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Kurzgeschichte: Eine Lid(e)lsgeschichte

Der Nachtwind | 28.06.17 | / | Kommentieren
Sie ist ja schon süß. Ihre Haare glänzen im Licht der Neonröhren. Sie lächelt. Das blonde Mädchen, das etwa 10 Meter vor mir in der Schlange steht, gefällt mir auf den ersten Blick. Mir ist warm. Und meine Hände werden feucht, als mir der Schweiß aus den Poren tritt. Ich bin nervös, denn wenn ich sie gleich nicht anspreche, werde ich sie wohl nie wieder sehen. Und wenn es hier an Kasse 2 im Lidl am Essener Hauptbahnhof noch lange dauert, dann wird hier bald das Chaos ausbrechen und dann ist eh alles gelaufen. Der Laden ist voll. Die Schlange ist sehr lang und sie schlängelt sich um die Regale und aufsteller durch den halben Laden. Es ist hier immer so voll und noch nie habe ich mich auch nur annähernd darüber gefreut wie heute, der Tag an dem ich sie gesehen habe.

Sie schaut sich um. Schaut sich die Welt um sich herum gut an und sie wirkt sehr interessiert, an dem was um sie herum passiert. Mich hat sie noch nicht gesehen und ich versuche, auch nicht aufzufallen. Die Menschen um uns herum werden unruhig, verlangen nach der Öffnung einer weiteren Kasse. Es wäre die 10. sie Menschen drängeln und geben Unmutsäußerungen von sich.

Von dem Chaos um mich herum nehme ich gar nicht so viel war. Ich sehe nur sie. Wie sie wohl heißt? Wo sie wohl wohnt? Kommt sie hier aus der Nähe und macht sie gerade ihren Einkauf für diesen lauen Sommerabend oder ist sie nur auf der Durchreise und besorgt sich schnell einen Snack für zwischendurch? Neugierig versuche ich zu erkennen, was sie kauft und sehe die Flasche Pfeffi, die sie im Arm hält. Ah, sie hat auch Chips und Erdnüsse dabei. Vielleicht ist sie auf dem Weg zu einer Feier.

Ich wünsche mir gerade, ich wäre der Kassierer. Dann könnte ich sie einfach so nach ihrem Ausweis fragen und vielleicht einen Blick auf ihren Namen, ihr Alter und ihre Adresse werfen. "Hab einen schönen Abend, Julia!", denke ich. Vielleicht heißt sie ja Julia. Julia, der Platzhaltername einer ganzen Generation, denn irgendwie heißen fast alle Mädchen in meiner Generation Julia. Ich mag den Namen trotzdem. Er hat diesem romantischen Beigeschmack einer dramatischen Liebesgeschichte, die Hunderte von Jahren von Generation zu Generation weitergegeben wurde.

Nur noch fünf Meter, dann ist Julia an der Reihe, langsam schiebt sich die Schlange Stück für Stück nach vorne zur Kasse. Ich stelle mir vor, wie Julia und ihre beste Freundin Tabea sich heute im Stadtpark treffen, eine Runde spazieren gehen und sich dann genüsslich die Decke auf der Wiese ausbreiten und es sich bequem machen. Sie strecken die Beine aus, legen sich hin, schauen zum Himmel und unterhalten sich. Tabea erzählt begeistert von ihrem neuen Freund, den sie letzte Woche auf einer Party kennengelernt hat. Die beiden stoßen mit dem Pfeffi aufs Leben an.

Als ich ich wieder aus meiner Gedankenwelt erwache, verschwindet Julia gerade durch die Eingangstür nach draußen und ich schaue ihr verträumt nach.

Manuel ist seit einem Jahr als Slampoet auf den Bühnen NRWs unterwegs und lässt sonst auch keine Gelegenheit aus, seine Wortspiele/Wortwitze irgendwo unter zu bringen. 




Kurzgeschichte: Eine fast wahre Reportage

Andasch | 27.06.17 | / | Kommentieren
Das nachfolgende Transkript, einer fast wahren Radio Reportage stammt vom Lokaljournalisten Johnny Lismus. Nach Jahren der Entbehrung und Ausbildung, nach Volo und Praktika hat Johnny Lismus sein Ziel erreicht. Er ist Journalist geworden. Zurzeit arbeitet er als freier Journalist mit regelmässigen Aufträgen für das Trend Radio "Essen 98 Dreiviertel- wo du hörst"

Ich stehe gerade vor dem Lidl am Esser Hauptbahnhof. Es ist 15:21. Diesen Ort nennen Essener Urgesteine auch Stalingrad. Ich sehe gemischte Kunden. Von Jugendlichen in grauen Stoff-Joggingshosen bis hin zu Familien mit 5 Kindern und Jack Wolfskin-Jacken. Vor mir steht Dirk Koslowski, LKW-Fahrer aus Essen. Er trägt Arbeitshosse schwerere Stahlkappenschuhe und eine Warnweste. Warum sind sie hier Herr Koslowski?

"Naja, dat Büdchen hier, ist halt Lidl, ne? Ich kaufe diese ganze Vegaranier Scheiße nicht. Hier gibbet noch Frikos wie bei Mama"

Sie hören meine Damen und Herren, abseits des Chaos und der Verrohung der Gesellschaft, ist dieser Ort auch ein Stück Heimat. Ein Stück Vergangenheit, Ein Stück Nostalgie und Wohlbefinden.

