Danke! - 1. Essener Stadtmeisterschaft im Poetry Slam

Jay Nightwind | 17.01.17 | / | 3 Kommentare
Liebes Rudel,
Ich bin euch so dankbar.

Zum ersten Mal bringen wir mit Poetry Slam in Essen eine Stadtmeisterschaft auf die Beine, ein Event für die heftige lebhafte Essener Szene und - Meine Güte - war das ein Wochenende!

16 Künstler*Innen die in Essen leben brachten persönliche, wichtige, aufwühlende, aufklärende und unterhaltsame Texte auf die Bühne. Von allen Erfahrungsstufen und Altersgruppen kamen die Slammer*Innen, aus allen Schichten, aus allen Geschmacksrichtungen. Wir sind stolz auf die Diversität von Stadt und Szene. Ich wäre schon glücklich gewesen, das ganze Wochenende nur zuhören zu dürfen.

Aber als jemand der seit jetzt etwa Sieben Jahren Essen auf Slambühnen vertritt, lasse ich mir so eine Chance nicht entgehen. Auch nicht, wenn ich mit den anderen Essener Slamveranstalter*Innen gemeinsam Organisator bin. Das ich dann am Ende ausgerechnet noch gewinnen durfte, macht mich noch dankbarer, als ich es eh schon bin.

Im Vorfeld gab es die Frage, wofür es eine Essener Meisterschaft überhaupt braucht. Ich sage: Damit wir uns einmal im Jahr hier feiern und stolz sind. Weil es motiviert, so ein Ziel im Blick haben zu können, weil es nicht so weit weg ist, wie NRW oder deutschsprachige Meisterschaften. Weil es das Familientreffen der Essener Szene ist, die ja nicht nur auf und hinter der Bühne lebt, sondern auch davor. Slamily meint das alles, euch alle. Danke für die alten, aktuellen und kommenden Zeiten!

Danke an Slam in der Heldenbar, Krawall und Zärtlichkeit Poetry Slam, Slamassel, GREND SLAM, das Veganz (Essen), den Speakers Corner Raid, WestStadtStory! Ihr gebt den Menschen in dieser Stadt einen Platz, um ihre Gedanken, Schmerzen, Wünsche, Träume, Visionen und Hoffnungen teilen zu können. Ihr gebt Platz für Stimmen.

Danke an die Fünfzehn (!) anderen Teilnehmer*Innen, von denen ich es jedem und jeder wünsche, dass sie weitermachen. Ich freue mich darauf, euch in den nächsten Jahren zu hören.

Danke an alle, die auch nicht dabei sein konnten, aber aus der Distanz und Nähe bestätigt haben, dass eine Stadtmeisterschaft eine gute Sache ist.

Danke liebes Rudel,
dass ihr mich möglich macht, mir zuhört und mich besser macht.
Es ging nie um die Punkte, sondern immer um euch!


Poetry Slam: Rollen in einer Szene

Jay Nightwind | 11.01.17 | / | 3 Kommentare

Liebes Rudel,
wenn mensch sich länger in einer Szene aufhält, wächst mensch in Sachen rein. So ist es beim Slam natürlich auch. Im Laufe der Zeit hängen an der selben Person mehrere Rollen und Aufgaben. Das ist gerade in unserer Szene nicht unüblich. Aus auftretenden Künstler*Innen werden dann auch schon mal Veranstalter*Innen, Moderator*Innen und und und. Das ist eine tolle Sache, weil viele von uns in einem Bereich wertvolle Fertigkeiten und Erfahrungen erlangen, die an anderer Stelle helfen.

Egal welche Rolle wir aber inne haben, sehen wir nach Außen für gewöhnlich identisch aus. Klar, selbe Nase, selbe Dudette, selber Dude. Da gehen die Rollengrenzen manchmal wieder vergessen.  Innerhalb einer Szene kann das manchmal zu Konflikten führen. Denn häufig erfordern unsere Rollen, dass wir gerade ein anderes Verhalten zeigen.

