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Ich bin müde

Jay Nightwind | 01.09.17 | / | 8 Kommentare
Ich bin müde.

Ich bin so müde.

Es ist nicht mal die Welt, es sind die kleinen Dinge, die mich müde machen. Geschirr spülen, Wäsche waschen, Rechnungen bezahlen, einkaufen gehen, nach dem Sendersuchlauf am Fernseher die Stationen wieder richtig sortieren. Einen Plan haben müssen, sich an den Plan halten, überrascht werden, den Plan verändern, nach dem Wunschdurchlauf nach der Schule die eigenen Ideale wieder richtig sortieren. Von Menschen erzogen werden, Freunde und Freundinnen finden, Menschen müde werden sehen und wissen, dass sie nie wieder...

Miep Miep Miep Miep Miep Miep Miep Miep!
Aufstehen! Die Zeit von gestern ist vorbei. Und du hast geschlafen, also musst du raus aus den Federn. Es ist ein neuer Tag, mit neuen Rätseln! Zum Beispiel diese:

Wenn wir Menschen im Supermarkt vorlassen in der Schlange, weil sie nur eine Teil haben, würden wir auch Fünf Personen vorlassen, wenn sie "ja nur ein Teil haben"?

Wenn wir nach dem Duschen sauber sind, warum müssen wir unsere Handtücher nach dem Abtrocknen dann in die Wäsche tun?

Warum sind wir abends zum Einschlafen nie so müde, wie morgens wenn wir aufstehen sollen? Warum gibt es einen Wecker, aber kein Gerät, das uns einschlafen lässt?

Wenn wir ein frischbezogenes Bett nicht verlassen, bleibt das gute Gefühl der Wäsche dann für immer?

Wenn die Welt uns so müde macht, woher wissen wir, dass unsere Träume nicht das echte Leben sind?

"Oh. Ich hatte ein schreckliches Alpleben. Ich musste die ganze Woche von Sieben bis Sechzehn Uhr arbeiten und hab immer die gleichen Sachen gemacht. Und so ging das Monate lang. Das Schlimmste war aber, was dann kam. Ich musste....Ich....Ich traue mich kaum es auszusprechen....Eine Steuererklärung machen. Boah. Ich war so müde. Zum Glück bin ich dann eingeschlafen."

In meinen Träumen bin ich nie müde. Da geht alles. Da bin ich ein berühmter Schauspieler, der mit seinem Schlafplatz verheiratet ist. Weil es geht. Wir sind Bett Pitt und Penngelina Jolie. Und in meinem Träumen, da lachen alle über diesen Scherz. Und in meinen Träumen, da ist das Geschirr gespült, die Rechnungen bezahlt, und die Sender im Fernseher. Hmmmm. Ich sage es euch, die sind sortiert. Und wie die sortiert sind. Es ist ein Traum.

Es ist ein Traum.

Und dann werde ich wach. Ich bin wach. Ich stehe auf. Ich sortiere meine Ideale, die Fernsehsender, das Geschirr nach Grad der Verschmutzung und erkenne, dass ich nie müde war. Sondern hungrig. Hungrig nach Träumen, nach dieser anderen Welt in meinem Herzen, die so schüchtern und sensibel ist, dass sie nur im Schlaf mit mir spricht. Nach dieser Welt, die nicht unerreichbar ist, sondern der Wert hinter dem Gleichheitszeichen. Die Welt, die rauskommt, wenn ich diese hier nehme, aufstehe und sie so sortiere, dass alles möglich wird. Sogar eine Welt, in der ich keine Steuererklärung machen muss.

Miep Miep Miep Miep Miep Miep Miep Miep!
Aufstehen! Die Zeit von gestern ist vorbei. Es ist ein neuer Tag, mit neuen Rätseln. Und Rätsel, die sind immer für Aufgeweckte.

Prosa-Häppchen: Wir müssten echt mal miteinander reden

Wir stehen uns gegenüber. In der linken Hand die Bierflasche, in der rechten Hand die Zigarette. Es ist gut sich an etwas festhalten zu können, denn zwischen uns ist alles so wabrig wie der Rauch, der zwischen uns hängt. Die Luft ist angefüllt mit unausgesprochenen Worten. Und abgefüllt mit Stille. Ohrenbetäubender Stille.

Wir waren mal laut zusammen. Übertönten alles um uns herum. Hatten uns soviel zu sagen, dass kaum Zeit zum Atmen blieb. Geschweige denn zum Rauchen oder Trinken. Unsere Münder waren offen, genau wie unsere Herzen. Und unsere Herzen lagen uns auf der Zunge, sprechend und laut.
Wir müssten echt mal miteinander reden.

Ich habe Sätze im Kopf und Worte auf der Zunge, aber öffne den Mund nur, um an meiner Zigarette zu ziehen. Doch durch das bisschen Luft, das meinen Lungen dabei füllt, fühlt sich mein Herz auch nicht leichter an.
Wir müssten echt mal miteinander reden.

Du siehst mich an und deine Augen sprechen. Doch ich verstehe ihre Sprache nicht. Und dein Mund öffnet sich nur für den nächsten Schluck Bier. Doch davon verschwindet der Kloß im Hals auch nicht.
Wir müssten echt mal miteinander reden.

Uns trennen 30 Zentimeter Luft. Angefüllt mit unausgesprochenen Worten. Abgefüllt mit Schweigen. Wir waren mal laut zusammen. Übertönten alles um uns herum. Doch uns hörten wir zu. Hingen uns an den Lippen, lauschten auf jeden Schlag unserer redseligen Herzen.

Wir stehen uns gegenüber. In der linken Hand die Bierflasche, in der rechten Hand die Zigarette. Unsere Kippen werden zu Stummeln, in unseren Bierflaschen ist nur noch der letzte Schluck. Alles was bleibt ist die Stille.
Wir müssten echt mal miteinander reden.


Ob unterwegs auf dem Weg zur Arbeit, in der Raucherpause oder auf dem Klo. Unsere Häppchen sind kurze Texte für den kleinen Lese-Hunger zwischendurch - quasi das fast food unter unseren Blogtexten.