Meine Damen und Herren, lieber Hörer und Hörerinnen ich werde mich nun mitten in das Gefahrengebiet begegben und live vom Grabbeltisch berichten. Um Mich herum reißen Leute sich gegenseitig aufblasbare Pools und Freizeit Hemden und aus den Händen. Der Geruch erinnert gerade an diesen heißen Sommertagen, an eine Mischung aus Parfümladen und Jungsumkleide. Aus synthetischer Blumenwiese und Bundeswehrkaserne. Aber was ist das? Zwei große, breite in billigen Synthetikanzügen gekleidete Männer mit geschorenen Haaren kommen auf mich zu.

"Entschuldigung haben Sie eine Drehgenehmingung?"

Freier Journalismus benötigt keine Drehgenehmigung. Die Welt muss von diesen Umständen erfahren.

"Bitte begleiten Sie mich zum Filialleiter"

Liebe Hörer und Hörerinnen, Sie können gerade livew mithören wie meine Berichterstattung scharf zensiert werden soll und ich vom Sicherheitspersonal in eine fensterlose kleine Zelle geschleift werde, von der aus der Filialleiter seine Strippen zieht. Der Fensterlose Raum hat weiß-gelbe Wände. An einem billigen, unaufgeräumten Schreibtisch sitzt ein rauchender Mann, Mitte 40. Er hat einen kleinen Bauchansatz und sieht resigniert aus. Warum haben Sie mich in diesen Gulag gebracht?

"Das ist mein Büro; Ich möchte das Sie meinen Laden verlassen."

Die Tonaufnahmen brechen hier ab..

Kurzgeschichten: Die Hölle

Jay Nightwind | 26.06.17 | / | 2 Kommentare
Die Geschäfte liefen nicht gut. Er wollte es ungern zugeben, aber das es die Konkurenz mit abnehmenden Konsumenten und Abonennten zu kämpfen hatte, schadete auch seinen Plänen. Der Teufel rieb sich die Müdigkeit aus den Augen über die Stirn in die Hörner. Er war resigniert. Es war ja nicht mal so, als gäbe es einen greifbaren Feind. Da war es früher einfacher: Gott dachte sich extra ein paar ordentliche Spielregeln aus und brauchte nur seine Leute in den Außendienst schicken, diese Regeln dann nach allen Regeln zu brechen. Heute konnte er selbst nicht mal mehr über diesen Wortwitz schmunzeln. Heute glauben die Menschen nicht mal mehr so wirklich an Gott. Konnte ja aber auch keiner ahnen, dass diese verfluchten Menschen die Aufklärung und liberales Denken entwickeln. Damals dachte der Teufel, dass ihm das in die Karten spielt. Verflixtes Potential der Menschen, haben sie selbst die Zerstörung des Himmelreiches herbei geführt.

Das Kerngeschäft, die Sünde, funktionierte halt nur so, wenn sie als solche angesehen wurde. Aber wenn auf einmal die schlechten Methoden in der Moral als gute Methoden der freien Marktwirtschaft angesehen wurden, erkannt der Teufel selbst, dass sein eigene Erfindung ihn überholt hatte. Damals war er so stolz. Die Forschungs- und Entwicklungsabteilung präsentierte ihm vor weit mehr als 1000 Jahren ihre neuste Entwicklung. "Wir nennen es den Kapitalismus. Er wird den Menschen den Eindruck geben, Macht zu haben, aber in Wirklichkeit geht es hauptsächlich um Gier und Völlerei." Es war so ein einfaches Konzept. So genial. Teuflisch, so zu sagen.

Um seinen Kopf frei zu kriegen, beschloss der Teufel, durch seine Hallen zu wandern und mit seinen Untertanen in Kontakt zu kommen. Er verließ sein Büro, ging den kalten Gang entlang. Zu erst war es die Aufklärung, die Menschen fanden neue Möglichkeiten, Alternativen zum Glauben. Heute waren die Feinde diffuse Subkulturen, die ihm entgegen arbeiteten. Hipster, die nachhaltig bedacht und sparsam, bescheiden und begeistert Dinge selbst herstellten, sich mit ihrer Umwelt auseinander setzten. Ganz schreckliche Leute.

Als er die Tür zu seinem Festsaal aufstieß, ereilte ihn eine kleine Erleichterung. Auch wenn das Kerngeschäft nicht gut lief, hierauf konnte er sich verlassen. Die Symphonie der hassenden und wütenden Qualen, ein Streicherkonzert, gespielt auf weinenden Kindern. Die Gleichgültigkeit erwärmte dem Teufel das Herz. Selbst seine Handlanger ergaben sich dem Totentanz, waren frei von jeglicher Ambition, stumpfe Routinen hatten die Plätze eingenommen, an denen früher einmal bewegte Seelen lebten. Es war die Vollendung seines Werkes, es war das vollkommenste aller Fegefeuer und es hatte eine der schrecklichsten Eigenschaften, um die Menschen zu verführen: Es war subtil.

