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Kurzgeschichte: Und trotzdem

Jay Nightwind | 23.01.17 | / | 5 Kommentare
Als wir den LIDL am Berthold-Beitz-Boulevard verlassen, knattert die S-Bahn auf der Bahntrasse vorbei. Ansonsten ist es recht ruhig, so weit das an zwei kreuzenden Hauptstraßen möglich ist. Nur die anliegende Baustelle tut es uns Beiden gleich und schweigt.

Wir laufen die Straße entlang und ignorieren die Bahnunterführung. Wir haben vor Kurzem bemerkt, dass es kürzer ist, durch den West Bahnhof zu laufen, um zu uns zu kommen. Etwas versteckt führt ein Weg unterhalb der Bahntrasse entlang, ein Stück hinter dem Fussballplatz.

Bis wir dort einbiegen, sind es fünf oder sechs Züge, die auf der breiten Bahntrasse den Einlauf zum Hauptbahnhof starten oder Richtung Mülheim verschwinden. Die Schnellen zischen dabei, die Regionalzüge pfeiffen, die S-Bahnen knattern und sogar ein Werkstattwagen rumpelt vorbei.

Die Häuser hier sind grau. Die Stadt steht häufig im Ruf grau zu sein, aber so schlimm ist es nicht. Sie ist vielleicht nicht sauber und auch nicht ordentlich, aber sie hat ihre Farben. Mehr, als die multiplizierten Klischess über Instagram, Tumblr und das Fernsehen zu lassen. Ausgerechnet in dieser Ecke ist sie aber Signalgrau. Ein grelles grau, das ekelig in den Augen brennt. Die Häuser sind aus Schwarz-Weiß-Fotos aufgeschichtet und werden von ihrer eigenen Trostlosigkeit zusammen gehalten.

"Hier würde ich wirklich nicht wohnen wollen.", sage ich. "Die Bahnen fahren dir quasi durch die Wohnung, das Haus sieht schrecklich aus. Wie alt diese Hütten wohl sind?" Meine Freundin betrachtet mich skeptisch und schaut dann zu den Häusern. "Und trotzdem hängen die Leute Blumenkästen raus" 

Maus 53

Als ich das erste Mal eine Maus getötet habe, spürte ich wie das Leben aus ihr wich. Ich erinnere mich genau. Ich habe sie am Schwanz hoch gehoben und auf das Gitter gesetzt, tief durchgeatmet, die Pinzette mit der linken Hand hinter ihren Kopf gelegt und gegen das Genick gepresst. Mit der rechten Hand habe ich ihren Schwanz genommen und so lange daran gezogen, bis ich spürte, dass ihr Genick gebrochen war.

Mein Name ist Paul Uffmann und von Beruf töte ich Mäuse. Und ich möchte das hier gar nicht rechtfertigen. Keine Diskussion über das Für und Wider. Keine moralischen Grundsatzfragen und keine Verteidigung.
Ich möchte hier nur meine Geschichte erzählen. Den Zwiespalt zwischen Neugier und Moral. Zwischen dem Wunsch Gutes zu tun und der Destruktivität der Konsequenz. Dürrenmatt.

Meine Freunde nennen mich Uf oder Paul. Als ich ein Kind war wollte ich immer Arzt werden. Ich kann jetzt im Nachhinein gar nicht mehr genau sagen wieso mich dieser Beruf so angezogen hat. Jedenfalls nach dem Abi, als mein Schnitt ein wenig zu schwach war um Medizin zu studieren, entschied ich mich für eine wissenschaftliche Laufbahn. So richtig viele Gedanken, hab ich mir ehrlich gesagt nicht gemacht. In der Schule war ich ziemlich gut in den Naturwissenschaften und mein bester Freund hatte sich bereits eingeschrieben.Wieso also nicht. Aufhören kann man ja sowieso immer.
Nun was dann folgte, waren drei Jahre Tortur. Drei Jahre Grundlagenfächer und Laborpraktika. Drei Jahre, die einen dazu trimmten fokussiert Fakten auswendig zu lernen. Mit Wissenschaft hatte das meistens relativ wenig zu tun. Eher mit Fleiß und Verzicht.

Manchmal kam mir das Ganze vor wie ein Bootcamp für die Wissenschaft. Ich erinnere mich noch sehr gut als mein bester Freund und ich eine Nacht damit verbrachten unsere Protokolle für ein Laborpraktikum fertigzustellen um am nächsten Tag völlig übermüdet im Labor das nächste Experiment durchzuführen, für das dann natürlich wieder ein Protokoll zu schreiben war.  Es gab strikte Deadlines und so manche Aufgaben, die nur dazu gedacht waren unsere Frustrationgrenze und Stressresistenz zu ermitteln.
Wie auch immer, 30 % der ursprünglich eingeschriebenen Studenten trugen nach drei Jahren schließlich den Titel Bachelor of Science. Ich war einer von ihnen.
Nach drei Jahren Bachelor-Studium entschied ich mich für ein Master-Studium. Mit dem Bachelor-Abschluss hatte man quasi keine realistischen Berufschancen, also wurde weiter studiert. Das Master-Studium war weitaus weniger anstrengend. Auch wenn mir die dreijährige Hölle auf Erden viel Kraft geraubt hatte, schaffte ich das Master-Studium, wie die meisten von uns, sogar mit relativ guten Noten.

Nach dem Master-Studium entschied ich mich für drei bis fünf weitere Jahre Promotion. Der große Endgegner. Alles was ich im Bootcamp gelernt hatte, sollte mich hierauf vorbereiten.
Als Doktorand durfte ich mich endlich Wissenschaftler nennen. Auch vorher hat man bei seinen Abschlussarbeiten wissenschaftlich gearbeitet. Da aber nicht in Vollzeit, sondern für drei bzw. sechs Monate. Jetzt war ich also Vollzeitwissenschaftler. Leider ist das Wissenschaftlerleben nicht so spannend wie in Filmen. Meistens tut man sehr lange immer genau dasselbe um entweder festzustellen, dass es einfach nicht funktioniert und man nicht weiß wieso, oder aber es plötzlich funktioniert und man nicht weiß wieso.