Auf keine Zigarette

Jay Nightwind | 05.08.17 | / | 1 Kommentar
Ich sollte mit dem Rauchen anfangen. Ich stehe bereits am Küchenfenster und starre in die Wildnis, die der Garten des Wohnhauses sein soll. Der Regen tut sein Ding, weicht alles ein, frischt die Luft auf, füllt das Klischee ausreichend auf. Mann steht mit Whiskey-Glas am Küchenfenster und starrt hinaus. Ich sehe mich von außen. Es wäre eine tolle Kameraansicht, so von schräg unten, mit dem Fenster und allem so im goldenen Schnitt. Nichts wäre zu hören, nur das Rauschen des Regens. Es ist kein Zufall, dass sie immer versuchen, die Magie solcher Momente in Filmen gefangen zu nehmen. Sie malen mit feinen Pinseln dann Details in die Räume und Gesichter der Darsteller*Innen.

Rauchen ist eine dieser akzeptierten Arten sich selbst zu verletzen. Alleine Alkohol trinken ist verpönt, besonders wenn er nicht mal genossen wird. Rauchen. Das geht klar. Du giltst als verwegen und melancholisch, aber cool. Dass ein Schnitt in meinen Arm mich auch nicht töten würde, genau wie eine einzelne Kippe, ist egal. Wer die Klinge sanft und liebevoll unter die Haut schiebt, ist nicht gesund im Kopf. Wer das Gift über die Lungen in den Körper treibt, ist gesund im Kopf und erst viel später dann nicht mehr im Körper. Wenn überhaupt. Das mit der Klinge ist leichter zu behandeln, im Körper, ist besser zu kontrollieren. Aber beim Rauchen stellt niemand Fragen. Die Kippe ist Teil des Bildes, der Schnitt eine Störung.

Ich weiß gar nicht mehr wie man raucht. Da war irgendwas mit schnellem Einatmen nach dem Ziehen, aber vermutlich ist nur wichtig, dass es am richtigen Ende glüht und das Arrangement lässig zwischen den Fingern liegt. Das mit dem Schnitt könnte ich. Da müsste ich keine Freunde anrufen und nachfragen wie das geht. Das würde ich auch nicht wollen. Mir ist die Anwesenheit des Whiskeyglases ja schon zu viel. Es welkt penetrant den ganzen Raum voll. Ich bin die am wenigsten wertvolle Erfahrung hier. Der Regen, der Whiskey, der Garten. Sie alle tun so viel, erzählen so viel, bieten so viel an.

Ich will mich nicht mal verletzen. Deshalb zieht es mich weder zum Messerblock noch zum Kiosk. Der Whiskey bleibt ungetrunken. Das Gefühl lasse ich trotzdem einsinken. Langsam fährt es kalt und kontaktlos durch die Haut, durch die Knochen, und passiert einmal meine Seele, wie ein müder Geist, in einem alten Schloss, das selbst den Spuk nicht mehr wert ist. Der Regen schlägt gegen die Scheibe, klopft an einer Welt an, wie sie kleiner nicht mehr werden kann. Sie würde in einen Aschenbecher passen.

Wenn Selbstverletzung ein Hilferuf sein soll, dann muss sie natürlich auch jemand sehen. Würde ich jetzt rauchen, würde ich mich wirklich für mich verletzen. Nicht für jemand anderen. Einige verletzen sich ja, um sich wieder zu spüren. Um überhaupt mal was zu spüren. Was anderes zu spüren. Ich verstehe gar nicht, was so schlimm daran ist, mal nichts zu spüren. Es ist die Pause, die zwischen zwei Liedern auf der CD entsteht, wenn der Laser erst den Anfang der nächsten Spur finden muss. Eine zerbröselte Sekunde zum Nachdenken. Zwischen Liedern, Kunstwerken, an denen mehrere Musiker mindestens mehrere Stunden gearbeitet haben, nehmen wir uns nicht eine volle Sekunde, um über das Gehörte zu reflektieren.

Ich könnte mit dem Rauchen anfangen. Ich bin frei, ich treffe die Entscheidungen für mein Leben. Ich habe mich auch entschieden, hier seit Stunden in den Regen zu starren und ein volles Glas Whiskey nicht zu trinken. Und kein kluges Argument würde mich aufhalten. Weil ich entscheiden kann, nicht klug zu sein. Das liegt in mir. So mächtig bin ich. Ich kann auf jeden Fakt, jede Kausalität, jeden Verstand verzichten. Ich kann mich verletzen. Ich bin das Einzige, das sicher mir gehört. Es liegt an mir, was ich mit mir mache. Deshalb kann ich auch am Fenster stehen, mich nicht schneiden, nicht rauchen, nicht trinken und mich bei niemandem melden. Das kann dann auch verletzen, aber es sieht keiner. Und dann ist es ganz für mich. Nicht für jemand anderen.

Der Regen macht sein Ding, klopft an einer Welt an, in der ein Whiskey alleine auf der Arbeitsplatte steht, traurig aus dem Fenster schaut.

Der erste Kontakt

Jay Nightwind | 02.08.17 | / | 4 Kommentare
Als mich Journalisten angerufen haben, um mich zu interviewen, empfand ich das als seltsam. Es war schief. Ich bin selbst Journalist. Wir schreiben und beschreiben was in der realen Welt passiert, aber wir machen uns selbst nicht zum Gegenstand der Berichterstattung. So meine Theorie, aber unsere Welt ist so stark medial geprägt, dass die Medien inzwischen nicht mehr nur abbilden sondern auch aktiv handeln. "Es ist keine Nachricht, wenn ein Hund einen Mann beißt, aber sehr wohl, wenn ein Mann einen Hund beißt." Inzwischen waren wir wohl selbst auch Hunde geworden.