Eine Lidl-Filiale am Hauptbahnhof, die am Wochenende und an Feiertagen geöffnet hat. Jeder wusste, dass es nicht klug ist, dort hin zu gehen, trotzdem waren die Gänge immer voll. Die Verlockung besiegte die Vernunft. Die Menschen erkannten die Sünde am Eingangsschild, aber trotzdem kamen sie hier her. Ein wenig musste der Teufel lächeln. Er war auf seine eigene Idee hereingefallen. Durch seine viele Kundschaft, verlor er seine Gefolgschaft. Wo einst in ihm ein bewegter Seelenräuber lebte, nahmen Geschäftsbilanzen und Babykotze in Gang drei den Platz.

Kurzgeschichte: Und trotzdem

Jay Nightwind | 23.01.17 | / | 5 Kommentare
Als wir den LIDL am Berthold-Beitz-Boulevard verlassen, knattert die S-Bahn auf der Bahntrasse vorbei. Ansonsten ist es recht ruhig, so weit das an zwei kreuzenden Hauptstraßen möglich ist. Nur die anliegende Baustelle tut es uns Beiden gleich und schweigt.

Wir laufen die Straße entlang und ignorieren die Bahnunterführung. Wir haben vor Kurzem bemerkt, dass es kürzer ist, durch den West Bahnhof zu laufen, um zu uns zu kommen. Etwas versteckt führt ein Weg unterhalb der Bahntrasse entlang, ein Stück hinter dem Fussballplatz.

Bis wir dort einbiegen, sind es fünf oder sechs Züge, die auf der breiten Bahntrasse den Einlauf zum Hauptbahnhof starten oder Richtung Mülheim verschwinden. Die Schnellen zischen dabei, die Regionalzüge pfeiffen, die S-Bahnen knattern und sogar ein Werkstattwagen rumpelt vorbei.

Die Häuser hier sind grau. Die Stadt steht häufig im Ruf grau zu sein, aber so schlimm ist es nicht. Sie ist vielleicht nicht sauber und auch nicht ordentlich, aber sie hat ihre Farben. Mehr, als die multiplizierten Klischess über Instagram, Tumblr und das Fernsehen zu lassen. Ausgerechnet in dieser Ecke ist sie aber Signalgrau. Ein grelles grau, das ekelig in den Augen brennt. Die Häuser sind aus Schwarz-Weiß-Fotos aufgeschichtet und werden von ihrer eigenen Trostlosigkeit zusammen gehalten.

"Hier würde ich wirklich nicht wohnen wollen.", sage ich. "Die Bahnen fahren dir quasi durch die Wohnung, das Haus sieht schrecklich aus. Wie alt diese Hütten wohl sind?" Meine Freundin betrachtet mich skeptisch und schaut dann zu den Häusern. "Und trotzdem hängen die Leute Blumenkästen raus" 

Maus 53

Als ich das erste Mal eine Maus getötet habe, spürte ich wie das Leben aus ihr wich. Ich erinnere mich genau. Ich habe sie am Schwanz hoch gehoben und auf das Gitter gesetzt, tief durchgeatmet, die Pinzette mit der linken Hand hinter ihren Kopf gelegt und gegen das Genick gepresst. Mit der rechten Hand habe ich ihren Schwanz genommen und so lange daran gezogen, bis ich spürte, dass ihr Genick gebrochen war.

Mein Name ist Paul Uffmann und von Beruf töte ich Mäuse. Und ich möchte das hier gar nicht rechtfertigen. Keine Diskussion über das Für und Wider. Keine moralischen Grundsatzfragen und keine Verteidigung.
Ich möchte hier nur meine Geschichte erzählen. Den Zwiespalt zwischen Neugier und Moral. Zwischen dem Wunsch Gutes zu tun und der Destruktivität der Konsequenz. Dürrenmatt.

Meine Freunde nennen mich Uf oder Paul. Als ich ein Kind war wollte ich immer Arzt werden. Ich kann jetzt im Nachhinein gar nicht mehr genau sagen wieso mich dieser Beruf so angezogen hat. Jedenfalls nach dem Abi, als mein Schnitt ein wenig zu schwach war um Medizin zu studieren, entschied ich mich für eine wissenschaftliche Laufbahn. So richtig viele Gedanken, hab ich mir ehrlich gesagt nicht gemacht. In der Schule war ich ziemlich gut in den Naturwissenschaften und mein bester Freund hatte sich bereits eingeschrieben.Wieso also nicht. Aufhören kann man ja sowieso immer.
Nun was dann folgte, waren drei Jahre Tortur. Drei Jahre Grundlagenfächer und Laborpraktika. Drei Jahre, die einen dazu trimmten fokussiert Fakten auswendig zu lernen. Mit Wissenschaft hatte das meistens relativ wenig zu tun. Eher mit Fleiß und Verzicht.