Weil ich schon immer Arzt werden wollte, entschied ich mich für ein Promotionsprojekt im Bereich der molekularen Medizin. Ich wollte an Krankheiten und deren Heilung forschen. Ich wollte Menschen helfen, und zwar nachhaltig. Und so verbrachte ich Stunden um Stunden, Monate um Monate im Labor. Ein fensterloser, grauer Bunker neben der Pathologie. Viel Frustration und viel Verzicht. Ganz wie im Bootcamp. Neu war aber die Aussicht, etwas Großes zu schaffen. Menschen ernsthaft zu helfen und daran mitzuarbeiten sehr viel Leid in Zukunft vielleicht sogar verhindern zu können.

Nach vielen Rückschlägen zeigten meine Experimente in der Zellkultur Erfolg. Ich konnte nach medikamentöser Runterregulation des Gens DynC1H1 mit gleichzeitiger Hochregulation von VEGF die Degeneration der Neurone in Kultur verhindern.
Mein Betreuer, Professor Hölzl, war positiv überrascht von meinen schnellen Ergebnissen und bat mich  per E-Mail am nächsten Tag in sein Büro zu kommen.
"Ahhhh, Herr Uffmann, sehr schön, sehr schön. Setzen sie sich. Ja, also ihre Ergebnisse sind äußerst vielversprechend. Darauf können wir aufbauen."; fing er an, "Nun wir sollten jetzt über tierexperimentelle Methoden nachdenken."

Ich schluckte. Ich hatte natürlich schon viel theoretisches über tierexperimentelle Arbeiten gelernt und auch viel von meiner Forschung basierte auf Erkenntnissen aus Tierexperimenten von anderen Forschern. Ich mein, verstehen Sie mich nicht falsch, es wäre naiv gewesen zu glauben, dass ich niemals mit Tieren in Kontakt komme aber so plötzlich war ich nicht darauf vorbereitet.

Mäuse werden getötet, indem man ihnen das Genick bricht. Mit den bloßen Händen. Wenn man es richtig macht, sind die Mäuse innerhalb von wenigen Sekunden tot. Macht man es falsch, schnappen sie nach Luft und versuchen mit gelähmten Gliedmassen gegen den unvermeidlichen Tod zu kämpfen.

Maus 53 war gerade 20 Tage alt als ihre Zeit gekommen war. Jeden Tag seit ihrer Geburt habe ich sie besucht. Jeden Tag ging ich runter zu den Tierställen und hob sie aus ihrem Käfig. Jeden Tag überprüfte ihren Vitalstatus und ihr Gewicht. Jeden Tag notierte ich alles feinsäuberlich in einem kleinen Buch. Maus 53 war eine kluge Maus. Sie merkte schnell, dass die täglichen Kontrollen weder schmerzhaft noch unangenehm waren und kooperierte sofort.

Maus 53; postnatal 20 Tage; Vitalstatus gut, keine sichtbaren Verletzungen; Herzschlag 300 BPM;Gewicht: 21,7 g

Wie bereits erwähnt, Maus 53 war eine kluge Maus. Sie merkte sofort, dass an Tag 20 etwas anders war. Zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich von einer Maus gebissen. Sie biss durch den Handschuh in meinen Finger. Es fing an zu bluten.
Ich hob Maus 53 aus ihrem Käfig und setzte sie aufs Gitter. Ich atmete tief ein, meine Hände zitterten und mein Magen schnürte sich zu.  Mit meiner linken Hand presste ich eine Pinzette gegen ihr Genick. Meine Hände zitterten immer noch. Maus 53 fing an laut zu quieken. Meine rechte Hand fasste ihren Schwanz. Ich schloss die Augen und zog so fest es mir möglich war an ihrem Schwanz. Meine linke Hand spürte wie ihr Rückenmark durchtrennt wurde.  Eine Sekunde später war Maus 53 tot. Sie lag leblos auf dem Gitter.

Paul Uffmann; postnatal 8395 Tage, Vitalstatus: verändert; frisches Blut an der linken Hand, Herkunft unbekannt; Herzschlag leicht beschleunigt auf 100 BPM, Gewicht unbekannt.

Ich bin alt

Der Hartmann | 29.07.16 | / | Kommentieren
Guten Tag, mein Name ist Hartmann und ich bin 22 Jahre jung.
Zumindest auf dem Papier. Schließlich gibt es einen Unterschied zwischen dem tatsächlichen, und dem gefühlten Alter. 
Menschen, die mich kennen wissen, dass ich ein 80- Jähriger, gefangen im Körper eines Jungspundes bin. 
Oder um es kurz zu machen: Ich bin zu alt für mein Alter!
Woran ich das fest mache? Ganz einfach:

Wenn ich sitze und mich dann erhebe, geht das nicht ohne Gestöhne in respektabler Lautstärke. Je nach Tiefe der Sitzfläche benötige ich auch Dinge, an denen ich mich abstützen kann, damit ich überhaupt hochkomme. 
Beispiel: In meinem Wohnzimmer steht ein Sessel. Wenn ich aus diesem aufstehen möchte, dann muss ich mich am Tisch festhalten, sonst krieg ich den Arsch nicht hoch. Oder ich wippe mit dem Sessel vor und zurück, bis ich genug Schwung aufgebaut habe, dass ich die vorhandene kinetische Energie dazu nutzen kann, meinen alten Leib hochzuwuchten. 
Nein, mein Haus ist nicht seniorengerecht eingerichtet. 

Hinzu kommt, dass ich auch bei Weitem älter aussehe, als ich bin. Ich meine, für Anfang 20 habe ich erstaunlich viel Bart und erstaunlich wenig Haare auf dem Kopf. Ja, Haarausfall ist kacke, auch wenn ich das lichter werdende Haar mittelmäßig gut zu kaschieren weiß.

Ganz davon abgesehen passiert es mir, dass ich nachts nicht durchschlafen kann, weil ich Mitten in der Nacht austreten muss.
Naja, meistens habe ich davor dann auch das eine oder andere große Bier getrunken aber ich kann mich noch an Zeiten erinnern... Okay, was heißt erinnern? Das ist in meinem Alter ja so eine Sache aber ich weiß, dass es mal Zeiten gab, in denen ich auch durchschlafen konnte, wenn ich hackedudeldicht war.
Aber das ist schon lange her.
Wobei ich auch sagen muss, dass es extremst selten vorkommt, dass ich mal voll bin wie ein Schwamm. Aus dem Alter bin ich raus. Also ich war nie drin aber trotzdem habe ich das hinter mir gelassen.
Übermäßiges Saufen habe ich allerdings noch nie verstanden. Den Kater am Folgetag ist mir das einfach nicht wert. Dann trink ich lieber ein paar Bier weniger und fühl mich am nächsten Tag nicht so, als würde ein Bandenkrieg in meinem Kopf stattfinden.
Und es ist ja nicht nur das. Wenn ich ordentlich einen in der Mütze habe fange ich auch irgendwann an, unkontrolliert Blödsinn zu faseln. Das mache ich nüchtern zwar auch aber wenn ich mir dann so richtig einen hinter den Knorpel gezogen habe, dann nimmt das Überhand! Und das will ja keiner.
Ne, dann doch lieber gemütlich Bier trinken, statt sich bumsvoll zu saufen.