Damals habe ich mich nicht gefreut. Als ich die Lotterie gewonnen hatte und feststand, dass ich einer der Journalisten sein durfte, der beim ersten Kontakt mit den Außerirdischen dabei sein darf, hatte ich sofort große Angst. Die fremden Wesen haben mir dabei gar keine Sorgen bereitet. Mein Leben hat schon zuvor versucht mich umzubringen, ganz ohne fremde Bedrohung. Aber die große Verantwortung dem Ereignis gerecht zu berichten, die kann mein schmales paar Schultern vielleicht gar nicht erfüllen. Normalerweise arbeite ich Pressemeldungen im juristischen Bereich auf, aber wie alle anderen Redaktionen auch, hatte unsere wirtschaftliche Leitung alle, wirklich alle journalistischen Mitarbeiter für die Lotterie gemeldet. Meine Kollegin Josie, die sonst die Kinderseite macht, hat mich erst ausgelacht, dann Mitleid gehabt und beim Feierabendbier hat sie mich wieder ausgelacht. Ich werfe es ihr nicht vor, vielleicht hätte ich es auch so gemacht, hätte es jemand anderen erwischt. 

Wie es abgelaufen ist als auf den Radaren oder Langstreckenscannern - oder wie es außerhalb der Science-Fiction wohl heißen mag - ein Objekt mit Zielrichtung Erde aufgetaucht ist, haben wir nie erfahren. Nie wirklich. Die Veröffentlichung dieser riesigen Information wirkte aber ziemlich dilettantisch, wenn man im Sinne der Behörden denkt. Entgegen des kulturellen Vorurteils waren es nicht die Amerikaner, welche die Entdeckung machten. Chinesische Nachrichtenseiten waren schlagartig voll von scheinbar ungesicherten Informationen über Sichtungen eines Flugobjektes. Die amerikanischen und unsere europäischen Medien strahlten mit klarer Arroganz aus, dass es sich nur um eine Fälschung handeln konnte. Aber es dauerte nicht lange, bis durch die Bewegung und das Verhalten von Staatschefs klar wurde, dass wir nicht alleine waren.

Es steuerte etwas auf die Erde zu, ein unbekanntes Flugobjekt. U.F.O.s. Was hatten wir immer Spaß auf Kosten derjenigen, die an so etwas glaubten. Was haben wir gelacht. Plötzlich war jede alte Meldung, jeder Spinner mit verschwommenen Fotos ein Superstar. Die Archive wurden hundertfach umgewälzt. Wo in historischen Dokumenten wurden schon unbekannte Flugobjekte erwähnt? War Erich van Däniken gar kein Pseudo-Wissenschaftler? Können wir bald doch die verbleibenden Mysterien der Welt aufklären? Die Fragestellungen die heute legitim waren, sahen plötzlich denen so ähnlich, die wir ewig nicht ernstnahmen. Entschuldigt haben wir uns natürlich nicht. Wir berichten Fakten. Damals waren die Fakten halt anders. Wenn die Geschichte sich verändert, verändert sich auch ihre Bewertung.

Die politische Lage entwickelte sich rasant. Die großen Nationen waren sich entgegen der Erwartung der Bevölkerung einig: Wenn dort ein Volk durch das Weltall reisen konnte, sollte nicht ausgetestet werden, wozu diese Wesen militärisch fähig waren. Die Völkergemeinschaft, angeführt von den wohlhabenden Nationen, zog sich enger zusammen. Vielleicht auch, weil ja eine Gefahr bestand, dass die Außerirdischen gar nicht friedlich waren. Ein historischer Reflex: Eine gemeinsame empfundene Gefahr konnte schon oft Menschen verbinden.

Allerdings sahen die, welche wir schon lange als die Bösen markiert hatten ihre Chance. Es wurde damit gedroht, die Landungsstelle der Außerirdischen zu beschießen, jeden geplanten Frieden zu bedrohen, wenn nicht die Forderungen erfüllt wurden. Die Weltspitze reagierte amerikanisch: Mit Terroristen wurde nicht verhandelt. Der Frieden des Weltall wurde jetzt in Pjöngjang verteidigt.

Der berechnete Bereich der Landung, lag ironischereeise in der Wüste von Nevada. Auch die Area51-Verschwörungstheoretiker kamen also voll auf ihre Kosten. Ich war jetzt schon seit Wochen in den U.S.A. und bekam erstaunlich viel Einblick in das, was sonst hinter den Kulissen passiert. Wir, die Journalisten und Journalistinnen aus der ganzen Welt, welche bei der Lotterie einen der Plätze für Berichterstatter gewonnen hatten, wurden in alle Phasen und Pläne genau eingeweiht.

Es gab ein großes Basiscamp in der Wüste, ausgestattet mit reihenweise Experten. Linguist*Innen, Mediziner*Innen, Biolog*Innen, Politiker*Innen, Journalist*Innen und Militärs. Die Stimmung im Basiscamp war oberflächlich sehr gut. Auch wenn einige Vorbereitungen zu treffen waren, brachten gerade die jüngeren Leute etwas Lockerheit mit rein. An einem Tag fand ein Fußballturnier statt, angeleitet von einem dieser Youtuber, welche auch berechtigt waren in der Lotterie sich um Journalistenplätze zu bewerben. So bald die Gruppengrößen sich aber verkleinerten, wurden die Gespräche über Sorgen wieder lauter. Manchen ging es um das historische Gewicht des Ereignisses, aber einige fürchteten einfach um ihr Leben. "Selbst wenn die Aliens nicht feindselig sind, kann es sein, dass ihr Gefährt aufprallt und Schaden anrichtet.", sagte mir eine Physikerin aus Japan. Sie verwies auf die Einschläge von Meteoriten in der Vergangenheit. Nächste Woche sollten wir mehr wissen, denn so lang dauerte es noch, bis zum berechneten Landungstag.

Die Woche verging schnell, da plötzlich eine Art Skandal aufkeimte. Ein seltsamer Popsänger forderte ein, ebenfalls beim Erstkontakt dabei sein zu dürfen, als Vertreter der Kultur der Erde. Während einige Trolle und Fans von Internetmemes ihn unterstützten, stellten die Regierungen der Welt die übergeordneten strategischen Überlegungen entgegen. Im Lager waren wir uns einfach nur sicher, dass er kein gutes Gesicht für die Kultur der Erde war. Neben der Mensa hing eine Liste die wir jeden Tag diskutierten: "Celebrities fit for first Contact" Am Tag der Ankunft, stand Beyoncé auf Platz Eins unserer Charts.