Manchmal kam mir das Ganze vor wie ein Bootcamp für die Wissenschaft. Ich erinnere mich noch sehr gut als mein bester Freund und ich eine Nacht damit verbrachten unsere Protokolle für ein Laborpraktikum fertigzustellen um am nächsten Tag völlig übermüdet im Labor das nächste Experiment durchzuführen, für das dann natürlich wieder ein Protokoll zu schreiben war.  Es gab strikte Deadlines und so manche Aufgaben, die nur dazu gedacht waren unsere Frustrationgrenze und Stressresistenz zu ermitteln.
Wie auch immer, 30 % der ursprünglich eingeschriebenen Studenten trugen nach drei Jahren schließlich den Titel Bachelor of Science. Ich war einer von ihnen.
Nach drei Jahren Bachelor-Studium entschied ich mich für ein Master-Studium. Mit dem Bachelor-Abschluss hatte man quasi keine realistischen Berufschancen, also wurde weiter studiert. Das Master-Studium war weitaus weniger anstrengend. Auch wenn mir die dreijährige Hölle auf Erden viel Kraft geraubt hatte, schaffte ich das Master-Studium, wie die meisten von uns, sogar mit relativ guten Noten.

Nach dem Master-Studium entschied ich mich für drei bis fünf weitere Jahre Promotion. Der große Endgegner. Alles was ich im Bootcamp gelernt hatte, sollte mich hierauf vorbereiten.
Als Doktorand durfte ich mich endlich Wissenschaftler nennen. Auch vorher hat man bei seinen Abschlussarbeiten wissenschaftlich gearbeitet. Da aber nicht in Vollzeit, sondern für drei bzw. sechs Monate. Jetzt war ich also Vollzeitwissenschaftler. Leider ist das Wissenschaftlerleben nicht so spannend wie in Filmen. Meistens tut man sehr lange immer genau dasselbe um entweder festzustellen, dass es einfach nicht funktioniert und man nicht weiß wieso, oder aber es plötzlich funktioniert und man nicht weiß wieso.

Weil ich schon immer Arzt werden wollte, entschied ich mich für ein Promotionsprojekt im Bereich der molekularen Medizin. Ich wollte an Krankheiten und deren Heilung forschen. Ich wollte Menschen helfen, und zwar nachhaltig. Und so verbrachte ich Stunden um Stunden, Monate um Monate im Labor. Ein fensterloser, grauer Bunker neben der Pathologie. Viel Frustration und viel Verzicht. Ganz wie im Bootcamp. Neu war aber die Aussicht, etwas Großes zu schaffen. Menschen ernsthaft zu helfen und daran mitzuarbeiten sehr viel Leid in Zukunft vielleicht sogar verhindern zu können.

Nach vielen Rückschlägen zeigten meine Experimente in der Zellkultur Erfolg. Ich konnte nach medikamentöser Runterregulation des Gens DynC1H1 mit gleichzeitiger Hochregulation von VEGF die Degeneration der Neurone in Kultur verhindern.
Mein Betreuer, Professor Hölzl, war positiv überrascht von meinen schnellen Ergebnissen und bat mich  per E-Mail am nächsten Tag in sein Büro zu kommen.
"Ahhhh, Herr Uffmann, sehr schön, sehr schön. Setzen sie sich. Ja, also ihre Ergebnisse sind äußerst vielversprechend. Darauf können wir aufbauen."; fing er an, "Nun wir sollten jetzt über tierexperimentelle Methoden nachdenken."

Ich schluckte. Ich hatte natürlich schon viel theoretisches über tierexperimentelle Arbeiten gelernt und auch viel von meiner Forschung basierte auf Erkenntnissen aus Tierexperimenten von anderen Forschern. Ich mein, verstehen Sie mich nicht falsch, es wäre naiv gewesen zu glauben, dass ich niemals mit Tieren in Kontakt komme aber so plötzlich war ich nicht darauf vorbereitet.

Mäuse werden getötet, indem man ihnen das Genick bricht. Mit den bloßen Händen. Wenn man es richtig macht, sind die Mäuse innerhalb von wenigen Sekunden tot. Macht man es falsch, schnappen sie nach Luft und versuchen mit gelähmten Gliedmassen gegen den unvermeidlichen Tod zu kämpfen.

Maus 53 war gerade 20 Tage alt als ihre Zeit gekommen war. Jeden Tag seit ihrer Geburt habe ich sie besucht. Jeden Tag ging ich runter zu den Tierställen und hob sie aus ihrem Käfig. Jeden Tag überprüfte ihren Vitalstatus und ihr Gewicht. Jeden Tag notierte ich alles feinsäuberlich in einem kleinen Buch. Maus 53 war eine kluge Maus. Sie merkte schnell, dass die täglichen Kontrollen weder schmerzhaft noch unangenehm waren und kooperierte sofort.

Maus 53; postnatal 20 Tage; Vitalstatus gut, keine sichtbaren Verletzungen; Herzschlag 300 BPM;Gewicht: 21,7 g

Wie bereits erwähnt, Maus 53 war eine kluge Maus. Sie merkte sofort, dass an Tag 20 etwas anders war. Zum ersten Mal in meinem Leben wurde ich von einer Maus gebissen. Sie biss durch den Handschuh in meinen Finger. Es fing an zu bluten.
Ich hob Maus 53 aus ihrem Käfig und setzte sie aufs Gitter. Ich atmete tief ein, meine Hände zitterten und mein Magen schnürte sich zu.  Mit meiner linken Hand presste ich eine Pinzette gegen ihr Genick. Meine Hände zitterten immer noch. Maus 53 fing an laut zu quieken. Meine rechte Hand fasste ihren Schwanz. Ich schloss die Augen und zog so fest es mir möglich war an ihrem Schwanz. Meine linke Hand spürte wie ihr Rückenmark durchtrennt wurde.  Eine Sekunde später war Maus 53 tot. Sie lag leblos auf dem Gitter.