Zurück zum Thema, nächstes Beispiel:
Kreuzfahrten sind ja bekannt dafür, dass vor allem die Fraktion der Graumelierten mit diesem Verkehrsträger unterwegs sind. Jetzt ist es so, dass ich neulich tatsächlich den Kauf eines Kreuzfahrttickets in Erwägung zog.
Gut, es handelte sich um ein Ticket für die "Full Metal Cruise" was im Wesentlichen ein schwimmendes Metalfestival ist aber dennoch, und das möchte ich doppelt unterstreichen:
Ich stand kurz davor auf eine Kreuzfahrt zu gehen!

Und dann dieser ganze Technikkram. Da habe ich alter Mann den Überblick verloren! Alle zwei Wochen bringen die ein neues Smartphone auf den Markt, dann sabbeln die irgendwas von selbstfahrenden Autos und was weiß ich nicht noch alles.
Und wenn dann die ganzen Kiddies blubbern höre, da versteht man doch auch nichts! Neulich in der Bahn fangen zwei von denen an sich über Snapchat zu unterhalten.
WAS ZUM HENKER IST SNAPCHAT?
Wobei, ich habe aufgegeben verstehen zu wollen, was diese ganzen Apps und Social Media- Plattformen sein sollen.
Als ich in deren Alter war, da hatten wir noch SchülerVZ! Das war damals das non- plus- ultra.
Wir hatten ja nichts, damals.
Und heute wird man von Social Media zugeschüttet, von Twitter, Facebook und wie die nicht alle heißen.
Jetzt weiß ich wenigstens, wie meine Eltern sich wohl gefühlt haben müssen, als das damals alles losging.

Aber bei allem, was ich gerade so erzähle möchte ich nicht, dass es zu Missverständnissen kommt:
Ich habe nichts gegen Rentner. Das sind mit Sicherheit auch Menschen. Menschen, die auf der Autobahn mit 80 auf der linken Spur kriechen und mir immer mit dem Satz kommen: "Als ich in Ihrem Alter war, hatte ich auch so schöne Haare.", wobei ich dann immer denken muss: "Als Du in meinem Alter warst, war doch alles noch in schwarz- weiß."

Wie gesagt, von mir aus darf es Rentner geben, da habe ich kein Problem mit.
Ich habe nur Angst, dass ich in naher Zukunft dazu gehöre. Zur Zeit fühle ich mich ja zum Glück nur so. Ich hoffe ja, dass ich noch ein paar Tage habe, bis ich zu denen gehöre.
Dann bin ich auch einer von denen, die im Supermarkt an der Kasse stehen, während sich dahinter eine Schlange biblischen Ausmaßes bildet und sage zur Kassiererin, während ich im Kleingeldfach meines Portmonees rumstochere: "Sie haben's ja lieber passend, nich?"

Ganz davon abgesehen habe ich für das Rentnerdasein überhaupt keine Zeit.
Auch wenn es nicht so aussieht, ein Rentner hat festgelegte "Arbeits"- Zeiten, schließlich gibt es ja viel zu tun.
Als Rentner muss man einkaufen, beim Hausarzt rumsitzen, Mittagsschlaf halten und Kochsendungen gucken.
KOCHSENDUNGEN! Ich kann ja noch nicht mal kochen. Das wäre ja wohl völlig bescheuert, wenn ich mir das dann angucken würde.
Aber ne, als Rentner, da ist nichts Füße hochlegen und tun, was einem Spaß macht, nein! Das ist knochenhart, was die Kukident- Generation jeden Tag für ein Programm abspulen muss!

Es wird sich viel verändern. Dann ist es vorbei mit Urlaub in den Bergen oder am Strand. Nein, denn als Rentner geht man auf Städtereise.
Dann tingelt man von einem Ort in den nächsten. Und wo man nicht alles hinkommt. Als Rentner auf Städtetour besucht man so exotische Weltmetropolen wie Bad Salzuflen oder Untermaubach- Schlagstein.
Ich kann es kaum erwarten auf die alte Seite der Macht zu wechseln.

Über Blumentöpfe und Streichhölzer

Andasch | 24.07.16 | / | Kommentieren
Ich rauche aus dem Fenster in der Küche in die lauwarme Sommernacht und starre auf die gelben Blumentöpfe auf dem Balkon meiner Nachbarn. Ich denke daran, wie du sagtest sie seien grün. „Alles Ansichtssache“, denk ich und mein Blick schweift ab. In meinem Kopf stell ich mir vor, du wärst hier. Wir trinken billigen Weißwein aus der Flasche und reden.

„Weißt du manchmal, stell ich mir vor mein Gehirn funktioniert wie ein Streichholz.“ Ich richte meinen Blick nicht ins Innere der Wohnung und rauche weiter beobachtend aus dem Fenster. „Immer wenn mich eine Idee packt, fang ich an zu brennen. Brennen. Ganz schnell und wild. Wie diese grellen weißen Phosphorflammen, wenn man Streichholzköpfe anzündet. Kurz blende ich alle und dann geh ich aus. Meine Energie verpulvert, abreagiert. Ich bin dann plötzlich ausgebrannt und nutzlos“

„Vielleicht“, erwiderst du, „ist das genau richtig so. Du begeisterst die anderen. Irgendwer muss der Anzünder sein und irgendwer die Kohle.“ Genüßlich ziehst du an deiner Zigarette.

„Ich hasse, dass du diesen widerlichen American Spirit Scheiß rauchst“

„Wär doch scheiße, wenn wir alle die Kohle wären. Hast du schon mal versucht Kohle ohne Anzünder zum Glühen zu bringen?“, übergehst du lässig und routiniert meinen Kommentar.