Ein langer roter Streifen stand fest am Himmel. Die Techniker entnahmen den Beobachtungen der Teleskope und anderer Sichtmittel, dass das Gefährt der ersten Besucher einen Gegenschub generierte, um den Sturz auf unseren Erdball zu bremsen. Die rote Farbe ergab sich wohl aus dem Mittel, welches die Außerirdischen zum Bremsen verwendeten. Meine japanischer Physikerfreundin konnte Entwarnung geben, bei diesem Tempo drohten wir nicht uns in einen Krater zu verwandeln und den Gang der Dinosaurier zu gehen. Man hatte sich entschlossen, zu versuchen Hilfeleistungen zu geben für die Landung. So wurde eine Landungszone sehr weiträumig markiert - auf der Fläche einer Großstadt wie Paris - mit Leuchtmitteln und diesem bunten Rauch, der in Filmen immer so verdammt cool aussieht.

Wir wurden in große Truppenhelikopter verlegt. Nicht nur, um schnell zum genauen Landungspunkt zu kommen, sondern auch, damit wir im Basislager den Militärs nicht im Weg standen. Sollte es zu Kampfhandlungen kommen, waren wir in der Luft leichter zu evakuieren, als am Boden. Mir wurde es ums Herz aber immer leichter, je mehr Fakten wir gewinnen konnten. So vieles war ungewiss, aber wir gewannen an Klarheit dazu. Und jeder Fakt, egal wie seltsam er war, erleichterte mich.

Als ich zum ersten Mal das Gefährt der Außerirdischen sah, war das eine Erleichterung. Ich hatte nicht mal eine Erwartung. Weder Untertasse, noch Raumschiff Enterprise, noch Rakete, kein Todesstern und auch keinen Sonnensegler. Ich hatte keine Vorstellung. Aber als ich eine Form gesehen hatte, auf den Screenshots aus dem Teleskop, da gefiel mir der kosmische Papierflieger sehr gut. Ich mochte den Anblick. Es war angenehmer, wenn das Unvorstellbare vorstellbar wurde. Wir Menschen waren ja noch nie lange Strecken durchs All geflogen, wie sollten wir es wissen? "Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden." Das dritte Clarksche Gesetz. Wir waren - rein historisch betrachtet - nicht gut mit Magie. Wenn wir es nicht als Illusion abtun konnten, haben wir  Menschen mit "magischen" Kenntnissen verbannt oder verbrannt. Mein innerer Pazifist freute sich, dass wir uns jetzt einige Dinge erklären konnten.

Zum Vibrieren der Hubschrauber kam ein weiteres Vibrieren hinzu. Aus der weiten Distanz sahen wir, dass die Landung bald bevorstand. Tatsächlich bemühten die Außerirdischen die vorgesehene Landezone. In einem spektakulären Finale, schossen Fallschirme aus dem Gehäuse des Gefährts, die größere Fallschirme auslösten, die ein weiteres mal noch größere Fallschirme auslösten. Über einen Monitor im Helikopter, der Bilder von Flugdronen bezog, sahen wir dass der ganze Bereich sich für einen Moment verdunkelte. Ein riesiger Schatten lag über der Wüste. Als das Gefährt, aus unserer Sicht doch recht unsanft, aufsetzte, begannen die goldenen Schirme sich in der Luft zu zersetzen. Es war sicher nicht so von den Außerirdischen geplant, aber es war wunderschön. Unzählige metallischschimmernde Fetzen glühten in der Sonne Nevadas und ging als Goldregen auf die Landungstelle herab.

Dieses Spektakel beschäftige uns ausreichend lang, dass als wir wieder zum Punkt der Landung schauten, sich der aufgewirbelte Sand und Staub der angefahrenen Fahrzeuge sich wieder gelegt hatte. In einem Kreis standen militärische Kampfeinheiten bereit, aber auch ein Löschzug und ein Rettungswagen standen bereit. Die Außerirdischen würden es nicht verstehen, sie konnten unsere Uniformen und Strukturen ja nicht kennen, aber wir Menschen wollten auf jeden Fall vorbereitet sein. Auch auf den, dass Hilfe notwendig wurde.

Einige Zeit passierte nichts. Nachdem wir gelandet waren, wurde uns auf einem militärischen Fahrzeug eine Plattform bereitet, von der wir beobachten, aber nicht eingreifen konnten. Eine Zusammenstellung aus Politikern stand bereit, die Außerirdischen in Empfang zu nehmen. Es war auch aus der weiten Distanz zu erkennen, dass die Staatschefs und Präsidentinnen nur noch aus Angstschweiß bestanden. Historische Momente beschworen sie alle häufig in ihren großen Reden, aber so historisch wie dieser Moment war es zuvor noch nie. Und so offen wie dieses Mal war der Ausgang auch noch nie. Dann öffnete sich etwas an dem Schiff.

Mit entschlossenem Schritt, mit einem "Bringen wir es hinter uns"-Gesicht, dass wir Menschen machen, wenn wir etwas müssen, aber nicht wollen, ging die amerikanische Präsidentin los. Es war ihr Land, sie hatte es sich mühsam in der letzen Wahl aus den Händen eines rassistischen Spinners erkämpft, jetzt lag es an ihr, zu zeigen, dass Amerika tolerant, offen und neugierig auf fremde Kulturen war. Als Politiker ist jedes Handeln politisch. Die restliche Delegation folgte.

Aus der Öffnung im Schiff kam nichts. Nicht mal etwas mysteriöser Nebel und Hinterbeleuchtung, die das Raumschiff noch geheimnisvoller aussehen hätten lassen können. Entgegen dem Klischee unserer Popkultur war es auch Tag. Niemals nie wurden Außerirdische und UFOs mit dem Tag in Verbindung gebracht.