Paul Uffmann; postnatal 8395 Tage, Vitalstatus: verändert; frisches Blut an der linken Hand, Herkunft unbekannt; Herzschlag leicht beschleunigt auf 100 BPM, Gewicht unbekannt.

Ich bin alt

Der Hartmann | 29.07.16 | / | Kommentieren
Guten Tag, mein Name ist Hartmann und ich bin 22 Jahre jung.
Zumindest auf dem Papier. Schließlich gibt es einen Unterschied zwischen dem tatsächlichen, und dem gefühlten Alter. 
Menschen, die mich kennen wissen, dass ich ein 80- Jähriger, gefangen im Körper eines Jungspundes bin. 
Oder um es kurz zu machen: Ich bin zu alt für mein Alter!
Woran ich das fest mache? Ganz einfach:

Wenn ich sitze und mich dann erhebe, geht das nicht ohne Gestöhne in respektabler Lautstärke. Je nach Tiefe der Sitzfläche benötige ich auch Dinge, an denen ich mich abstützen kann, damit ich überhaupt hochkomme. 
Beispiel: In meinem Wohnzimmer steht ein Sessel. Wenn ich aus diesem aufstehen möchte, dann muss ich mich am Tisch festhalten, sonst krieg ich den Arsch nicht hoch. Oder ich wippe mit dem Sessel vor und zurück, bis ich genug Schwung aufgebaut habe, dass ich die vorhandene kinetische Energie dazu nutzen kann, meinen alten Leib hochzuwuchten. 
Nein, mein Haus ist nicht seniorengerecht eingerichtet. 

Hinzu kommt, dass ich auch bei Weitem älter aussehe, als ich bin. Ich meine, für Anfang 20 habe ich erstaunlich viel Bart und erstaunlich wenig Haare auf dem Kopf. Ja, Haarausfall ist kacke, auch wenn ich das lichter werdende Haar mittelmäßig gut zu kaschieren weiß.

Ganz davon abgesehen passiert es mir, dass ich nachts nicht durchschlafen kann, weil ich Mitten in der Nacht austreten muss.
Naja, meistens habe ich davor dann auch das eine oder andere große Bier getrunken aber ich kann mich noch an Zeiten erinnern... Okay, was heißt erinnern? Das ist in meinem Alter ja so eine Sache aber ich weiß, dass es mal Zeiten gab, in denen ich auch durchschlafen konnte, wenn ich hackedudeldicht war.
Aber das ist schon lange her.
Wobei ich auch sagen muss, dass es extremst selten vorkommt, dass ich mal voll bin wie ein Schwamm. Aus dem Alter bin ich raus. Also ich war nie drin aber trotzdem habe ich das hinter mir gelassen.
Übermäßiges Saufen habe ich allerdings noch nie verstanden. Den Kater am Folgetag ist mir das einfach nicht wert. Dann trink ich lieber ein paar Bier weniger und fühl mich am nächsten Tag nicht so, als würde ein Bandenkrieg in meinem Kopf stattfinden.
Und es ist ja nicht nur das. Wenn ich ordentlich einen in der Mütze habe fange ich auch irgendwann an, unkontrolliert Blödsinn zu faseln. Das mache ich nüchtern zwar auch aber wenn ich mir dann so richtig einen hinter den Knorpel gezogen habe, dann nimmt das Überhand! Und das will ja keiner.
Ne, dann doch lieber gemütlich Bier trinken, statt sich bumsvoll zu saufen.

Zurück zum Thema, nächstes Beispiel:
Kreuzfahrten sind ja bekannt dafür, dass vor allem die Fraktion der Graumelierten mit diesem Verkehrsträger unterwegs sind. Jetzt ist es so, dass ich neulich tatsächlich den Kauf eines Kreuzfahrttickets in Erwägung zog.
Gut, es handelte sich um ein Ticket für die "Full Metal Cruise" was im Wesentlichen ein schwimmendes Metalfestival ist aber dennoch, und das möchte ich doppelt unterstreichen:
Ich stand kurz davor auf eine Kreuzfahrt zu gehen!

Und dann dieser ganze Technikkram. Da habe ich alter Mann den Überblick verloren! Alle zwei Wochen bringen die ein neues Smartphone auf den Markt, dann sabbeln die irgendwas von selbstfahrenden Autos und was weiß ich nicht noch alles.
Und wenn dann die ganzen Kiddies blubbern höre, da versteht man doch auch nichts! Neulich in der Bahn fangen zwei von denen an sich über Snapchat zu unterhalten.
WAS ZUM HENKER IST SNAPCHAT?
Wobei, ich habe aufgegeben verstehen zu wollen, was diese ganzen Apps und Social Media- Plattformen sein sollen.
Als ich in deren Alter war, da hatten wir noch SchülerVZ! Das war damals das non- plus- ultra.
Wir hatten ja nichts, damals.
Und heute wird man von Social Media zugeschüttet, von Twitter, Facebook und wie die nicht alle heißen.
Jetzt weiß ich wenigstens, wie meine Eltern sich wohl gefühlt haben müssen, als das damals alles losging.