Im Slam bin ich Performer, Veranstalter und Coach. Drei Rollen die alle ihre Wurzeln in mir haben, aber nicht immer gleichzeitig stattfinden können, sich sogar häufiger mal widersprechen.

So bin ich als Veranstalter vielleicht sehr verkopft und reflektiert, versuche aber als Performer immer die innere Eskalation aufrecht zu halten. Ich bin sehr bei mir, schaue auf die Zuschauer und versuche da eine Synergie zu schaffen. Als Coach muss ich aber gedanklich sehr bei denen sein, die sich verbessern wollen; einen Fokus auf die Texte der anderen haben.

Die Transfers zwischen diesen Rollen passieren nicht mit einem einfachen Fingerschnipsen, sondern müssen bewusst passieren. Wird mensch dazu "gezwungen" die Rolle zu wechseln, führt das nicht selten zu Konflikten. Und das nicht nur in unserer Szene.
Wer im Büro arbeitet und dort auf Freunde, Angehörige oder eigene Kinder trifft, hat eine ähnliche Situation durchgemacht.

Wenn eine neue Rolle für eine Person hinzukommt, ist es manchmal auch schwer, diesen Prozess als Außenstehender zu erkennen. Siehe oben: Selbe Nase, neue Rolle. Eine neue Rolle bedeutet nicht, dass eine alte Rolle keine Gültigkeit hat. Wenn jemand in meinem Umfeld einen neuen Job hat, hört ja zum Beispiel nicht auf mein Freund zu sein.

Wir sollten versuchen uns für die neuen Rollen zu interessieren und sie zu verstehen, wenn wir in einer der alten Rollen gut mit jemandem zusammen gekommen sind. Das gibt uns auch mehr Sicherheit mit diesen Menschen. Ein Wechsel im Verhalten lässt sich dann besser erklären.

Ich bin gerne Performer, Veranstalter, Coach. Das alles bin ich, aber nicht immer gleichzeitig.

Ich halte nichts von guten Vorsätzen

Der Nachtwind | 09.01.17 | | 4 Kommentare
Ein Gastbeitrag von Miriam

Ich halte nichts von guten Vorsätzen. Man setzt sich eine Aufgabe, die man dann ja doch nicht oder wenn nur sehr begrenzt umsetzt. Gute Vorsätze dienen in erster Linie zur Beruhigung des eigenen Gewissens: „Ich wollte ja etwas ändern, aber leider, leider hat es dieses Jahr nicht gelingen wollen. Naja, nächstes Jahr, da klappt es bestimmt.“
Ich halte nichts von guten Vorsätzen. Und ich fasse eigentlich keine. Eigentlich.

Denn ich will etwas ändern an meinem Leben. Und ich brauche dafür etwas Verbindliches. Ein Versprechen an mich selbst. Einen guten Vorsatz eben.
Deshalb hier mein Vorsatz für das Jahr 2017: Den Blick fürs große Ganze wiederfinden.

Ich weiß, dass klingt nicht sonderlich beeindruckend. Auch nicht besonders schwierig.
Aber habt ihr schon mal etwas gesucht, dass ihr verloren habt? Das Gesuchte kann direkt vor euren Augen liegen und trotzdem kann es passieren, dass ihr es überseht.
Ich habe den Blick fürs große Ganze verloren. Und auch wenn das große Ganze logischerweise eine ziemlich große Sache ist, ich übersehe es.

Stellt euch eine To-Do-List vor, auf der die Punkte nacheinander abgearbeitet werden müssen, um am Ende den letzten und wichtigsten Punkt zu erreichen. Eben das, was man unbedingt will.
Ich habe verlernt mein Endziel in all den kleinen Etappen bis dorthin wiederzuerkennen.

Und dadurch habe ich auch verlernt das, was ich tu mit Leidenschaft zu tun. Ich bin zu oft „muss ja“, anstatt „ich will“. Dabei wären viele Dinge, die ich tun muss, eigentlich sowieso Dinge, die ich tun will. Denn sie führen nicht nur zu meinem Ziel, sonder sind sogar ein Teil davon.
Das heißt nicht, dass ich verlernt habe zu kämpfen. Ich weiß nur nicht mehr wofür ich mich eigentlich gerade wirklich ins Zeug lege.