In einem angemessenen Abstand vor dem Schiff stoppte die politische Delegation und sah prompt wieder genau so ratlos aus, wie gerade noch kurz zuvor. Der militärische Funk eskalierte vollständig. Es wurde geprüft, ob aus dem Schiff eventuell ein Gas entweicht, die Tür ins Visier genommen, Speizialkameras filterten Informationen aus. Am Rande schnappte ich auf, dass da "Movement in the U.F.O." ist, weil es die Wärmesignaturen in der Hitzebildkamera so anzeigten. Wir waren nicht darauf vorbereitet, was da passieren würde. Niemand von uns. All die Fantasie, aber ich war mir sicher, dass niemand zu diesem Ergebnis gekommen war.

Mehrere Körper kamen aus dem Flugobjekt, gekleidet in etwas, was unseren Raumanzügen sehr ähnlich sah. Helme, Schläuche, Apparaturen. Die Außerirdischen hatten Arme, Beine und Hände, welche sie beim Aussteigen aus dem Gefährt vor sich offen hielten und zeigten. Wenn die Außerirdischen mehr Zeit hatten sich auf diese Landung vorzubereiten, hatten sie sich auch überlegt, ja vielleicht sogar durch das All in Erfahrung bringen können, wie es bei uns aussieht, wenn jemand zeigen möchte, dass er nicht bewaffnet ist.

Die Außerirdischen blieben in der direkten Nähe ihres Schiffes. Als einer von Ihnen seinen Helm absetzte, stoppte mein Herzschlag. Ich hatte mit allem gerechnet: Tentakel, geleeartige Körper, Hörner, Hautschuppen, Insektoide Gesichtsmerkmale. Aber eines hatte niemand von uns vorhergesehen: Die Außerirdischen sahen aus wie Menschen. Augen, Nase, Mund. Aus der Distanz war kein Unterschied zwischen mir, meinem Nebenmann und dem Außerirdischen zu erkennen. Nachdem der Helm abgelegt war und der Außerirdische scheinbar tief einatmete, warteten alle einen Moment. Auch unsere Politiker*Innen atmeten tief ein. Sie waren sichtlich geschockt.

Die Live-Berichterstatter begannen alle gleichzeitig, als sie ihre Worte wiedergefunden hatten, um Außerirdische Anführungszeichen zu schreiben und zu sprechen. "Außerirdische". Das die Rechenzentren in den Köpfen rotierten und rauchten, war nicht mehr zu verstecken. Eine ganze neue Generation Verschwörungstheoretiker entstand in diesem Augenblick und wir alle konnten es spüren.

Die "Außerirdischen" bekamen von dem Helmlosen Zeichen, dass die Luft im wahrsten Sinne der Wendung "rein" war. Darauf hin fingen sie an ihre Helme abzunehmen, ihre Anzüge gegenseitig zu öffnen und sich davon zu trennen. Jetzt, wo wir dachten, wir würden alles verstehen, weil wir es ja waren, die gerade aus dem Schiff geklettert waren, wurden wir erneut überrascht. Die Außerirdischen entkleideten sich komplett und stellten sich in einer Reihe vor unseren Staatschefs auf. Sie machten eine offene Handgeste, die aber erst niemand von uns sah, weil wir alle schauten, wie der nackte Außerirdische aussah. Fast schon enttäuschend: Hier erinnerte alles ebenfalls an den Menschen.

Über ein sehr präzises Richtmikrofon konnten wir hören, was die Präsidentin der vereinigten Staaten von ihren Kolleg*Innen verlangte. "Ziehen sie sich aus. Es ist der einzige Weg, wie sie uns erkennen können." Was in jeder anderen Situation unsinnig wirkte, war ein Gedanke, den ich für den klügsten möglichen hielt. Wenn wir nun Frieden und Diplomatie bemühen wollten, mussten wir die gleiche Sprache sprechen. Und wenn die Außerirdischen sich anatomisch zu erkennen gaben, mussten wir auf gleicher Frequenz antworten. Die Präsidentin sollte recht behalten.

Die Boulevardpresse beschäftigte sich die nächsten Tage damit, wer nicht nur sein Land, sondern die Bettfantasien der Bevölkerung anführen sollte. Diejenigen von uns, die einen ernsthafteren Ansatz verfolgten, fragten uns das auch still und heimlich, berichteten aber darüber, wie nach dieser ersten Geste das Kennenlernen weiterverlief. Die "Reisenden", wie es sich schnell als Begriff festigte, waren sich scheinbar dessen bewusst, dass wir viele Fragen haben würden und Informationen brauchten. In einigen Kisten hatten sie Datenträger, Materialien und Aufzeichnungen dabei. Diese stellten sie sofort bereit, so dass unsere Forscher sich daran ausprobieren könnten.

Unser Basislager wurde verlegt, so dass wir auf einem militärischen Kasernengelände in Nevada untergebracht wurden. Vielleicht auch, um die alten Verschwörungstheoretiker nochmal ein wenig zu provozieren. An den ersten Tagen haben wir die Reisenden nicht mehr zu Gesicht bekommen. Beim Mittagessen im Camp habe ich einen der Linguisten sprechen können und er sagte, dass er mit seinen Kolleg*Innen schon große Fortschritte machen konnte. Mit großem Stolz erzählte er von Unterschieden und Gemeinsamkeiten in der Grammatik. Zwischenzeitlich lies er immer wieder einfließen, dass seine Wissenschaft zu letzt ja immer belächelt wurde, jetzt aber zu einem wichtigen Werkzeug wurde. Ich war stolz auf ihn. Er war hier sicher nützlicher, als ich es war.

Es kam schnell eine Art Normalität auf. Wir mussten uns für die einzelnen Konferenzen akkreditieren lassen, darin kamen nie die Reisenden selbst ins Pressezentrum. Alles wurde behutsam angegangen, alles sollte in Ruhe passieren. Wir waren verwundert. Die Welt wartete und hatte viele Fragen. Mein Handy und mein Emailpostfach kollabierten alleine mit Fragen von meinen Freund*Innen und Kolleg*Innen. Trotzdem gab es nur vertröstende Meldungen der Pressesprecher der Behörden. Der Hype war irgendwie schwer aufrecht zu halten, weil die Reisenden genau so schnell verschwunden waren, wie sie aufgetaucht waren.