Aber bei allem, was ich gerade so erzähle möchte ich nicht, dass es zu Missverständnissen kommt:
Ich habe nichts gegen Rentner. Das sind mit Sicherheit auch Menschen. Menschen, die auf der Autobahn mit 80 auf der linken Spur kriechen und mir immer mit dem Satz kommen: "Als ich in Ihrem Alter war, hatte ich auch so schöne Haare.", wobei ich dann immer denken muss: "Als Du in meinem Alter warst, war doch alles noch in schwarz- weiß."

Wie gesagt, von mir aus darf es Rentner geben, da habe ich kein Problem mit.
Ich habe nur Angst, dass ich in naher Zukunft dazu gehöre. Zur Zeit fühle ich mich ja zum Glück nur so. Ich hoffe ja, dass ich noch ein paar Tage habe, bis ich zu denen gehöre.
Dann bin ich auch einer von denen, die im Supermarkt an der Kasse stehen, während sich dahinter eine Schlange biblischen Ausmaßes bildet und sage zur Kassiererin, während ich im Kleingeldfach meines Portmonees rumstochere: "Sie haben's ja lieber passend, nich?"

Ganz davon abgesehen habe ich für das Rentnerdasein überhaupt keine Zeit.
Auch wenn es nicht so aussieht, ein Rentner hat festgelegte "Arbeits"- Zeiten, schließlich gibt es ja viel zu tun.
Als Rentner muss man einkaufen, beim Hausarzt rumsitzen, Mittagsschlaf halten und Kochsendungen gucken.
KOCHSENDUNGEN! Ich kann ja noch nicht mal kochen. Das wäre ja wohl völlig bescheuert, wenn ich mir das dann angucken würde.
Aber ne, als Rentner, da ist nichts Füße hochlegen und tun, was einem Spaß macht, nein! Das ist knochenhart, was die Kukident- Generation jeden Tag für ein Programm abspulen muss!

Es wird sich viel verändern. Dann ist es vorbei mit Urlaub in den Bergen oder am Strand. Nein, denn als Rentner geht man auf Städtereise.
Dann tingelt man von einem Ort in den nächsten. Und wo man nicht alles hinkommt. Als Rentner auf Städtetour besucht man so exotische Weltmetropolen wie Bad Salzuflen oder Untermaubach- Schlagstein.
Ich kann es kaum erwarten auf die alte Seite der Macht zu wechseln.

Über Blumentöpfe und Streichhölzer

Andasch | 24.07.16 | / | Kommentieren
Ich rauche aus dem Fenster in der Küche in die lauwarme Sommernacht und starre auf die gelben Blumentöpfe auf dem Balkon meiner Nachbarn. Ich denke daran, wie du sagtest sie seien grün. „Alles Ansichtssache“, denk ich und mein Blick schweift ab. In meinem Kopf stell ich mir vor, du wärst hier. Wir trinken billigen Weißwein aus der Flasche und reden.

„Weißt du manchmal, stell ich mir vor mein Gehirn funktioniert wie ein Streichholz.“ Ich richte meinen Blick nicht ins Innere der Wohnung und rauche weiter beobachtend aus dem Fenster. „Immer wenn mich eine Idee packt, fang ich an zu brennen. Brennen. Ganz schnell und wild. Wie diese grellen weißen Phosphorflammen, wenn man Streichholzköpfe anzündet. Kurz blende ich alle und dann geh ich aus. Meine Energie verpulvert, abreagiert. Ich bin dann plötzlich ausgebrannt und nutzlos“

„Vielleicht“, erwiderst du, „ist das genau richtig so. Du begeisterst die anderen. Irgendwer muss der Anzünder sein und irgendwer die Kohle.“ Genüßlich ziehst du an deiner Zigarette.

„Ich hasse, dass du diesen widerlichen American Spirit Scheiß rauchst“

„Wär doch scheiße, wenn wir alle die Kohle wären. Hast du schon mal versucht Kohle ohne Anzünder zum Glühen zu bringen?“, übergehst du lässig und routiniert meinen Kommentar.

„Schönes Bild, aber dein Vergleich hinkt. Jeden Tag sollen wir aufstehen und zur Arbeit gehen. Jeden Tag denselben Scheiß. Jeden Morgen Pappmaul, jeden Morgen nebens Bett greifen und Wasser trinken. Jeden Morgen verschlafen in die Küche watscheln und Kaffee trinken. Jeden Morgen Mini-Zimtos essen und zur Bahn rennen. Und am Wochenende dann, trinken und rauchen. Portionierte Freiheit“

Sonnenstrahlen kitzeln meinen Arm.

„Ich mein, wo siehst du da die Verwendung für Anzünder? Ach, was rede ich da. Jeder Anzünder brennt länger als ich. Ich bin Diethylether. Ich hab ein scheiß F‑Gefahrensymbol auf meine Stirn tätowiert.“

„Ey, Ey! Das Internet sagt irgend so ein Typ hat mal den Nobelpreis bekommen, weil er dreißig Jahre lang mit den Fingerknochen der rechten Hand geknackt hat und mit der linken nicht.“

„Hä?“

Ich dreh mich um und Ben steht in der Tür.

„Naja, und damit hat er dann wohl bewiesen das Fingerknacken keine Gicht verursacht."

