Lang Vs. Spät

Und als die Geweihten, egal ob gewünscht oder nicht, die vorherbestimmte Prophezeiung verkündeten, musste ich mein Schicksal annehmen, egal ob mit Widerwillen oder Zufriedenheit. Die Glocke schlug, der Hahn krähte und so hieß es: Jay ist ein Frühaufsteher. Und das ganz unabhängig davon, wann ich am Abend davor ins Bett gegangen bin, oder ob überhaupt. So bald die Zeiger der Uhr sich früh auf die Sieben einpendeln, reißen mir übermächtig erscheinende Energien an meinen Augenliedern. Auch wenn ich erst vier Stunden davor eingeschlafen war. In meiner Jugend konnte ich das auch okay ab, hatte scherzhaft den Titel eines "Roboters" weil ich scheinbar keinen Schlaf brauchte und auch nach durchgemachten Nächten am nächsten Tag recht fit war. Auch total drüber und aufgedreht, fast so als wäre ich (manchmal noch) betrunken. Aber grundsätzlich ging das klar.

Jetzt nicht mehr so sehr. Ich habe in den letzten Jahren immer wieder gelernt und geübt meinen Schlaf zu schützen, auch weil ich weiß wie deutlich er mit der mentalen Gesundheit verknüpft ist. Ich merke deutlicher, dass mir so eine durchgemachte Nacht die nächsten Tage auch auf verschiedenen Ebenen zerschießt, weil ich eben die Lücken finden muss um dann meine Ruhe nachzuholen. Und das macht auch was mit meinen Tagesplanungen. Eigentlich, außer es ist ein super freies Wochenende, versuche ich immer gegen 22 Uhr schon in der Nähe meines Bettes zu sein. Treffen um Acht Uhr? Da bin ich vielleicht raus, weil das ja dann doch alles schon ganz schön spät wird. Klar geht das immer mal wieder, aber so eine ganze Woche oder mehrere Abende nacheinander würde das nicht gehen. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich dann alle Treffen absage. Ich versuche sie früher am Tag zu haben.

Als wir uns die Feedbackbox nach einem unserer Poetry Slams anschauen, steht dort ein fast historisches Zitat. "Die Moderationen kürzer bitte." Historisch deshalb, weil wir das immer wieder bekommen, fast überall die Zeit, die wir diesen Slam jetzt veranstalten. Und wir sind fast froh darüber. Denn bei unserem Versuch Menschen Kunst anzubieten, wäre es ja viel schlimmer wenn das Feedback wäre: "Bitte weniger Kunst." Also sind die Moderationen schon ein guter Ort um Potentiale für Kürzung zu finden. Als wir uns allerdings im Team absprechen, stellen wir fest, dass die Moderation eigentlich schneller als sonst war, wenig Nebenschauplätze hatte und das, während wir allerdings mehr Programm in unserem Abend hatten als sonst, weil auch noch ein Musiker dabei war. Wo kommt also dieses Feedback her? Eine These.

Wenn wir uns um 15:00 Uhr für eine Stunde treffen, dann ist das für mich ganz entspannt. Vielleicht können wir sogar etwas länger machen. Wenn du mir vorschlägst, wie oben angedeutet, dass wir uns um 21:00 Uhr für eine Stunde treffen, dann sage ich vorraussichtlich ab. Denn dann bleibt für mich kaum mehr Tag über. Wenn ich also auf die Uhr schaue, dann sehe ich teilweise gar nicht wie lang etwas gedauert hat, sondern wie spät es am Tag geworden ist. Wo kommt diese These her?

Wir haben einen zweiten Slam, eine offene Liste. Diese ist Sonntags, aber beginnt auch eine Stunde früher als unser Slam der Samstags ist. Auf diesem Slam habe ich zuletzt alleine moderiert und weiß sicher, dass ich einen Haufen Quatsch erzähle. Darüberhinaus ist es dort aber auch passiert, dass das Publikum an manchen Stellen durchgesetzt hat, dass es mehr Texte gibt als ursprünglich geplant. Bei einem Line-Up, dass eigentlich größer ist als das der Samstage, wenn auch es planmäßig die gleiche Zahl Texte gibt. Aber selbst wenn ich an den Sonntagen etwas länger gebraucht habe, war unser Slam halt früher vorbei. Auch bei gleicher Spielzeit. Sprich: Die Slams sind etwas gleich lang, aber unterschiedlich spät.

Bei dem Sonntag war der frühere Anfang des Slams der Idee geschuldet, dass die Menschen am nächsten Tag ja vorraussichtlich in Schule, Uni, Arbeit müssen und deshalb noch etwas eigene Luft im Abend brauchen. Beim Samstag haben wir da nie so genau drüber nachgedacht oder ich erinnere mich nicht daran.

Es ist spannend manchmal zu sehen oder zu überlegen, wie eine Wahrnehmung zu stande kommen kann und dann die Stellen zu suchen, an denen geschraubt werden kann. Ob zu lang oder zu spät, in beiden Fällen ist der Blick auf die Uhr der entlarvende Moment. Aber an welchen Stellen mensch ansetzt um es zu beheben, das ist verschieden. Und wenn wir Veranstaltungen oder andere Pläne machen, kann es halt wichtig sein, solche Faktoren genau unterscheiden zu können.

Innerhalb unseres Teams haben wir dann angefangen in beide Richtungen nachzudenken: Wie können wir den Abend noch kompakter machen? Wo können wir kürzen? Aber eben auch, ob wir vielleicht früher anfangen und welche Vorteile wir darin sehen.

Kommentare

  1. Anonym16.3.24

    Ich hab diesen Artikel jetzt einfach noch mal gelesen, weil für heute noch kein neuer drin ist. Der hier ist aber interessant genug, da auch noch 2-3x drüber nachzudenken. ;)
    Und der Nachschub kommt dann vielleicht für meine Routinen heute "zu spät", aber ist sicher trotzdem genau richtig lang, wenn er dann da ist. :)

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    1. Danke für das nette Feedback. Artikel für heute ist jetzt auch da. Kleiner Gedanke dazu: Es kann gut sein eigene Routinen von Faktoren die mensch nicht kontrollieren kann zu trennen. Zum Beispiel wann und wie ich meine Artikel veröffentliche. ;)

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    2. Anonym16.3.24

      Point taken! ;) Andererseits ist hier so ne Schatzkammer voll mit Zeug, das ich noch nicht gelesen hab. Beim nächsten mal grab ich vielleicht mal etwas Altes aus und gucke, was ich da finde. Ist ja nicht so, als gäbe es (hier) sonst nix zu lesen, morgens. ;)

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