Ich will den Blick fürs große Ganze wiederfinden und dadurch auch meine Freude an dem was ich tu zurückgewinnen. Ich will dass ich wieder erkenne, dass es sich lohnt jeden einzelnen kleinen Unterpunkt auf meiner imaginären To-Do-Liste abzuarbeiten. Ich will, dass ich wieder weiß, wofür ich kämpfe.

Das habe ich mir zum Vorsatz für dieses Jahr gemacht. Das ist ein weiterer Punkt auf meiner To-Do-List. Und ich hoffe, dass ich nicht vergesse, warum er dort drauf steht.

Über die Autorin:
"Du hast eine Geschichte, die relevant ist." hat mir irgendwann mal jemand gesasgt. Am Anfang habe ich das nicht so richtig glauben können. Dann ist mir aber klar geworden: Jeder Mensch hat seine ganz persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen. Und die sind alle auf ihre eigene Art und Weise hörenswert. Mit meinen Gedanken stehe ich deshalb ab und an mal auf Poetry-Slam-Bühnen. Und jetzt wollte ich eben auch mal dieses "Blog"-Ding ausprobieren. 

Mich zieht es zurück aufs Dorf

Jay Nightwind | 08.01.17 | / | Kommentieren
Facebook ist für mich eine Stadt. Lebensraum und Geschäftsfläche sind zusammengeschoben, keiner weiß mehr was zu erst da war. Vielleicht ging es erst darum den Leuten einen interessanten Wohnort im Internet zu schaffen, eine Kommune die es uns erlaubt nicht nur in unseren Kreisen zu bleiben, sondern auch neue Menschen zu entdecken. Ein Schmelztiegel. Wann immer aber viele Menschen aufeinander treffen, triggert das den Kapitalismus, der natürlich auch von Menschen gemacht wird. Die kommen in so einen Schmelztiegel und denken sich: Wenn jetzt alle über meine Produkte reden würden, dann wäre das schon toll. Zum Glück hat Facebook die Strukturen so angelegt, dass sich Produkt gut und heimlich einbinden lassen und zwar durch die Menschen selbst. Wenn mensch diesen Prozess gedanklich überträgt, betreibt Facebook harte Urbanisierung und liefert die Gentrifikation gleich mit.

Nur das hier nicht Bewohner aus ihren Objekten gedrängt werden, weil ihre Mieten durch das attraktivere Umfeld erhöht werden, sondern Kommunikationswillige aus ihren Kommunikation gedrängt werden. Denn die Filterblase bevorzugt die, welche viele Likes haben (sprich viel Laufkundschaft) und noch mehr die, welche Geld investieren, um die vielen Werbeflächen zu kaufen. Die Lösung wenn unsere Kommunikation wirkungslos scheint, kommunizieren wir mehr, lauter und aggressiver bis wir endlich wahrgenommen werden. Wer in seine Facebook-Erfahrungen guckt, findet hier sicher Beispieler für solches Kommunikationsverhalten.

Ein Problem: Wann ist die Kommunikation erfolgreich? Wann ist ein Like auf ein Posting zufriedenstellend? Mehr geht ja immer, mehr Likes, mehr Teilen. Und dann bekommt Facebook die negativen Symptome einer Stadt: Es ist zu voll, zu laut, die viele Werbung und aus unserer Sicht reden alle über irrelevanten Schwachsinn, weil unser Kopf sich gerade um etwas anderes dreht. Wir bekommen Wahrnehmungsfehler, die uns zu Superlativen führen:
"Alle sind Rassisten. Alle reden nur über Trump. Niemand redet über Obdachlose. Deutschland ist verloren. Das Internet ist voller Hass."  - die verkürzte Wahrnehmung
Wir beginnen die Stadt mit der Welt zu verwechseln, wir beginnen einen Ort des Internets mit dem ganzen Netz zu verwechseln. Leider macht aber die Filterblase auch, dass wir in Konkurrenz zu einander stehen. Da unsere Pinnwand nämlich zwischen privatem Fenster und Schaubude schwankt, stehen wir in Konkurenz. Die Erfolge der anderen werden uns als Beispiele angeführt, die uns interessieren sollen. Daraus leiten wir regeln ab. Die anderen Mädels bekommen viele Klicks für ein Duckface vorm Spiegel? Um zu überbieten, provoziere ich mit weniger Kleidung. Die anderen Jungs bekommen viele Likes für krasse Ansagen und Streiche? Ich provoziere, in dem ich gesellschaftliche Regeln überschreite. Und die nächsten die gelten wollen, müssen dann diese Anläufe wieder überbieten. Eine ganz klassische Eskalations-Spirale. Nicht unüblich in einem städtischen Umfeld.