„Ich glaube nicht, dass das stimmt. Ich mein ich kann doch auch nicht mein Toast fallen lassen und wenn es auf die beschmierte Seite fällt, sagen das beschmierte Toast immer auf eben jene Seite fallen“

„Doch.“

„Nein. Das ist im Übrigen abhängig von der Fallhöhe“

Ich tat so als würde ich kurz im Kopf überschlagen und sagte: „Ungefähr 2 m. Zwei Meter reichen damit der Rotationsimpuls das Brot wieder in seine ursprüngliche Lage – Marmelade oben – dreht“

Ich betonte dabei Marmelade oben deutlich und fühlte mich kurz ein wenig wissenschaftlich.

„Was machst du hier so alleine? Ist doch Samstag“

„Ich hab heute meinen letzten alten 10 € Schein ausgegeben. Ich bin traurig.“

Ben rollt die Augen, geht zum Kühlschrank und reicht mir ein Bier.

„Bier? Ich wollte übrigens gleich mit ein paar Leuten ins Tante Horst. Willst du mit? Die schöne Hannah ist auch da.“

Ich zünde ein Streichholz an. Sonnenexplosion.

„Ich weiß nicht…“

„Die schöne Hannah ist auch da.“, wiederholt Ben und betont dabei jedes Wort.

„Portionierte Freiheit..“, murmle ich.

„Was?“

„Schon gut, ich bin dabei.“

Mein Tod und Ich

Andasch | 06.07.16 | / | 1 Kommentar

Der Tag an dem ich starb war eigentlich ein ganz gewöhnlicher Tag. Ich kam von der Uni nach Hause, kochte mir was zu essen und spülte danach nicht ab. Ich glaube, es war ein vegetarisches Chili. Mit Soja- Geschnetzeltem das ich in heißer Brühe aufkochte, angebratenen Kartoffeln, Paprika, Zucchini und grünen Bohnen. Keinen Mais, obwohl ich Mais sehr gerne hatte. Leider war keiner im Haus. Ich kochte den Kram, hörte dabei Tomte und war allein. Mein Mitbewohner war in der letzten Woche ausgezogen und die Bude sah aus wie Mischung aus Crackhöhle und Ikea-Lagerhalle. Grade, als ich meine Schüssel in die Spüle gestellt hatte um sie erst mal nicht zu spülen, klingelte es an der Tür. Ich öffnete die Tür und ein Typ der mir ziemlich ähnlich sah, allerdings einen Anzug anhatte stand vor mir. „Fuck, warum hab ich nicht erst durch den Türspion geschaut. Ich hab kein Bock was zu kaufen“, dachte ich, während ich genervt ein gut hörbares seufzen von mir gab.

„Guten Tag, ich bin der Tod. Sie sind gestorben und ich muss Sie jetzt mitnehmen. Sie haben drei Minuten Zeit über alles nachzudenken und sich von Ihren weltlichen Besitztümern zu verabschieden. Wenn sie schreien oder jemanden anrufen, sterben sie sofort“

Ich: „Haha. Sophia, der Tod und ich. Hab ich auch gelesen. Lustige Idee, das mal bei Jemanden nachzumachen. Ich hab das Buch aber leider gelesen. Du hast sogar fast dieselben Worte benutzt. Bist du der Typ von dem RUB-Plakat, der mir so ähnlich sieht? Weißt du, das Plakat fand ich schon gruselig“

Leicht verwirrt erwiderte er: „Ähh.. Ich verstehe nicht? Wer ist Sophie?“

„SophiAAAA. SophiA“, wiederholte ich den ersten Teil des Buchtitels, wobei ich das A am Ende von Sophia besonders betonte. „Klasse Idee, hab ich ehrlich gesagt auch schon drüber nachgedacht. Ich mein', ich hätte das nie durchgezogen, aber der Gedanke daran hat mich ziemlich amüsiert. Ich hab leider kein Bonbon, das ich dir als Belohnung geben kann. Hier ist aber ein anerkennendes Schulterklopfen“. Ich klopfte ihm leicht ironisch auf die Schulter. Es war diese Art von Ironie, bei der man nicht wusste ob es Ironie war oder nicht und sein Gegenüber in der Regel völlig überforderte. Ich schloss die Tür und ging zurück in die Küche. „Verrückter Typ“, dacht‘ ich mir

„Jetzt nicht erschrecken“, sagte der Mann, der gerade noch vor meiner Tür stand und jetzt auf meiner Chaiselounge in der Küche saß. Ich erschrak. Ihn schien das nicht zu wundern.

„Alter, das ist genauso wie in dem beschissenen Buch. Das ist doch nicht dein Ernst, Alter?“, polterte ich ein wenig aufgeregt und viel zu laut, weil ich merkte, dass das wohl sein Ernst war.