Uns wurde freigestellt, das Basislager zu verlassen. Als ich gekommen war, da hatte ich keine Fragen. Keine eigenen. Ich war hier, weil ich Journalist war. Wäre ich zuhause geblieben, hätte ich es wie jeder und jede andere am Fernseher verfolgt, wie die Außerirdischen landeten. Ich hätte im Kreise der Familie gesessen, mit Angst, Sorge und Hoffnung. Hier war ich Teil der Geschichte, ich war kein Journalist mehr, sondern Zeuge. Uns wurde versichert, dass wir als Erstes mit den Reisenden sprechen dürften, so bald eine gemeinsame Sprache gefunden ist. Einigen anderen Berichterstattern fehlte der Atem. Viele professionelle Journalist*Innen fuhren heim, ausgerechnet die Youtuber blieben. Einer sagt mir: "Zuhause mache ich wieder irgendwelche Challenges und Promo-Clips für Unternehmen die das buchen. Hier bin ich bei etwas besonderem dabei. Vielleicht stelle ich sogar eine wichtige Frage. Vielleicht erzähle ich etwas über die Menschheit.", da wusste ich, dass ich noch bleiben musste.

"Außerirdische sind auch nur Menschen", schmierte ich auf meine Liste schrecklicher Schlagzeilen. In meinem Notizblock hatte ich sie gesammelt, die Wortspielhölle. Ich war nicht stolz drauf, aber leider blieb sie hängen. Ich mag es, wenn wir Dinge verstehen können. "Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden." Ich war froh, dass die Außerirdischen für uns plausibel wirkten. Ich war froh, dass wir mit ihnen reden konnten. Auch, wenn das jetzt noch etwas dauern würde. Und auch wenn ich das Gefühl hatte, vieles verstehen zu können, weil sie so menschlich waren, war ich auch neugierig. Welche Probleme hatten sie auf ihrer Welt? Wie haben sie diese gelöst? Warum reisen sie durch das Weltall? Welche Probleme haben sie nicht gelöst?  Ich war mir sicher, dass wir bald darüber reden könnten.

Seelenkater

Ich glaube, graue regnerische Tage sind hier im Pott beschissener als an allen anderen Orten. Wenn der Himmel grau ist, die Häuserwände grau sind, die Atmosphäre irgendwie grau ist. Meine Stimmung war an diesem Tag auch irgendwie grau. Ich war weder glücklich noch richtig traurig. Es war keine Melancholie, kein tief depressives Loch. Es war einfach grau. Wie dieses dreckige Grau am regnerischen Himmel, wenn die Wolken so dick sind, dass die Sonne kaum durchkommt.
Es war einer dieser Tage, wo der Pott genauso aussieht wie man ihn sich vorstellt. Grau, hässlich und voll. Und mitten drin ich, anonym apathisch laufend durch Menschenmassen. In U-Bahnen steigend von A nach B kommen. Von B nach C. Von C nach D. Weshalb ist bedeutungslos. Wie Alles an solchen Tagen, irgendwie.

Die Bahn riecht nach Pisse und nasser Hund. Sie ist voll und die Fenster beschlagen. Die Luft ist schwer und nass. Der Boden klebt. Ein besoffener Typ schreit irgendwas in sein Handy. Ich stecke mir Kopfhörer ins Ohr und stelle mich neben ihn. Auch er riecht nach Ruhrpott, nach Arbeit. Suff und kalter Rauch.
An der Rottmanstraße steige ich aus. Ich muss heute zum deprimierendsten Ort, den diese Großstadt zu bieten hat. Der graue SB-Waschsalon, der zwischen Nachkriegsbauten und lieblos hin geklatschten Blumenbeeten mit seinem leicht dämmrigen LED-Licht 24-Stunden Service verspricht.
Schon durch das Schaufenster kann ich einen Obdachlosen erkennen, der an seinem Tetrapackwein nuckelt und eine Zigarette dreht. Im Waschsalon riecht es steril. Irgendwie weiß. Der Raum wurde möglichst effizient dazu genutzt, möglichst viele türkisblaue 80-er Jahre Waschmaschinen darin zu verstauen, während der Boden mit weißen Fließen bedeckt ist.
Als ich die Tür zum Waschsalon öffne empfängt mich die kalte, weiße Stille. 
Gesprochen wird hier, wenn überhaupt, nur im Flüsterton. Gelegentlich hört man das Rascheln einer Zeitung oder das Umschlagen einer Buchseite. Nur der Obdachlose flucht manchmal leise, wenn sein Tabak beim Drehen auf den Boden fällt. Dann sammelt er ihn hektisch wieder auf und fängt von vorne an.
Vor jeder Reihe mit türkisen alten Waschmaschinen sind Bänke aufgestellt, damit man seiner Wäsche beim Waschen zugucken kann, als würde man einen sehr langweiligen Film schauen. 
Ich stopfe meine Wäsche in die Maschine 13, schmeiße drei Euro in den Schlitz und setze mich auf die Bank davor. Ich zücke mein Buch. Beat Generation. Die Ästhetik von Drogen und Reisen. Vom Chaos und von Leuten, die verrückt leben und dafür brennen, während man lethargisch gefangen in einem Waschsalon im Ruhrpott sitzt.
Ich wühle in meiner Jackentasche und finde nur Tabakkrümel. Kleine verklebte Krümel, die bestimmt seit Wochen in meiner Jacke leben.
Ich krame 50 Cent aus meinem Portemonnaie und gehe zum Obdachlosen. Ich frage ihn, ob ich mir eine Zigarette drehen kann und setze mich neben ihn, während ich drehe.

 Er hält mir seine Zigarette demonstrativ vors Gesicht und will etwa sagen, als er anfängt zu husten.
 Sein Husten klingt irgendwie unproduktiv und resigniert. Als wäre jeder Husten vor langer Zeit mal ein Kampf gewesen, den er nicht mehr gewinnen kann. Oder will.
Draußen hat es wieder angefangen zu regnen und ein kalter Wind zieht mir durchs Gesicht, ich kneife die Augen zusammen.
Ich beobachte wie Autos durch den Regen rasen und die Scheibenwischer hektisch im Akkord arbeiten.