Je ohnmächtiger du dich in deinem Wirken fühlst, desto radikaler musst du in deinem Wirken werden, um Aufmerksamkeit zu generieren. Auch ohne Internet schon lange beobachtbar. Bahn-Surfen als prominentes Beispiel angeführt. Witzigerweise schaffen es einige Formen des radikalen Prozesses sich dann wieder einzugliedern und werden in der Mitte der Gesellschaft dann sogar zu Kultur. Siehe: Graffiti als Beispiel für urbane Kultur.

In Sachen Internet, komme ich vom Dorf. Ich habe mich im Netz herum getrieben, als die Infrastrukturen noch anders aussahen, als noch nicht so viele unterwegs waren und bin selber ein Bewohner geworden, als das Bloggen aufkam. Bloggen ist Dorfleben. Durch die Expansion der Städte wurde das nocht deutlicher. Während in der Stadt alle Inhalte zu dir kommen, ist es im Blog anders. Du bearbeitest dein Stück Boden und die Leute müssen den Weg zu dir finden.

Einige von uns leben dabei so, dass sie eigentlich ganz gut von ihrem eigenen Kram leben können. Content-Autark könnte mensch sagen. Früher kam mensch einfach mit anderen der gleichen Branche zusammen (Koch-Blog, Reise-Blog, DIY-Blog etc.) und irgendwie fand ein Austausch statt, der sich dann auch auf den eigenen Bereich ausgewirkt hat. Aber die Eskalation ist entschleunigt. Gehe ich nämlich nicht raus, sehe ich all die anderen nicht, die das Gleiche tun wie ich. Die Filterblase lebt in der Stadt.

Ein Problem: Da alle in der Stadt sind, ist es auf dem Land schwer geworden, sich wirksam zu fühlen. Auch auf dem Land gibt es Klicks und Kommentare, aber wie soll ich diese bekommen, wenn keiner mehr da ist. Von den Blogger*Innen, mit denen ich begonnen habe, ist niemand mehr aktiv dabei. Einige haben ganz aufgehört, andere sind in eine der vielen Städte gezogen.

Weder die Stadt, noch das Dorf machen dabei etwas besser. Sie machen es nur anders. Es ist eine Frage der Haltung und nicht einer Richtigkeit. Wer sich aber über die Stadt beschwert, dabei aber ihrem Trott folgt und ihre Internet-Gentrifikation füttert, sollte sich die Alternativen anschauen.

Mich zieht es zurück aufs Dorf. Denn ich merke, wie ich Inhalte, die ich sonst nachhaltig anlegen würde, in kurzen Postings auf Facebook verbrenne, dabei aber das Gefühl habe, am Ende nichts getan zu haben. Das Dorf lässt sich ja benutzen wie die Stadt. Es müssen nicht alle Beiträge lang, ausführlich, mit Bildern und Videos und all diesem Pipapo sein. Warum platziere ich etwas als Status auf Facebook, aber nicht als Beitrag im Blog? Mir fällt da auch kein guter Grund ein. Liebe Dörfler, es sind moderne Zeiten, wir müssen hier auf nichts verzichten. Liebe Städter, wenn es rund gehen muss, dann sind Facebook und Snapchat und so weiter die richtigen Orte für uns. Am wichtigsten ist aber, sich zu fragen, was mensch sich gerade vom Internet wünscht, anstatt es zu verteufeln.