, einige sind nur Vorbild für genau eine Sache. Viele Menschen nehmen sich genau eine Person in ihrem Ressort zum Vorbild, das funktioniert für mich aber nicht, weil ich mich nicht entscheiden kann und da draußen so viele interessante Persönlichkeiten leben.

Loading Ready Run
Kaum eine Beschreibung wird der Gruppe gerecht. Die kanadische Comedy-Truppe, würde sie auf ihre Video-Sketche verkürzen; die Vollzeit-Nerds sie ebenfalls zu sehr auf ihre Hobbies und Inhalte reduzieren; die Wohltäter ihr Engagement zwar herausstellen, aber ihnen einfach nicht in voller Breite Rechnung tragen. Angefangen als Projekt aus einer Universitätsfilm-AG, sind die Leute rund um Graham Stark, Kathleen Stark und Paul Saunders zu einem dichten Freundeskreis gewachsen, der Spaß daran hat Menschen zu unterhalten und zu lernen. So ist aus der kleinen Truppe inzwischen eine Art Unternehmen geworden.

Mit Desert Bus for Hope produzieren sie jährlich einen der erfolgreichsten Gaming-Charity-Marathons der U.S.A. (in Kanada), dazu kommen Twitch-Projekte, Youtube-Inhalte in riesigen Massen und ganz viele kluge und liebevolle weitere Projekte. Ich weiß nicht wie lange ich schon Fan bin, aber keinen Tag war es enttäuschend.

Es hat die aktuelle Reformation des Blogs gebraucht, damit ich merke, dass ich mir passiv immer schon gewünscht habe, wie LRR zu sein. Die Gang, die gemeinsam unterhält ohne sich zu verbiegen. Denn LRR sind keine dieser nervigen Youtuber, denen in den ersten zwei Sekunden eines Beitrags direkt die Authentizität verloren geht. Sie sind zauberhaft normale Leute, nicht gepumpt, nicht sexy, nicht vollständig hochbegabt und teilweise nicht mal mit einprägsamen Gesichtern (Es sind inzwischen echt viele Leute). Jede/r bei LRR ist er/sie selbst und es ist zu spüren, wie akzeptierend die Atmosphäre im Team ist. Etwas, was ich mir für hier auch wünsche. Etwas, das zwar schon immer ein bisschen da war, jetzt aber durch die neuen Stimmen im Blog zum aktiven Wunsch herangereift ist.

Klickzahlen etc. interessieren mich nur in zweiter Reihe. Ich will mit meinen Leuten hier Spaß haben und mich/uns entwickeln, ohne dass wir uns für irgendwas prostituieren müssen. Da sind LRR der beste Realitätscheck und eine gute regelmäßige Erinnerung daran, warum authentischer Inhalt immer gewinnen wird. 

Dolph Ziggler (Und einige Wrestler mehr)
Dass mich die Wrestling-Faszination zuletzt gepackt hat, ist in meinen Beiträgen im Blog leicht zu erkennen. Charaktere wie Dolph Ziggler tragen dazu bei. Im Universum des Wrestling ist Dolph seit vielen Jahren unterwegs, im Moment aber erzählerisch an einem Punkt, den ich nur zu gut nachvollziehen kann. Er fühlt sich von allen Verantwortlichen übersehen und benachteiligt. Was ganz schön zickig wirken kann, macht ihn sympathisch, weil er die für mein Gefühl richtige Konsequenz daraus zieht:

Er liefert im Ring sowohl körperlich als auch schauspielerisch ab, wie kaum ein anderer. Klar, die Kämpfe sind choreographiert, aber wie bei jeder anderen darstellenden Kunst, erkennt mensch, ob derjenige da gerade etwas mit Liebe, Herz und brennendem Blut tut, oder nur da ist, weil er nirgendswo anders vermisst wird. Und Dolph Ziggler, der den Beinamen "The Showoff" hat, hat in sich so viel Hitze, dass er vermutlich in Kalifornien keine Wälder betreten darf. Selbst wenn er weiß, dass er laut Regieanweisungen heute verliert und er wieder keine Chance auf Titel bekommt und das Publikum ihn nachher hassen wird und er sich blamieren wird und und und: Dolph Ziggler kommt mit dem Blick eines Menschen zum Ring, der heute alles umpflügt, was ihm in die Quere kommt.

Es gibt noch mehr Wrestler mit ähnlichen Qualitäten, aber Dolph hat mich am intensivsten inspiriert. Spätestens, als ein Teil der Geschäftsleitung der WWE sagte, dass die Fans Dolph lieben, weil er genau wie sie ist, ein "Loveable Loser", war meine Identifikation mit ihm geschehen. Dolph ist die übersteigerte Version, die die Fans gerne selbst wären. Der Typ der weitermacht und einmal öfter aufsteht, als er niedergeschlagen wird. Damit liefert er aber auch ab, für die Menschen, um die es im Entertainment in Wirklichkeit geht: Die Zuschauer.
Gerade für meine Mentalität beim Poetry Slam war er Vorbild. Egal wie die Chancen stehen, die Blickrichtung ist immer nach oben und alles geben. Du kannst einen Abend in der Wertung verlieren und im Respekt der Zuschauer gewinnen. Es geht mir nicht mehr darum den Wettbewerb in den Punkten für mich zu entscheiden, sondern darum im Zweifel so spektakulär wie möglich zu verlieren.

Björn Gögge
Falls er das lesen sollte, wird er vielleicht denken, dass es sich hier um die klassische "Eisberg-Situation" handelt. Ich sehe vielleicht nur eine Spitze, bei der noch viel mehr unter der Wasseroberfläche liegt, das ich eben nicht sehe. Denn ich halte ihn für unfassbar fleißig. Und auch wenn er sich vielleicht nicht so empfindet -  wobei ich es für meinen hochgeschätzten Poetry Slam Mitstreiter hoffe - kann ich es ihm sogar beweisen.

Denn die Zahl der "Produkte", die er alleine im letzen Jahr geschaffen hat, spricht für sich. Besonders beeindruckend: Die Bandbreite. Er macht Musik, Texte, schreibt für eine Universitätszeitung, produziert mit hoher Frequenz Podcasts und tritt ständig und an den krassesten Gelegenheiten auf. So zum Beispiel beim MS Dockville-Festival in Hamburg vom Mengenverhältnis vor fast einem gesamten Stadtteil einer Großstadt.

Wenn Mensch mit ihm spricht, wirkt Björn bescheiden, was ich fast schon provokant finde. Ich würde mir gerne den Arsch aufreißen für die Gelegenheiten die er angeboten bekommt, weil er es sich verdient hat. Aber leider bin ich (noch) nicht wie Björn. Ein guter Grund ihn als Motivation zu sehen. Auch ohne diese Gründe ist er allerdings auch immer ein Freund und die sind immer auch gute Vorbilder.