Zuhause stehe ich am Fenster, trinke Bier und rauche wieder.
"Ich muss diesen verfluchten Seelenkater endlich loswerden."
Ich schreibe eine SMS und will ficken. Vielleicht auch reden. Keine Ahnung.
Der Alkohol lässt nach, das grau bleibt. Ich werfe den Sargnagel aus dem Fenster auf die Straße und will schlafen gehen.
"Auch zwischen großen Industriegebäuden und grauen Nachkriegsbauten, zwischen vollen Autobahnen und Kneipen mit verbrauchter Luft, gibt es Farbe."

Jemand torkelt biertrinkend durch die Nacht. Ein paar halbstarke Jugendliche treten gegen einen Mülleimer. Der Besoffene schreit den Jugendlichen etwas hinterher.
Farbe. Ein klebriger, gelber Fleck getrockneter O-Saft auf dem weißen Tisch von letzter Nacht. Zigarettenstümmel mit siffig gelben Filtern und lippenstiftroten Flecken.


Kurzgeschichte: Eine Lid(e)lsgeschichte

Der Nachtwind | 28.06.17 | / | Kommentieren
Sie ist ja schon süß. Ihre Haare glänzen im Licht der Neonröhren. Sie lächelt. Das blonde Mädchen, das etwa 10 Meter vor mir in der Schlange steht, gefällt mir auf den ersten Blick. Mir ist warm. Und meine Hände werden feucht, als mir der Schweiß aus den Poren tritt. Ich bin nervös, denn wenn ich sie gleich nicht anspreche, werde ich sie wohl nie wieder sehen. Und wenn es hier an Kasse 2 im Lidl am Essener Hauptbahnhof noch lange dauert, dann wird hier bald das Chaos ausbrechen und dann ist eh alles gelaufen. Der Laden ist voll. Die Schlange ist sehr lang und sie schlängelt sich um die Regale und aufsteller durch den halben Laden. Es ist hier immer so voll und noch nie habe ich mich auch nur annähernd darüber gefreut wie heute, der Tag an dem ich sie gesehen habe.

Sie schaut sich um. Schaut sich die Welt um sich herum gut an und sie wirkt sehr interessiert, an dem was um sie herum passiert. Mich hat sie noch nicht gesehen und ich versuche, auch nicht aufzufallen. Die Menschen um uns herum werden unruhig, verlangen nach der Öffnung einer weiteren Kasse. Es wäre die 10. sie Menschen drängeln und geben Unmutsäußerungen von sich.

Von dem Chaos um mich herum nehme ich gar nicht so viel war. Ich sehe nur sie. Wie sie wohl heißt? Wo sie wohl wohnt? Kommt sie hier aus der Nähe und macht sie gerade ihren Einkauf für diesen lauen Sommerabend oder ist sie nur auf der Durchreise und besorgt sich schnell einen Snack für zwischendurch? Neugierig versuche ich zu erkennen, was sie kauft und sehe die Flasche Pfeffi, die sie im Arm hält. Ah, sie hat auch Chips und Erdnüsse dabei. Vielleicht ist sie auf dem Weg zu einer Feier.

Ich wünsche mir gerade, ich wäre der Kassierer. Dann könnte ich sie einfach so nach ihrem Ausweis fragen und vielleicht einen Blick auf ihren Namen, ihr Alter und ihre Adresse werfen. "Hab einen schönen Abend, Julia!", denke ich. Vielleicht heißt sie ja Julia. Julia, der Platzhaltername einer ganzen Generation, denn irgendwie heißen fast alle Mädchen in meiner Generation Julia. Ich mag den Namen trotzdem. Er hat diesem romantischen Beigeschmack einer dramatischen Liebesgeschichte, die Hunderte von Jahren von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Nur noch fünf Meter, dann ist Julia an der Reihe, langsam schiebt sich die Schlange Stück für Stück nach vorne zur Kasse. Ich stelle mir vor, wie Julia und ihre beste Freundin Tabea sich heute im Stadtpark treffen, eine Runde spazieren gehen und sich dann genüsslich die Decke auf der Wiese ausbreiten und es sich bequem machen. Sie strecken die Beine aus, legen sich hin, schauen zum Himmel und unterhalten sich. Tabea erzählt begeistert von ihrem neuen Freund, den sie letzte Woche auf einer Party kennengelernt hat. Die beiden stoßen mit dem Pfeffi aufs Leben an.

Als ich ich wieder aus meiner Gedankenwelt erwache, verschwindet Julia gerade durch die Eingangstür nach draußen und ich schaue ihr verträumt nach.

Manuel ist seit einem Jahr als Slampoet auf den Bühnen NRWs unterwegs und lässt sonst auch keine Gelegenheit aus, seine Wortspiele/Wortwitze irgendwo unter zu bringen. 




Kurzgeschichte: Eine fast wahre Reportage

Andasch | 27.06.17 | / | Kommentieren
Das nachfolgende Transkript, einer fast wahren Radio Reportage stammt vom Lokaljournalisten Johnny Lismus. Nach Jahren der Entbehrung und Ausbildung, nach Volo und Praktika hat Johnny Lismus sein Ziel erreicht. Er ist Journalist geworden. Zurzeit arbeitet er als freier Journalist mit regelmässigen Aufträgen für das Trend Radio "Essen 98 Dreiviertel- wo du hörst"

Ich stehe gerade vor dem Lidl am Esser Hauptbahnhof. Es ist 15:21. Diesen Ort nennen Essener Urgesteine auch Stalingrad. Ich sehe gemischte Kunden. Von Jugendlichen in grauen Stoff-Joggingshosen bis hin zu Familien mit 5 Kindern und Jack Wolfskin-Jacken. Vor mir steht Dirk Koslowski, LKW-Fahrer aus Essen. Er trägt Arbeitshosse schwerere Stahlkappenschuhe und eine Warnweste. Warum sind sie hier Herr Koslowski?