„Schönes Bild, aber dein Vergleich hinkt. Jeden Tag sollen wir aufstehen und zur Arbeit gehen. Jeden Tag denselben Scheiß. Jeden Morgen Pappmaul, jeden Morgen nebens Bett greifen und Wasser trinken. Jeden Morgen verschlafen in die Küche watscheln und Kaffee trinken. Jeden Morgen Mini-Zimtos essen und zur Bahn rennen. Und am Wochenende dann, trinken und rauchen. Portionierte Freiheit“

Sonnenstrahlen kitzeln meinen Arm.

„Ich mein, wo siehst du da die Verwendung für Anzünder? Ach, was rede ich da. Jeder Anzünder brennt länger als ich. Ich bin Diethylether. Ich hab ein scheiß F‑Gefahrensymbol auf meine Stirn tätowiert.“

„Ey, Ey! Das Internet sagt irgend so ein Typ hat mal den Nobelpreis bekommen, weil er dreißig Jahre lang mit den Fingerknochen der rechten Hand geknackt hat und mit der linken nicht.“

„Hä?“

Ich dreh mich um und Ben steht in der Tür.

„Naja, und damit hat er dann wohl bewiesen das Fingerknacken keine Gicht verursacht."

„Ich glaube nicht, dass das stimmt. Ich mein ich kann doch auch nicht mein Toast fallen lassen und wenn es auf die beschmierte Seite fällt, sagen das beschmierte Toast immer auf eben jene Seite fallen“

„Doch.“

„Nein. Das ist im Übrigen abhängig von der Fallhöhe“

Ich tat so als würde ich kurz im Kopf überschlagen und sagte: „Ungefähr 2 m. Zwei Meter reichen damit der Rotationsimpuls das Brot wieder in seine ursprüngliche Lage – Marmelade oben – dreht“

Ich betonte dabei Marmelade oben deutlich und fühlte mich kurz ein wenig wissenschaftlich.

„Was machst du hier so alleine? Ist doch Samstag“

„Ich hab heute meinen letzten alten 10 € Schein ausgegeben. Ich bin traurig.“

Ben rollt die Augen, geht zum Kühlschrank und reicht mir ein Bier.

„Bier? Ich wollte übrigens gleich mit ein paar Leuten ins Tante Horst. Willst du mit? Die schöne Hannah ist auch da.“

Ich zünde ein Streichholz an. Sonnenexplosion.

„Ich weiß nicht…“

„Die schöne Hannah ist auch da.“, wiederholt Ben und betont dabei jedes Wort.

„Portionierte Freiheit..“, murmle ich.

„Was?“

„Schon gut, ich bin dabei.“

Mein Tod und Ich

Andasch | 06.07.16 | / | 1 Kommentar

Der Tag an dem ich starb war eigentlich ein ganz gewöhnlicher Tag. Ich kam von der Uni nach Hause, kochte mir was zu essen und spülte danach nicht ab. Ich glaube, es war ein vegetarisches Chili. Mit Soja- Geschnetzeltem das ich in heißer Brühe aufkochte, angebratenen Kartoffeln, Paprika, Zucchini und grünen Bohnen. Keinen Mais, obwohl ich Mais sehr gerne hatte. Leider war keiner im Haus. Ich kochte den Kram, hörte dabei Tomte und war allein. Mein Mitbewohner war in der letzten Woche ausgezogen und die Bude sah aus wie Mischung aus Crackhöhle und Ikea-Lagerhalle. Grade, als ich meine Schüssel in die Spüle gestellt hatte um sie erst mal nicht zu spülen, klingelte es an der Tür. Ich öffnete die Tür und ein Typ der mir ziemlich ähnlich sah, allerdings einen Anzug anhatte stand vor mir. „Fuck, warum hab ich nicht erst durch den Türspion geschaut. Ich hab kein Bock was zu kaufen“, dachte ich, während ich genervt ein gut hörbares seufzen von mir gab.

„Guten Tag, ich bin der Tod. Sie sind gestorben und ich muss Sie jetzt mitnehmen. Sie haben drei Minuten Zeit über alles nachzudenken und sich von Ihren weltlichen Besitztümern zu verabschieden. Wenn sie schreien oder jemanden anrufen, sterben sie sofort“

Ich: „Haha. Sophia, der Tod und ich. Hab ich auch gelesen. Lustige Idee, das mal bei Jemanden nachzumachen. Ich hab das Buch aber leider gelesen. Du hast sogar fast dieselben Worte benutzt. Bist du der Typ von dem RUB-Plakat, der mir so ähnlich sieht? Weißt du, das Plakat fand ich schon gruselig“

Leicht verwirrt erwiderte er: „Ähh.. Ich verstehe nicht? Wer ist Sophie?“

„SophiAAAA. SophiA“, wiederholte ich den ersten Teil des Buchtitels, wobei ich das A am Ende von Sophia besonders betonte. „Klasse Idee, hab ich ehrlich gesagt auch schon drüber nachgedacht. Ich mein', ich hätte das nie durchgezogen, aber der Gedanke daran hat mich ziemlich amüsiert. Ich hab leider kein Bonbon, das ich dir als Belohnung geben kann. Hier ist aber ein anerkennendes Schulterklopfen“. Ich klopfte ihm leicht ironisch auf die Schulter. Es war diese Art von Ironie, bei der man nicht wusste ob es Ironie war oder nicht und sein Gegenüber in der Regel völlig überforderte. Ich schloss die Tür und ging zurück in die Küche. „Verrückter Typ“, dacht‘ ich mir

„Jetzt nicht erschrecken“, sagte der Mann, der gerade noch vor meiner Tür stand und jetzt auf meiner Chaiselounge in der Küche saß. Ich erschrak. Ihn schien das nicht zu wundern.

„Alter, das ist genauso wie in dem beschissenen Buch. Das ist doch nicht dein Ernst, Alter?“, polterte ich ein wenig aufgeregt und viel zu laut, weil ich merkte, dass das wohl sein Ernst war.