„Ja, also, das ist 'ne wirklich lustige Geschichte. Wenn du das Buch gelesen hast, dann weißt du ja, dass ich den Leuten immer einen letzten Wunsch gewähre. Tja, und da war dann so‘n wirklich lustiger Typ der meinte er will, dass ein Buch veröffentlicht wird in dem dieses ganze, naja, ich sag mal "Tod‑Szenario“ verpackt wird. Die Leute können es lesen und wenn es dann passiert wissen sie direkt was Sache ist.“ Bei den Worten "Tod-Szenario" machte er mit seinen Fingern Gänsefüßchen. „Tja, was soll ich sagen, der Typ war ganz schön clever. Also, was willst du jetzt machen?“
„Kann ich wen anrufen und mich verabschieden?“
„Nein“
„Kann ich meinen Tod verhindern?“
„Nein“
„Ist die Geschichte mit Sophia wahr und alles Andere?“
„Nein. Nur, dass ich nicht weiß was passiert nachdem du durch die Tür gegangen bist. Und das mit den Zwischenwelten. Der Rest ist von Thees. Nur die Idee wie der Tod abläuft ist real. Trotzdem tolles Buch, oder?“
„Ja“
„Willst du was essen? Ich hab noch vegetarisches Chili.“
„Da sag ich nicht Nein“, sagte der Tod und nickte erfreut. Ich gab ihm eine voll Schüssel und setzte mich an den Küchentisch. „Du bist auch so’n Typ der Handwerkern Kaffee anbietet, oder? Richtig stark, ehrlich“
„Man tut was man kann. Können wir uns duzen?“
„Wenn dir das lieber ist, gern.“
„Warum sterbe ich?“
„Vorhin im Labor, das war kein harmloses Natrium-Chlorid im Becherglas. Unglücklicherweise war das irgendwas Giftiges und du hast wie ein kleines Kind beim Spülen damit ohne Handschuhe rumgepanscht und dir danach deinen Finger ins Auge gesteckt. Sorry.“
„Scheiße gelaufen“, erwiderte ich.
„Und wie.“
Nach einer kurzen Pause schaute er mich an und fragte: „Also, was ist dein letzter Wunsch, eine Millionen wie jeder vierte Trottel?“
„Kann ich was hinterlassen?“
„Also, du kannst jetzt nichts erschaffen, das dann die Ewigkeit überdauert wenn du das meinst“
„Schade“
„Ja“
„Dann will ich alles verstehen. Ich will diese ganze Astrophysik-Scheiße verstehen. Ich will wissen was der Anfang und was das Ende ist. Ich will wissen, was auf der anderen Seite von schwarzen Löchern ist, ich will wissen, ob diese ganze Sonnensystem-Scheiße eigentlich nur wieder das widerholende Muster aus Elektronen die um Atomkerne fliegen ist. Ich will wissen ob es außerirdisches Leben gibt im Universum. Ich will verstehen wie aus Nichts etwas entsteht oder ob schon immer was war. Und dann will ich verstehen wie schon immer etwas gewesen sein kann.
Und ich will diese ganze Neuro-Gehirn Scheiße verstehen. Ich will verstehen wie man denkt. Ich will verstehen wie Erinnerungen funktionieren Welche Rolle der Hippocampus den jetzt wirklich spielt und warum der prefontale Cortex bei weiterzurückliegenden Erinnerungen stärker aktiviert wird als bei kürzlich erlebtem. Ich will verstehen wie Gefühle funktionieren. Ich will die ganze Feinmechanik des Gehirns verstehen. Ich will den systemischen Scheiß verstehen und ich will den ganzen molekularen Dreck verstehen. Ich will wissen welche Leitfähigkeit die verschiedenen Natriumkanäle haben und ich will verstehen wie die molekularen Mechanismen funktionieren, die unser Denken nach traumatischen Erlebnissen in der Kindheit verändern. Ich will alle Krankheiten im Gehirn heilen können und ich will all dieses Wissen in eine ellenlange Formel mit einer gegen unendlich strebenden Anzahl an Variablen verpacken und dann will ich mir diese Formel auf die Brust tätowieren. Ich will die Weltformel und ich will sie jetzt. Und ich will nicht nur die Formel wissen, ich will sie verstehen. Ich will, dass mir jedes Glied der Gleichung was sagt und ich alles darüber weiß.“
Der Tod, der so aussah wie ich, ging auf mich zu, legte mir die Hand auf die Stirn und murmelte etwas in einer mir nicht verständlichen Sprache. Und plötzlich, wie aus dem Nichts verstand ich. Ich verstand alles. Ich begriff die Schönheit in allem und war beeindruckt von der Komplexität und den äußerst pfiffigen Wegen der Natur all die Probleme, von denen außer mir noch keiner wusste zu lösen. Ich verstand endlich was Unendlichkeit war und wie Zeit relativ sein kann. Ich verstand warum SSRI nicht bei allen Menschen wirken und ich wusste welche Rezeptoren in welchen Teilen des Gehirns welche Aufgaben hatten. Ich verstand wie sie diese komplexen Aufgaben bewältigten und war ehrlich beeindruckt von diesem Wunder. Ich verstand, so allumfassend und detailliert, dass irgendwie alles auf der Hand lag. Immer noch überwältigt von der Schönheit nickte ich dem Tod als Zeichen das ich jetzt bereit war zu.
„Können wir unterwegs noch ein Bier trinken?“
„Ich liebe Bier“
Ich holte zwei perfekt kalte Fiege aus meinem Kühlschrank. Und wir gingen wie ich früher mit meinem Mitbewohner nachts von Partys Heim. Leicht betrunken, glückseelig und biertrinkend Richtung Tür in den Tod und erlebten dabei dieses angenehme Schweigen, bei dem jeder beteiligte weiß, dass in diesem Moment einfach alles gut ist.

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