"Naja, dat Büdchen hier, ist halt Lidl, ne? Ich kaufe diese ganze Vegaranier Scheiße nicht. Hier gibbet noch Frikos wie bei Mama"

Sie hören meine Damen und Herren, abseits des Chaos und der Verrohung der Gesellschaft, ist dieser Ort auch ein Stück Heimat. Ein Stück Vergangenheit, Ein Stück Nostalgie und Wohlbefinden.

Meine Damen und Herren, lieber Hörer und Hörerinnen ich werde mich nun mitten in das Gefahrengebiet begegben und live vom Grabbeltisch berichten. Um Mich herum reißen Leute sich gegenseitig aufblasbare Pools und Freizeit Hemden und aus den Händen. Der Geruch erinnert gerade an diesen heißen Sommertagen, an eine Mischung aus Parfümladen und Jungsumkleide. Aus synthetischer Blumenwiese und Bundeswehrkaserne. Aber was ist das? Zwei große, breite in billigen Synthetikanzügen gekleidete Männer mit geschorenen Haaren kommen auf mich zu.

"Entschuldigung haben Sie eine Drehgenehmingung?"

Freier Journalismus benötigt keine Drehgenehmigung. Die Welt muss von diesen Umständen erfahren.

"Bitte begleiten Sie mich zum Filialleiter"

Liebe Hörer und Hörerinnen, Sie können gerade livew mithören wie meine Berichterstattung scharf zensiert werden soll und ich vom Sicherheitspersonal in eine fensterlose kleine Zelle geschleift werde, von der aus der Filialleiter seine Strippen zieht. Der Fensterlose Raum hat weiß-gelbe Wände. An einem billigen, unaufgeräumten Schreibtisch sitzt ein rauchender Mann, Mitte 40. Er hat einen kleinen Bauchansatz und sieht resigniert aus. Warum haben Sie mich in diesen Gulag gebracht?

"Das ist mein Büro; Ich möchte das Sie meinen Laden verlassen."

Die Tonaufnahmen brechen hier ab..

Kurzgeschichten: Die Hölle

Jay Nightwind | 26.06.17 | / | 2 Kommentare
Die Geschäfte liefen nicht gut. Er wollte es ungern zugeben, aber das es die Konkurenz mit abnehmenden Konsumenten und Abonennten zu kämpfen hatte, schadete auch seinen Plänen. Der Teufel rieb sich die Müdigkeit aus den Augen über die Stirn in die Hörner. Er war resigniert. Es war ja nicht mal so, als gäbe es einen greifbaren Feind. Da war es früher einfacher: Gott dachte sich extra ein paar ordentliche Spielregeln aus und brauchte nur seine Leute in den Außendienst schicken, diese Regeln dann nach allen Regeln zu brechen. Heute konnte er selbst nicht mal mehr über diesen Wortwitz schmunzeln. Heute glauben die Menschen nicht mal mehr so wirklich an Gott. Konnte ja aber auch keiner ahnen, dass diese verfluchten Menschen die Aufklärung und liberales Denken entwickeln. Damals dachte der Teufel, dass ihm das in die Karten spielt. Verflixtes Potential der Menschen, haben sie selbst die Zerstörung des Himmelreiches herbei geführt.

Das Kerngeschäft, die Sünde, funktionierte halt nur so, wenn sie als solche angesehen wurde. Aber wenn auf einmal die schlechten Methoden in der Moral als gute Methoden der freien Marktwirtschaft angesehen wurden, erkannt der Teufel selbst, dass sein eigene Erfindung ihn überholt hatte. Damals war er so stolz. Die Forschungs- und Entwicklungsabteilung präsentierte ihm vor weit mehr als 1000 Jahren ihre neuste Entwicklung. "Wir nennen es den Kapitalismus. Er wird den Menschen den Eindruck geben, Macht zu haben, aber in Wirklichkeit geht es hauptsächlich um Gier und Völlerei." Es war so ein einfaches Konzept. So genial. Teuflisch, so zu sagen.

Um seinen Kopf frei zu kriegen, beschloss der Teufel, durch seine Hallen zu wandern und mit seinen Untertanen in Kontakt zu kommen. Er verließ sein Büro, ging den kalten Gang entlang. Zu erst war es die Aufklärung, die Menschen fanden neue Möglichkeiten, Alternativen zum Glauben. Heute waren die Feinde diffuse Subkulturen, die ihm entgegen arbeiteten. Hipster, die nachhaltig bedacht und sparsam, bescheiden und begeistert Dinge selbst herstellten, sich mit ihrer Umwelt auseinander setzten. Ganz schreckliche Leute.

Als er die Tür zu seinem Festsaal aufstieß, ereilte ihn eine kleine Erleichterung. Auch wenn das Kerngeschäft nicht gut lief, hierauf konnte er sich verlassen. Die Symphonie der hassenden und wütenden Qualen, ein Streicherkonzert, gespielt auf weinenden Kindern. Die Gleichgültigkeit erwärmte dem Teufel das Herz. Selbst seine Handlanger ergaben sich dem Totentanz, waren frei von jeglicher Ambition, stumpfe Routinen hatten die Plätze eingenommen, an denen früher einmal bewegte Seelen lebten. Es war die Vollendung seines Werkes, es war das vollkommenste aller Fegefeuer und es hatte eine der schrecklichsten Eigenschaften, um die Menschen zu verführen: Es war subtil.

Eine Lidl-Filiale am Hauptbahnhof, die am Wochenende und an Feiertagen geöffnet hat. Jeder wusste, dass es nicht klug ist, dort hin zu gehen, trotzdem waren die Gänge immer voll. Die Verlockung besiegte die Vernunft. Die Menschen erkannten die Sünde am Eingangsschild, aber trotzdem kamen sie hier her. Ein wenig musste der Teufel lächeln. Er war auf seine eigene Idee hereingefallen. Durch seine viele Kundschaft, verlor er seine Gefolgschaft. Wo einst in ihm ein bewegter Seelenräuber lebte, nahmen Geschäftsbilanzen und Babykotze in Gang drei den Platz.