„Ja, also, das ist 'ne wirklich lustige Geschichte. Wenn du das Buch gelesen hast, dann weißt du ja, dass ich den Leuten immer einen letzten Wunsch gewähre. Tja, und da war dann so‘n wirklich lustiger Typ der meinte er will, dass ein Buch veröffentlicht wird in dem dieses ganze, naja, ich sag mal "Tod‑Szenario“ verpackt wird. Die Leute können es lesen und wenn es dann passiert wissen sie direkt was Sache ist.“ Bei den Worten "Tod-Szenario" machte er mit seinen Fingern Gänsefüßchen. „Tja, was soll ich sagen, der Typ war ganz schön clever. Also, was willst du jetzt machen?“
„Kann ich wen anrufen und mich verabschieden?“
„Nein“
„Kann ich meinen Tod verhindern?“
„Nein“
„Ist die Geschichte mit Sophia wahr und alles Andere?“
„Nein. Nur, dass ich nicht weiß was passiert nachdem du durch die Tür gegangen bist. Und das mit den Zwischenwelten. Der Rest ist von Thees. Nur die Idee wie der Tod abläuft ist real. Trotzdem tolles Buch, oder?“
„Ja“
„Willst du was essen? Ich hab noch vegetarisches Chili.“
„Da sag ich nicht Nein“, sagte der Tod und nickte erfreut. Ich gab ihm eine voll Schüssel und setzte mich an den Küchentisch. „Du bist auch so’n Typ der Handwerkern Kaffee anbietet, oder? Richtig stark, ehrlich“
„Man tut was man kann. Können wir uns duzen?“
„Wenn dir das lieber ist, gern.“
„Warum sterbe ich?“
„Vorhin im Labor, das war kein harmloses Natrium-Chlorid im Becherglas. Unglücklicherweise war das irgendwas Giftiges und du hast wie ein kleines Kind beim Spülen damit ohne Handschuhe rumgepanscht und dir danach deinen Finger ins Auge gesteckt. Sorry.“
„Scheiße gelaufen“, erwiderte ich.
„Und wie.“
Nach einer kurzen Pause schaute er mich an und fragte: „Also, was ist dein letzter Wunsch, eine Millionen wie jeder vierte Trottel?“
„Kann ich was hinterlassen?“
„Also, du kannst jetzt nichts erschaffen, das dann die Ewigkeit überdauert wenn du das meinst“
„Schade“
„Ja“
„Dann will ich alles verstehen. Ich will diese ganze Astrophysik-Scheiße verstehen. Ich will wissen was der Anfang und was das Ende ist. Ich will wissen, was auf der anderen Seite von schwarzen Löchern ist, ich will wissen, ob diese ganze Sonnensystem-Scheiße eigentlich nur wieder das widerholende Muster aus Elektronen die um Atomkerne fliegen ist. Ich will wissen ob es außerirdisches Leben gibt im Universum. Ich will verstehen wie aus Nichts etwas entsteht oder ob schon immer was war. Und dann will ich verstehen wie schon immer etwas gewesen sein kann.
Und ich will diese ganze Neuro-Gehirn Scheiße verstehen. Ich will verstehen wie man denkt. Ich will verstehen wie Erinnerungen funktionieren Welche Rolle der Hippocampus den jetzt wirklich spielt und warum der prefontale Cortex bei weiterzurückliegenden Erinnerungen stärker aktiviert wird als bei kürzlich erlebtem. Ich will verstehen wie Gefühle funktionieren. Ich will die ganze Feinmechanik des Gehirns verstehen. Ich will den systemischen Scheiß verstehen und ich will den ganzen molekularen Dreck verstehen. Ich will wissen welche Leitfähigkeit die verschiedenen Natriumkanäle haben und ich will verstehen wie die molekularen Mechanismen funktionieren, die unser Denken nach traumatischen Erlebnissen in der Kindheit verändern. Ich will alle Krankheiten im Gehirn heilen können und ich will all dieses Wissen in eine ellenlange Formel mit einer gegen unendlich strebenden Anzahl an Variablen verpacken und dann will ich mir diese Formel auf die Brust tätowieren. Ich will die Weltformel und ich will sie jetzt. Und ich will nicht nur die Formel wissen, ich will sie verstehen. Ich will, dass mir jedes Glied der Gleichung was sagt und ich alles darüber weiß.“
Der Tod, der so aussah wie ich, ging auf mich zu, legte mir die Hand auf die Stirn und murmelte etwas in einer mir nicht verständlichen Sprache. Und plötzlich, wie aus dem Nichts verstand ich. Ich verstand alles. Ich begriff die Schönheit in allem und war beeindruckt von der Komplexität und den äußerst pfiffigen Wegen der Natur all die Probleme, von denen außer mir noch keiner wusste zu lösen. Ich verstand endlich was Unendlichkeit war und wie Zeit relativ sein kann. Ich verstand warum SSRI nicht bei allen Menschen wirken und ich wusste welche Rezeptoren in welchen Teilen des Gehirns welche Aufgaben hatten. Ich verstand wie sie diese komplexen Aufgaben bewältigten und war ehrlich beeindruckt von diesem Wunder. Ich verstand, so allumfassend und detailliert, dass irgendwie alles auf der Hand lag. Immer noch überwältigt von der Schönheit nickte ich dem Tod als Zeichen das ich jetzt bereit war zu.
„Können wir unterwegs noch ein Bier trinken?“
„Ich liebe Bier“
Ich holte zwei perfekt kalte Fiege aus meinem Kühlschrank. Und wir gingen wie ich früher mit meinem Mitbewohner nachts von Partys Heim. Leicht betrunken, glückseelig und biertrinkend Richtung Tür in den Tod und erlebten dabei dieses angenehme Schweigen, bei dem jeder beteiligte weiß, dass in diesem Moment einfach alles gut ist.

Sophia, der Tod und Ich auf Spotify

Friend in Need #11 - Verbrannte Erde

Ich bin zwar auf Batman zu gerannt, aber den Wahnsinn ihn im Faustkampf besiegen zu wollen ließ ich nicht aufkommen. Er allerdings rechnete fest damit und dafür hatte ich bei all der Hektik sogar eine Erklärung: Ein Bösewicht würde ihn jetzt frontal angreifen. Ich nutze meine Kenntnisse in klassischem New Yorker Hinterhof Basketball und wendete mich schnell unter seinem Schlag hinweg, als wollte ich einen Ball an ihm vorbei dribbeln. Ich ahnte, dass Iron Man nicht feuern würde, da Batman ja sein Allierter war und damit sollte ich auch Recht behalten.

Also tänzelte ich albern hinter Batman herum, während dieser einen minimalen Moment zögerte, weil er einen Treffer erwartete, wo sonst einer wäre. Das Leben und Kämpfen mit Bösewichten beeinflusste stark die Psyche dieser Menschen. Als er sich dann aber ruckartig umdrehte, war ich schon damit beschäftigt, davonzulaufen. Meinen Blick hatte ich dabei immer wieder bei ihm, weil ich versuchen wollte Batman zwischen mir und Stark zu halten, damit dieser nicht auf mich feuerte. Theoretisch ein guter Plan.

Später verrät mir Stark, dass sein Anzug natürlich auch Flugbahnen berechnen kann und ihm angezeigt hat, wie er die Tennisbälle auch hinter Batman an ihm vorbei schießen konnte. Abpraller über Wände sind unglaublich schwer zu erahnen, aber trotzdem kann ich knapp über einen der Bälle hinweg springen, von denen ich ja immer noch dachte, dass es tödliche, wenn nicht sogar zweimaltödliche Projektile sind. Was ich für ein Training ganz schön extrem fand.

Batman spurtet nicht. Das macht ihn so angsteinflößend. Er läuft einfach entschlossen auf dich zu. In ewiger Zeitlupe. Im Hintergrund geht dann von alleine "The Day is my Enemy" von The Prodigy an und wenn es der Hintergrund nicht tut, dann explodiert wenigstens dein Herz, weil der Puls schneller rennt als du es kannst. Und das sage ich, während ich schon so schnell wie noch nie zuvor gerannt bin. Aber auch diesem großen Raum gingen irgendwann die Weiten aus. Also musste ich die Wand entlang rennen.

Das Lied lief überhaupt nicht im Hintergrund von Batmans epischem Auftritt, aber ich war so sehr im Fokus, dass ich erst wieder wach wurde, als Iron Man den Arm senkte und seinen Helm öffnete. "Steward." Ich rannte aber noch. "Steward!" Und rannte, immer hin konnte das eine Falle sein. "Dein Handy klingelt." Und tatsächlich war das mein Handy. Ich weiß nicht, ob Superbösewichte aufhören würden dich zu jagen, wenn dein Handy klingelt, aber da mir in spätestens Zehn Sekunden eh die Ausdauer ausgegangen wäre, war ich ganz froh.

Dass Alexandra mich anrief war gar nicht so überraschend. Es war die Tatsache, dass sie genau so heftig atmete wie ich. So kamen wir beide nicht sofort dazu etwas zu sagen und hechelten uns stattdessen gegenseitig in die Ohren. "Steward." Sie klang ängstlich und aufgelöst. Mein Adrenalin stieg weiter an, als es nach meiner Jagd gerade noch konnte. "Es ist was schlimmes passiert." Abgehackte hektische Sätze sind die Hölle auf Erden. "Ich....du.....Komm bitte zu mir." Eh ich noch fragen konnte wo sie ist, griff Batman meine Schulter und drückte etwas Zuversicht in mich hinein. Dann nickte er mir zu und deutete auf die Tür. "Alex, wir sind jeden Moment bei dir. Sag mir nur wo du bist!"

Washington Square Park. Direkt an der Universität. Ich konnte mir damals nicht im Ansatz ausmalen, was hier schlimmes passiert sein konnte. Gut, inzwischen hing ich mit Superhelden ab, dass öffnete die Fantasie für so einige wilde Szenarien, aber so wirklich ernsthaft hatte ich sie nicht in meine Vorstellung aufgenommen. Hätte ich aber vielleicht gesollt. Denn als wir den Park anflogen, traff mich ein wenig der Schlag.

Einige Bäume glühten und anstelle einer grünen Wiese, schwebten kleine Asche-Partikel über dem Boden. Alexandra stand nur ein kleines Stück davon entfernt und schüttelte panisch ihren Kopf. Ich musste sofort zu ihr. "Du kannst nicht sofort zu ihr.", durchschnitt Batman meine Gedanken und Fürsorge. "Wir müssen dich woanders rauslassen und erst muss ein Held mit ihr sprechen. Vertraust du mir?" Alles in mir sträubte sich, aber scheinbar mussten Menschen in der Nähe von Helden klug und vernünftig sein. Ich presste mühsam ein "Ja" hinaus und dann katapultierte sich Batman aus dem Fluggefährt. "Autopilot aktiv."

Friend in Need #10 - Die offensichtliche Antwort

Ich dachte lange Zeit, der Waschmaschinen- und Trockner-Keller in meinem Wohnhaus wäre ein sehr unheimlicher Ort. Es ist dort nicht nur feucht, sondern schon eher sporig. Die Wände dort erinnern immer an diese Szene mit Stiefelriemen-Jack bei Fluch der Karibik, als er mit der Schiffswand verbunden ist. Der "Verhör- und Notfall-Aufenthalt" auf Rikers aber übertraf mein ekeliges Heim-Untergeschoss massiv.

Im flackernden Licht der spärlichen und halbdefekten Neonröhren sah es erst aus, als wäre es eine dieser massiven Graffiti-Wände, wie es sie in New York an jedem eingetretenen Kaugummi gab. Aber als ich in der klischeehaften Beleuchtung näher auf die Wände zu ging, erkannte ich, dass es sich nicht um moderne Straßenkunst handelte. Die Todesschwüre gegen diverse Helden standen hier an die Wände geschmiert, teilweise in Rottönen, die mir nur einen Schluss erlaubten. "Es ist Blut.", erklärte Stark, als ich mit einem Finger die Schrift entlang fahren wollte.

Batmans Augen schimmerten seltsam, als er die Wand betrachtete und an einer Handschrift blieb er besonders lange hängen. Iron Man hingegen nahm seinen Helm ab und schaute überraschend betroffen drein. "Einiges ist mit dem eigenen Blut geschrieben, aber das meiste kam von überwältigten Wachleuten." Dann ging auch seine Hand auf die Wand zu, aber im letzten Moment, bevor er sie berühren konnte, ballte er eine Faust. "Deshalb inhaftieren wir hier keine Superverbrecher mehr. Und deshalb hat S.H.I.E.L.D. das Gefängnis übernommen." Stark war sichtlich unzufrieden, mit der ehrfürchtigen Angst und dem Ekel in meinem Inneren hatte ich nicht besonders viel Empathie für ihn über. "Viel zu spät.", sagte er dann und ich wendete meinen Blick zu Batman.

Dessen Augen blitzten kurz auf, als hätte er ein Foto von etwas gemacht, aber noch ehe ich mir anschauen konnte, worauf er sah, sperrte er mir den Weg ab. "Wir sollten mit deinem Training beginnen.", grummelte er in seiner üblichen tiefen Stimme.

Entgegen meinen Erwartungen, war der Schwerpunkt meines Trainings ein ganz anderer, als ich vermutet hatte. "Was ist der Schlüssel zum Sieg im Kampf gegen einen Superverbrecher?", fragte mich Batman und ich hatte keine Ahnung. "Ich weiß es nicht.", sagte ich und merkte auch, dass mein Kiefer immer noch außer Gefecht war. Da habe ich mich das erste Mal gewundert, wie ich so eigentlich kämpfen lernen soll. "Mach es dir nicht so leicht, Fin. Denk nach.", ergänzte Iron Man, der mit einem großen Abstand einen Kreis um uns herum ablief. "Ihr würdet es nicht so fragen, wenn die offensichtlichste Antwort richtig wäre." - "HA! Der Junge ist gut!", klatschte Iron Man begeistert. Batman, der inzwischen ebenfalls, allerdings andersherum einen großen Kreis um mich herum abschritt, vertiefte diesen Test: "Was ist denn die offensichtlichste Antwort?"

"Ein Superheld zu sein." Das dachte ich. Anders waren die massiven Kräfte der verschiedenen Bösewichte bestimmt nicht aus zu halten. Ich hatte damals ehrlich gesagt noch nie gesehen, was diese Superverbrecher so konnten, aber wann immer es zu einem Kampf kam, lag alles in Schut und Asche. Also mussten da heftige Kräfte am Werk sein.
"Coole Spielzeuge.", nuschelte ich mit einem Lächeln raus. Batman lächelte nicht oft, was vorallem daran zu merken war, dass er nicht wusste, wie gruselig er aussah, wenn er es mit seiner Maske tat. Lachen ging, aber Lächeln ließ ihn wie einen Wahnsinnigen aussehen. Ob Ironman lächelte war nicht mehr zu erkennen, denn Stark hatte seinen Helm geschlossen.
Batman ließ mir meinen Moment des Humor-Triumphes vollständig, fragte dann aber weiter: "Was ist denn die richtige Antwort?"

"Überleben." Nach meiner Überlegung mit der Zerstörung wurde es mir klar. Übermäßige Fertigkeiten hin oder her, wer nicht getroffen wurde, dem konnte nichts passieren. Natürlich helfen coole Spielzeuge und Kräfte dabei, aber, vielleicht waren sie gar nicht so dringend notwendig, wie es den Anschein machte. Genug Passanten entkamen, wenn mal wieder irgendwo Häuserteile herabstürzten, Fahrzeuge sich überschlugen und Projektile einschlugen. Und die folgten nur ihrem Instinkt.

Iron Man nickte, vermutlich anerkennend, was nicht eindeutig zu erkennen war und Batmans Gesicht erfüllte ein gewisser Stolz. Nicht dieser väterliche, sondern dieser Stolz, wenn Menschen sich freuen, dass sie eine richtige Entscheidung getroffen haben. "Sehr richtig.", ergänzte er seinen Blick und fing an zu erklären: "Tony und ich haben beschlossen, dass der Anfang deines Trainings sich hauptsächlich mit dem Überleben von Gefahren beschäftigt. Deine erste Lektion heute wird sich ums Ausweichen drehen."

Ein zischendes Pfeifen zog meinen Kopf wieder zu Iron Man. Ich wusste bis zu diesem Augenblick auch nicht, dass es dieses Geräusch gibt, aber als ich sah, wie er seinen Arm auf mich richtete und sich irgendwas auflud, sprang ich zur Seite weg. Es sollte also keine theoretische Vorbereitung geben, sondern den Sprung ins kalte Wasser. Und wer ins kalte Wasser gesprungen ist, sollte eines sofort tun: Sich bewegen! Sonst erstarrst du. Also lief ich weiter damit Iron Man mich nicht treffen konnte und tatsächlich verfehlte sein erstes Tennisball großes, Tennisball gelbes Projektil. Aber er würde schnell meinen Laufweg vorher sehen können, daher brach in meinen Weg nach links ab, so dass ich nun auf Batman zu lief.

Dieser hob seine Fäuste. Sie wollten es mir nicht nur nicht einfach machen, sondern direkt bockschwer. Aber das machte auch Sinn, immerhin hielten sich Superschurken nicht an irgendwelche Regeln. Sonst wären sie nicht die Superschurken. Ich wendete mich nochmal nach links und spürte, wie mich eines von Iron Mans Projektilen am Hosenbein gestriffen hatte. Ich sollte erst später merken, dass es sich wirklich um Tennisbälle handelte. Aber in diesem Moment hatte mich der sportliche Ehrgeiz schon gepackt. Mir war klar, dass ich Batman und Iron Man nicht besiegen konnte, aber ich könnte mir zumindest richtig viel Mühe geben.
Und als Batman sich langsam in Bewegung setzte, wusste ich auch, dass weniger heute auch nicht gelten würde.



Friend in Need #9 - Darwin-Awards

Ich war nicht so richtig darauf vorbereitet, dass Batman so schnell wieder bei mir auftaucht. Ich war eigentlich auf gar keinen Besuch eingestellt. Mein Kiefer machte mir zwar nicht so schlimm zu schaffen, aber mit meinem Sprachvermögen hatte ich auch keine besondere Freude am Rausgehen. Der Gang zum Supermarkt hatte mir schon gereicht. Auch wenn ich gerne gemeinnützige Dinge tat, ich musste jetzt echt nicht der große Lacher für alle Leute werden.

Ich hatte mich also in einem Jogginganzug auf mein Sofa und an die Spielkonsole zurück gezogen. Batman deutete mein Outfit aber ganz anders: "Oh super, du hast geahnt, dass ich rumkomme fürs Training!" Während ich meinen Kopf schüttelte, fiel etwa ein Drittel der Chipstüte aus den Falten meines Outfits, die ich an meinem Vormittag dort sorgsam eingearbeitet hatte. Das übersah er aber, vermutlich auch absichtlich und deutete auf meine Schränke. "Pack dir was zu Trinken ein, du hast heute deine erste Lektion in Selbstverteidigung." Und dabei grinste er unter seiner Maske, wie ich es eigentlich von einem Bösewicht erwartet hätte.

Batman hatte übrigens auch einen Trainingsanzug an. Darin sah er nicht mehr so gestählt aus, wie in seiner Heldenmontur. Ich merkte aber noch früh genug, dass er wirklich in Topform war und nicht seine Rüstung gepolstert war, wie ich spontan vermutete. Er musste ein wenig schmunzeln. "Ein Weilchen lang haben Zivilisten in Gotham versucht die Stadt in meinem Namen zu verteidigen. Die haben sich auch an den unmöglichsten Stellen ausgepolstert."

Auch wenn Batman in ziviler Kleidung unterwegs war, verweigerte er sich Konzepten wie der U-Bahn. Wenn ich einen militärischen Schwebepanzer als Gefährt hätte, würde ich mir das auch vielleicht überlegen. Ist nicht so einfach damit zu parken, andererseits ist da wo man das Ding hinbuchsiert auch immer automatisch ein Parkplatz.

"Steward, ich habe mir überlegt, dass wir regelmäßig gemeinsam trainieren sollten. Ich werde dir einige Grundlagen der Verteidigung beibringen und auch so manches über das Erkennen von Gefahren. Diese Dinge sind nicht so kompliziert, wie man vielleicht glauben könnte", der Bordcomputer quatschte dazwischen, dass sich ein unbekanntes Flugobjekt mit hohem Tempo nähert, "In einigen Sachen hilft uns Helden auch nur Menschenverstand und etwas Intuition.", er meinte, dass eine fatale Kollision bevorstünde und so wurde ich auch etwas nervös, da Batman nicht nach Vorne, sondern zu mir schaute, "Aber ich möchte dich auch ein wenig mit dem Schrecken bekannt machen. Ich hoffe, du vertraust mir?" Und dann lenkte er den Steuerknüppel leicht zur Seite und wich dem orangenen Feuerstreifen aus, der da auf uns zu geschossen kam.

Ich dachte erst, das wäre mein Herz, dass ich da höre, aber das Klopfen kam von draußen. Es musste uns doch getroffen haben und jetzt müsste ich sterben. Da war ich mir sicher. Batman kochte auch nur mit Wasser und hatte sich in einem Versuch von überzogener Coolness verschätzt. Jetzt starben wir einen Tod, der später mal auf der Internetseite der Darwin-Awards auftauchen würde:
"In unzerstörbarem Fluggerät in den East River gestürzt und doch zerstört." Na toll.

Na toll. Das Klopfen war nicht ein Schaden am Flugzeug.
"Hallöchen, Jungs! Ich dachte mir schon, dass ihr was zusammen unternehmt." Iron Man flog neben dem Bat Wing. Eine Superheldenkraft haben diese Säcke alle, ihr überzogendes Ego. Während ich innerlich mehrere Tode starb, hatte ich ganz vergessen vollkommen aus zu rasten, weil Iron man so ein riesiger Arsch war. Jetzt hatte ich auf jeden Fall Lust auf etwas Kampfsport, weil ich Tony Stark unbedingt eine reinzimmern wollte.

Batman merkte zwar, dass ich stinksauer war, war aber auch zu sehr damit beschäftigt, sich mit Iron Man zusammen zu beömmeln, wie erschrocken ich war. Superhelden sind Penner. Manchmal nur ganz schwer von den Bösen zu unterscheiden. Als wir dann auf Rikers Island ankamen, änderte sich meine Stimmung aber plötzlich.

Für Helden mag ein Gefängnis ein natürlicher Ort sein, aber ich hatte noch nie vorher in meinem Leben ein echtes gesehen. Vorallem hatte ich aber auch noch nie vorher in den Lauf einer Schusswaffe geschaut und in diesem Moment schaute ich in drei oder vier. Iron Man setzte gerade auf und wechselte mit dem ersten Bodenkontakt in einen entspannten Lauf auf die Wachen des Gefängnisses zu: "Chillt mal, Jungs! Das ist nur ein Besucher." Und tatsächlich nahmen die Männer ihre Gewehre runter. Die SHIELD-Embleme hatte ich gar nicht gesehen.

Grau. Schaute man Rikers aus dem falschen Winkel an, verschwanden alle Konturen, so dass nur eine geschlossene Wand vor den eigenen Augen stand. Selbst der ehemalige Rasen, über den wir zum Haupttor gingen, war zu zertretendem Pappmatsch degradiert. Ich hatte jetzt auch nicht unbedingt einen Vergüngungspark erwartet, aber ich bekam eine Vorstellung davon, wie mit den Gefangenen hier umgesprungen wurde.
Die Prioritäten hier waren aber einfach auch andere. Nach der ersten Stacheldrahtbarriere dachte ich mir nichts besonderes, aber als wir die Panzer und Kampfhubschrauber passierten, schaute ich mich intensiver um und als ich dann so an die Hundert Wächter vor einem Kasernengebäude stehen sah, fing ich an mich zu fragen, wer hier untergebracht sein könnte. Ein besorgtes "Oh wei." rutschte mir raus und Batman, der hier höchstgradig angespannt und konzentriert unterwegs war, erklärte mir ohne dass ich weiter fragen musste: "Hier sind keine Superverbrecher stationiert. Aber viele rekrutieren hier ihre Gefolgschaft."

Das beruhigte mich nur bedingt, vorallem, da ich mich wunderte, weshalb Batman auch so angespannt war. Ich konnte das inzwischen beurteilen, immerhin saß er ja schon mal angetrunken auf meinem Sofa. Irgendwas stimmte hier nicht und machte mir große Sorgen, denn ich war hier der einzige normale Mensch, der keinen Superanzug hatte und auch kein ausgebildeter Agent war. Ein Glück, dass ich auf einer Insel voller Verbrecher war. Nicht, dass nachher noch ein einziger Funke Sicherheit bei mir aufkommen könnte.

Wir drangen immer tiefer in diese Betonfestung ein, passierten einige Tore, liefen enge Gänge entlang, sahen Iron Man dabei zu, wie er alle Wachen grüßte. Er war hier so eine Art Superheld. Also, das war er ja sowieso, aber die Wachen waren alle voll die Fanboys. Manche machten sogar auf die Schnelle Selfies mit ihm. Sehr befremdlich. Aber die wurden auch nicht von ihm zu Tode geängstigt. Ich wollte ihm immer noch eine reinzimmern.

"Hier ist es.", raunte Batman und erinnerte mich daran, dass wir aus einem bestimmten Grund hier waren.